Adunka, Evelyn

Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde nach 1945 und ihre heutigen Probleme

Bis zu ihrer grausamen Zerstörung in der NS-Zeit war in Wien die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas mit rund 188.000 Mitgliedern beheimatet. Das Zusammentreffen zwischen Ost- und Westjudentum bewirkte in Wien eine besonders große, heute aber vergessene innerjüdische Kreativität. Wien war der Sitz zahlreicher berühmter jüdischer Institutionen und Rabbiner und wurde zur Geburtsstadt des Zionismus. Während der Schoa wurden rund 65.000 österreichische Juden ermordet, 120.000 wurden vertrieben.

 

1945 hatten rund 2.000 Juden in und aus Wien überlebt, die meisten als Partner in Mischehen oder als „U-Boote“, einige auch als Angestellte des Ältestenrats der Juden in Wien, der 1942 von den Nationalsozialisten als Nachfolgeorgan der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) unter der Leitung ihres früheren Amtsdirektors Josef Löwenherz eingesetzt worden war. Die meisten der ab 1945 langsam eintreffenden Rückkehrer kamen aus den Konzentrationslagern, aus Shanghai oder Palästina. Sie alle waren gesundheitlich angeschlagen, traumatisiert und verarmt. Eine größere, aus Sozialisten und Kommunisten bestehende Gruppe kam aus Großbritannien zurück, um sich am Aufbau eines neuen, demokratischen Österreich zu beteiligen. Die IKG erreichte nach 1945 nie mehr als 9000 Mitglieder und hatte in den achtziger Jahren einen mittlerweile überwundenen Tiefstand von 6000 Mitgliedern. Vor 1938 gehörten zu den größten, im Kultusvorstand vertretenen Fraktionen die zionistischen Parteien und die antisozialistische und antizionistische Union Österreichischer Juden. 1932 war Wien die erste größere jüdische Gemeinde der Welt, die mit dem Rechtsanwalt Dr. Desider Friedmann einen zionistischen Präsidenten wählte.

Nach 1945 bildeten dagegen eine der Kommunistischen Partei Österreichs nahestehende Einheitsliste (bis 1948 und erneut 1950/51) und der mit der Sozialistischen Partei Österreichs assoziierte Bund werktätiger Juden (1950 und von 1952 bis 1982) die absolute und ab 1977 relative Mehrheit im Kultusvorstand und stellten damit die Präsidenten der IKG.

Der Rechtsanwalt Dr. Emil Maurer, von 1952 bis 1963 Präsident der IKG, war in den dreißiger Jahren Bezirksvorsteher von Wien-Neubau, brach persönlich mit dem religiösen Judentum und erklärte in bezug auf die „Wiedergutmachung“, für die er auf eine Einbeziehung der Jahre ab 1934 beharrte: „Weil die Juden es wollen, kann ich nicht einfach 50 Jahre Parteiarbeit aus dem Fenster werden." Sein Nachfolger, der Bankbeamte Dr. Ernst Feldsberg, war von 1932 bis 1938 Kultusvorsteher der Union Österreichischer Juden, ein Überlebender des KZ Theresienstadt, und ein sehr religiöser und integrer Mann.

Erst 1948 erhielt Wien wieder einen Oberrabbiner, den aus Ungarn stammenden, sehr zionistisch eingestellten Akiba Eisenberg, der sein Amt bis 1983 ausübte und dem sein Sohn Paul Chaim Eisenberg nachfolgte.

Die IKG hatte nach 1945 nach der Zerstörung ihrer Infrastruktur und der Verarmung und Reduzierung ihrer Mitglieder mit verstärkten finanziellen Aufwendungen zu kämpfen. Die anfänglichen Subventionen des American Joint Distribution Committee wurden in den sechziger Jahren eingestellt. Österreich zahlte zwar für Instandsetzung des im Novemberpogrom innen zerstörten Stadttempels, nicht jedoch für das projektierte Jüdische Zentrum, für das 1963 vergeblich der Grundstein gelegt wurde. Um das jährliche Defizit zu decken, musste die IKG die meisten ihrer Immobilien und restituierten Grundstücke verkaufen; wie man heute weiß und wie damals bereits die von Simon Wiesenthal im Kultusvorstand angeführte Opposition anprangerte, zu viel zu geringen Preisen und meist an die Stadt Wien. (Bei diesen Verkäufen ging es insgesamt um zwei Drittel der Liegenschaften).

