1938. Das Ende

Grünbaum hatte sich unbeirrt bis zuletzt politisch geäußert und nicht von der immer bedrohlicheren politischen Entwicklung einschüchtern lassen. Vielleicht eine grobe Fehleinschätzung der Lage, doch war er nicht der einzige politisch denkende Mensch, der sich dieses kommende Grauen des nationalsozialistischen Regimes nicht auszudenken vermochte.

Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich versuchte er gemeinsam mit seiner Frau Lilly in die Tschechoslowakei zu flüchten, was jedoch misslang. Fritz wurde zuerst im Gefängnis auf der Elisabethpromenade (heute Rossauerlände), dann in einem Behelfsgefängnis in einer Volksschule in der Karajangasse (20. Bezirk) inhaftiert. In der Karajangasse befindet sich heute ein Gedenkraum. Grünbaum war nicht auf Grund seiner “Rasse“, sondern wegen seiner “politischen Unzuverlässigkeit“ ein verhasster Feind der Nationalsozialisten. Dass er wie so viele andere Regimegegner “auch“ jüdisch war, war in dieser ersten Verhaftungswelle – noch – zweitrangig. Fritz Grünbaum hatte sich gemeinsam mit Karl Farkas in seinen Doppelconferencen unverblümt über die Entwicklungen in Deutschland lustig gemacht, so im Winter 1937/38 in Nordlicht, Nordlicht, aber sonst wenig Licht:

“Grünbaum: Du meinst das Nordlicht? Gott sei Dank, daß es nur einen Tag gedauert hat! Ein schrecklicher Gedanke, daß jetzt der Himmel auch schon aufgenordet würde!
[…]
Farkas: Also paß auf: Der Vorhang hebt sich, es ist stockdunkel, von der Bühne sieht man zunächst gar nichts.
Grünbaum: Aha! Du meinst die ’Deutsche Bühne’. Von der sieht man gar nichts, aber man hört viel von ihr –“ (17)

Auch der kolportierte legendäre Grünbaum-Satz während eines Stromausfalls – “ich sehe gar nichts, absolut nichts, da muß ich mich in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben.“ (18) – steigerte den Hass der Nationalsozialisten.

Am 24. Mai 1938 wurde Fritz Grünbaum gemeinsam mit Hermann Leopoldi, Paul Morgan und Fritz Löhner-Beda ins Konzentrationslager Dachau, am 23. September 1938 weiter nach Buchenwald deportiert. Er trat den nationalsozialistischen Torturen mit seinen Mitteln entgegen: Er conferierte “zum Beispiel wie er das Tausendjährige Reich zu besiegen gedenkt oder daß der völlige Mangel und das systematische Hungern das beste Mittel gegen die Zuckerkrankheit sei.“ (19) Als ihm ein KZ-Aufseher ein Stück Seife verweigerte, kommentierte Grünbaum dies mit den Worten: “Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten.“ (20)

Am 4. Oktober 1940 wurde Fritz Grünbaum wieder nach Dachau zurücktransportiert. Sein Gesundheitszustand war beängstigend schlecht, trotzdem trat er zu Silvester 1940 vor seinen Kameraden auf. Der deutsche Kabarettist Karl Schnog berichtet, Grünbaum sei als “der einstige prominente Conférencier“ angesagt worden, doch widersprach Grünbaum: “’Ich bitt’ euch, nicht der Fritz Grünbaum spricht zu euch, sondern nur eine Nummer … (und er nannte seine Lagernummer), die euch am letzten Tag des Jahres ein wenig Freude bereiten will.’ Es war wie ein Wunder: Der zermürbte kleine Mann lebte auf, wurde temperamentvoll und witzig wie einst und sprach, spielte, sprudelte Versscherzchen: ’Das Baby Grünbaum’ und ’Ich möcht’ ein Engerl sein!’ Dann erzählte er noch ein paar derbe Witze und – fiel wieder in sich zusammen.“ (21) Am 14. Jänner 1941 starb Fritz Grünbaum – “abgegangen an Herzlähmung“, wie der Totenschein weismachen will, doch entkräftet durch Tuberkulose, zermürbt von den Demütigungen und gebrochen von den Misshandlungen.

Lilly Grünbaum wurde in Wien aus einer Wohnung in die nächste vertrieben: Am 15. Juli 1938 musste sie die Wohnung in der Rechten Wienzeile 29 nach 12 glücklichen Jahren verlassen, die Kunstsammlung, die Bibliothek und viele unwiederbringliche Erinnerungen blieben zurück, wurden gestohlen und in die ganze Welt zerstreut. Lilly fand Unterschlupf bei ihrer Freundin Elsa Klauber im 19. Bezirk, Hofzeile 27. In dieser Wohnung waren Fritz und Lilly oft zu Gast gewesen, doch die Erinnerungen an fröhliche Stunden wurden nun überschattet von Hiobsbotschaften und zwecklosen Bemühungen, der Verfolgung zu entkommen. Lillys Odyssee führte über eine Wohnung im Kaasgraben 15 (19. Bezirk) in die Innenstadt. Dort wurde sie in so genannte “Sammelwohnungen“ gepfercht, zu in der Marc Aurelstraße 5/7, zuletzt in unmittelbarer Nachbarbarschaft des Gestapo-Hauptquartiers. Am 5. Oktober 1942 wurde Lilly Grünbaum gemeinsam mit ihre Freundin Elsa Klauber ins Konzentrationslager Maly Trostinec deportiert. Sie starb vier Tage später, am 9. Oktober 1942.

