Ames, Richard

Jüdische Philosophen

Ibn Gabirol – Jehuda Halevi – Moses Maimonides

Bevor ich von den drei bedeutenden jüdischen Philosophen Gabirol, Halevi und Maimonides berichte, möchte ich ein wenig ausholen und den historischen Hintergrund umreißen.
Es gibt verschieden lautende Erzählungen über die ersten Ansiedlungen von Juden auf der iberischen Halbinsel, also dem heutigen Spanien und Portugal. Einmal heißt es, dass sie mit den Phöniziern gekommen seien. Zum andern wird berichtet, bereits zur Zeit des babylonischen Exils – das 597 vor unserer Zeitrechnung begann – sollen sich einige Familien dort niedergelassen haben. Keine dieser Versionen ist historisch gesichert. Vielleicht ist es ein Sowohl-als-auch.

Erste belegbare Berichte über größere jüdische Ansiedlungen stammen aus dem Jahr 70 unserer Zeit, also nach der Zerstörung des zweiten Tempels. Aus Aufzeichnungen aus dem Jahr 306 vom Hofe Königin Elviras ist zu entnehmen, dass es mehrere jüdische Familien gab, wobei es sich zumeist um Bauern handelte. Bis zum Ende des 6. Jahrhunderts, als König Rekkared I. 586 zum Christentum übertrat und die Geistlichen die Macht im Staate an sich rissen, lebten die Juden dort, mehr oder weniger geduldet, gesellschaftlich integriert. Die dann einsetzenden Demütigungen und Verfolgungen endeten erst 200 Jahre später unter der religiös toleranten Herrschaft der Omajaden, die knapp 300 Jahre andauerte. Innerhalb dieses Zeitraums durften Juden frei leben und zwischen ihnen und den Arabern entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung.
Aus historischen Berichten ist zu entnehmen, dass in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts eine große Welle jüdischer Einwanderungen aus Nordafrika begann, so dass Ende des 9. Jahrhunderts arabische Geographen und Historiker Granada, Tarragona und Lucena als jüdische Städte beschreiben. Auch ist bekannt, dass die jüdische Bevölkerung Spaniens im Mittelalter auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet zur bedeutendsten in Europa zählte.
Die jüdische Philosophie ist im Mittelalter einer der ersten Versuche der Juden, den intellektuellen und kulturellen Herausforderungen ihrer Umwelt zu begegnen.
In den Tagen der Bibel und des Talmuds lebten Juden in selbständigen Gesellschaften, sowohl in Palästina als auch in Babylonien. Ihre kulturelle Aktivität beschränkte sich auf die Kultivierung des jüdischen Gesetzes. Obwohl manche Teile des Hebräischen Testaments und des Talmuds Spekulationen über Mensch und Universum ausdrücken, sind diese Spekulationen in keiner logischen Reihenfolge und können keinesfalls als eine systematische, jüdische Philosophie gesehen werden. Von außen gab es wenig intellektuelle Herausforderung und auch keine Angriffe auf eine jüdische Doktrin, denen Juden widerstehen mussten. Sie hatten kein Bedürfnis, ihre Gedanken an die Umwelt zu transportieren. Dieser Zustand änderte sich gänzlich unter der arabischen, moslemischen Herrschaft. Nach dem Tod Mohammeds im Jahre 632 unserer Zeitrechnung, als die Araber den mittleren Osten, Syrien, Ägypten, Palästina, Nordafrika und fast die ganze iberische Halbinsel unter ihre Herrschaft gebracht hatten, war Arabisch von Persien bis Spanien die gemeinsame Sprache für Lehre und Literatur, und Städte wie Bagdad, Damaskus, Kairo und Cordoba wurden blühende kulturelle Zentren.

