Schubert, Kurt

Die Gründung des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

 

Bereits in den Jahren 1948/49 bemühten sich Vertreter der World Brotherhood, ähnlich wie in Deutschland auch in Österreich “Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ zu gründen. Nach Wien kamen, um vorbereitende Gespräche zu führen, immer gemeinsam ein Amerikaner und ein Schweizer. Der Name des Amerikaners ist mir entfallen, der Schweizer war Dr. Paul Visseur aus Genf. Ich selbst habe damals als Lehrbeauftragter für Hebräisch und Aramäisch am Orientalischen Institut der Universität Wien an allen Sitzungen teilgenommen.

 

Etliche Teilnehmer konnten sich aber nicht mit der von amerikanischer Seite vorgeschlagenen Struktur abfinden, nach der das Präsidium nur von Religionsvertretern gebildet werden sollte. Das heißt, um Präsident sein zu können, müsste man ein aktiver Katholik sein. Den sozialistischen Teilnehmern an den vorbereitenden Sitzungen schien aber dieses Konzept zu klerikal, da sie meinten, dass Maßnahmen gegen den Antisemitismus unabhängig von der Religionszugehörigkeit sinnvoll und notwendig sind. So endeten diese Gespräche ohne Resultat und Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurden nur in Deutschland, nicht auch in Österreich gegründet.

Dennoch wurden die Bestrebungen weitergeführt, kirchenunabhängig den Antisemitismus, der noch keineswegs überwunden war, erfolgreich zu bekämpfen. Eine erste Vorbesprechung in diesem Sinne fand schon zu Beginn der 50er Jahre im Kaffee Münzamt statt, die von Herrn Tankred Klein einberufen worden war. Durch eine bald daraus folgende Auseinandersetzung mit Klein blieb es bei diesem Ansatz. Erst Jahre später entstand daraus die “Aktion gegen den Antisemitismus“.

Ich selbst, ab 1949 Dozent für Judaistik, gründete gemeinsam mit Dr. Ascher Bawli, dem Direktor der Jewish Agency in Wien, die österreichisch-israelische Kulturgesellschaft, die von 1949 bis 1953 in Wien und Innsbruck bestand. In diesem Rahmen forcierte ich auch das christlich-jüdische Gespräch, für welches ich aber auch Volkshochschulen und Katholische Bildungswerke interessierte. Weitere günstige Rahmenbedingungen fand ich im Katholischen Akademikerverband, dessen Präsident ich ab 1957 war, und im Klosterneuburger Bibelapostolat, aus dem dann 1966 das Österreichische Katholische Bibelwerk entstand. Da war es vor allem Dr. Norbert Höslinger, der meine Initiativen konkret unterstützte.

Aufbruchstimmung nach dem Konzil
Sommer 1956 wurde ich von Prälat Rudolf, dem damaligen Leiter des erzbischöflichen Seelsorgeamtes in Wien aufgefordert, im Rahmen der österreichischen Pax Christi Bewegung eine Arbeitsgruppe “Christen und Juden“ zu gründen. Aus dieser entstand 1964/ 65 der “Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit“. Es wurde beschlossen, dass die jeweils Vorsitzenden von ihren religiösen Oberen bestätigt werden müssten. Von der Kultusgemeinde wurde Rabbiner Meir Kofler entsandt, nach seinem Ausscheiden aus Krankheitsgründen Dipl.Kfm. Otto Herz. Evangelischer Vorsitzender war Univ.Prof. Dr. Wilhelm Dantine und katholischer Vorsitzender ich selbst.

Das erste Ziel des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit war die Erstellung eines Programms zur “Darstellung des Judentums in der christlichen Katechese.“ Einige Tage intensiver Arbeit im Stift Klosterneuburg und das Programm war fertig. (Es erschien in: Christlich-pädagogische Blätter, Wien 81 (1968), 33-45, und im Christlich-Jüdischen Forum, Basel 1968, 49-64.) Als Folge davon kam es zur Durchsicht der in Österreich vorbereiteten Religionsbücher durch Sr. Dr. Hedwig Wahle.

Diese gründete auch im Kloster “Unsere liebe Frau von Zion“ in Wien 7., Burggasse, 1967 das “Informationszentrum im Dienste der christlich-jüdischen Verständigung“. Zur Vorbereitung einer Erklärung über das christlich-jüdische Verhältnis anlässlich der Wiener Diözesansynode 1971 wurde eine Arbeitsgruppe des Koordinierungsausschusses geschaffen, der Msgr. Otto Mauer, Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl, Sr. Dr. Hedwig Wahle und ich angehörten. Ich selbst vertrat den Text vor den Synodalen. Er wurde ohne Gegenstimme mit nur vier Enthaltungen angenommen. (Der volle Text findet sich in: Leben und Wirken der Kirche von Wien - Handbuch der Synode 1969 - 1971, 236.) Darin heißt es u.a., dass sich “alle Christen von antijüdischen Affekten freihalten und etwaigen antisemitischen Diskriminierungen seitens anderer entgegentreten müssen.

Mit der tatkräftigen Hilfe von Dr. Norbert Höslinger, Sr. Dr. Wahle, Frau Lonny Glaser, Univ.Prof. Dr. Clemens Thoma, Univ.Prof. Dr. Alfred Raddatz, Univ.Prof. Dr. Kurt Lüthi, und vieler anderer konnte ich als Vorsitzender bis 1993, dem Jahre meiner Emeritierung, die Geschicke des Koordinierungsausschusses wesentlich mitbestimmen. Auch die berühmten Studientage im Haus der Begegnung in Eisenstadt, jeweils zu Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam, wurden zunächst vom Koordinierungsausschuss durchgeführt, bis sie dann das ebenfalls von mir gegründete Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt übernahm.
Die weitere Geschichte des Koordinierungsausschusses ist der letzte Beweis dafür, dass seine Gründung sinnvoll und notwendig war.

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