Ein Vorgeschmack auf die kommende Welt

Wien. Am Dienstag, 21. Jänner 2014 hielt Schlomo Hofmeister, Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde, im vollbesetzten Pfarrsaal der Pfarre St. Johann Nepomuk einen Vortrag zum Thema „Der Schabbat" und beantwortete Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Der Abend endete spät bei gemeinsamem Gespräch und Austausch.

nepomuk sabbat5Hofmeister, der seit 2008 in Wien als Gemeinderabbiner tätig ist, erklärte, dass alles im täglichen jüdischen Leben einen spirituellen Aspekt habe. Menschen sollen tätig sein, und was sie geschaffen hätten, stünde dann für ihr Leben zur Verfügung. Aber diese Tätigkeit im realen Leben habe auch eine Auswirkung auf die parallele, geistliche Dimension. Entsprechen wir dem Willen Gottes in der physischen Dimension des irdischen Lebens, dann tun wir auch dem Körper in der geistlichen Parallelrealität Gutes, entsprechen wir diesem Willen nicht, schwächen wir diesen geistlichen Körper.Anders gesagt: Der Mensch nutzt in der geistlichen Dimension nach seinem Tod das, was er sein Leben lang geschaffen hat.

Der Schabbat, so Hofmeister, sei ein Vorgeschmack auf diese kommende Welt. Denn auch am siebenten Tag nutzen Juden nur das, was sie während der Woche geschaffen und vorbereitet haben haben. Am Schabbat gebe es keine neue schöpferische Tätigkeit und kein Planungen für die kommende Woche.
Hofmeister erklärte, alle Gebote hätten ihren Sinn. Die sieben noachidischen Gebote (Verbot von Mord, Diebstahl, Götzenanbetung, sexuelle Unmoral, Brutalität gegen Tiere, Gotteslästerung und das Gebot der Einführung von Gerichten als Ausdruck der Wahrung des Rechtsprinzips) seien für alle Menschen gültig, und notwendig für eine funktionierende Gesellschaft. Die 613 Gebote der Tora, worunter auch die Zehn Gebote und somit die Schabbatvorschriften fallen, seien für Nichtjuden nicht relevant.

Und um Verwirrung zu vermeiden, hätten die christlichen Kirchenväter damals bewusst den Sonntag als christlichen heiligen Tag festgelegt.nepomuk sabbat3 Christen haben eben keinen Schabbat, sondern einen als Ruhetag konzipierten wöchentlichen Festtag.

„Der Schabbat ist kein karges Dasein"

In der nachfolgenden Diskussion beantwortete Hofmeister zahlreiche Fragen der interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer und räumte einige Missverständnisse aus.

Nein, es sei einem Juden nicht erlaubt, ihm am Schabbat verbotene Tätigkeiten durch einen Nicht-Juden erledigen zu lassen. Ja, an diesem Tag sei eben nur das verfügbar, was vorher geschaffen wurde. Nicht nur am Schabbat, sondern genauso jeden anderen Tag der Woche finden in den Synagogen morgens, mittags und abends die dreimal täglichen Gottesdienste statt; der Schabbat ist also kein besonderer "Synagogen-Gehtag".

Aber: Die Schabbatvorschriften dürfen nicht, sondern müssen sogar übertreten werden, wo Leben in Gefahr ist, und auch in spezifischen Fällen, wo durch ein und dieselbe Handlung ein Gebot zu erfüllen ist, obwohl dieselbe Handlung in anderem Zusammenhang am Schabbat verboten wäre: zum Beispiel der Schnitt bei der Beschneidung eines acht Tage alten Buben.

„Der Schabbat ist kein karges Dasein", betont Hofmeister. Das Judentum an und für sich sei lebensbejahend und freudig, aber immer im Maß. Wichtiger sei der goldene Mittelweg. Am Schabbat fühle man besonders stark, dass die irdische Welt einen spirituellen Zweck hat.

Heinz Weinrad, Pfarre St. Johann Nepomuk

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