Die Autorin ist Historikerin und Autorin in Wien

 

 

Anlässlich des 125. Geburtstages von Fritz Grünbaum am 7. April 2005 sind zahlreiche Veranstaltungen geplant:

 

- Ausstellung von 17. Februar bis 8. Mai 2005 im Österreichischen Theater­museum ( www.theatermuseum.at) und im Herbst 2005 im Mährischen Landesmuseum Brünn; Kuratoren: Dr. Marie-Theres Arnbom und Mag. Christoph Wagner-Trenkwitz

- Das Buch zur Ausstellung erscheint im Verlag Christian Brandstätter.

- Grünbaum-Soiréen in der Volksoper Wien am 13. und 17. Februar 2005. Gestaltung und Präsentation: Christoph Wagner-Trenkwitz. Die Soirée am 13. Februar es ist eine Benefizveranstaltung zugunsten der Gesellschaft der Freunde der Universität Tel Aviv.

- Filmretrospektive des Filmarchiv Austria im Wiener Metro-Kino im März 2005 (http://www.filmarchiv.at)

 


Anmerkungen

1) Nationalien der Universität Wien, 1899 ff.
2) Victor Wittner, Zeitgenossen: Fritz Grünbaum, ca. 1930, zit. bei Pierre Genée, Fritz Grünbaum. Eine biographische Skizze. In: Marcus G. Patka und Alfred Stalzer (Hg.), Die Welt des Karl Farkas (Wien 2001), S. 55
3) Brief von Fritz Grünbaum an Arthur Schnitzler, 10. Februar 1903, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Bestand A. Schnitzler HS.1985.1.3240, 1-5
4) Koautor Robert Bodanzky, Musik: Edmund Eysler
5) Martin Rathsprecher, Der Philosoph des Herzens. In: Der Abend, 7.4.1955, S. 6
6) Fritz Grünbaum an Robert Stricker. In: Die Neue Welt, 19.8.1932, S. 8
7) Helga Bemmann, Berliner Musenkinder-Memoiren. Eine heitere Chronik von 1900–1930 (Berlin 1987), S. 64 f.
8) István Deák, Der k. (u.) k. Offizier 1948–1918 (Wien 1991), S. 207 f.
9) Hans Reimann, Mein blaues Wunder. Lebensmosaik eines Humoristen (München 1959), S. 337; zit. bei Veigl 2001 (zit. Anm. 19), S. 43 f.
10) Geboren 1890 in Prag, gestorben 1950 in New York. 1933 musste Robitschek aus Deutschland flüchten und kehrte nach Wien zurück. 1938 floh er in die USA, wo er vergeblich versuchte, das Kadeko am Broadway neu zu gründen. Unter dem Namen Ken Robey fand er schließlich als Agent sein Auskommen. Näheres siehe Klaus Budzinski, Hermes Handlexikon. Das Kabarett (Düsseldorf 1985), S. 212 f.
11) Paul Morgan (eigentlich Georg Paul Morgenstern) wurde 1886 in Wien als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Schon früh zog es ihn zur Schauspielerei, er schuf sich außerdem ein zweites Standbein im Filmgeschäft, das ihn 1930 sogar nach Hollywood führte. In Wien und Berlin war Morgan als witziger und geistreicher Conférencier beliebt und bekannt, auch als Librettist machte er sich einen Namen (Axel vor der Himmelstür, Musik Ralph Benatzky, feierte 1936 im Wiener Theater an der Wien einen triumphalen Erfolg). 1938 wurde er nach Dachau und Buchenwald deportiert, wo er am 10. Dezember 1938 umkam.
12) Paul Morgan, Promin-Enten-Teich. Abenteuer und Erlebnisse mit Stars, Sternchen und allerlei Gelichter (Berlin–Leipzig–Wien 1934), S. 190
13) Ludwig Hirschfeld, Was nicht im Baedeker steht. Wien und Budapest (München 1927) S. 98
14) Fritz Grünbaum, Grünbaum contra Grünbaum (Wien 1930), S. 5
15) Die Bühne, 7. Jg., 1.4.1930, S. 52, gezeichnet mit R. K.
16) Der Stürmer, 2.6.1936
17) Zit. in Die Hölle im Himmel und andere Kleinkunst (Wien 1985), S. 248 ff.
18) Zit. bei Georg Markus, Karl Farkas (Wien 1983), S. 131
19) Ulrich Liebe, Verehrt – Verfolgt – Vergessen (Weinheim 1992), S. 121
20) Zit. nach Pierre Genée und Hans Veigl (Hg.), Fritz Grünbaum, Die Schöpfung und andere Kabarettstücke (Wien – München 1984), S. 228
21) Karl Schnog, Das Ende eines Spaßmachers. In: Helga Bemmann (Hg.), Mitgelacht – dabeigewesen. Erinnerungen aus sechs Jahrzehnten Kabarett (Berlin 1967), S. 316 f.

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