Hribernig, Valentino

„Das Hostienwunder in Wolfsberg“

 

Die kürzlich in Kraft getretene Rechtschreibreform macht nicht nur die orthographische Überarbeitung zahlreicher im Schulunterricht eingesetzter Bücher erforderlich: Sie führt im Fall des “Kärntner Sagenbuches“ von Matthias Maierbrugger (erschienen im Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt – seit 1970 bereits in 7. Auflage) auch zu der längst fälligen Eliminierung einer Hostienschändungsgeschichte. Diese geht zurück auf das 1338 erfolgte Pogrom gegen die jüdische Gemeinde von Wolfsberg/ Kärnten und enthält alle typischen Merkmale ihres literarischen Genres – wenngleich sie als 1970 niedergeschriebene in der jetzigen Fassung wohl (hoffentlich) die späteste ihrer Art sein dürfte.

Anschein historischer Recherche

Der Autor, ein einstmals hoch angesehener Repräsentant des Pflichtschulwesens aus Oberkärnten, weist auf seiner eigenen Homepage darauf hin, dass sein Buch “zur Standardliteratur des Deutschunterrichts in Kärntner Volksschulen, Hauptschulen und Unterstufen“ gehört. Der pädagogischen Funktion seiner Sagensammlung zum Trotz berichtet er in der Geschichte “Das Hostienwunder von Wolfsberg“ vom Versuch eines Mönchs aus dem Wolfsberger Minoritenkloster, die Juden, welche zu jener Zeit “die Hälfte der Stadt“ (sic! – alle kursiv gedruckten Textpassagen bezeichnen Zitate aus dem Sagenbuch) bewohnt hätten, zu bekehren. Ohne auf die tatsächlichen Ereignisse rund um das Pogrom von 1338 einzugehen, fügt der Erzähler die Jahreszahl historisch penibel recherchierend in den Text ein.

Damals hätten die Juden Beweise für die Gegenwart Christi im Altarsakrament verlangt, woraufhin der unbedarfte Missionar allerlei eucharistische Kunststücke vorgeführt und schließlich den nicht überzeugten Juden für eigene Versuche drei Hostien ausgehändigt haben soll. “Die Juden begannen die Hostien in frevelhafter Absicht zu untersuchen. Sie warfen sie auf einen Tisch und stachen mit Messern und anderen Gegenständen nach ihnen; sogleich floss Blut aus den Hostien.“ Daraufhin versuchen die Juden, die Hostien zu verbrennen (die Hostien fliegen aber aus dem Feuer weg zurück auf den Tisch), und werfen sie schließlich in den Lavant-Fluss, um die Spuren ihres Frevels zu verwischen, was – wenig überraschend – natürlich nicht gelingt. Der herbeigeholte Abt des Benediktinerstifts von St. Paul kann die Hostien nach dreitägigem Fasten bergen und sie anschließend zur weiteren Anbetung in eine Monstranz fassen. “Den bösen Juden aber machte man den Prozess. 70 Juden wurden hingerichtet, die anderen mussten Wolfsberg verlassen. Das Minoritenkloster wurde aufgehoben, weil ein Mönch desselben die Hostien den Juden ausgeliefert hatte. Als es später abgebrannt war, wurde es allerdings wieder aufgebaut und von neuem den Minoriten übergeben. Das Gebäude aber, in dem die Juden die Hostien misshandelt hatten, wurde in eine Kirche “Zum heiligen Blut“ umgebaut. Diese ist erst vor wenigen Jahrzehnten dem Bau des neuen Rathauses zum Opfer gefallen. Bilder jener Kirche sieht man heute noch im Rathaussaal und in der Dreifaltigkeitskirche“, während der Stein, bei dem die Juden die Hostien in die Lavant geworfen haben sollen, “später der Judenstein genannt“ worden ist.

Germanisch-mythologisierendes Geschichtsbild

Das Kärntner Sagenbuch ist als Ganzes betrachtet nun in der Tat nichts anderes ist als eine nette, literarisch wenig anspruchsvolle Zusammenstellung von Sagen aus verschiedenen Gegenden Kärntens, und sein pädagogischer Wert lässt sich grundsätzlich nachvollziehen. Wieso der Autor allerdings meinte, unter diese Sagen immerhin dreißig Jahre nach dem Holocaust völlig unreflektiert die Legitimationserzählung für das Pogrom von 1338 aufnehmen zu müssen, lässt sich nur erahnen: Sein am Ende der Geschichte geäußertes Bedauern, dass die Heilig-Blut-Kirche als Denkmal des Hostienfrevels nicht mehr vorhanden ist, mag als ein Indiz dafür gelten, dass es ihm selbst an jeder Sensibilität für die historischen und moralischen Dimensionen dessen fehlt, worüber er schreibt.

Dasselbe gilt für den Stil und die Formulierungen, die er für seine Darstellung wählt. Ein Hinweis auf die ideologische Grundeinstellung, die der gesamten Sammlung zugrunde liegt, findet sich schließlich im Geleitwort des Autors, in dem er bekennt, dass er “keinen würdigeren Anlass für das Erscheinen dieses Sagenbuches als das 50. Jahr der siegreichen Volksabstimmung im Kärntner Unterlande, die die Freiheit und Unteilbarkeit unseres begnadeten Landes besiegelt hat“, zu nennen weiß. So stehen Maierbrugger und sein Sagenbuch, bei aller Unbedenklichkeit der anderen Sagen, also als ein Symptom für die in der Kärntner Lehrerschaft vom 19. bis weit ins 20. Jahrhundert tief verwurzelten liberal-deutschnationalen (und weitgehend antiklerikalen) Gesinnung.

Dem selben Geist war schon die ältere und “wissenschaftlichere“ Sagensammlung Georg Grabners entsprungen (auf die sich Maierbrugger im Geleitwort explizit bezieht), der in seiner Eigenschaft als Schulinspektor für die flächendeckende Verbreitung eines germanisch-mythisierenden Kärntner Geschichtsbildes maßgeblich verantwortlich zu machen ist. So ist also die Berücksichtung der Hostienfrevel-Geschichte in Maierbruggers Sammlung nicht wirklich ein Irrläufer in seinem Gesamtkonzept.

Streichung erspart kritische Aufarbeitung

Nichtsdestoweniger ist als erfreuliches Zeichen der Zeit anzumerken, dass eine Anfrage im Verlag ergab, dass dieser Text bei der in Arbeit befindlichen Neuauflage des Buches keine Berücksichtigung mehr finden wird, da der Verlagsleiter bei der Durchsicht des Werks von sich aus bereits die Unmöglichkeit des „Hostienwunders von Wolfsberg“ erkannt hat. Die Geschichte als historisches Dokument beizubehalten, aber entsprechend zu kommentieren – oder an ihrer Stelle einen dokumentierenden Hinweis auf sie abzudrucken (wie der Autor dieses Artikels in seiner Anfrage vorgeschlagen hat), scheint nicht opportun, da das Buch wie erwähnt vor allem im Volks- und Mittelschulbereich zum Einsatz kommt, wo eine entsprechende kommentierte Fassung schwer verständlich wäre. Die Möglichkeit wird aber im Verlag zumindest angedacht und mit Historikern und Pädagogen besprochen.

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