Das goldene Zeitalter Spaniens

Die Muslime, die bis zu diesem Zeitpunkt kulturell unter der übrigen Welt standen, entdeckten die großen Klassiker der griechischen Philosophie in Übersetzungen von christlichen syrischen Gelehrten. Es waren die Kalifen, die in Bagdad die Übersetzungen dieser Bücher veranlassten, so dass bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts die meisten klassischen, griechischen Texte über Astronomie, Mathematik und Medizin, sowie die Werke von Platon und Aristoteles und die der Neo-Platonisten in ihrer Sprache verfügbar waren.
Von diesem intellektuellen Erwachen unter arabischer Hegemonie und der regen kulturellen Aktivität waren auch die Juden beeinflusst. Es gab in den philosophischen Kreisen Bagdads alle möglichen religiösen und philosophischen Richtungen, und weil die muslimischen Philosophen Monotheisten waren, und ihr Glaube dem der Juden so ähnlich, konnten sie auch mit einander auf einer Ebene diskutieren, die zwischen Juden und Hellenisten nicht möglich war.
Unter der Regentschaft des Kalifen von Cordoba herrschte zu Anfang des 10. Jahrhunderts für die Juden ein goldenes Zeitalter auf höchster kultureller Ebene. Der Sprachwissenschaftler Christoph Correll beschreibt diese Ära als “eine der glücklichsten Zeiten, die das Judentum auf fremdem Boden durchlebte“. Gemeint ist die Zeit arabisch-jüdischen Zusammenlebens, das sich als Kultursymbiose betrachten lässt, als im maurischen Spanien Wissenschaft und Geistesleben im weitesten Sinne in einer Hochblüte standen. Persönlichkeiten wie Chasdai Ibn Schaprut und Schmuel Ibn Nagrela hatten am Hofe Posten als Minister und Berater.
Die Juden hatten sich daran gewöhnt, keinen eigenen Staat zu haben, in welchem sie leben konnten. Doch sie träumten immer davon, nach Jerusalem zurück zu kehren.
Mit dem größer Werden der Städte wuchsen auch Verwaltung und Handel, was den ansässigen Juden neue berufliche Möglichkeiten brachte, denn Araber oder Berber waren an solchen Tätigkeiten nicht interessiert.
Dieses harmonische Leben endete mit dem Einfall der Almoraviden Ende des 10. Jahrhunderts, einer islamisch-religiösen Bewegung, die anderen Religionen gegenüber wenig Toleranz zeigte.
In den Dichtungen von Jehuda Halevi und Mosche Ibn Esra werden auch die Gefühle der Verzweiflung der Juden über diese Rückschläge zum Ausdruck gebracht. Als die Almoraviden von den auf ihrem Territorium Lebenden verlangten, dass sie zum Islam konvertieren, floh ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung in das christliche Gebiet und siedelte sich in den Königreichen von Kastilien, Arragona und Navarra an, wo sie willkommen war.
Im islamischen Teil Spaniens lebten somit fast keine Juden mehr und als die Christen in der Mitte des 13. Jahrhunderts auch noch diesen Teil unter ihre Herrschaft bringen konnten, siedelten sie Juden auch in den Gebieten von Andalusien, Mallorca und Valencia an, denn wegen ihrer Sprachkenntnisse und ihres Wissens um die arabische Mentalität waren sie im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich ein wichtiger Faktor.
Doch nun zurück zum „Goldenen Zeitalter“ und zu einer langen Liste jüdischer Hofmediziner, Minister, Dichter, Wissenschaftler, Philosophen. Daraus möchte ich drei Namen hervorheben. Sie repräsentieren eine neue Art jüdischer Persönlichkeit: Theologen und Philosophen.

