Himmelbauer, Markus und Schulmeister, Paul

Zeichen und Zusammenarbeit

 

Christlich-jüdische Beziehungen in Österreich bauen auf Symbole und konkrete Initiativen

judenplatz3Papst Benedikt XVI. trifft bei seinem Besuch in Österreich Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Gemeinde an einem besonderen Ort: auf dem Judenplatz in Wien, einem Brennpunkt der Geschichte jüdischen Lebens. Er gibt Zeugnis von Verfolgungen, deren Ursache Hetze und Missgunst der Christenheit waren. Doch dort wird auch sichtbar, dass sich die Haltung der Kirchen gewandelt hat. Die Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen steht gerade in Wien mit der einstmals drittgrößten jüdischen Gemeinde weltweit beispielhaft für die theologische Entwicklung der Kirche.

Man schrieb das Jahr 1421, als es im Zentrum Wiens unweit von St. Stephan zu einem schrecklichen Pogrom kam. 200 Jüdinnen und Juden starben in der Synagoge auf dem Judenplatz den Märtyrertod. Sie hatten sich in das Gotteshaus eingeschlossen und es in Brand gesteckt, um der Zwangstaufe zu entgehen. Eine Inschrift auf dem Jordanhaus, Judenplatz 2, einige Generationen später vom Ende des 15. Jahrhunderts, verherrlicht dieses Ereignis. Dadurch sollten die „furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde“ gesühnt werden: „So sind durch das Wüten des Feuers alle Strafen verbüßt.“
Als man in den neunziger Jahren auf dem Judenplatz das Mahnmal für die Opfer der Schoa plante, stieß man auf die verschütteten Grundmauern der mittelalterlichen Synagoge und beschäftigte sich genauer mit der Geschichte dieses Ortes. Der vor kurzem verstorbene unvergessliche Gründer des „Jewish Welcome Service“, Leon Zelman, bat damals den Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn, diese Schmähschrift zu korrigieren. Das Konzil hatte ja 1965 in seinem Dekret „Nostra Aetate“ dem kollektiven Gottesmordvorwurf – die „Verbrechen“, auf die die Jordan-Tafel anspielt – eine eindeutige Absage erteilt und damit in einer historischen Weichenstellung das Verhältnis zu den Juden auf eine völlig neue Grundlage gestellt.
So entstand ein Text, der 1998 auf dem Haus Judenplatz 6 von Kardinal Franz König enthüllt wurde. Dort wird seither öffentlich gesagt, dass christliche Prediger abergläubische judenfeindliche Vorstellungen verbreiteten und somit gegen die Juden und ihren Glauben hetzten. Die Christen Wiens hätten dies gebilligt und seien zu Tätern geworden. „Heute bereut die Christenheit ihre Mitschuld an den Judenverfolgungen und erkennt ihr Versagen. ‚Heiligung Gottes’ kann heute für die Christen nur heißen: Bitte um Vergebung und Hoffnung auf Gottes Heil.“
„Ich bin froh, dass es keine ausdrücklich katholische Stellungnahme ist“, mein Helmut Nausner, früherer Superintendent er evangelisch-methodistischen Kirche und Präsident des österreichischen Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit: „Die Verachtung des Judentums in der Theologie gehört zur Geschichte jeder Kirche.“

