Arnbom, Marie-Theres

„Grüß mich Gott!“

gruenbaum2Was erinnert heute noch an Fritz Grünbaum, diesen vielleicht bedeutendsten österreichischen Kabarettisten der Zwischenkriegszeit, Operetten-, Revue- und Drehbuchautor, Bühnen- und Filmschauspieler? Ein Flakturm im 6. Wiener Gemeindebezirk, der die Adresse Fritz Grünbaum-Platz 1 trägt. Eine Gasse in Wien-Süßenbrunn im 22. Bezirk. Eine fehlerhafte Gedenktafel am Kabarett Simpl. Einige wunderbare Werkausgaben und ein Lebensbild von Hans Veigl, das anlässlich des 60. Todestages von Fritz Grünbaum im Jahr 2001 erschien, geben uns eine Ahnung, wer dieser große Künstler war. 1998 geriet Fritz Grünbaum wieder in die Schlagzeilen, jedoch nicht auf Grund einer “Wiederentdeckung“, sondern auf Grund der Streitigkeiten um die ungeklärten Besitzverhältnisse eines in den USA beschlagnahmten Schiele-Bildes aus seinem Nachlass.

 

 

Fritz Grünbaums Lebensweg begann in der mährischen Hauptstadt Brünn im Jahre 1880. Dort verlebte Franz Friedrich, wie sein Vorname offiziell lautete, mit seinen Eltern, Brüdern Rudolf und Paul und seiner Schwester Lilly eine unbeschwerte Jugendzeit. In „Das Baby Grünbaum“ lässt uns Fritz Grünbaum an seinen Anfängen teilhaben:

“Achtzehnhundertachtzig, am sieb’ten April,
Montag, wenn man’s genau wissen will,
Hab’ ich, vom Schöpfer der Erde geschickt,
Wie man sagt, “das Licht der Welt erblickt.
[...]
Doch als man dann schließlich zu End’ hat gerauft,
Hat man mich feierlich ’Friedrich’ getauft.
Das heißt, ’getauft’ ist nicht richtig zu sagen,
Man gab mir einfach den Friedrich zu tragen.
Man gab mir den Namen nach unseren Sitten,
Das heißt, man hat mir – die Sache beschnitten,
Versteh’n Sie mich richtig, das ist kein Witz,
Man hat mir verkürzt den ’Friedrich’ in ’Fritz’.“

Nach der Matura verließ Grünbaum seine Heimatstadt und brach in die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien auf. Er inskribierte am 4. Oktober 1899 an der Juridischen Fakultät der Universität Wien (1). In seiner gestochen scharfen Handschrift, die er bis zum Ende behalten sollte, füllte er die wesentlichen Details aus: Als Beruf des Vaters gab er “Kunsthändler“ an, seine erste Adresse in Wien war Czerningasse 4 im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo fast alle jüdischen Zuwanderer landeten. Grünbaum schloss sein Studium am 31. Juli 1903 mit der Ausstellung des Absolutoriums ab. Dies entspricht dem heutigen Magisterium, war also ein gültiger Studienabschluss, der jedoch keinen offiziellen Titel mit sich brachte. Für ein Doktorat, die Voraussetzung einer Rechtsanwaltskarriere, waren Rigorosen notwendig. Um beispielsweise in den Staatsdienst einzutreten, genügte es jedoch, das Studium absolviert zu haben.

Victor Wittner, Chronist berühmter Zeitgenossen, berichtet über Grünbaums weiteren Berufsweg: “Und nun erfährt man, daß er zwischen Matura und Staatsprüfung Journalist war in seiner Heimatstadt; daß er fast bei der Finanzprokuratur und beinahe bei der Wiener Polizei gelandet wäre, nicht als Wachmann, sondern als juristischer Fachmann, und daß er schließlich nur aus Zufall und Gage ein Lachmann geworden ist; man erfährt, daß Grünbaum eine verdächtige literarische Vergangenheit hat, indem er – ein Student – zu Brünn eine Neue Akademische Vereinigung für Kunst und Literatur gründete und Dichter wie Schnitzler, Halbe, Altenberg, ja sogar Liliencron, als Gäste nach Brünn brachte, ja persönlich einführte und einleitete.“(2 )

Am 19. Oktober 1903 las Arthur Schnitzler im kleinen Festsaal des Deutschen Hauses in Brünn. Dieser Lesung war eine lange Vorbereitungszeit vorausgegangen, bereits am 10. Februar hatte Fritz den ersten Kontakt zu Schnitzler hergestellt: An “Euer Wolgeboren, sehr geehrter Herr“ ist der erste Brief im Namen der “Neuen akademischen Vereinung“ gerichtet, der von einem erstaunlichen Selbstbewusstsein zeugt. Schnitzler hatte bereits eine abschlägige Antwort gegeben, doch so leicht ließ sich Fritz Grünbaum nicht abwimmeln. Und er trug dick auf: “Die wenigen großen Österreicher auf dem Parnaß, die wir besitzen, möchten wir doch gerne an unserem Vortragstische begrüßt haben.“ Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln formulierte Fritz aber noch einmal ohne Scheu: “Ohne Ihnen gerade eine Zusage erpressen zu wollen, bitten wir uns eine Erledigung unseres Ansuchens in affirmativer Gestalt.“ (3)