Schlomo Ibn Gabirol

Da war einmal Schlomo Ibn Gebhirol, auch bekannt unter dem Namen Salomo Ibn Gabriol und seinem arabischen Namen Abu Ayub Sulayman Ibn Jachjka Ibn Gabirol. Über sein Leben ist wenig Verlässliches bekannt. Geboren sei er 1021 in Malaga und sein Todesjahr soll 1058 gewesen sein. Es wird berichtet, dass er früh schon seine Eltern verloren und sich in Saragossa niedergelassen habe.
Die sein Leben betreffenden Hauptquellen sind seine Dichtungen, aus denen eine große Traurigkeit zu erkennen ist, die ihren Grund in Gabirols Kindheit als Vollwaise haben dürfte. Charakterlich wird er als arrogant beschrieben, und seine Neigung, gelegentlich einflussreiche Persönlichkeiten zu attackieren, von denen er finanziell abhängig war, sind nicht ohne negative Folgen für ihn geblieben.
Manche Begebenheiten in seinem Leben sind uns durch zwei andere Dichter überliefert: Moses Ibn Ezram, der darüber im Buch ’Schirat Israel’ schreibt, sowie Ibn Said.
Aber auch in Gabirols eigener Einleitung zu seiner ethischen Schrift ’Rikkun Middot Ha Nefesh’ (gedruckt 1550 in Konstantinopel) finden sich biografische Hinweise.
Weitere Quellen sind seine Gedichte. Es gibt wunderschöne Elegien zum Tode seines Vaters und den seiner Mutter. Auch schrieb er Gedichte, in welchen er seine Hässlichkeit und schwache Statur beklagt. Und in einem grotesken und erschreckenden Gedicht ’Ha Lo Ezdak’ lässt er sich über seine Hautkrankheiten aus.
Da Großartige seiner Dichtung ist seine Sprache, die sich mit dem Stil der Psalmen vergleichen lässt. So wurde verschiedenes in die Liturgie übernommen. Da gibt es beispielsweise das berühmte Gedicht ’Herrschaftskrone’ (hebr. ’Keter Malkut’), das wegen seines unergründlichen Glaubens in die Liturgie des Jom Kippur einging, oder ein anderes, das in die Sammlung der Klagelieder (hebr. ’Quinot’) aufgenommen wurde.
Neben dem dichterischen Werk verfasste er auch philosophische Schriften. ’Die Quelle des Lebens’ (hebr. ’Meqor Chajim’) ist leider nur in der lateinischen Übersetzung ’Fons Vitae’ erhalten.
Als mit zum Schönsten an mittelalterlicher jüdischer Poesie gelten seine Hymnen auf Jehuthie Ben Isaac Ibn Kassen und die ihm gewidmete Elegie, nachdem dieser infolge höfischer Intrigen ermordet wurde.
In seiner Dichtung zeigt Gabirol viel Wissen über das biblische Hebräisch und sprachliche Virtuosität, indem er Bildnisse und Idiome von arabischer Dichtung mit talmudischen Literatureinflüssen verschmilzt. In seiner spirituellen Poesie ist seine Dichtung beeinflusst von Bibel und Talmud und frühen mystischen Midraschim (Legenden). Durch diese Einflüsse ist seine Arbeit auch verwandt mit Sufi-Dichtungen.
Auffallend ist jedenfalls seine wissenschaftliche Bildung, speziell seine Kenntnisse von Astronomie und der neo-platonistischen Lehre. In seiner weltlichen Dichtung ist ein stark erotisches Element enthalten. In der Beschreibung seiner Beziehung zur Poesie vergleicht er den Akt des Dichtens mit der Verführung einer jungen, begehrenswerten Frau. Gleichzeitig klagt er über seine Unfähigkeit, die Freuden des Lebens und der Liebe genießen zu können und sagt, seinen Trost finde er nur in der Weisheit und im Allmächtigen.
Das Wichtigste in Gabirols Philosophie lautet: “Des Menschen Ziel sollte sein, den Sinn seiner Geburt zu ergründen und die Idealwelt zu erkennen.“
Über sein Lebensende ist uns nichts bekannt. Wegen seiner anhaltenden Querelen mit hochgestellten Persönlichkeiten in Saragossa musste er wohl die Stadt verlassen und seine finanzielle und soziale Lage verschlechterte sich.
Ibn Said nennt als Todesjahr 1057, somit wäre er also 37 Jahre alt geworden. Bei Ibn Ezra wird das 30. Lebensjahr genannt und Abraham Ben David meint, Gabirol wäre im 70. Lebensjahr verstorben. Die mit Gabirols Werken befassten Wissenschaftler neigen aber dazu, das Jahr 1057 als das wahrscheinlichste Jahr seines Ablebens anzunehmen.
Die vielen Legenden, die sich um Gabirols Leben ranken, zeugen von großer Achtung, die man diesem Dichter entgegen brachte.

