Erster Weltkrieg

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Fritz Grünbaum wurde, wie so viele andere auch, von der ersten Kriegseuphorie mitgerissen und schrieb u. a. das Lustspiel “Sturmidyll“, das auch noch im selben Jahr uraufgeführt wird. Im Februar 1915 meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Seine militärische Karriere war typisch für die vieler Maturanten und Akademiker. Jüdische Soldaten galten als besonders patriotisch, standen sie doch abseits aller nationalen Bewegungen und waren besonders bestrebt, ihr Österreichertum zu beweisen – als Zugehörigkeitsgefühl zu einer Heimat, deren Übernationalität von der Habsburger-Monarchie repräsentiert wurde. Die besondere Wertschätzung des Kaisers für seine jüdischen Soldaten zeigte sich auch darin, dass sie im Offizierskorps zugelassen waren (8) – einzigartig in Europa!

Nach einer Ausbildungszeit reiste er am 29. März 1916 an die italienische Front nach Trient ab, wo er als Zugsführer an der Südtiroloffensive und im Juli an der 6. Isonzoschlacht beteiligt war. Während der Autor selbst an der Front kämpfte, waren die Grünbaum’schen Texte permanent auf den Wiener Bühnen zu erleben. Simpl, Apollo, Budapester Orpheum, Varietékabarett Gartenbau, Reichshallen, Ronacher – sie alle rissen sich um diese Aufführungen. Viele der Texte sind von den Kriegsgeschehnissen geprägt, offenbar war das Schreiben an der Front für Fritz Grünbaum eine wichtige Tätigkeit, wohl auch, um das Grauen und den Schrecken ein wenig verarbeiten zu können.

Desillusioniert von den schrecklichen Erlebnissen an der Front begann er, seine Eindrücke aufzuarbeiten. Es entstanden ernste, anklagende, pazifistisch geprägte Gedichte, die aus Zensurgründen erst nach Kriegsende publiziert wurden und so gar nicht in das Bild der humoristischen Texte passen, mit denen unser Autor populär geworden war.

20er Jahre

Fritz Grünbaum pendelte zwischen Wien und Berlin, sein Name und seine Person hatten nichts an Anziehungskraft verloren. 1921 kam es zu der Begegnung, die die weiteren Jahre entscheidend prägen sollte: Karl Farkas wurde Blitzdichter im Simplizissimus und bestand den ersten Test durch Grünbaum so bravourös, dass eine Zusammenarbeit die einzig logische Folge war. Die daraus resultierende berühmte Doppelconference wurde zu ihrem Markenzeichen.

Der sächsische Humorist Hans Reimann erinnert sich an einen Auftritt Grünbaums im Kabarett Pavillon: “Es war im Pavillon. Fritzl hielt einen Speech. Da ging das Licht aus. Kurzschluß. Jemand ließ das Flämmchen eines Feuerzeugs leuchten. Ein weiterer setzte seine Taschenlampe in Tätigkeit. Julschi Wiesner, der geschäftliche Direktor, verlangte (mit gedämpfter Stimme, weil’s so dunkel war) eine Kerze. Es war keine aufzutreiben. Fritzl hatte sich, wie gewohnt, an den Flügel gelehnt, die linke Hand in der Hosentasche, mit der rechten seinen humanistisch-juristisch gewürzten Vortrag unterstreichend. Jetzt schwieg er. Als sich der Gäste leichte Unruhe bemächtigte, sprach er tröstend in die Finsternis hinein: ’Es wird sich schon ä Goj finden, der das richtet.’ Und tatsächlich funktionierte die Beleuchtung bald wieder.“ (9)

gruenbaum11924 kehrte Fritz wieder nach Berlin zurück, um im Kabarett der Komiker (Kadeko) zu conferieren. Dieses Kabarett war im selben Jahr von Kurt Robitschek(10) und Paul Morgan(11) gegründet worden. Robitschek hatte seine Karriere im Simpl begonnen und schrieb so wie Grünbaum Libretti und Schlagertexte unter anderem für Robert Stolz. 1924 wurde er als Conférencier ans Berliner Charlott-Kasino engagiert, mit Paul Morgan begründete er die Berliner Doppelconférence. Im selben Jahr wagten es die beiden Künstler, das heruntergewirtschaftete Etablissement Die Rakete zu übernehmen und eröffneten gemeinsam mit Max Hansen am 1. Dezember 1924 das Kabarett unter einem neuen Namen: Das Kabarett der Komiker, kurz Kadeko, war geboren als Versuch, das literarisch-politische Kabarett am Leben zu erhalten. Robitschek und Morgan versuchten dies, indem sie Elemente aus Varieté und Kleinkunst in ihre Programme einbauten und Stars engagierten. Grünbaum trat dort oftmals auf und war auch für die Hauszeitschrift Die Frechheit als Autor tätig.

