Eine Tradition der Versöhnung beginnen

Die römisch-katholische Kirche Wien-Weinhaus setzt ein bedeutsames Zeichen gegen die antisemitische Geschichte in ihrer Gemeinde

Ein Christ kann kein Antisemit sein, das ist heute klarer Bekenntnissatz aller Kirchen. 1893 antwortet der damalige Pfarrer von Wien-Weinhaus, Joseph Deckert (1843-1901), auf die Frage, ob ein Priester Antisemit sein dürfe, „mit voller Überzeugung: Ja, er kann es, er soll es sein und, wenn er es noch nicht ist, soll und muss er es werden."

Langer Lernprozess

„Für die Kirche ist Pfarrer Deckert eine Schande" formulierte der Judaist Kurt Schubert schon vor Jahrzehnten. So wie er, bemühte sich in den 1980er Jahren Hans Kothbauer um eine Namensänderung des Platzes vor der Kirche. 1990 wurden die amtlichen Tafeln „Pfarrer Deckert-Platz" – eine sichtbare Würdigung eines mehrfach vorbestraften Antisemiten – entfernt. Tal Adler und Karin Schneider sind im Rahmen des vom FWF (PEEK) geförderten und an der Akademie der bildenden Künste angesiedelten Projektes "conserved memories" (link memscreen.info) an die Pfarre Weinhaus herangetreten und haben gefragt, wie es um die Erinnerungstradition an den Erbauer der St. Josephs-Votivkirche steht. Mündlich erzählte Geschichte – Oral History – werde dort interessant, wo man beginne, sich mit der eigenen Erinnerungsgeschichte zu beschäftigen und nicht Zeitzeugen „als schlechter funktionierendes Archiv" verstehe, erzählte die Historikerin Schneider dem Standard. Interessant sei die Perspektive, die in der Gegenwart auf Historie geworfen werde: „Geschichte ist etwas, was hier und heute passiert. Sie ist eine Konstruktion."

Eine klare Antwort geben

Für die Notwendigkeit, heute Geschichte zu schreiben, argumentierte auch der heutige Pfarrer von Weinhaus, Peter Zitta, anlässlich der Besinnungsstunde zur Enthüllung der Gedenktafeln: „Während er immer wieder als engagierter Seelsorger genannt wurde und wird, stand das Wirken von Pfarrer Deckert als engagierte Verbreiter des Antisemitismus, von diesem Raum aus und in mehreren, weit verbreiteten Schriften, wie unbeantwortet da. Wir sitzen an der Stelle, wo auch er gepredigt hat. Wer könnte antworten wenn nicht wir?"
weinhaus2014.1In den vergangenen zwei Jahren setzte sich Studienkreis der Pfarre Weinhaus gemeinsam mit der Karin Schneider in der Folge regelmäßig zusammen und beschäftigte sich mit unterschiedlichsten Aspekten des Wirkens von Pfarrer Deckert, mit dem antisemitischen Ungeist jener Zeit aber auch mit Gegenstimmen und der neuen Haltung der Kirchen zum Judentum seit der Schoa. „Papst Benedikt XVI. hatte zu einem Jahr des Glaubens aufgerufen und in seiner klarsichtigen, nüchternen Weise gewünscht, dass wir die Konzilstexte wirklich einmal lesen und nicht bloß von einem ungreifbaren Geist des Konzils sprechen sollten", erzählt Zitta. „So wurde für uns auch die Erklärung von Nostra Aetate in ihrem vierten Absatz in ihrer Tragweite neu und für viele erstmals zugänglich." Im Konzilstext Nostra Aetate „beklagt die Kirche ... alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben." Zum 125. Jahrestag der Errichtung der Kirche wuchs die Erkenntnis, das Jubiläum nicht feiern zu können, ohne sich mit deren Erbauer auseinanderzusetzen, einem der einflussreichsten kirchlichen Propagandisten des Antisemitismus und der Judenfeindschaft. Deckert sah die Juden als größte Gefahr für die Stadt Wien und den christlichen Glauben seit der Türkenbelagerung 1683. Die Enthüllung der Besinnungstafel erfolgte am 24. April 2014, eine Woche vor dem festlichen 125-Jahr-Jubiläum des Kirchenbaus. Bewegt und betroffen stellte Pfarrer Zitta fest: Die Synagoge in Währing, nur wenige Gassen weiter, wurde im selben Jahr wie die Kirche eingeweiht: „Während unsere Kirche hier noch steht, wurde die Synagoge in der Reichs-Pogromnacht zerstört."

