Lassen Sie mich aber wenigstens die Wehrufe im 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums erwähnen. Ob man „Weh' euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer!“ für Jesu ureigene Worte hält oder für die Widerspiegelung des Konfliktes der jungen Kirche mit den nach der Zerstörung des Tempels durch das römische Heer vorherrschenden und das Los Israels bestimmenden Pharisäern, auf jeden Fall sind sie ein Stück jüdischer Tradition. Sie müssen wie endgültige Verdammungsurteile klingen, sind aber aus liebender Sorge kommende Warnungen. Sie sind ein Fall jener Polemik, die die gesamte jüdische, biblische und nachbiblische Literatur bewegt und letztlich dem rechten Stehen vor Gott dienen soll. Die Wehrufe und alle ihre verwandten Reden sind demnach nicht anti-jüdisch, sonder, so verblüffend das auch klingen mag, ur-jüdisch.

Kathpress: Nun noch eine Frage bezüglich des Konzils. Was sagt es zur Passion Jesu? Wen hält es für die eigentlich Schuldigen an seinem Tod? Wer hat ihn gekreuzigt, die Juden oder Römer?

Prälat Oesterreicher: Weder noch! Pauschalurteile und Kollektivbegriffe sind dem Geist der Konzilserklärung völlig zuwider. Synekdoche, der Gebrauch des Ganzen statt eines Teiles, z.B. „die Schweden“ statt der „schwedischen Fußballmannschaft“, oder eines Teiles anstatt der Ganzheit, ist zwar eine legitime Form bildlicher Rede; sie verrät jedoch oft eine Abneigung gegen präzises Denken, ja Denkfaulheit, und ist darum nicht ohne Gefahr in ihrer Anwendung. Die wahrhaft christliche Antwort auf ihre Frage, wer Christus gekreuzigt habe, ist: ich und Sie, wir alle, Sünder, die wir sind. Christus ist doch für die Sünden gestorben, in anderen Worten, unsere Sünden haben ihn ans Kreuz gebracht. Das ist nicht etwa meine persönliche Auffassung, sondern die Lehre der Kirche. Ein offizielles, aber nicht allgemein bekanntes Eucharistisches Hochgebet, dessen besonderes Thema „Versöhnung“ ist, lässt den Priester vor der Wandlung sprechen:

Wir waren verloren
Und konnten den Weg zu Dir nicht finden;
Du aber liebtest uns mehr denn je.
Jesus, Dein Sohn, ohn’ Schuld und Sünde,
gab sich in unsere Hände und ward ans Kreuz geschlagen.

Und wie lautet Jesu Urteil? Es lautete auf Freispruch: „Vater, vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun“, bat Jesus am, Kreuz (Lk 23,34). Trotz dieser alles bloß menschliche Maß sprengenden Fürbitte, haben Christen in der Vergangenheit diese Botschaft von Gottes Erbarmen in ein Zerrbild verkehrt. In erschreckender Anmaßung habe sie sich berufen geglaubt, in Seinem Namen die am Tod Christi vermeintlich Schuldigen zu ahnden und zu bestrafen. So haben sie immer wieder versucht, die Juden auf das grausamste zu verfolgen, ohne auch nur zu ahnen, dass ihre Maßnahmen nicht minder verbrecherisch waren als die Untat, die sie meinten zu ahnden. Wenn ein österreichischer Politiker den Bundespräsidenten gegen falsche Anklagen verteidigt, so ist das sein gutes Recht. Wenn er aber dabei die Passion Jesu benützt, um sich Gehör zu verschaffen, seine Argumente zu stützen, und die Kläger zu „schlagen“, setzt er sich damit ins Unrecht. Wenn er sich dabei falscher, die Pharisäer irrtümlicherweise belastender Interpretationen bedient, ist er nicht unbedingt ein Judenhasser. Ohne es zu wissen oder zu wollen, missbraucht er aber das Geheimnis der Leben spendenden Passion, indem er sie in eine Tod bringende oder verwundende Waffe verwandelt.

Kathpress: Sie leben nach Ihrer Emigration aus Österreich seit fast 50 Jahren in den USA. Wissen Sie um die Initiativen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich im christlich-jüdischen Dialog gesetzt wurden, und wie beurteilen Sie sie?

Prälat Oesterreicher: Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung. „Emigration“ ist ein allzu milder Ausdruck für meine eilige Abreise aus Österreich, zu der mich Hitlers Rassenwahn und das Unwesen der Gestapo getrieben haben. In den ersten Jahren nach meinem Fortgang aus Österreich war ich entschlossen, sobald wie möglich zurückzukehren. Die ersten zwei Jahre nach der Vergewaltigung Österreichs verbrachte ich in Paris. Als ich nach dem Fall Frankreichs Europa verlassen musste, ging ich wider alles Erwarten nach den Vereinigten Staaten, die mir bald zu einer neuen Heimat und ungeahnten Wirkungsstätte wurden. Ich zweifle nicht, dass in dem Kreuz und Quer meiner Wanderungen Gottes Fügung wirksam war.

Darf ich Sie nochmals bitten, mir nicht übel zu nehmen, dass ich der Beantwortung Ihrer wichtigen Frage eine persönliche Bemerkung vorangestellt habe. Vielleicht mache ich damit klar, dass meine Antworten, so bestimmt sie auch sein mögen, nur die eines zwar engagierten, aber fehlbaren Menschen sind. Das zu betonen, sollt eigentlich überflüssig sein. Doch in der gegenwärtigen Krise jüdisch-christlicher Beziehungen gibt es zu viele Stimmen, die sich über jeden Zweifel erhaben dünken.