Jehuda Halevi

Die hebräische Dichtung hatte bisher hauptsächlich im muslimischen Spanien ihre Hochblüte, deren Höhepunkt im 12. Jahrhundert mit Jehuda Ben Schmuel Ha-Levi kam.
Halevi wurde um das Jahr 1075 herum im christlichen Tudela in Nordspanien geboren. Auch seine Biographie ist mehr oder weniger in Dunkel gehüllt. Er soll ein intelligenter Junge gewesen sein, der in einem wohlhabenden Elternhaus aufwuchs. Ibn Abas, ein Zeitgenosse, berichtet, Halevi habe eine Schule besucht, in der hebräische Grammatik, Arabisch, Mathematik, Astronomie, Dichtung und Verskonstruktion sowie das systematische Studium von Talmud und Bebel gelehrt wurde.
Er ging dann nach Lucena, einem Zentrum jüdischer Weisheit und Kultur, wo er bei Rabbi Jitzaq al Fasi die Tora studierte. Als Talmudgelehrter kehrte er nach Tudela zurück und wandte sich, wie alle Gelehrten Spaniens, weltlichen Wissenschaften zu. Neben seinen Dichtungen beschäftigte er sich mit Philosophie, Metaphysik und dem Studium der Medizin.
Er schrieb in hebräischer, arabischer und spanischer Sprache. Es gibt Gedichte für Hochzeiten, Trauerfeiern, Weingelage, über Freundschaft und Kollegialität, Naturschilderungen und Aphorismen, Liebes- und Klagelieder.
So schrieb er auch über seine Liebe zu seiner Frau und seiner Tochter. Über Letztere wissen wir durch eine herrliche Ode, dass sie einen Sohn mit Namen Juda geboren hat. Kaum ein Ereignis fand statt ohne ein Halevi Gedicht. Er versammelte eine brillante Freundesrunde um sich und die Bewunderung seiner Dichtung ging durch das ganze Land.
Der Beruf des Arztes, der ihm auch am Herrscherhof Anerkennung brachte, befriedigte aber seinen schöpferischen Geist nicht, so dass er bei der Dichtung blieb. Die Rhythmik der Verse und der sprachliche Reichtum seiner Ausdrucksweise brachten ihm die Bewunderung der Schriftsteller seiner Generation ein.
Die Unbekümmertheit in seinem dichterischen Werk fand jedoch ein jähes Ende, als sich die politische und religiöse Lage in Westeuropa und auf der Iberischen Halbinsel änderte und sich auf das Leben der Juden dort höchst ungünstig auswirkte. Es war die Rivalität zwischen Christen und Muslimen in Spanien, die einen erbitterten Kampf entfesselte – die so genannte Reconquista.
Die wirtschaftliche Lage der Juden verschlechterte sich rapid, ihr Stand als Bürger des Landes wurde eingeengt. Auch in Mitteleuropa fanden Verfolgungen statt. Schließlich drang die Nachricht nach Spanien von der Besetzung des Heiligen Landes durch rivalisierende christliche und muslimische Eiferer und ihr Bemühen, das Judentum im Lande auszulöschen.
All diese Ereignisse verursachten eine große Veränderung bei Halevi. Von nun an schrieb er keine fröhlichen Lieder mehr (auch unter dem Namen Abul Hasan), sondern nur noch Dichtung, die von religiösen Gedanken und Gefühlen beseelt war. Es entstanden in der Folge religiös-nationale Dichtungen, deren Inhalt sich am besten durch die Umschreibung als ’Zionsslieder’ oder ’Zioniden’ ausdrücken lässt.
Auch Halevi verfasste ein philosophisches Werk. Es ist das Buch ’Kusari’ mit dem Untertitel ’Buch des Beweises und der Argumentation zur Verteidigung der geschmähten Religion’. Es ist abgefasst in Form eines Dialogs zwischen dem König der Chazaren und einem jüdischen Gelehrten und trägt den Charakter einer rechtfertigenden Darstellung des Judentums und seiner Religion.
Hier zitiere ich den bedeutenden Judaisten Jacob Allerhand:
„In einer Welt, in der sich das Nationalbewusstsein gerade erst zu entwickeln begann und noch ganz von religiösen Anschauungen beherrscht war, bildeten die Frage der Auserwähltheit der Juden und das Problem der Aufnahme in das Judentum auf dem Weg der Bekehrung zwei mit einander gekoppelte Welten des selben Problems: der Ehre und des Glaubens des jüdischen Volkes. Überdies legt das Buch Zeugnis von der Existenz der Chazaren und deren Judaisierung ab.“

