Kathpress

Christen und Juden

Vor hundert Jahren, am 2. Februar 1904, wurde Johannes Österreicher in Stadt Liebau in Mähren geboren (Wir berichteten darüber im Dialog-Du Siach 54). In einem Kathpress-Interview aus dem Jahr 1988 erhalten wir einen Einblick in das Denken dieses überzeugten Zionisten und Kämpfers für die christlich-jüdische Verständigung. Zugleich ist es eine Reflexion über Entstehung und Bedeutung der Konzilserklärung Nostra Aetate, die vor 39 Jahren, am 27. Oktober 1965 verabschiedet wurde. Und es bietet eine zeitgenössische Stimme zur Waldheim-Ära, die eine starke Belastung des christlich-jüdischen Dialogs darstellte. Das Gespräch führte Peter Musyl. Wir danken der Kathpress für die freundliche Nachdruckerlaubnis. Aus: Aus: Schalom für Österreich II, 1988 – Wege in die Zukunft

Kathpress: Herr Prälat Oesterreicher, Sie sind einer der Wegbereiter des internationalen christlich-jüdischen Dialogs und waren an der Erstellung der „Juden-Erklärung“ des Zweiten Vatikanischen Konzils maßgeblich beteiligt. Worin liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung dieses Dialogs bzw. der Konzilsaussagen über das Judentum?

Prälat Oesterreicher: Darf ich Ihnen vorerst für die freundlichen Worte danken, mit denen Sie mein Bestreben beschrieben haben, Christen und Juden zu bewegen, einander nicht als Fremde oder gar als Feinde, sondern als geistlich Verwandte anzusehen. Darf ich aber auch eine Änderung der Charakterisierung meines Dienstes vorschlagen, die nicht so sehr mich betrifft, als die Sache, der ich zu dienen wünsche.

Es ist richtig, dass ich an der Erstellung der so genannten Judenerklärung beteiligt war – ob „maßgeblich“, wage ich nicht zu entscheiden. Papst Johannes XXIII. berief mich vor Beginn der zweiten Konzilsperiode als Beauftragter in das „Einheitssekretariat“. Ein Komitee des Sekretariats beauftragte mich, einen Überblick jener grundlegenden Wahrheiten zu verfassen, die das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk bestimmen oder bestimmen sollten. Die Konzilserklärung beruht auf dieser Studie; das bedeutet aber nicht, dass jeder Satz der endgültigen Fassung von mit stammt.

Sie nennen mich weiter einen der Wegbereiter des christlich-jüdischen Dialogs. Ich muss gestehen, dass ich den Ausdruck Dialog, der ja zu einem Modewort geworden ist, so viel wie möglich meide. Hauptsächlich aus zwei Gründen. Erstens wendet sich die Konzilserklärung „Über die Juden“ – so wurde sie anfangs genannt – an die Glieder der Kirche, und nur an sie, um sie zu einer authentischen Haltung den Juden gegenüber zu bewegen. Das Wort „Dialog“ kommt darin nur einmal vor; nach biblischen und theologischen Studien werden „brüderliche Zwiegespräche“ als Mittel genannt, die gegenseitige Kenntnis und Hochschätzung fördern. Ein echter Dialog ist ein anspruchsvolles und deshalb seltenes Ereignis. In einer Diskussion suche ich den andern oder die anderen Teilnehmer zu überzeugen. In einer Debatte will ich meinen Gegner „schlagen“. Im religiösen Dialog legen die Partner von ihrem Weg zu Gott Zeugnis ab und trachten, voneinander zu lernen. Heute ist ein solcher Dialog zu einem Wunder geworden. Vielleicht war er auch eine Seltenheit in vergangenen Tagen.

Laut Kathpress-Aussendung vom 8. Juli 1987 hat der Grazer Bischof Weber von der Notwendigkeit einer „neuen Kultur des Zusammenlebens“ gesprochen. Der Ausdruck trifft haargenau, worum es geht. Wir müssen lernen, miteinander zu leben, als Menschen, als Bürger eines gemeinsamen Staates und als Weggefährten zur vollen Gottesherrschaft am Ende der Zeiten.

Kathpress: Nach dieser Darstellung Ihrer Aufgabe, wie Sie selbst sie sehen, darf ich meine Frage wiederholen, worin nach Ihrer Auffassung die Bedeutung der Konzilsaussage über das Judentum besteht?

