Martin Jäggle

„Was bedeutet für Sie, katholisch zu sein?"

Predigt zum „Tag des Judentums 2014" in der Wotrubakirche Wien am 12. Jänner 2014
Jes 2,1-5; Röm 15,8-13; Lk 2,22-28

Ich bin für diese Predigt eingeladen worden im Blick auf den Tag des Judentums, der jedes Jahr am 17. Jänner begangen wird. Die heutigen Lesungen tragen auch dazu bei, der Intention Ihrer Einladung entsprechen zu können.

Vor einiger Zeit ging es im Religionsunterricht eines Wiener Gymnasiums um die Frage, welcher Religion Jesus eigentlich angehörte. Diese Frage hatten sich die jungen Menschen noch nicht gestellt. Die ersten, spontanen Antworten führten nicht zum erwünschten Ergebnis. Sie lauteten nämlich: „Jesus war Christ." Etwas Mühe kostete es, klar zu machen, dass diese Antwort wohl nicht stimmen könne. Nach einigen Beratungen gab es ein gesichertes Ergebnis: „Jesus war Jude." Und ein Schüler fügte noch hinzu: „Aber dann hat er sich taufen lassen."

Dieser junge Mensch agiert aus dem kulturellen Muster, in das er hinein geboren worden ist. Alle nehmen Neues und Fremdes stets mit den vertrauten Mustern war. Vom christlichen Spezifikum Taufe her wird jede andere Taufe interpretiert. Und Jesus ist so selbstverständlich unter den Christen eingemeindet, als ob er ihnen gehörte. Er kann eine vernachlässigbare Vergangenheit gehabt haben, wenn es sein muss auch Jude, aber eines Tages muss er einer wie wir gewesen sein, also Christ. Und Christsein kann ja mit Jude-Sein nichts zu tun haben, das Christentum hat doch das Judentum gewissermaßen hinter sich gelassen.

Abkehr von der Negativfolie

Außerdem sind mit Jude-Sein negative Assoziationen verbunden. Und dann dient das Alte Testament noch dazu als eine Art Negativfolie des Neuen Testamentes, ja es wird sogar ein Gegensatz zwischen dem Testament des Gesetzes und dem Testament der Liebe konstruiert, und als „alttestamentarisch" werden besondere Unmenschlichkeiten, Grausamkeiten und Grauslichkeiten bezeichnet. Dabei sind das Gebot der Nächstenliebe und die Sorge um die Feinde im Alten Testament fest verankert, das Neue Testament erinnert nur daran. Und „Aug um Aug" war keine Strafformel, sondern eine Regelung für den zu leistenden Schadenersatz und das Schmerzensgeld usw. ... Das negative Vorzeichen, mit dem das Alte Testament versehen ist, fördert, ja festigt die Ablehnung des Judentums. Zu bedenken, wie das Christentum mit seinem Antijudaismus die Schoa vorbreitet und ermöglicht hat, würde die Rede vom christlichen Europa mit jener Scham verbinden, die zur Reinigung des Gedächtnisses und zur Erneuerung christlichen Glaubens führt.

„So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze." Zu Beginn ist ein Auszug aus den Gottesknechtliedern von Jesaja gelesen worden. In ihnen konnte sich das Volk Israel wiederfinden, Jesus war mit ihnen vertraut und sie haben ihm, aber auch den Christen geholfen, sein Schicksal von Gott her zu verstehen. Jesus ist nicht im Gegensatz zu seinem Volk gestanden, sondern auch in ihm verkörpert sich das Geschick seines Volkes.
Im Evangelium über die Taufe Jesu bringt Matthäus sein Thema Gerechtigkeit auch hier ins Spiel und lässt Jesus die Notwendigkeit der Taufe durch Johannes begründen: „Denn nur so können wir die Gerechtigkeit, die Gott fordert, ganz erfüllen." Was bedeutet hier Gerechtigkeit? „Gerechtigkeit" stellt offensichtlich Anforderungen, ist soviel wie „alles, was gerecht ist", genauer gesagt, „Alles, was vor Gott gerecht ist." Gerechtigkeit meint alles, was Gott von einem Menschen erwartet, „was Gott in seiner Liebe vom Menschen verlangt" (Luz).