Über Halevis Tod gibt es keine Berichte. Als Jahr seines Ablebens wird uns 1142 genannt. Ob er seiner Sehnsucht nach Zion Ausdruck verleihen konnte und wirklich noch ins Gelobte Land kam, wissen wir ebenso wenig. Was wir aber wissen, ist die Tatsache, dass manche seiner Gedichte und Lieder in die jüdische Liturgie eingingen.

Moses Maimonides

Nun möchte ich über Mosche Ben Maimon erzählen, bekannt unter dem Namen Maimonides, einem Gelehrten, der alle Arten der Wissenschaft der sephardischen Juden in sich vereinte. Später erhielt er auch den Kurznamen RaMBaM (ein Akronym aus Rabbenu Mosche Ben Maimon).

Leben
Über sein Leben ist uns sehr viel überliefert. Er wurde 1135 in Cordoba geboren und zwar, laut seinem Enkel David’ am 14. Nissan, einem Samstag, im jüdischen Jahr 4895. Maimonides entstammt einer vornehmen Familie. Sein Vater, ein hoch gebildeter Richter, amtierte in der Gemeinde von Cordoba. Er verwendete viel Aufmerksamkeit auf die Erziehung des Sohnes und achtete darauf, dass diese auf den Grundlagen der Tora-Wissenschaft basierte. Schon als Kind fiel Maimonides den Gelehrten durch sein Wissen auf dem Gebiet des Judentums auf.
Nach dem Einfall der muslimischen Almohaden auf der iberischen Halbinsel begann für die Familie ein entbehrungsreiches Wanderleben, während dessen Mosche Maimon aber nicht aufhörte mit seinen Studien der Tora, der jüdischen Wissenschaften, der Medizin, der Geometrie und der Philosophie. Er schrieb bereits Kommentare zum Talmud, eine Abhandlung über den jüdischen Kalender, sowie über Logik und eine Arbeit über den babylonischen Talmud.
Mittlerweile hatte die Familie sich in Nordafrika, im marokkanischen Fes niedergelassen. Die Lage besserte sich nicht. Die auch dort herrschenden Almohaden zwangen die Juden zum Islam überzutreten, oder ihr Judentum im Geheimen auszuüben und den Islam zum Schein anzunehmen. Wie viele andere Juden lehnte auch die Familie Maimon einen Scheinübertritt ab. Mosche zog sich den Zorn der Fanatiker zu wegen seiner Gemeindarbeit und seiner engen Beziehungen zu Scheinübergetretenen und musste im Alter von 23 Jahren die Stadt Fes verlassen.
Er wanderte ins Heilige Land aus, was zu dieser Zeit mit größten Schwierigkeiten verbunden war, denn es war die Zeit der Kreuzfahrer, die dort unumschränkt herrschten und die kleinen jüdischen Gemeinden in Jerusalem, Hebron, Zefat litten nicht nur unter ihrer Armut sondern auch unter den Demütigungen, die sie zu ertragen hatten. Mosche und seine Familie lebten nun im Hause des Rabbi von Akko.