Prälat Oesterreicher: Vor Jahren habe ich versucht, den Inbegriff der “Judenerklärung“ in einem Satz zusammenzufassen: „Die Wiederentdeckung des Judentums und der Juden in ihrem Eigenwert und ihrer Bedeutung für die Kirche.“ Schriftsteller haben die Zeit vor dem Konzil „das Alter der Kirche“ genannt. Beim Konzil aber hat die Kirche mit jugendlichem Mut den Beginn ihrer Berufung aufs Neue im Glauben, Gehorsam und der Wanderschaft des Volkes Israel gesehen. Ebenso hat sie erklärt, dass ihre Existenz in der Herausführung von Jakobs Nachkommen aus der ägyptischen Knechtschaft, deren wundersamen Durchzug durch das Schilfmeer und deren Wanderschaft durch die Wüste wurzelte.

Was besagt das für unser Glaubensleben und unsere Beziehung zu den Juden? Ein wachsames Auge für das jüdische Milieu des Neuen Testamentes, eine echte Einfühlung in die Umwelt Jesu ist zum vollen Verständnis wir zur rechten Verkündigung der christlichen Botschaft notwendig. Man muss sich liebevoll hineindenken in die Anliegen, Sorgen, Hoffnungen und Leiden des Volkes. Der Christ soll mit hebräischen Denkweisen und Sprachformen vertraut sein.

Nur einige Beispiele. Kontrast und Übertreibungen sind Elemente des leidenschaftlichen Stils der ganzen Schrift. Der Prophet Hosea lässt Gott mit Entschiedenheit erklären: „Erbarmen will ich, nicht Opfer; (liebende) Erkenntnis eher denn Brandopfer.“ (6,6) Das ist keine Absage an den Opferkult, keine Verwerfung der in der Tora niedergelegten Gnadenordung, sondern ein Deutlich-Machen, dass Gebet, Frömmigkeit und Opfer nichts sind ohne Liebe und Barmherzigkeit. Mit dem ersten Teil des Spruches leitete Jesus die Offenbarung seiner Sendung ein: „Ich bin gekommen, die Sünder zu berufen, nicht die 'vermeintlich’ Gerechten.“ (Mt 9, 13)

Lassen Sie mich wenigstens ein Beispiel für den Gebrauch der Hyperbel, der Übertreibung geben. Der römische Hauptmann, der an Jesus als den Herrn über jede Notlage, den Meister jeden Augenblicks, glaubt und der Fernwirkung seiner Heilkraft vertraut, veranlasst ihn zu dem überquellenden Ausruf: „Wahrlich, ich sage euch, solch einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden.“ (Mt 8,10) Dieses Lob ist gewiss Ausdruck einer überragenden Bewunderung, gefolgt von dem Bekenntnis des allumfassenden Heilswillens, der alle umarmenden Liebe Gottes. Hand in Hand mit einer dem Lob folgenden Verheißung ergeht eine Warnung an die Bewohner Kafarnaums, umzukehren, um nicht dem geistlichen Untergang zu verfallen (Mt 8,12). Die dichterische Sprache Jesu (seine Rede ist stets poetisch) muss bildhaft, nicht buchstäblich gedeutet werden. Jesu Lob des heidnischen Zenturio darf nicht so verstanden werden, als hätte ER den Glauben seiner Mutter, den Simeons und Hannas, den der Schwestern Maria und Martha wie anderer durch das Neue Testament schreitenden Gerechten für geringer als den des Offiziers der römischen Besatzung gehalten, als zöge ER den Heiden seinem Volke vor.

Kathpress: Was Sie eben gesagt haben, wirft ohne Zweifel Licht auf einige dunkle Schriftstellen. Wie aber sind die harten Worte zu verstehen, die Jesus das Aposteln und dem jüdischen Volk gegenüber gebraucht?

Prälat Oesterreicher: Zuerst eine allgemeine Bemerkung. Das „Scheltwort“ – ein Ausdruck, den deutsche Exegeten geprägt haben – ist ein Teil des prophetischen Amtes und somit der Sendung Jesu, die ja auch eine prophetische war. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Der Tadel, mit dem Jesu die schirmenden Worte des Apostels Petrus zurückwies, der seinen Meister vor Lied und Tod bewahren wollte, scheint der schroffste, der grausamste zu sein, mit dem er einen einzelnen, einen Jünger sogar, rügte. Jesus vertraute seinen Jüngern an, dass in Jerusalem Leiden und Tod auf ihn warten. Petrus wollte ihn vom Gang nach Jerusalem abhalten. Nicht begreifend, dass dieser Gang dem Heil der Welt dienen würde, stellte sich Petrus “schützend“ vor ihn und rief aus: „Gott behüte! Das soll Dir nicht widerfahren!“ (Mt 16,22) Jesus antwortete mit einem aufs erste unverständlichen Verweis: „Hinweg von mir, Satan!“ Die Einheitsübersetzung liest: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“