Gräben und Brücken

Es ist eine wahrhaft lange Entwicklung, die von den einst erfundenen Vorwürfen an die Juden, sie schändeten Hostien oder verübten Ritualmorde, über die zahllosen Pogrome und den Antisemitismus der Neuzeit bis zu den heutigen christlich-jüdischen Beziehungen geführt hat. Diese Beziehungen haben durch die bahnbrechende Konzilserklärung „Nostra Aetate“ von 1965 die Grundlage für eine bessere Zukunft erhalten. Diese Erklärung annullierte den uralten Gottesmord-Vorwurf an die Juden und verurteilte den „christlichen“ Antisemitismus.
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert befand sich in Wien eine der weltweit größten jüdischen Gemeinden. Sie unterhielt vielfältige Kontakte zur christlichen Umwelt. Rabbiner wie Samuel Bloch, Zwi Perez Chajes oder Lajos Venetianer in Budapest beschäftigten sich auch mit Themen aus dem Neuen Testament. Doch auf Seiten der Kirche bestimmten Distanz oder offene Gegnerschaft die Haltung. Politische Heimat der meisten Katholiken war die Christlichsoziale Partei, deren Wiener Bürgermeister Lueger mit klarem Antisemitismus auf Wählerfang ging. Auch einige Kirchenvertreter wie der Wiener Pfarrer Josef Deckert oder der Jesuitenpater Heinrich Abel verbreiteten antisemitisches Gedankengut.
In der Zwischenkriegszeit waren es nur wenige Katholiken, wie Irene Harand und der vom Judentum zum Katholizismus konvertierte und zum Priester geweihte Johannes Österreicher, die auf die Gefahr des Antisemitismus aufmerksam machten. Beide mussten 1938 nach dem „Anschluss“ ins Exil gehen. Österreicher wurde nach dem Krieg in den USA Gründer des weltweit ersten Instituts für jüdisch-christliche Studien und engagierter Betreiber der katholisch-jüdischen Erneuerung auf dem Konzil.
In den dreißiger Jahren war auch die lutherische Schwedische Mission in der Wiener Seegasse im christlich-jüdischen Verhältnis engagiert: Sie lud regelmäßig zu Vorträgen über religiöse Themen aus christlicher und jüdischer Sicht ein.
Nach dem so genannten „Anschluss“ 1938 verhalfen die Schwedische Mission und die anglikanische Kirche vielen Jüdinnen und Juden zur Emigration. Die „Hilfsstelle für nicht arische Katholiken“, die Kardinal Innitzer im erzbischöflichen Palais eingerichtet hatte, konnte während der gesamten Kriegszeit bestehen. Die Pflege christlicher Gräber auf dem jüdischen Friedhof, Zentralfriedhof Tor IV, aus jener Epoche ist heute eine Initiative des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Der 2007 verstorbene Judaist Kurt Schubert war eine zentrale Persönlichkeit für alle christlich-jüdischen Verständigungsbemühungen im Österreich der Nachkriegszeit – bis hin zur Gründung eines jüdischen Museums in Eisenstadt. Schon 1956 nahm Schubert mit der Gründung des „Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ – zunächst als Arbeitsgruppe der katholischen Friedensbewegung Pax Christi – die Themen des Konzils vorweg. Für ihn hatten die bleibende Erwählung des Volkes Israel und die Ablehnung jeglicher kollektiver jüdischer Schuld am Tod Jesu bereits selbstverständliche theologische Geltung. Richtung weisend ist seine damalige Entscheidung, dieses Komitee auf eine ökumenische Basis zu stellen: Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen und Mitglieder der jüdischen Gemeinde arbeiten hier gleichberechtigt zusammen.
Zur selben Zeit legte Felix Propper als Pfarrer der Schwedischen Mission den Grundstein zu einem Verständnis christlich-jüdischer Zusammenarbeit, das von einer Missionierung der Juden Abstand nimmt. Von dort zieht sich eine Linie zur Generalsynode 1998 der Evangelischen Kirchen A und HB in Österreich. „Da der Bund Gottes mit seinem Volk Israel aus lauter Gnade bis ans Ende der Zeit besteht, ist Mission unter den Juden theologisch nicht gerechtfertigt und als kirchliches Programm abzulehnen“, heißt es in der dort verabschiedeten Erklärung „Zeit zur Umkehr“. Daneben werden darin die Spätschriften Luthers und deren Forderung nach Vertreibung und Verfolgung der Juden klar zurückgewiesen: „Wir verwerfen den Inhalt dieser Schriften.“

Grundpflicht der Christen

Bildungsarbeit ist ein seit jeher eine besondere Zielsetzung des Koordinierungsausschusses. Ein Memorandum zur „Darstellung des Judentums in der Katechese“ wurde Anfang 1965 verfasst: „Ein von den Voraussetzungen des Alten Bundes isoliertes Christentum wäre undenkbar und häretisch“, schrieb Professor Schubert damals programmatisch an Kardinal König.
Nach der Schoa suchte die Kongregation der Sionsschwestern ein neues Selbstverständnis, weg von der Judenmission hin zum christlich-jüdischen Dialog. Eine Schwester aus jeder Provinz sollte daher für das Gespräch zwischen Juden und Christen ausgebildet werden. In Wien war dies Sr. Hedwig Wahle. 1967 eröffnete sie das „Informationszentrum im Dienst der christlich-jüdischen Verständigung“ IDCIV und legte den Grundstock einer heute umfangreichen Bibliothek.
Als führende Mitglieder des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs übernahmen Prof. Schubert, die Historikerin Erika Weinzierl und Msgr. Otto Mauer die Themenführerschaft für den christlich-jüdischen Dialog: eine unersetzliche Aufgabe innerhalb der Kirche und innerhalb der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ). Bei der Wiener Diözesansynode 1971 entwarfen diese Persönlichkeiten und Sr. Hedwig ein Leitbild für die christlich-jüdische Zusammenarbeit: „Christen und Juden sind Zeugen des lebendigen Wortes Gottes und des Heilswirkens Gottes geworden. … Mit sicherem Glauben halten wir fest, dass der Neue Bund in Christus die Verheißungen des Alten Bundes nicht außer Kraft gesetzt hat, wie der Apostel Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefes sagt. Im Lichte dieses Textes sind auch alle übrigen sich auf Israel beziehenden Stellen des Neuen Testaments sachgemäß zu interpretieren.“ Dieser Text wurde ohne Gegenstimme angenommen, ebenso wie der abschließende Appell: „Die Kirche von Wien erwartet von den Katholiken, dass sie nichts unversucht lassen, um die zwischen ihnen und den Juden bestehende und durch traditionelle Missverständnisse genährte Entfremdung zu überwinden.“
Damit dies keine leeren Worte bleiben, hat Kardinal König immer wieder in diesem Sinn Stellung bezogen. Als junger Kaplan war  König selbst von der Gestapo verfolgt bzw. verhört  worden. Wegweisend waren seine Worte, die er zum Auftakt des „Bedenkjahres“ 1988 (50 Jahre „Anschluss“) fand. Bei einem Vortrag zum Thema „Aus der Geschichte lernen – Kirche und Politik 1938/ 1945/ 1988“ sagte der Wiener Alterzbischof im September 1987 vor der Herbstkonferenz der KAÖ in St. Pölten: „Als  katholische Christen müssen wir eingestehen, dass auch kirchliche Kreise Schuld auf sich geladen haben, als sie einem religiös verbrämten  Antisemitismus Raum gaben. Denn jene Geisteshaltung der Feindschaft gegen  Judentum oder jüdische Menschen war eine der Voraussetzungen dafür, dass die vom NS-System in Gang gesetzte Massenvernichtung der Juden auf einen zu geringen Widerstand stieß.“ Aus beschämter Betroffenheit heraus habe man nach 1945 gerade im kirchlichen Bereich damit begonnen, den Schutt des so genannten christlichen Antisemitismus wegzuräumen.
Diese nicht immer leichte Arbeit ist vorangekommen, aber noch längst nicht zu Ende - weder politisch (da es auch heute in der Öffentlichkeit immer wieder zu antisemitischen „Ausreißern“ kommt) noch in der Glaubenspraxis von Christen, denen das Paulus-Wort noch nicht genügend klar ist: „Nicht du trägst  Wurzeln – die Wurzel trägt dich.“ (Röm 11,18) Es ist so, wie Papst Johannes Paul II. 1998 in seiner Europarede in der Wiener Hofburg sagte: „Die Aussöhnung mit dem Judentum gehört zu den Grundpflichten der Christen gerade in Europa.“