Mit 31 Jahre fasste Maimonides endlich den Entschluss, nach Ägypten zu gehen, wo er sich in Fustat, in Alt-Kairo niederließ, denn hier war die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage für Juden unter der arabischen Herrscherfamilie der Fatimiden hervorragend. Mit seinem jüngeren Bruder baute er ein Handelsunternehmen auf. Sie teilten sich die Arbeit und Maimonides blieb genügend Zeit für seine weitere Beschäftigung mit der Tora und dem gleichzeitigen Studium der Naturwissenschaft und Medizin.
Längst hatte Maimonides eine eigene Familie. Durch den plötzlichen Tod des Bruders fiel ihm nun die Unterhaltssorge für zwei Familien zu. Er wandte sich ganz der Heilkunde zu und machte sich als Arzt einen solchen Ruf, dass Salach ad-Din (Saladin), der im dritten Kreuzzug Israel von den Kreuzrittern erobert hatte, ihn zu seinem Leibarzt ernannte. Seinem Einfluss auf den Sultan war es übrigens zu verdanken, dass Juden wieder in Jerusalem wohnen durften, was ihnen unter der Herrschaft der christlichen Kreuzfahrer verboten war.
Neben seinem Dienste bei Hof bewältigte Maimonides ein großes Arbeitspensum: er war als Gelehrter tätig und war Oberhaupt der jüdischen Gemeinden in Ägypten, wozu ihn Saladin ernannt hatte. Allmählich wurde er zu jener Gelehrtenpersönlichkeit, die unter dem Namen RaMBaM als geistiger Führer anerkannt wurde.
Als auch die Juden im Jemen durch Verfolgungen in Bedrängnis gerieten, entfaltete Maimonides eine umfassende Tätigkeit zugunsten seiner Glaubensbrüder dort, die er dank seines Einflusses am Hofe des Sultans in Kairo bessern konnte und schließlich die religiösen Verfolgungen eingestellt wurden. Als Zeichen der Dankbarkeit nahmen die jemenitischen Juden den ’RaMBaM’ in das Qaddisch-Gebet auf.
Sein großes und vielseitiges Aufgabengebiet verlangte viel von ihm. Aus Briefen an seine Freunde wissen wir, dass er ja den gesamten Hofstaat ärztlich zu betreuen hatte, was ihm allein schon viel Zeit abverlangte. So bat er die Freunde, von Besuchen abzusehen, damit ihm die spärliche restliche Zeit des Tages für seine Schriften bleibe. Auch war seine Gesundheit ziemlich geschwächt.
Das Leben von Maimonides war tief im Judentum verwurzelt. Als er im Winter des Jahres 1204 sein bevorstehendes Ableben voraussah, bat er seinen Sohn, ihn nicht in Ägypten sondern in Eretz Israel zu beerdigen und so wurde er diesem Wunsche entsprechend in Tiberias beigesetzt. Die ganze jüdische Welt betrauerte seinen Tod – in Jerusalem wurde drei Tage lang gefastet und im Gottesdienst wird seither der Vers 22 vom 4. Kapitel des 1. Buches Samuel gelesen: „Fort ist die Ehre aus Israel, denn die Gotteslade ist erbeutet worden.“

