Der christlich-jüdische Dialog aus Sicht der jüdischen Gemeinden

Wien. Am Dienstag, 17. Mai 2016 fand die zweite Veranstaltung der Jubiläumsreihe „Bilanz und Aussicht – 60 Jahre Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ statt. Otto Friedrich (FURCHE) sprach mit Dr.in Charlotte Hermann (IKG Linz) und Mag. Raimund Fastenbauer (IKG Wien) über die Entwicklung und den derzeitigen Stand der christlich-jüdischen Beziehungen, wie sie innerhalb der jüdischen Gemeinden wahrgenommen werden.

Dialog auf Augenhöhe?

Die einleitende Frage, die im weiteren Verlauf auch immer wieder aufgegriffen wurde, war die, inwieweit es sich beim Gespräch zwischen Christ_innen und Jüdinnen_Juden um einen „Dialog auf Augenhöhe“ handelt – wie die FURCHE in einer ihrer letzten Schlagzeilen proklamierte. Wie der Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Univ.-Prof. em. Dr. Martin Jäggle, im Lauf der Diskussion einwarf: „Ich als Christ bin auf das Judentum angewiesen. Das Judentum ist aber nicht auf das Christentum angewiesen. Ist das ein Gespräch auf Augenhöhe?“ Der Vizepräsident, Dr. Willy Weisz, entgegnete, dass sehr wohl an manchen talmudischen Beispielen eine wechselseitige Abhängigkeit in der historischen Gewachsenheit des Judentums erkennbar sei.

Fastenbauer meinte in seinem Eingangsstatement, der Dialog habe sich in Richtung Augenhöhe entwickelt. Er sprach auch umgehend die jahrhundertealten Probleme an, die noch immer die Rahmenbedingungen für den heutigen Dialog färben. So bestand der „Dialog“ von christlicher Seite aus über Jahrtausende hinweg in Missionierungsbestrebungen, die vielfach auch funktioniert haben. Das Judentum dagegen sieht keine Veranlassung zur Mission; alle anderen Völker brauchen sich bloß an die noachidischen Gebote zu halten, wir als auserwähltes Volk müssen auch noch zusätzliche Vorschriften befolgen.

Demzufolge waren die jüdischen Erfahrungen mit dem Christentum über lange Zeit hinweg sehr negativ, was sich noch heute in einem starken Skeptizismus, auch dem Dialog gegenüber, ausdrückt.

Laut Hermann war ein Knackpunkt das Zweite Vatikanische Konzil: Das Judentum wurde „menschlicher“ dargestellt. Sie selbst empfindet den Dialog als einen auf Augenhöhe.

Fastenbauer drückte seine Besorgnis darüber aus, dass es bei einigen christlichen Gruppierungen einen neuen Antisemitismus, der sich in das Gewand der Israelkritik kleidet, gibt. Er nannte insbesondere evangelikale Gruppen und Pax Christi. Auch, dass die Bewegung der „messianischen Juden“ mit einer gewissen missionarischen Romantik betrachtet würde, sei besorgniserregend. Hermann zeigte auf, wie einseitig die Präsentation des Staates Israel in diesen Gruppierungen sei.

 „Man muss aushalten, dass das Judentum selbst artikulieren darf, was es ist.“

Es sei oft die Rede davon, dass Juden und Christen gemeinsam am selben Weg seien; das müsse ihm nicht einmal jemand zugestehen, meinte Fastenbauer, es müsse nur möglich sein, den Anderen in seiner Selbstbestimmtheit und Verschiedenheit stehen zu lassen. Ein theologischer Dialog sein nicht sinnvoll, man solle besser gemeinsame Gebiete finden, auf denen man dann in der Gesellschaft arbeiten könne.

Angesprochen auf die jüdische Erklärung „Dabru Emet“, meinte Fastenbauer, dies sei ein hauptsächlich reformjüdisches Dokument gewesen. Man dürfe sich aber seine Partner im Dialog nicht aussuchen und diejenigen bevorzugen, mit denen man am Leichtesten reden kann. Das traditionelle Judentum, meinte er, solle Hauptansprechpartner sein. Dies sei aber auch eine Sache der regionalen Gegebenheiten.

