Köttl, Christoph

Irene Harand - Gelebte Gerechtigkeit

 

Rezension von “Gegen Rassenhass und Menschennot“. Irene Harand – Leben und Werk einer ungewöhnlichen Widerstandskämpferin. Von Christian Klösch/ Kurt Scharr/ Erika Weinzierl (Innsbruck: Studienverlag, 2004, 324 Seiten, Preis: Eur 36.-).


harandcoverEin wichtiges Buch ist kürzlich im Studienverlag erschienen. Die Historiker Christian Klösch, Erika Weinzierl und Kurt Scharr zeichnen das Leben und Werk einer ungewöhnlichen österreichischen Widerstandsaktivistin nach: Mit dem Werk Irene Harands nehmen sich die Autoren eines bisher nur teilweise erforschten Themas an. Bisher sind nur vereinzelt Artikel über Harand erschienen.(1) In einem bis zum Beginn der 1990er Jahre nicht zugänglichen Moskauer Archiv wurden auch die Vereinsbestände der Harandbewegung entdeckt, welche von einer Spezialabteilung des Reichssicherheitshauptamtes nach dem “Anschluss“ Österreichs nach Berlin verschleppt worden waren. Durch die Entdeckung dieser Archivmaterialien und Recherchearbeiten in den USA wurde nun die vorliegende Monographie möglich. Den Autoren ist damit ein spannendes und für einen breiten Leserkreis interessantes Werk gelungen. Es ist die Geschichte einer beeindruckenden Persönlichkeit, die nicht mehr und nicht weniger tat, als ihrer Überzeugung treu zu bleiben: “Ich bekämpfe den Antisemitismus, weil er das Christentum schändet.“ Ein Leitsatz der sich auch auf der Titelseite der von Harand herausgegebenen Zeitschrift Gerechtigkeit befand.

Die Hauptdarstellerin kommt selbst umfangreich zu Wort: Das Buch endet mit ausgewählten Textstellen aus Harands Hauptwerk “Sein Kampf – Antwort an Hitler“, wodurch man einen guten Eindruck von ihren Ideen und Überzeugungen aus erster Hand bekommt. Lobenswert ist auch die beigefügte CD “Irene Harand spricht“. Diese besteht aus dem Inhalt einer Schallplatte aus dem Jahr 1937, auf welcher sich eine Rede Harands sowie das Lied “Gute Menschen“ von Bernhard Kämpfer, interpretiert von Viktor Sternau, befanden. Ergänzt wird die CD mit einem Harand-Interview in New York aus dem Jahr 1965.

Aktivistin gegen Antisemitimus

Irene Harand wurde am 7. September 1900 geboren und wuchs in einem christlichen Elternhaus auf, in dem Politik keine Rolle spielte. Der Erste Weltkrieg wurde für die Jugendliche das einschneidende Ereignis, aus dem sie ein eigentlich selbstverständliches Fazit zog: “Wir sollen nicht erst Frieden schließen, nachdem Millionen von jungen Menschenleben vernichtet, blühende Städte und Länder verwüstet, Schmerz und Verzweiflung in die Seele von Millionen von Opfern des Krieges und seiner Folgen gebracht wurde. Wir sollen Frieden schließen, bevor noch der Krieg begonnen hat. Nur ein solcher Friede kann gerecht, vernünftig und vor allem wahrhaft christlich sein. Ein solcher Friede wäre das schönste Geschenk für unsere Generation.“(2)

Als sie einem notleidenden Bekannten helfen wollte, traf sie auf den jüdischen Anwalt Moritz Zalman, dessen Leben ebenfalls durch das Buch gewürdigt wird. Zalman half mit Hilfe seines “Verbands der Kleinrentner und Sparer Österreichs“ zahlreichen Menschen, die durch die Hyperinflation der 1920er Jahre ihr Geld verloren hatten. Zalman erklärte sich sofort bereit, Harands Bekannten zu Helfen – und trug dafür vorerst selbst die Kosten. Harand war von Zalmans Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit beeindruckt und fand in ihm eine Bezugsperson und einen Mentor. Sie begann für Zalman und den Kleinrentnerverband als Sekretärin zu arbeiten. Mit ihm gründete sie 1930 die erste Österreichische Volkspartei. Dies stellte einen Versuch dar, eine antirassistische Plattform für die Anhängerinnen und Anhänger der Kleinrentnerbewegung zu schaffen. Die kleine Partei hatte ein einzigartiges Programm mit ihrer Haltung gegen den Antisemitismus und ist daher “als ein positives Unikum der Ersten Republik anzusehen“ (S. 87).