Ihre Frage, wie ich die Bemühungen der Kirche Österreichs – um der Genauigkeit willen, muss ich mich auf die Kirche Wiens, d. h. natürlich der Wiener Erzdiözese, beschränken – zu einem vertieften Verständnis des Judentums und zu einem herzlichen Verhältnis von Christen und Juden beurteile, kann ich mit zwei Worten beantworten: durchaus positiv. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, war die Wiener Universität die erste, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg ein Institut für Judentumskunde oder Judaistik errichtet hat. Die Gründung ist der Einsicht Dr. Kurt Schuberts zu verdanken. Es ist sein bleibendes Verdienst, Christen in Österreich und anderwärts – das Wiener Institut hat eine Reihe von Nachahmern gefunden – gezeigt zu haben, wie sehr eine gute Kenntnis der jüdischen Tradition zum christlichen Selbstverständnis und zu einer gerechten Schau der jüdischen Geschichte beiträgt.

Wien war auch einer der Poniere, wenn nicht der Pionier, der mit Hilfe wissenschaftlicher Symposien, an denen jüdische und christliche Gelehrte teilnahmen, verschiedene Perspektiven jüdisch-christlicher Gelehrte teilnahmen, verschiedene Perspektiven jüdisch-christlicher Beziehungen behandelte. Die Vorträge wurden von Dr. Clemens Thoma in Buchform veröffentlicht. „Auf den Trümmern des Tempels“, „Judentum und christlicher Glaube“ sind zwei der Titel. Gediegen in seiner Planung und Ausführung ist die Gesamtheit der Vorträge noch heute maßgebend.

Der bedeutendste Beitrag zu Neubegegnung von Christen und Juden ist natürlich die von Kardinal König einberufene Synode von 1968-1969. Unter den vielen, von Diözesansynoden oder nationalen Bischofskonferenzen erarbeiteten Erklärungen, die versuchen, die Verkündigung des Konzils über das Band der Kirche zum jüdischen Volk für Predigt und Katechese bereitzumachen, nimmt der Versuch der Wiener Synode eine besondere Stellung ein. Ebenso eine spezielle Unterweisung der Katecheten. Beide sind mit anderen Erklärungen von Frau Helga Croner, einer ehemaligen Assistentin von mir, ins Englische übersetzt und unter dem Titel „Steppingstones“ („Sprungbretter“) zu einer besseren gegenseitigen Kenntnis und Achtung von Christen und Juden veröffentlicht worden.

Wieweit von den Handreichungen der Synode Gebrauch gemacht wird, wieweit Prediger und Katecheten den Geist des Konzils sich zu Eigen gemacht haben, kann ich natürlich nicht sagen. Auch ich weiß nicht, was sich in anderen Diözesen ereignet hat. Nein, das stimmt nicht. Ich weiß doch um die mutige Tat des Innsbrucker Bischofs Reinhold Stecher. Er ist der Legende entgegengetreten, die der Verehrung des Anderl von Rinn zugrunde liegt und von den Päpsten und Historikern in gleicher Weise als verleumderisch zurückgewiesen wurde. Nach dieser Legende hätten die Juden vor Pesach, ihrem Osterfest, zur Bereitung von Matze, ihrem Osterbrot, das Blut eines von ihnen geschlachteten christlichen Kindes verwendet.

Kathpress: In den Bemühungen um ein brüderliches Verhältnis von Juden und Christen hat es in jüngster Zeit – in Österreich wie auf internationaler Ebene – schmerzliche Rückschläge gegeben. Ist in der christlich-jüdischen Begegnung etwas falsch “gelaufen“? Blieb sie vielleicht nur Sache der „Fachleute“, ohne die Basis zu erreichen? Oder was waren sonst Ihrer Ansicht nach die Gründe, dass eine erste, wirkliche Belastungsprobe für das neue christlich-jüdische Verhältnis bereits zu solchen Rückschlägen geführt hat?

Prälat Oesterreicher: Lassen Sie mich zuerst sagen, dass die Neuordnung christlich-jüdischer Beziehung nicht ohne die „Fachleute“ möglich ist. Die Neuordnung ist Sache der Theologen und Historiker wie der Prediger und Lehrer. Wie tief die Sicht, dass trotz aller Glaubenunterschiede Juden und Christen, Weggefährten auf der Pilgerschaft zu Gott und seinem Reich (der entsprechende hebräische und griechische Ausdruck bedeutet eigentlich Königsherrschaft) in das Bewusstsein der Gläubigen gesunken ist, kann ich natürlich nicht sagen. War die „Fachleute“ erarbeiten, muss, um Wirksam zu sein (d.h. um das Wissen und Empfinden vieler, wenn nicht aller neu zu formen), immer wieder von den Medien, von Zeitschriften, Morgenbetrachtungen, Rundfunkpredigten usw. dargeboten werden, ich nehme an, dass man nicht genug getan hat, um die neuen Erkenntnisse und Haltungen, die das Zusammenleben bestimmen sollen, unter das Volk zu bringen. Das ist doch unser „normales“ Verhalten. Meistens sind wir um unsere Gesundheit erst besorgt, wenn wir erkranken.

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