Mit Paul Morgan verband Fritz Grünbaum eine langjährige Freundschaft: Morgan war während des Ersten Weltkriegs Grünbaums Nachfolger im Simpl gewesen, in Berlin trafen sie immer wieder zusammen und auch der Film verband diese beiden Künstler. 1934 veröffentlichte Morgan sein herrliches Buch Promin-Enten-Teich, in dem Fritz Grünbaum viel Platz gewidmet ist und dieser auch selbst zu Wort kommt: “[…] ich habe in zwanzig Jahren immer wieder herzlich gelacht, wenn ich Dich auf der Bühne sah oder in einer Zeitung eine Arbeit aus Deiner Feder las. Und gewöhnlich bin ich auch dabei nachdenklich geworden, ein untrüglicher Beweis für mich, daß Du ein wahrer Humorist bist, dessen melancholische Heiterkeit nicht nur aus den Verstande, sondern auch aus dem Herzen kommt.“(12)

Dies sind nun die Jahre der Ausstattungsrevue, die, aus Amerika importiert, durch eine lose Aneinanderreihung von Sketches, Ballett und Operettenmelodien geprägt ist. Doch entstehen auch zahlreiche Kabaretts, die jedoch zum Teil nur sehr kurze Zeit überleben - das reichhaltige und vielfältige Angebot bietet jedenfalls in Zeiten wirtschaftlicher Not Ablenkung und Amüsement.

Ein zeitgenössischer Reiseführer befand 1926 die Revue Wien lacht wieder! als durchaus repräsentativ für das Wiener Kulturleben: “Die Nacktheit kommt gegenwärtig nur auf der einzigen Wiener Revuebühne zu ihrem unbestrittenen Recht, auf der des Stadttheaters in der Skodagasse. Es gehört auch zum Marischka-Konzern, war lange ein Passivposten und ist erst heuer, unter der Leitung der zwei witzigsten Wiener Kabarettkomiker Fritz Grünbaum und Karl Farkas hochaktiv geworden, mit einer Revue ’Wien lacht wieder!’, zu der man sich gedrängt hat. Das Geheimnis des großen Erfolgs: Die richtige Mischung von Dekorations- und Kostümluxus, jungen Frauen, alten Witzen, Toilettenmangel und Busenüberfluß. Dazu noch Girls, Tänze, Schlager, alles, was der heutige Sinn begehrt. Dieses Theater hat auch den stärksten Fremdenverkehr, denn bei aller Hochachtung vor dem alten Burgtheater: die junge Busenkultur ist auch nicht zu verachten.“ (13)

Fritz Grünbaum reiste durch Europa, er trat in Leipzig, München, Frankfurt, aber auch in Prag, Karlsbad und Marienbad auf und feierte überall große Erfolge. Er wirkte in mehr als zehn Filmen mit, stand auf der Bühne des Deutschen Volkstheaters und der Kammerspiele in Wien und man vermeint, dass sein Erfolg durch nichts aufzuhalten war. Auch wurde er zu einem begeisterten Kunstsammler, der mit Wissen und Gespür seine Sammlung immer weiter vergrößerte und ausbaute.

Fritz Grünbaum setzte sich mit den politischen Geschehnissen immer stärker auseinander und schrieb ab 19. September 1925 als “Wochenchroniqueur“ für das Wiener Neue 8 Uhr-Blatt eine “Wochenchronik in Versen“. Weltpolitik, Alltagssorgen, Neuigkeiten und Skandale aus der Kunstwelt waren die Themen, die Grünbaum mit spitzer Feder Revue passieren ließ.