Werk
Der Einfluss von Maimonides auf die Entwicklung des Judentums ist unschätzbar.
Rabbiner, die wegen zu starker Anlehnung an die griechische Philosophie kritisiert wurden, gaben als Erklärung dafür, dass sie sich einzig und allein auf Maimonides stützten. Sein großes Verdienst liegt darin, die verschiedenen Strömungen von jüdischem und philosophischem Gesetz zu vereinen.
Man bewundert ihn wegen seiner Objektivität. Lediglich seine Schriften gegen Magie und Hexerei sind recht emotionsgeladen: „Wer intelligent und weise ist, kann an solche Dinge nicht glauben. Wer an sie glaubt, ist entweder ein Narr oder ein Ignorant. Die Bibel hat solchen Glauben an Magie und Hexerei ausdrücklich verboten.“
Beeindruckend ist seine durchaus wissenschaftliche Art des Denkens. Nur aus seinen Briefen erfahren wir von seiner Wärme und großen Menschlichkeit. Sowohl Sprache als auch Logik sind außerordentlich. Viele seiner Zeitgenossen und Schüler haben ihn gebeten, selbst seine arabischen Werke ins Hebräische und umgekehrt seine hebräischen Schriften ins Arabische zu übersetzen, was ihm jedoch aus Zeitmangel nie möglich war.
Da Maimonides alle vorangegangenen Versuche, die traditionellen 613 Gebote zu kommentieren, als nicht ausreichend betrachtete, schrieb er selbst eigene Erklärungen zu den 248 positiven Geboten (’du sollst’) und den 365 negativen Geboten (’du sollst nicht’) unter dem Titel ’Sefer Ha-Mitzwod’. In seiner Einleitung zu diesem Werk zählt er 14 Prinzipien auf, die ihn dazu geleitet haben. Der Urtext in arabischer Sprache existiert leider nicht mehr, und so wird heute die Übersetzung von Moses Ibn Tibbon verwendet.
Maimonides schrieb an diesen Kommentaren zehn Jahre. Gesamtstruktur und Form sind ein kulturelles und historisches Phänomen jüdischer Schriften. Trotz aller Bewunderung wurde aber nicht an Kritik gespart, weil er manchmal vergessen hatte, Quellenmaterial zu zitieren. Übrigens wurden im Laufe der Zeit zu diesem Werk mehr als 300 Kommentare verfasst.
Einhellig ist jedenfalls seine Anerkennung als bedeutendster jüdischer Philosoph des Mittelalters, und sein Buch ’More Nebhukhim’ (’Führer der Irrenden/ Schwankenden’), das in arabischer Sprache geschrieben ist, gilt als wichtigste jüdische philosophische Schrift. Es war kein Buch für die Masse des jüdischen Volkes. Mit diesem wandte er sich vielmehr an die vielseitig Gebildeten seiner Zeit, die sich schwer taten, Glaube mit Wissen und Offenbarung mit Vernunft in Einklang zu bringen.
Der „Führer der Irrenden“ erregte ungeheueres Aufsehen. Muslimische Gelehrte beschäftigten sich mit dem Werk, kommentierten es und priesen den Verfasser als einen der größten und scharfsinnigsten Denker ihrer Zeit.
Schon wenige Jahre nach seinem Erscheinen wurde es ins Lateinische übersetzt. Der bedeutende Kirchenlehrer Albertus Magnus aus Köln nahm es mit großem Interesse auf und verschaffte ihm weite Verbreitung unter den christlichen Gelehrten seiner Zeit.
Überhaupt hatte seine Philosophie Einfluss auf das christliche scholastische Denken. Hier wird er teilweise direkt zitiert und manchmal werden seine Ansichten anonym weiter gegeben. Außer bei dem bereits vorher genannten Albertus Magnus findet man Einflüsse bei Alexander von Hales, Wilhelm von Auvergne, Thomas von Aquin, Meister Ekkart und in neuerer Zeit auch bei Baruch Spinoza und Wilhelm von Leibnitz.


Quellenmaterial

Jacob Allerhand
Das Judentum – Vom Talmud bis zur Aufklärung (Bd. 2)
Verlag Zwi Perez Chajez Schule, Wien (1987)

Salomo Ibn Gabirol
Krone des Königtums
Hrsg. E. Goodman-Thau + Chr. Schulte
Akademie-Verlag Berlin (1994)

Julius Guttmann
Die Philosophie des Judentums
Fourier Verlag Wiesbaden (1985)

Theodor Much
Judentum wie es wirklich ist
Verlag Kremayr & Scheriau, Wien (1997)

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