1933 publizierte Harand die Schrift “So oder So – Die Wahrheit über den Antisemitismus“. Ab Herbst 1933 gab sie die wöchentliche Zeitschrift “Gerechtigkeit“ heraus, welche zum Sprachrohr ihrer Weltanschauung wurde. Dieses “Wort im Kampf gegen die Lüge“ – wie die Gerechtigkeit von den Autoren bezeichnet wird – richtete sich vor allem gegen Hitler und gegen den wachsenden Antisemitismus. Sie erkannte früh die nationalsozialistische Gefahr und publizierte 1935 ihr Hauptwerk “Sein Kampf – Antwort an Hitler“(3), welches auch ins Englische und Französische übersetzt wurde und im Deutschen Reich sofort verboten wurde. Es wurde zur ideologischen Basis für die bereits 1933 gegründete Harandbewegung – Weltorganisation gegen Rassenhass und Menschennot. Der Name “Harandbewegung“ diente hierbei als klares Zeichen gegen die „Hitlerbewegung“. Harand bemühte sich vor allem auf ärmere, ungebildete Schichten Einfluss zu nehmen. So ist auch ihr Buch „Sein Kampf“ nicht als wissenschaftliche Analyse des Nationalsozialismus zu betrachten.

Die Weltanschauung Harands in den 1930er Jahren war bürgerlich konservativ und in steigendem Maße monarchistisch zu bezeichnen. Die Autoren weisen auch darauf hin, dass Harand und Zalman “der österreichischen Variante einer antidemokratischen, autoritären und katholischen Diktatur faschistischer Prägung erlagen“ (S. 97). Die Beziehung der Harandbewegung zur Vaterländischen Front, welche durch “Bewunderung und existenzielle Abhängigkeit“ (S. 104) geprägt war, muss durchaus kritisch betrachtet werden und wäre ein interessantes Thema für weitere Forschungen.

Segensreiches Wirken in der Emigration

Erwähnenswert ist vor allem die “Markenaktion“ der Harandbewegung: Diese entstand als Reaktion auf die im Jahr 1937/ 38 im Deutschen Museum München organisierte Ausstellung “Der ewige Jude“. Die Harandbewegung entwarf Briefverschlussmarken, auf denen “Bilder und Leistungen hervorragender jüdischer Persönlichkeiten und statistisches Material gegen den Antisemitismus“ abgedruckt waren. Mit Hilfe der vorerst großteils unentgeltlich ausgegebenen, durch den Briefverkehr und durch Sammler in Umgang gebrachten Marken, erhoffte man sich, möglichst viele Menschen zu erreichen und damit zu einer gerechteren Beurteilung der jüdischen Mitmenschen beizutragen. Die Aktion war auf 50 Markenserien angelegt. Ein Verzeichnis der tatsächlich entstandenen Marken ergänzt das Buch.

Zur Zeit des “Anschlusses“ befand sich Irenen Harand glücklicherweise auf einer Vortragsreise im Ausland. Über London emigrierte Harand im September 1938 nach New York, wo bereits ihre Schwester wohnte. Aus dem Ausland half Harand zahlreichen jüdischen Freundinnen und Freunden in Wien ebenfalls zur Flucht. Für diese Hilfe sowie für ihre Arbeit in Österreich vor 1938 wurde sie 1968 als “Gerechte der Völker“ von der israelischen nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet. Ihrem langjährigen Mitstreiter Dr. Zalman konnte sie allerdings nicht retten. Er wurde beim Versuch, in die Schweiz zu flüchten von der Gestapo verhaftet und starb am 29. Mai 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Auch in der Emigration setzte Irene Harand ihre anti-nationalsozialistische Arbeit fort und wurde ein aktives Mitglied der österreichischen Gemeinde der Emigrantinnen und Emigranten. 1943 entstand in New York unter ihrer Leitung ein Institut für jüdische SchriftstellerInnen und KünstlerInnen aus Österreich, das spätere “Austrian Forum“.