Wien

In Wien verkehrte Fritz in einem Kreis von Schauspielern und wurde Conférencier des neuen Kabaretts Hölle. Diesem Etablissement im Souterrain des Theaters an der Wien, das am 7. Oktober 1906 mit Grünbaums erste Operette Phryne (4) eröffnet wurde, sollte Grünbaum die nächsten Jahrzehnte innig verbunden bleiben. In der Hölle “geschah es einmal, daß ein junger österreichischer Offizier, der in der ersten Reihe saß, während eines Grünbaum-Vortrages eine laute antisemitische Bemerkung machte, die weder der Vortragende noch die Umsitzenden überhören konnten. Grünbaum brach seinen Vortrag ab, stieg vom Podium und klatschte dem Offizier eine Ohrfeige ins Gesicht. Auch dies war weder zu übersehen noch zu überhören und der Geohrfeigte räumte den Platz.“(5) Dieser Vorfall des Jahres 1907 blieb für Fritz Grünbaum jedoch nicht ohne Folgen: “Es muß in Wien jedem bekannt sein, daß ich mich daraufhin mit dem Offizier im Reitlehrinstitut Ungargasse auf Säbel und Pistolen duelliert habe und verwundet wurde.“(6)

1907 gelang Grünbaum der Sprung nach Berlin – bemerkenswert, dass ein junger Wiener Conférencier mit Brünnerisch gefärbter Sprachmelodie auch in der anderen europäischen Kabarettmetropole zum Star aufsteigen konnte. Rudolf Nelson, einer der größten Kabarettmacher der deutschen Metropole, war in Wien auf der Suche nach neuen Talenten für sein Kabarett Chat noir und fand sofort Gefallen an der speziellen Art Grünbaums. Die Wiener waren empört, dass ihnen ihr neuer Liebling nach so kurzer Zeit abhanden kam. Die Berliner wussten noch nicht, welch Talent sie nun in ihrer Stadt begrüßen durften – doch sie sollten es rasch erkennen. “[…] wenn er nicht redete, wirkte er wie ein bemitleidenswertes Geschöpf, ein Nichts, zwischen den Kulissen wie verloren. Aber – wenn er den Mund auftat – ein ’Feuerwerk des Gehirns’, wie Nelson meinte. Schießt pausenlos seine Witzraketen und Bonmots mit überdrehter Logik ins überraschte Parkett. Famose Begabung! Viel zu schade für Wien! Talentsucher Nelson ist begeistert. Grünbaum fast noch mehr, denn er möchte zu gern nach Berlin. Also wird der Kontrakt geschlossen. Das Chat Noir an der Friedrichstraße ist seine erste Berliner Station auf den Weg zum Spitzenconférencier des literarischen Kabaretts, zum Theater- und Filmschauspieler, zum erfolgreichen Autor von Operetten, Revuen, Singspielen, Chansons und Couplets.“ (7)

Es verwundert vielleicht, dass Fritz Grünbaum sowohl in Wien als auch in Berlin so außerordentlich erfolgreich war, konnte man doch den Humor dieser beiden Städte kaum miteinander vergleichen. Und doch schaffte er diesen Spagat: “Berlin lacht über den Witz, der auch dem Verstand entspringt. Wien über den Humor, der aus dem Herzen kommt. Und da ich diesen geistigen Witz und den herzlichen Humor mische, gefalle ich in Wien und Berlin.“, erklärte Grünbaum selbst.

1910 kehrte er nach Wien zurück, nach zwei weiteren Jahren auf der Bühne der Hölle wechselte er in das neu gegründete Bierkabarett Simplizissimus. Hier wie dort befand er sich immer in Gesellschaft der berühmtesten und angesehensten Persönlichkeiten dieser Branche wie Roda Roda, Egon Friedell, Ralph Benatzky und Robert Stolz. Von über 40 Operetten-Libretti bis zu den berühmten gereimten Monologen, über Doppelconferencen, Revuen und mehr als 100 Schlager reicht das umfassende Werk Fritz Grünbaums. Er verfasste Texte für Robert Stolz’ Operette Der Favorit mit dem wunderbaren Schlager “Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ genauso wie für die Kinderoperette Peter und Paul reisen ins Schlaraffenland von Franz Lehár. Schlager, die noch heute vielen Menschen ein Begriff sind wie “Ich hab das Fräul'n Helen' baden sehn“, stammen ebenfalls von Fritz Grünbaum. Doch sein wahres Talent entfaltete er in seinen gereimten Monologen und in den Doppelconférencen, hier konnte er seinen sprühenden Geist in Worte kleiden und das Publikum daran teilhaben lassen. In den Jahren 1905 bis 1915 gab er einen Teil dieser Texte in neun Heftchen “Verlogene Wahrheiten“ heraus, es folgten noch andere Publikationen wie “Liebe? - Mumpitz!“, “Vom seligen Zensor“ und noch viele andere.

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