„Nichts ist so aufklärungsresistent wie eine Identität“ - Isolde Charim und Doron Rabinovici sprachen in der Bibliothek des Koordinierungsausschusses über „Othering“ zwischen Christ_innen und Juden_Jüdinnen.

Wien. Am 16. März 2016 fand in den Räumlichkeiten des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit der Auftakt zu dessen 60-Jahr-Jubiläum statt. Im Rahmen der Vortrags- und Diskussionsreihe „Christen und Juden im Gespräch – Bilanz und Aussicht“ sprachen die Philosophin Isolde Charim und der Schriftsteller Doron Rabinovici zum Thema „Plötzlich fremd – ‚Othering‘ zwischen Christ_innen und Juden_Jüdinnen“.

Die an die Impulsvorträge anschließende Diskussion wurde moderiert von Oliver Achilles, dem wissenschaftlich-pädagogischen Assistent für Altes Testament der Theologischen Kurse.

Charim stellte in der Beziehung zwischen jüdischen und christlichen Gläubigen weniger eine Abgrenzung ausschließlich voneinander, Mehrheit gegen Minderheit, fest. Vielmehr ist unsere Gesellschaft plural, kein Weltbild wird von allen geteilt. Die Mehrheiten-Erfahrung, als Christ in einer christlichen Welt zu leben, erodiert. Jeder Glaube, so Charim, ist nur mehr eine Gegenbehauptung. Diese Erfahrung des Andersseins, die häufig eine jüdische Erfahrung ist, wird dadurch geteilt von allen Gläubigen in einer multireligiösen Gesellschaft. Charim beschreibt dies auch als Marranentum (Marranen waren die Jüdinnen und Juden, die auf der iberischen Halbinsel unter Zwang zum Christentum konvertierten, manchmal aber ihr Judentum im Verborgenen noch ausübten) oder „Spaltung“ – ein Vorbehalt, der verhindert, dass man eins wird mit seiner Umwelt.

Eine weitere Erfahrung, die alle Gläubigen in einer säkularen Gesellschaft teilen, ist die des Konvertiten. Jede_r konvertiert auch in seinen eigenen Glauben hinein, indem er sich Traditionen aneignet. Religion wird verstärkt als Entscheidungsfrage angesehen.

Rabinovici gab zunächst einen pointierten geschichtlichen Abriss der Beziehungen zwischen der Nichtjuden und Juden vom Altertum bis ins Jetzt (Ironisch: „Die Christen verkünden: Jesus ist für uns gestorben, während die Juden erklären: Jesus ist für uns gestorben.“). Dabei empfahl er, die Worte ganz auszuhorchen, da sich hinter den Ausdrücken ein Weltbild verbirgt. Er sprach auch die Schwierigkeiten an, die im Gespräch entstehen; es gibt kein voraussetzungsloses Reden über die Juden. Der Dialog, so Rabinovici, baut auf auf dem Sieg über Hitler.

Ein wichtiger Punkt ist laut Rabinovici auch der Unterschied zwischen Glaube und Identität; der Wechsel vom einen zum Anderen erfolgt durch die Orientierung nicht mehr am Heiligen, sondern an Regeln. Dies warf in der Diskussion die Frage danach auf, was uns heute Heilig ist, was authentisch ist und wo wir uns treffen können. Zwar meinte Rabinovici, dass wir vielleicht kein gemeinsames Feuer brauchen, um das wir uns versammeln können, aber wenn, dann wären das die Menschenrechte. Das Heilige ist das Leben.

Botschafter i.R. Walter Greinert lobte den Auftakt der Jubiläumsreihe: „Das war wirklich eine gelungene Veranstaltung, die einem Vieles bewusster werden ließ.“.

 

Die nächste Veranstaltung im Rahmen des Jubiläumsjahrs findet am 17.05. um 18:30 in der Tandelmarktgasse 5/2-4, 1020 Wien statt. Anmeldung bis 07.05. unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder 01 479 73 76. Mehr Informationen unter Jubiläumsjahr 2016.

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