Beide Übertragungen übersehen völlig das jüdische Milieu, in dem sich die Szene abspielte. Die Schüler eines Rabbi, eines Lehrers, gingen hinter ihm her, sie folgten ihm nach. Der Ausdruck, der öfter mit „Hinweg von mir“ wiedergegeben wird, bedeutet vielmehr: „Geh hinter mir her!“ Der Herr sagte demnach zu Petrus: „Folge mir! Sei nicht wie Satan, der Widersacher!“ „Satan“ ist hier kein Schimpfwort, sondern eine leidenschaftliche Kennzeichnung der Orientierung des Apostels, der nicht merkte, dass es hier um die Sache Gottes, um der Menschen Heil, ging. Sein Denken und Ziel waren allzu menschlich. Es gibt noch andere Schriftstellen, in denen Juden Angehörige Satans genannt werden. Ich sagte „Juden“, nicht „die Juden“, also eine Gruppe von Juden, nicht das ganze Volk. Im 8. Kapitel des Johannesevangeliums wandte sich Jesus an „Juden, die an ihn glauben“ (8,30-31). Falls sie seinen Worten gemäß leben, sind sie seine Jünger und „die Wahrheit“, d.h. sein offenbarendes Wort, seine Botschaft, „wird (sie) freimachen“ (8,31-32), versicherte Jesus. Dieses Versprechen passte ihnen nicht. Sie wären schon frei, weil sie Abraham zum Vater hätten, wandten sie ein. Jesus hingegen warnte sie, dass sie durch Pochen auf ihre Abstammung von Abraham nicht vor Gott bestehen können. Allein durch rechtes Hören und Tun würden sie seinen Gefallen finden. Unbeständig, wie wir Menschen sind, schlug die Liebe dieser Juden in Hass um: Sie wollten ihn sogar aus dem Weg räumen (s. 8,40). Darum klagte sie der Herr an, gemeinsame Sache zu machen mit dem Teufel, dem „Menschenmörder von Anbeginn“ (8,44).

Gewiss, diese Worte sind hart, aber sie sind nicht Hasserfüllt. Sie sind an eine Schar abgefallener Bekenner, nicht an das gesamte Volk gerichtet. Dennoch spricht der berühmte Exeget Rudolf Bultmann von der „Teufelskindschaft der Juden“. Bultmann steht mit seiner Voreingenommenheit, seinem Versuch, die Verwerfung des jüdischen Volkes durch Jesus in den Text hineinzulesen, leider nicht allein. Er und andere Exegeten mit ihm beweisen, dass der so genannte Antisemitismus des Johannes-Evangeliums, ja des ganzen neuen Testamentes, nicht auf das Konto der biblischen Verfasser, sondern auf das früher wie später Erklärer geht.

Ein weitaus stärkeres Argument für meine These, dass es falsch ist, das Neue Testament als Ganzes oder in Teilen als judenfeindlich anzusehen, bietet ein Passus der Geheimen Offenbarung. In Briefen an die Engel, d.h. an die Bischöfe kleinasiatischer Gemeinden, werden diese in ihrem Glauben und ihrer Liebe bestärkt oder wegen ihres Wankelmuts gewarnt. Der Seher von Patmos – der Verfasser der Offenbarung – bezeugt der Gemeinde von Smyrna Tapferkeit und Treue in ihrer Drangsal. Juden der Stadt – ob einige, viele oder alle wird nicht gesagt – schmähen und verfolgen die dortigen Christen. Von den Verfolgern sagt der Seher: „Sie nennen sich zwar Juden, sind es aber nicht; sie sind vielmehr eine Synagoge, eine Versammlung Satans.“ (2,9; vgl. 3,9).

Für den Autor der geheimen Offenbarung ist „Jude“ kein Schimpfwort, sondern ein Ehrenname, den alle, die den Christgläubigen feindlich sind, nicht beanspruchen dürfen. Um ihrer Frage nach den harten Worten über die Juden im Neuen Testament wirklich gerecht zu werden, müsste ich noch andere Worte Jesu wie der Apostel heranziehen und sie mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, vergleichen, mit den Worten der Propheten zum Beispiel, die viel schärfer sind als die, die in den Evangelien überliefert sind. Das würde wohl zu weit führen.

Suche