Die Frage von Friedrich, ob es den Dialog in Gang bringt, wenn der Papst nach Israel fährt, bejahte Fastenbauer. Hermann nahm insbesondere auf die Frage Bezug, welche Relevanz die Auseinandersetzung mit der Schoah im christlich-jüdischen Dialog hat. Die Beschäftigung mit den Ursachen sei zentral, so Hermann; hätte es den Dialog in seiner heutigen Form damals schon gegeben, wäre die Schoah so nicht möglich gewesen. Fastenbauer fügte hinzu, dass ihm manchmal die Eindeutigkeit der christlichen Partner bei der geschichtlichen Bezugnahme fehle.

Ein großer Teil der Debatte war von Gedanken an Flüchtlinge und Islam geprägt; jedoch war Grundkonsens, kein „Islam-Bashing“ zu betreiben, nicht zuletzt da keine Muslim_innen unter den Anwesenden waren.

Erwartungen der jüdischen Gemeinden an den christlich-jüdischen Dialog

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum ging es um die Erwartungshaltungen der jüdischen Gemeinden an den christlich-jüdischen Dialog. Fastenbauer dazu: „Wir erwarten, dass wenn die Dinge schieflaufen, eingeschritten wird. Mittlerweile kann ich mich darauf verlassen, dass ein Priester, der von der Kanzel aus hetzt, gemaßregelt wird.“ Weiters brauche es immer wieder deutliche Statements gegen Missionierung und antisemitische Israelkritik. Eine katholische Hörerin betonte, dass ihr in ihrer Pfarre die Solidarität fehle. Es brauche mehr offene Solidaritätskundgebungen für das Judentum; die Leute seien zu wenig engagiert.

Immer wieder ging es auch um die mangelnde Breitenwirkung, die der Dialog auf offizieller Ebene mit sich bringe. Hermann führte das auf eine gewisse Faulheit zurück; „das ist so, wie manche eben in die Synagoge gehen, während es andere überhaupt nicht interessiert.“. Fastenbauer rief jedoch auch die Verantwortlichen in den Religionsgemeinschaften zur Verantwortung; es müsse mehr Einladungen in die jüdischen Gemeinden geben.

Ein katholischer Hörer zeigte auf, die Vergebungsbitte sei noch lange nicht hinreichend nachvollzogen worden; auf Basis der konkreten Geschichte sei noch nicht genügend in die Tiefe gegangen worden. Das Schuldgefühl, das nach der Hitlerzeit zurückgeblieben ist, wird nun auf die Dialogebene verlegt. Eine jüdische Hörerin betonte in Bestätigung eines christlichen Hörers („Der richtige Weg ist von unten her. Wir müssen reden, reden und nochmals reden.“), dass die Breitenwirkung an jedem und jeder einzelnen liege. Sie lebe ihr Judentum bewusst ganz offen und beantworte häufig Fragen von Kolleg_innen.

„Die Vielfalt ist nicht das Problem, sondern der Umgang mit der Vielfalt.“

Zum Abschluss kam auf die Frage eines christlichen Hörers, ob das Ziel nicht eine gemeinsame Religion sein könne, die Wichtigkeit des Respekts vor der Verschiedenheit auf.

Alles in allem, so waren sich Hermann und Fastenbauer einig, seien sie zufrieden mit dem christlich-jüdischen Dialog; der Skeptizismus gehe zurück, und es herrsche ein reger Kontakt und respektvoller Umgang.

 

Der nächste Vortrag im Rahmen der Jubiläumsreihe "Bilanz und Aussicht - 60 Jahre Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit" findet am 15.09.2016 statt. Das genaue Programm finden Sie hier: 60 Jahre Koordinierungsausschuss. Anmeldung unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! unbedingt erforderlich, beschränkte Teilnehmer_innenzahl!

Ein sommerliches Interludium findet am 20. Juli um 15 Uhr in der Tandelmarktgasse 5/2-4 statt. Jörg Stelling spielt Charles Lewinsky: "Ein ganz gewöhnlicher Jude". Eintritt 12€, Ermäßigt 6€ (Schüler_innen, Student_innen, Senior_innen). Anmeldung unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

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