Erst ab den späten siebziger Jahren waren die Stadt Wien und die Republik Österreich bereit, die für die Zukunft und das Überleben notwendigen und zum Teil neu gegründeten Institutionen -- darunter das Jüdische Gemeindezentrum, die Zwi-Perez-Chajes-Schule, die Lauder-Chabad Schule, das Jüdisch Berufliche Bildungszentrum, das Maimonides-Zentrum, das Sefardische Zentrum, der Verein Esra (das Therapiezentrum für Holocaust-Überlebende), das Jewish Welcome Service, das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung und das Wiener Jüdische Museum -- finanziell zu unterstützen.

Demografisch und psychologisch blieb die IKG durch die Überalterung und die Auswanderung vieler junger Mitglieder weiter geschwächt. Ihr zahlenmäßiges Überleben konnte nur durch die Zuwanderung aus Osteuropa und aus der ehemaligen Sowjetunion gesichert werden. Mit Jahresende 1998 hatte die IKG 7.892 Mitglieder.

Trotz der eindrucksvollen Aufbauleistung ist die Zukunft der IKG Wien daher alles andere als gesichert. Das Ende der Zuwanderung und die nicht änderbare, wenn auch zahlenmäßig geringere Abwanderung verhindert ihr Wachstum; die Kapazitäten der Schulen bleiben ungenützt. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass sich diese Situation mit der EU-Osterweiterung ändern wird. Die in den Medien vielbesprochenen Schulden der IKG in der Höhe von 600-700 Millionen Schilling ist ursächlich ein Resultat der Schoa und der Nöte der ersten Jahrzehnte nach 1945. Als Entschädigung für die im Novemberpogrom zerstörten 93 Synagogen erhielt die IKG 30 Millionen Schilling. Heute wird der Prozentsatz der insgesamt den österreichischen Juden und der IKG bezahlten Entschädigung mit zwei bis drei Prozent des 1938 bis1945 entzogenen Vermögens geschätzt.

Psychologisch blieben die Wunden durch den Antisemitismus und Nationalsozialismus immer bestehen. Die Abwanderung auch nach dem Wiederaufbau der Infrastruktur und der Bedarf eines Therapiezentrums für die Überlebenden der Schoa und deren Nachkommen sprechen eine deutliche Sprache. Die manifesten Zeichen des Antisemitismus und der Kampf um die Wiedergutmachung waren immer wesentliche Themen der jüdischen Zeitungen. In den sechziger Jahren blieben der IKG angesichts von Friedhofsschändungen und den Freisprüchen von Kriegsverbrechern nur ohnmächtige Proteste. Vergeblich versuchte sie eine Reform der Strafgesetzordnung durchzusetzen, um Geschworene, denen man eine nationalsozialistische Vergangenheit nachweisen konnte, als befangen auszuschließen. In den siebziger Jahren, als der sozialdemokratische Bund werktätiger Juden eine Mehrheit im Kultusvorstand hatte, war die Kultusgemeinde bei der Kreisky-Peter-Wiesenthal Affäre verstärkten Loyalitätskonflikten ausgesetzt. Es waren dabei immer die oppositionellen Gruppen, die besonders radikal und kämpferisch waren, aber auch am Beginn der sowjetrussischen Einwanderung die ersten Hilfsaktionen durchsetzten. In den achtziger Jahren schlug der Präsident der IKG Paul Grosz gegenüber der antisemitischen Schreibweise des Kolumnisten der Kronen Zeitung Richard Nimmerrichter bereits eine sehr viel härtere Gangart ein. Nachdem dieser geschrieben hatte: „Wer den Herrn Hitler besiegt hat, wird auch den Herrn Grosz überstehen“ klagte Grosz und gewann in einer der beiden Instanzen.

Der 1998 mit knapper Mehrheit gewählte derzeitige Präsident Dr. Ariel Muzicant verkörpert das Selbstbewusstsein einer neuen Generation. Er ist einer der erfolgreichsten österreichischen Immobilienmakler und der erste Präsident der IKG, der nach 1945 -- allerdings in Haifa -- geboren wurde. Im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger verbindet ihn persönlich jedoch nur mehr wenig mit der Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde. Angesichts der schrumpfenden Mitgliederzahlen der IKG versucht er seit seinem Amtsantritt vergeblich, in zahlreichen Appellen die Politik zu einer Änderung der strengen Einwanderergesetze zu bewegen.