Am 20. April 1927, vier Tage vor den Wahlen zu Nationalrat, Gemeinde- und Bezirksrat, erschien am Titelblatt der Arbeiter-Zeitung der Aufruf “Eine Kundgebung für ein geistiges Wien. Ein Zeugnis für die große soziale und kulturelle Leistung der Wiener Gemeinde.“ Unter anderem heißt es darin: “Wesen des Geistes ist vor allem die Freiheit, die jetzt gefährdet ist, und die zu schützen wir uns verpflichtet fühlen. Das Ringen um eine höhere Menschlichkeit und der Kampf gegen Trägheit und Verödung wird uns immer bereit finden.“ Unterzeichner dieses Artikels waren Prominente aus vielen Bereichen, von der Medizin über die Nationalökonomie bis zur Kunst, wie Alfred Adler, Sigmund Freud, Josef Jarno, Hans Kelsen, Wilhelm Kienzl, Alma Mahler, Robert Musil, Alfred Polgar, Franz Salmhofer, Oskar Strnad, Anton Webern, Egon Wellesz, Franz Werfel und eben auch Fritz Grünbaum. Wohl war er nur einer unter vielen klingenden Namen, im Volksmund hieß dieser Aufruf jedoch “Fritz-Grünbaum-Aufruf“.

30er Jahre

Am 7. April 1930 feierte Fritz Grünbaum seinen 50. Geburtstag und schenkte sich selbst ein Büchlein: In “Grünbaum contra Grünbaum“ erhebt er in der Vorrede gegen sich selbst Anklage “wegen gröblicher Beleidigung des guten Geschmacks durch Verbreitung schlecht gemachter und schlecht gedachter eigener Gedichte.“ (14) Das “Gericht“ erkennt schließlich u. a.: “Der Antrag des Beklagten, daß der Kläger an ihm die Götz’sche Forderung erfülle, ist wegen technischer Undurchführbarkeit abzuweisen.“

In “Die Bühne“ erschien am 1. April 1930 ein Geburtstagsartikel (15): “Grünbaum war in Wien und Berlin, in allen Städten, wo es deutsche Kabaretts und deutsche Theater gibt, hat Humor und Lebensklugheit gepredigt, hat Operetten, Lustspiele, Revuen, Couplets und Schlagerlieder ohne Zahl geschrieben. Um nur seine bekanntesten Operetten zu nennen: ’Die Dollarprinzessin’, der ’Zigeunerprimas’, ’Liebeswalzer’, die ’Csikosbaroness’, ’Dorine und der Zufall’, ’Des Königs Nachbarin’. So steht er nun seit 25 Jahren auf dem Brettl und kämpft lachenden Auges gegen Ungeist, Dummheit und Verzopfung….“

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Jänner 1933 waren Auftritte jüdischer Künstler in Deutschland nicht mehr möglich, viele Künstler flüchteten nach Wien, wo das politische Kabarett immer mehr an Bedeutung gewann. Die nationalsozialistische Hetze auf jüdische Künstler verstärkte sich immer mehr. Der Stürmer, das meistgelesene Blatt der Nationalsozialisten, “widmete“ Grünbaum im Juni 1934 einen ganzen Artikel, illustriert mit einer unkenntlichen Karikatur. Der Ausruf “Hütet Euch vor dem Gezeichneten!“ (16) krönte einen Hetzartikel in übelster nationalsozialistischer Diktion.

Noch wiegte man sich in Wien in Sicherheit - wie so viele andere meinte auch Fritz Grünbaum, “ich hab doch keinem Menschen was getan, warum sollte mir jemand etwas tun?“ Er schrieb und spielte weiter, das Publikum war ihm gewiss und verlangte nach immer neuen Werken. Das 25-jährige Bestandsjubiläum des Simpl wurde am 12. November 1934 selbstverständlich mit einer Revue der beiden Lieblinge begangen: Robinson Farkas auf der Grünbauminsel.

Am 29. Februar 1938 hatte die letzte Grünbaum-Farkas Revue Premiere, ihr war nur eine Laufzeit von knapp zwei Wochen beschieden: Metro Grünbaum – Farkas’ höhnende Wochenschau war der Schlusspunkt einer Karriere, die sich gerade am strahlenden Höhepunkt befand. Sie war der Schlusspunkt der Freiheit Österreichs und vieler Bürger dieses vermeintlich sicheren Landes. Und der Schlusspunkt der glänzenden Karriere des Fritz Grünbaum.

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