Ferenc Simon

Predigt zum Tag des Judentums 2010

6 Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.
7 Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.
8 Weil der Herr euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat, deshalb hat der Herr euch mit starker Hand herausgeführt und euch aus dem Sklavenhaus freigekauft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9 Daran sollst du erkennen: Der Ewige, dein Gott, ist der Gott; er ist der treue Gott; noch nach tausend Generationen achtet er auf den Bund und erweist denen seine Huld, die ihn lieben und auf seine Gebote achten.
10 Denen aber, die ihm Feind sind, vergilt er sofort und tilgt einen jeden aus; er zögert nicht, wenn einer ihm Feind ist, sondern vergilt ihm sofort.
11 Deshalb sollst du auf das Gebot achten, auf die Gesetze und Rechtsvorschriften, auf die ich dich heute verpflichte, und du sollst sie halten.
12 Wenn ihr diese Rechtsvorschriften hört, auf sie achtet und sie haltet, wird der Herr, dein Gott, dafür auf den Bund achten und dir die Huld bewahren, die er deinen Vätern geschworen hat.
Dtn 7,6-12


Mit drei Begriffen beschreibt Moses Israels Sonderstellung innerhalb der Völker und die Begriffe steigern sich: Du bist ein dem Ewigen geheiligtes Volk, dich hat der Ewige, dein Gott erwählt, um sein leibeigenes Volk zu sein.

„Heilig“ beschreibt in der Bibel die Absonderung einer Sache oder einer Person für einen bestimmten Zweck. Wie z.B. die Geräte für den Tempelgebrauch: sie sind heilig. In verschiedenen Zusammenhängen gilt auch das Volk Israel als heilig (Ex 19,5-6; Lev 19,2; Num 15,40; Dtn 7,6, 14,2; 26,19; 28,9). Israels Heilig-Sein ist an das Halten der Gebote Gottes gebunden. Israel ist dann heilig, wenn es die Gebote hält, bzw. es soll heilig sein, d.h. die Gebote halten, um seiner Zugehörigkeit zu Gott zu entsprechen.Gott hat Israel "erwählt". Das hebräische Wort bedeutet zunächst allgemein etwas auswählen (vgl. Gen 6,2; 13,11; 1Sam 17,40 u.ö.), in der Regel zu einem bestimmten Zweck. So wählte Moses sich Männer, die seine Arbeit unterstützten (Ex 17,9.25). Bachar bezeichnet häufig die Ausmusterung der Kriegstüchtigen vor einer Schlacht (1Sam 13,2; 2Sam 10,9; u.ö.), "der Ausgewählte" (Bachur) ist das Fachwort für einen Soldaten.

Wir benutzen das Wort Erwählung in unserem normalen Wortschatz eher selten. Aber ich finde, dieses Wort ist aktueller denn je. Wenn wir den Fernseher aufdrehen und die viele unterschiedliche Casting-Sendungen anschauen, wie Supertalent oder Superstar, Next Top Model oder wie sie auch immer heißen …, dann merken wir, wie aktuell das ist. Auch wenn man an die berufliche Situation vieler Menschen denkt. Wo es in den meisten Fällen nicht mehr genügt, eine Ausbildung zu haben, sondern wo man sich an vielen Stellen bewerben muss, um vielleicht an einer Stelle erwählt zu werden. Das AMS hilft bei der Bewerbung, um sich gut auf eine Bewerbung vorzubereiten. Und das ist nötig, denn der Andrang auf die wenigen freien Stellen ist in der Regel groß.

Erwählung: Was ist das für ein Gefühl, in so einer Situation unter vielen Bewerbern ausgewählt zu werden? Und wenn dann noch die Nachricht kommt, einen Vertrag zu erhalten, erwählt zu sein? Das erleben die Betroffenen als großes Glück. Das ist heutzutage schon fast wie ein Sechser im Lotto.

