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Dienstag, den 05. Februar 2013 um 13:31 Uhr

Pogromstimmung?

Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, fühlt sich an eine "Pogromstimmung" gegen die katholische Kirche erinnert. "Gezielte Diskreditierungskampagnen gegen die katholische Kirche in Nordamerika und auch bei uns in Europa haben erreicht, dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden. Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert", sagte Müller in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt". In Blogs, aber "auch im Fernsehen", würden "Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum".

Als "Ausschreitungen gegen eine religiöse, nationale oder rassische Minderheiten" definiert der Duden ein Pogrom. Die gibt es tatsächlich gegen Katholikinnen und Katholiken, Christinnen und Christen weltweit. Christen in Not - Christian Solidarity International weiß davon lange zu berichten. Dort geht es um Leben oder Tod. Aggressive antikirchliche Stimmung in Nordamerika und in Europa ist noch lange nicht mit der tatsächlichen Verfolgungssituation an anderen Enden der Welt zu vergleichen. Europäische Befindlichkeiten haben hier den Blick auf die weltweite Perspektive getrübt. Dabei sollte doch gerade in Rom der Blick auf den weiten Horizont gepflegt werden. Diese Beschreibung der Lage mit dem Blick auf den Westen ist sachlich falsch.

Der Vergleich der Kirche im Westen mit dem jüdischen Volk, das tatsächlich auch hier über Jahrhunderte unter Pogromen - Gewalt, Vertreibung und Vernichtung - zu leiden hatte, ist auch aus geschichtlicher Perspektive nicht angemessen. 75 Jahre nach dem November 1938: "Attacken in Blogs" heute mit dem damaligen Geschehen durch die Wortwahl in Verbindung zu bringen, ist mehr als gewagt.  Der internationale Direktor des amerikanisch-jüdischen Komitees für interreligiöse Angelegenheiten, Rabbi David Rosen, nahm Müller zwar gegen den Vorwurf der deutschen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) in Schutz, die dem Erzbischof einen Holocaust-Vergleich unterstellt hatte. "Kein Vergleich mit den Grausamkeiten der Schoa ist je angemessen", sagte Rosen der "Welt". "Ebenso klar ist für jeden vernünftigen Menschen, der die Worte Erzbischof Müllers nachliest, aber auch, dass ein solcher Vergleich keineswegs in dessen Absicht war. Dies dem Interview zu entnehmen, kann nur das Ergebnis einer böswilligen Absicht sein."

Stimmt. Müller hat nicht gesagt: "Wir sind die neuen Juden". Aber Pogrome gab es nicht nur ab 1933. Dieser Begriff und seine Geschichte der Verfolgung jüdischer Menschen (Männer, Frauen und Kinder wurden um ihr Hab und Gut, Leben und ihre [Gottes]Häuser gebracht - nicht nur Funktionäre in den Medien kritisiert, wie Müller es nun beklagt - haben eine lange leidvolle Tradition, die nun die katholische Kirche nicht so einfach auf sich beziehen kann.

Markus Himmelbauer

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 24. Oktober 2013 um 13:19 Uhr