Während der Restitutionsverhandlungen forderte Präsident Muzicant die Naturalrestitution aller arisierten Vermögenswerte, die sich in öffentlichem Besitz befinden. Die konservative Regierung lehnte dies sowie eine „Entschuldung“ der IKG ab, während sie im Gegensatz zu ihren Vorgängern zu individuellen Entschädigungszahlungen bereit war. Präsident Muzicant stimmte daher den zwischen der Republik Österreich und den Opferverstretern erzielten Ergebnissen nur bedingt zu. Weiters verhandelt er über das Vermögen von 600 Vereinen, 110 Stiftungen und 34 jüdischen Gemeinden in den Bundesländern, deren Rechtsnachfolgerin die heute bestehenden jüdischen Gemeinden sind. Ein Ergebnis darüber ist noch nicht abzusehen.

Der frühere Parteivorsitzende der FPÖ, des Koalitionspartners der derzeitigen Regierung, und heutige Landeshauptmann von Kärnten Dr. Jörg Haider sagte währenddessen: „Ich verstehe überhaupt nicht, wie wenn einer Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann...“ Muzicant klagte gegen diese und andere Äußerungen vor Gericht; die meisten Klagen sind noch nicht entschieden; in einem Fall erließ das Gericht allerdings eine einstweilige Verfügung gegen J. Haider.

Bei einer jüngsten Umfrage stimmten lediglich 38 Prozent der österreichischen Bevölkerung dem Ergebnis der Restitutionsverhandlungen zu; 45 Prozent lehnten sie ab; 59 Prozent waren für das Wachhalten der Erinnerung an die Schoa.

Jedesmal wenn der latente Antisemitismus virulent wird, steigt auch die Besorgnis der Mitglieder der jüdischen Gemeinde, besonders der älteren Menschen. Die IKG richtete ein eigenes Forum gegen Antisemitismus ein, aber auch christliche und linke Gruppen versuchen durch Demonstrationen, Veranstaltungen und Publikationen aufzuklären und ihre Solidarität mit der IKG zu zeigen. Der christlich-jüdische Dialog wird vor allem von dem 1956 von Kurt Schubert als Sektion von Pax Christi gegründeten und 1965 vereinsrechtlich konstituierten Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit getragen, zum Teil auch von einer Arbeitsgruppe der Katholischen Aktion und von evangelischen Bildungseinrichtungen wie der Evangelischen Akademie. Der Koordinierungsausschuss unterhält ein Informationszentrum und gibt seit rund zehn Jahren die Zeitschrift Dialog-Du Siach heraus; er wird jedoch von der katholischen Kirche nicht im gleichen Ausmaß gefördert wie zum Beispiel die Kontaktstelle für Weltreligionen.

Im Gegensatz zu den ersten Jahren leidet der christlich-jüdische Dialog in den letzten Jahren allerdings unter dem mangelnden Interesse von qualifizierten jüdischen Dialogpartnern. Es gibt zwar eine qualitative Verbesserung des jüdisch-christlichen Dialogs in bezug auf die theologische Grundlagenarbeit und das Engagement einiger engagierter Gruppen. Dies gilt jedoch noch immer nicht für die Basis oder für alle liberalen, reformorientierten Kreise.

Die zahlreichen Probleme, aber auch der Bruch mit der Vergangenheit und Tradition der Wiener jüdischen Vorkriegsgemeinde werden damit in ihren vielen Facetten deutlich. Die heutige IKG verbindet nur mehr wenig mit der Vorkriegsgemeinde. Diejenigen ihrer Mitglieder, die sich an ihre Größe und Bedeutung erinnerten und diese auch in einer jüdischen Publizistik, die ebenfalls in dieser Form nicht mehr existiert, beschrieben, sind verstorben. Der Versuch einer Aufrechterhaltung der Kontinuität mit der Vergangenheit ist kaum mehr vorhanden. Was bleibt, ist daher wohl nur mehr die von Historikern tradierte Erinnerung.

Der in Wien als Sohn eines orthodoxen Kultusvorstehers geborene und 1966 in seine Heimatstadt zurückgekehrte Publizist Albert Sternfeld schrieb im Jahr 1989: „In 20, 25 Jahren wird es einerseits ein Wiener Neo-Getto und andererseits ein weitgehendes Abfallen von dem, was einmal das Wiener Judentum war, geben. Eine traurige Perspektive.“

Vgl. dazu auch: Evelyn Adunka: Die vierte Gemeinde. Die Wiener Juden in der Zeit von 1945 bis heute. Berlin, Philo Verlag 2000, 567 S.
Vortrag gehalten bei der Konsultation des Lutherischen Weltbunds in Budapest, 10.09.2001.
© Copyright 2001 Evelyn Adunka.

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