Erwählung: Ich glaube, das prägt ziemlich die Stimmungslage unserer Gesellschaft. Der Wunsch, aus der Anonymität und Bedeutungslosigkeit herauszukommen, gesehen zu werden, sich von der grauen Masse zu unterscheiden, herauszuragen, ausgewählt zu sein. Das nützen ja viele Werbungen aus. Du bist erwählt, denn außer dir erhalten nur ganz wenige diese Kundenkarte mit ganz besonderen Vergünstigungen. Du bist erwählt, denn als Mitglied dieses Klubs genießt du gewisse "Members Only"-Privilegien. Dahinter steckt natürlich die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung, die wir alle brauchen.

„Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört. Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. Weil der Herr euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat."

Interessant: Nicht weil ihr größer wäret als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat, hat euch der HERR angenommen und erwählt. Dass Gott ausgerechnet Israel erwählt hat, dafür gibt es keinen Grund außer den der Liebe. Die Liebe Gottes kennt offenbar keinen Grund, keine Ursache, kein Auswahlkriterium, keine besonderen Qualitäten, warum sie gerade diese Menschen ausgewählt hat.

Eigentlich ist es ja unter Menschen, die sich lieben, auch nicht anders. Man fragt zwar manchmal, warum liebst du gerade mich, was ist so besonderes an mir, dass du mich liebst? Und natürlich kann man auch äußere Merkmale aufzählen, die einem gefallen, aber der tiefere Grund entzieht sich eigentlich unserer Erkenntnis.

Das hebräische Wort, das hier verwendet wird, wird an anderen Stellen gerade auch für das anscheinend sinnlose, das heißt keiner vernünftigen Begründung bedürftige sich Verlieben gebraucht. Zum Beispiel an einer Stelle im Deuteronomium, wo ein Soldat sich in ein kriegsgefangenes Mädchen verliebt (Dtn 21,11). Gott verliebt sich in Israel, obwohl es das kleinste unter den Völkern ist und genau durch dieses Volk will er seine Botschaft von Liebe und Frieden in die Welt bringen.

Nach unseren Maßstäben hätte Gott sich doch andere aussuchen müssen. Es gibt so viel große und mächtige Völker auf dieser Erde. Manche schaffen es, ihre Denkweise, ihre Lebensart, Kultur und ihre Sprache überall hin zu tragen, bis in der letzten Winkel der Erde. Jedenfalls für eine Zeitlang. Irgendwann hört die Dominanz wieder auf, so war es bisher jedenfalls in der Geschichte. Und das ist auch tröstlich.

Gott hat sich aber offenbar ganz andere Gedanken gemacht. Er hat sich für seine Botschaft ein Volk ausgesucht, das klein und abgerissen war, ausgebeutet von Sklavenhaltern und fast ohne Hoffnung darauf, dass es einmal seine Freiheit wieder gewinnen könnte. Nicht die Reichen und Erfolgreichen wollte er auf seine Seite ziehen, sondern die Kleinen und Schwachen. Das scheint typisch zu sein für Gott, und wer die Bibel liest, will sagen: Es gehört zu seinem Programm. Dieser Gott macht sich selber auch klein, wenn es sein muss. Dem Mose erscheint er in einem brennenden Busch.

Israel hat diese Rede verstanden. Es hat sich von diesem Gott aus der Knechtschaft führen lassen und seine Gebote angenommen. Es war ein kleines Volk, ein stark gebeuteltes dazu. Andere waren wohlhabend und bedeutend, andere waren gebildet und selbstbewusst. Israel aber hat verstanden: Hier kommt ein Gott, der stellt sich auf unsere Seite. Einer, der die Sklaverei nicht duldet und uns frei macht. Der die Gleichgültigkeit nicht erträgt und uns liebt. Der die Mutlosigkeit beseitigt und uns ein Zuhause verspricht. Gott traute es einer kleine Gruppe von Menschen zu, der Welt bekannt zu machen, was in seinen Augen gut und was nicht gut ist.

Ferenc Simon ist Pfarrer der römisch-katholischen Gemeinde Am Tabor in Wien, Dechant von Wien Leopoldstadt und Vorstandsmitglied des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

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