Dem Vergessen entreißen

Als sie 1975 starb und in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wurde, ist der Name Irene Harand in Östereich fast unbekannt. In Wien erinnert an sie heute neben ihrem Grab nur ein 1990 “Irene Harand Hof“ benanntes Wohnhaus im 1. Bezirk – allerdings fehlt dort jeglicher Hinweis auf ihre Tätigkeiten. Das neue Buch leistet also einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an eine beeindruckende österreichische Widerstandsaktivistin.

Die Autoren haben ein Buch geschrieben, das Interesse auf eine vertiefende Auseinandersetzung mit Irene Harand weckt. Gerade die umfangreichen Originalaussagen (Texte und CD) verführen zu einem Weiterstudium.

Irene Harand verkörpert den weiblichen Widerstand, den katholischen Widerstand und den Widerstand von außen. Ihr leitendes Prinzip war, dass sie Menschen helfen wollte – egal welcher Religion oder welcher politischen Einstellung. Gerade weil sie nur schwer in eine Kategorie zu pressen ist, mag mit ein Grund dafür sein, dass sie – die so gut in das Selbstbild Österreichs nach 1945 vom antinazistischen Widerstandsland gepasst hätte – in Vergessenheit geraten ist. Als antikommunistische, antisozialdemokratische Widerstandsaktivistin, die im Gegensatz zu manchen Persönlichkeiten der katholischen Kirche in Österreich den Antisemitismus klar und öffentlich ablehnte, war sie nur schwer von einer Gruppe zu vereinnahmen – und wurde daher der Einfachheit wegen wohl ganz ignoriert. Als Indiz, dass diese Ignoranz nun vorbei ist, deutet auch die Neuauflage von “Sein Kampf“ hin.

Am Beginn des Buches stellen die Autoren zwei wichtige Fragen: “Kann Irene Harand heute noch gefragt sein, machen ihre Antworten, die sie vor mehr als 60 Jahren gesucht und gegeben hat, im Europa des 21. Jahrhunderts noch Sinn? Kommt sie nicht aus einem völlig anderen, vergangenen, weit hinter uns liegenden Europa?“ (S. 19). Die Antwort darauf muss eindeutig ausfallen: Ja, die Ideen und Vorstellungen von Irene Harand sind heute noch immer aktuell und gefragt. Was sie verkörperte ist Toleranz und Respekt. Das Europa des 21. Jahrhunderts ist ein Europa der Multikulturalität, welches ohne diese Toleranz und diesen Respekt kaum bestehen kann.

Anmerkungen

(1) Bis zu ihrer “Wiederentdeckung“ durch Erika Weinzierl in ihrem Buch “Zu wenig Gerechte“ (Graz u.a: Styria Verlag 1969) erschien zu Irene Harand nur ein einziger Artikel (“Eine große Österreicherin“) im Wiener Kurier 1947. Zu Publikationen der letzten Jahre vgl. etwa Gedenkdienst 3/2000: Irene Harand zum 100. Geburtstag, S. 1.-3; Scharr, Kurt: Irene Harand – Leben für eine Idee. in: Dialog – Du Siach Nr. 43, Juni 2001, S. 4-10; Marboe, Peter: Irene Harand – Eine Gerechte (1900 – 1975), in: Laun, Andreas (Hg.): Unterwegs nach Jerusalem. Die Kirche auf der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln, (Eichstätt: Franz-Sales-Verlag 2004), S. 90-110; ders.: “Es gibt keine Menschen zweiter Güte“. Irene Harand – Eine Gerechte, in: Jüdisches Echo Vol. 53 (Oktober 2004), S. 88-90.

2) Vortrag “Gegen Krieg und Not“, 1937.

3) Der Wiener Ephelant Verlag brachte im Jahr 2005 eine Neuauflage heraus. 320 Seiten; Euro 22.-, ISBN 3-900766-16-9 zu bestellen bei: Franz Richard Reiter, 1010 Wien, Plankengasse 7, Tel.: 01/ 5134858, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Auch über den Buchhandel erhältlich

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