Wie jeder Mensch eine eigene, von Gott gestellte Aufgabe hat, so haben auch Johannes und Jesus eine große Aufgabe, die allein ihnen gestellt ist. Um sie zu erfüllen, muss sich Jesus in aller Demut der Taufe des Johannes unterziehen. Die Gerechtigkeit besteht somit letztlich in der Erfüllung der von Gott gestellten Aufgabe. Dies steht ganz in der Tradition des Alten Testaments. Gerechtigkeit hat mit dem Horchen und Hören auf Gottes Willen zu tun, mit dem achtsamen Umgang mit dem Leben, gegen Ausgrenzung und Verurteilung, für Gewaltverzicht und Versöhnung, in Situationen der Ungerechtigkeit „für Gott zu sprechen".

Teil christlicher Identität und doch ganz anders

„Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äußerliches', sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren' unserer Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder, und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder." betonte schon Johannes Paul II.. Es geht darum, das Judentum als Teil der christlichen Identität wertzuschätzen, es aber dennoch in seiner Andersheit wahrzunehmen und nicht für die christliche Selbstfindung zu vereinnahmen. In dieser Spannung stehen wir. Das auszubalancieren ist eine Aufgabe des christlich-jüdischen Dialogs. Papst Franziskus schrieb in Evangelii Gaudium: „Als Christen können wir das Judentum nicht als eine fremde Religion ansehen, noch rechnen wir die Juden zu denen, die berufen sind, sich von den Götzen abzuwenden und sich zum wahren Gott zu bekehren." Und schon in seinem offenen Brief an Scalfari sagte er: „Gott ist dem Bund mit Israel immer treu geblieben, und die Juden haben trotz aller furchtbaren Geschehnisse dieser Jahrhunderte ihren Glauben an Gott bewahrt. Dafür werden wir ihnen als Kirche, aber auch als Menschheit, niemals genug danken können."

Das Christentum gewinnt sein Eigenes, indem es sich der Bedeutung seiner jüdischen Quellen bewusst wird und sich die spirituelle Bedeutung des Jude-Seins Jesu erschließt. Jesus ist in eine einfache, toratreue jüdische Familie in Galiläa hineingeboren worden. Deshalb war er mit der heiligen Schrift und mit dem damaligen religiösen Leben seines Volkes so vertraut: Er selbst war beschnitten, der Psalter war sein Gebetbuch, der Sabbat war ihm heilig, die großen Feste hat er gefeiert. Seine Botschaft vom Reich Gottes, das nahe gekommen ist, hat Parallelen im so wichtigen Kaddisch-Gebet, das er wie Juden seiner Zeit bis zu zehn Mal am Tag gesprochen hat. Dort heißt es: „... sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! ..."

Gott ist in Jesus Jude geworden

Jesus hat sein ganzes Leben als Jude gelebt, er hat das Gesetz erfüllt, er ist als gläubiger, toratreuer Jude gestorben. Müsste der Satz „Gott ist Mensch geworden" da nicht konkreter formuliert werden? Etwa: „Gott ist Jude geworden?"

Alle haben die Möglichkeit und die Verpflichtung, sich die Bedeutung des bleibenden Jude-Seins Jesu auch persönlich, existentiell anzueignen. Dies vertieft den christlichen Glauben, schafft einen fruchtbaren Boden für die Freundschaft mit dem jüdischen Volk heute und macht immun gegenüber den teuflischen Versuchungen jeglichen Antisemitismus und der Judenfeindschaft.

Vielleicht wird dann eines Tages die Antwort nicht mehr so außergewöhnlich sein, die mir ein junger Theologiestudent vor drei Tagen auf die Frage geschrieben hat: „Was bedeutet für Sie, katholisch zu sein?" Er begann seine Antwort nämlich folgendermaßen:

„Als Katholik weiß ich um meine Wurzeln im Judentum. Jesus selbst war praktizierender Jude und viele Traditionen und Gebete stammen von unseren jüdischen Müttern und Vätern. Ohne das Judentum hätte das Christentum niemals entstehen können. Gleichzeitig bin ich dankbar für die jüdische Tradition und Philosophie, weil ich aus ihr für meinen Glauben wertvolle Impulse annehmen darf. Ich bin den Psalmen – der herausragenden jüdischen Gebetsliteratur sehr verbunden. Sehr bereichernd erfahre ich auch die jüdische Tradition des Sabbats. Ein bewusstes Heraustreten aus der Zeit und Hineingehen in Gottes Ewigkeit. Ewigkeit als immerwährender Augenblick. Eine Einübung im Sabbat. Oder wie es Rabbi Heschel beschreibt: ‚Ein Siebentel seines Lebens verbringt der gläubige Jude im Paradies.'"

Dass dies auch Ihnen möglich wird, ist mein Wunsch an diesem Sonntag vor dem Tag des Judentums.

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