weinhaus2014.3Den Ungeist vertreiben

Der jüdische Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Willy Weisz, ergriff das Wort auch als Bewohner der Nachbarschaft der Weinhauser Kirche. Um den judenfeindlichen Ungeist auszutreiben, müsse man diesen beim Namen nennen, so Weisz. „Sie, die Gemeinde Weinhaus muss dem Antisemitismus absagen. Dies können wir Juden nicht für Sie tun. Aber wir können Ihnen dabei helfen." Als Aspekte des antisemitischen Ungeists nannte Weisz insbesondere die Herabwürdigung von Juden und Missachtung ihrer Wertegemeinschaft und ihrer Riten, die Verteufelung des Talmuds und den Ritualmordvorwurf. Deckert setzte sich für eine Rücknahme der Errungenschaften der bürgerlichen Gleichstellung für Juden ein und interpretierte das jüdische Gebet als Verzweiflungshandlung eines von Gott verworfenen Volkes. Diese Verachtung des Judentums sei polemisch ohne jede Sachkenntnis geschehen, denn etwa in den sieben noachidischen Geboten spreche die jüdische Tradition anderen Religionen einen Heilsweg zu, der dem Jüdischen ebenbürtig sei, erinnerte Weisz.

Ein geschändetes Gotteshaus

Für den Präsidenten des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Martin Jäggle, einem Nachfolger Kurt Schuberts in dieser Funktion, trug die Gedenkstunde am 24. April zur Reinigung des Gedächtnisses bei: „Angesichts der Verdienste von Pfarrer Deckert um Kirchenbau und Seelsorge wird sein antisemitisches Engagement nicht mehr als zeitbedingt verharmlost, sondern benannt als Beitrag am Weg, der zur Schoa führt."
In seiner Ansprache problematisierte Jäggle den Begriff „Kirchenschändung": „Als Kirchenschändung gilt die Entweihung einer Kirche durch mutwilliges Zerstören von Gegenständen oder durch unsittliche Handlungen in ihr. In dieser Kirche fanden zahlreiche, gut dokumentierte antisemitische Propagandaveranstaltungen statt. Zerstörungen im Kirchengebäude sind keine sichtbar geworden, aber waren das keine unsittlichen Handlungen? Die zerstörerischen Wirkungen dieser Veranstaltungen konnten ein paar Jahrzehnte später von allen erkannt werden. Der Antisemitismus gilt als Sünde gegen Gott und die Menschlichkeit, ja gegen die Menschheit. Muss man da nicht sagen, dass diese Kirche jahrelang entweiht worden ist, wenn mit Gott gegen Juden gehetzt worden ist? Die Opfer waren Juden und das Evangelium blieb auf der Strecke, das zu verkünden und zu feiern eine Kirche dient."

weinhaus2014.2Der „ungekündigte Bund" als Fundament christlicher Haltung zum Judentum

Die Gedenktafel, die an der Außenseite der Weinhauser Kirche enthüllt wurde, setzt sich aus fünf Teilen zusammen: zwei biblischen Zitaten über die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes, zwei programmatischen Sätzen des kirchlichen Lehramts und einer Erklärung des Pfarrgemeinderats. In dieser heißt es über die antisemitische Agitation des Erbauers der Pfarrkirche: „Der verhängnisvolle Einfluss dieser Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus einerseits und die Leugnung des bleibenden Bundes Gottes mit dem Volk Israel andererseits machen uns betroffen. Deshalb lassen wir uns von der Umkehr der Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil leiten und möchten als Pfarrgemeinde zur Versöhnung zwischen Juden und Christen beitragen." Die Gedenktafel sei kein Schlussstrich unter eine lästige Debatte, betont Pfarrer Zitta: „Es ist eine Etappe auf dem Weg der christlich-jüdischen Erneuerung, auf dem wir noch weit zu gehen haben."

Markus Himmelbauer

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