1670: Die Vertreibung der Juden aus Wien

Wien. Am 15. Oktober wurden durch eine szenische Lesung die Ereignisse von 1670 direkt am Ort des Geschehens, im Zentrum der heutigen Leopoldstadt, wieder in Erinnerung gerufen. Das berührende Stück stammt aus der Feder von Helmut Korherr.

lesung1670_webEin Volksstück im besten Sinne ist das Werk von Helmut Korherr. Es nimmt sich dem Bildungsauftrag an, die grausamen Ereignisse von 1670 anschaulich darzustellen, die verschiedenen Parteiungen und Haltungen gegenüber der jüdischen Gemeinde. Dazu gibt es noch eine Liebesgeschichte und einen guten Ausgang einige Jahre später, als die jüdischen Flüchtlinge in Eisenstadt eine neue Heimat finden.

Im Ghetto im Werd hatte seit 1625 die wachsende jüdische Gemeinde Wiens unter kaiserlichem Schutz und weitgehender innerer Autonomie gelebt, während ihr das Betreten der Stadt nur während des Tages gestattet war. Repressalien und Gewalttaten gegen die Wiener Juden häuften sich mehr und mehr in den 1660er-Jahren; schließlich gipfelten diese in der vollständigen Ausweisung im Jahr 1670. Eine der drei Synagogen wurde in eine Kirche zu Ehren des Heiligen Leopold umgewandelt.
Aggressive Gegner der Judenschaft waren die Studenten der Universität. Sie stürmten sogar die Judenstadt, die dann eigens von Soldaten bewacht werden musste. Weitere judenfeindliche Gruppen sind die Bürger und Kaufleute der Stadt, die wirtschaftliche Konkurrenten der Juden waren. Entscheidend für die Vertreibung war wahrscheinlich die aus Spanien stammende – streng katholische – Kaiserin Margareta, die es abgelehnt hatte, während ihrer Schwangerschaft eine silberne Wiege von den Juden als Geschenk anzunehmen. Ihr zur Seite stand der Bischof Kollonitsch, ein erklärter Feind des Judentums.

lesung1670_web2Richard Maynau, Susanne Altschul, Frank Michael Weber, Claudia Androsch und Kurt Hexmann (v.l.n.r.) lasen das Stück in der voll besetzen Bibliothek am Karmelitermarkt. Das Stück verwob Politik und persönliche Regungen, Hass und nüchterne Erwägungen miteinander. Martin Haslinger wählte auf dem Saxofon und auf der Klarinette einfühlsam Musikstücke zwischen den Szenen aus. Diese führten die Stimmung der Dialoge weiter und bildeten einen roten Faden durch das Geschehen.

Der Abend fand im Rahmen der Projektwoche "Österreich liest" statt, unterstützt von der Stadt Wien, MA 7 Kultur und der Kulturkommission der Leopoldstadt.

Markus Himmelbauer

 

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