Erneuertes Selbstverständnis der Kirchen

Ausgelöst durch antisemitische Begleiterscheinungen während der „Affäre Waldheim“ trieb die die KAÖ zwischen 1986 und 1988 mit einer Serie viel beachteter Spitzenbegegnungen „Schalom für Österreich“ die christlich-jüdischen Verständigungsbemühungen voran. Ein Arbeitskreis der KAÖ bemühte sich um die Verwurzelung dieses Anliegens an der „Basis“ mit dem Ziel, Wissensmängeln und Vorurteilen zu begegnen. Auch auf Grund dieser Anstöße gibt es bis heute in mehreren Diözesen Österreichs regelmäßige christlich-jüdische Begegnungen.
Manche christlich-jüdischen Initiativen weltweit haben sich inzwischen dem abrahamischen Dialog – Juden, Christen und Muslime – geöffnet. Präsident Nausner möchte die Aufgaben des Koordinierungsausschusses nicht gegen andere Bemühungen des interreligiösen Dialogs ausspielen: „Die Notwendigkeit der Beschäftigung mit dem Islam ist heute offensichtlich“, meint er: „Doch gibt es zwischen Christen und Juden noch genügend Themen abzuarbeiten. Wir möchten mit unserer Arbeit auf die bleibende Notwendigkeit allein christlich-jüdischer Annäherung hinweisen.“ Denn noch sei man von einem Bewusstsein der Kirchen deutlich entfernt, zu dem der Apostel Paulus im Römerbrief die Gläubigen aufrufe: „Ihr Heiden, freut euch mit seinem Volk!“ (Röm 15,10)
Zur Umsetzung dieses Gedankens begeht der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich den 17. Jänner als „Tag des Judentums“. Dieses symbolische Datum am Vortag der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen soll an die Wurzel erinnern, die alle christlichen Konfessionen verbindet. Welche Aufgaben sich dabei für die Kirchen stellen, bringt der Ökumenische Rat der Kirchen in seiner Botschaft zum Christentag 1999 auf den Punkt: „Wir beten, dass alle Kirchen erkennen, dass der Heilsweg des Ersten Testaments weiterhin gültig ist und so mit allen Formen des Jahrhunderte alten Judenhasses brechen.“
Als ein Schritt dazu findet jährlich am 9. November in der Ruprechtskirche der ökumenische Gedenkgottesdienst „Mechaje Hametim – Der die Toten auferweckt“ statt. Das Gedenken an das Novemberpogrom 1938 findet stets seinen Abschluss bei einem Schweigemarsch zum Mahnmal für die jüdischen Opfer der Schoa auf dem Judenplatz.
Wir sind nun wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückgekehrt. Im Haus Judenplatz 8 führen die Synagoge und Tora-Schule des Misrachi die lange Tradition jüdischen Lebens an diesem Ort fort. Ein Grund zur Freude auch für die Kirchen. Sie haben heute die Theologie der Verachtung des Judentums abgelegt und begrüßen ein wachsendes jüdisches Leben: „Wir sind dankbar, dass ... die Zahl jüdischer Gemeinden in vielen Ländern Europas wächst“, sagen sie 1997 im Schlussdokument der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz.
Die Zeiten von 1421 und 1938 sind vorbei.

Markus Himmelbauer ist Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Paul Schulmeister ist freier Journalist und Präsident des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs (KAVÖ).

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