Vielfalt des Judentums

Wien. Zum zweiten Abend zur Geschichte des Judentums im Donauraum luden das Balassi-Kulturinstitut, die ungarische katholische Gemeinde Wien und der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit am 20. November ins Collegium Hungaricum ein: „Himmels.Richtungen. Die Vielfalt jüdischer Strömungen zwischen Wien und Budapest".

coll hung web6Der Rabbiner und Religionswissenschaftler Tamas Róna stellte im Gespräch mit Judith Fürst ein Lehrbuch der ungarischen Geschichte vor, an dem er für den Schulgebrauch derzeit schreibt. Neben einer umfassenden Quellensammlung des 19. Jahrhunderts sei dies als kurz gefasste Darstellung die erste diesbezügliche Publikation in Ungarn für eine weitere Verbreitung. Auch Übersetzungen seien angedacht.

Die in Olmütz lehrende Judaistin Louise Hecht sprach zum Streit zwischen Vertretern der ungarischen Orthodoxie, die in Wien in der Schiffschul ihr Zentrum hatten, und Vertretern des Wiener Ritus im 19. Jahrhundert. Ein besonderer Höhepunkt des Abends war der Auftritt von Kantor Gergely Nógrádi, der für seine emotionsgeladenen Darbietungen großen Applaus erhielt. Hier sehen sie das Video zum Auftritt.coll hung web5

Samson Wertheimer war Ende des 17. Jahrhunderts kaiserlicher Hoffaktor (Geldgeber) in Wien und gleichzeitig Oberrabbiner von Ungarn und Mähren sowie Rabbiner (im damals ungarischen) Eisenstadt. Im 19. Jahrhundert wurde der Donauraum ein Brennpunkt für die Entwicklung unterschiedlicher jüdischer Richtungen. Im ungarischen Pozsony/ Pressburg, dem heute slowakischen Bratislava, gründete Mosche Scheiber - Chatam Sofer - ein bedeutende orthodoxe Jeschiwe. Weitere bedeutende Jeschiwot befanden sich in Galanta, Eisenstadt, Pápa, Huszt und Szatmárnémeti, wo die chassidische Satmarer Bewegung entstand. Der Chassidismus fand im Nordosten Ungarns zahlreiche Anhänger. In Wien entstand mit Neugestaltung des Gottesdients durch Isaac Noa Mannheimers und Salomon Sulzer ein eigener Ritus.

Das neologe Judentum als eine rein ungarische Entwicklung liegt zwischen Orthodoxie und liberalem Judentum. Die Mehrheit der jüdischen Gemeinden folgte der neologen Strömung, was zur Trennung der orthodoxen Gemeinden und zur Absonderung jener führte, die sich keiner Richtung zuordnen wollten (status quo ante). Die Entwicklungen in den beiden Reichshälften zeigten natürlich auch jeweils in der anderen Hauptstadt ihre Auswirkung.

Markus Himmelbauer

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