Wiewohl wir nie zufrieden sein dürfen mit unseren Bemühungen, unser Verhalten de Juden gegenüber im Geist Christi zu gestalten, glaube ich doch nicht, dass die Versäumnisse der christlichen Unterweisungen schuld sind. Ich habe den Eindruck, dass Katholiken die gegenwärtige Lage als heißes Eisen betrachten, dass sie nicht anpacken wollen. Die derben, flegelhaften Anpöbelungen von orthodoxen Juden sind nicht Zeichen der Verachtung ihrer Religiosität, sondern eine Art Fremdenhass, eine Antwort auf die aufhörende Kampagne gegen Bundespräsident Waldheim als angeblichen Kriegsverbrecher durch amerikanische Funktionäre des Jüdischen Weltkongresses. So sehr ich die von der Presse berichteten Beschimpfungen von Juden missbillige, ja verabscheue, kann ich doch nicht umhin, sie als primitive, unzivilisierte Zurückweisung und Provokationen zu sehen. Es ist zutiefst bedauerlich, dass österreichische Juden, die keine Schuld für die wiederholten Schmähungen Waldheims trifft, die Opfer der Reaktion auf diese Schmähungen sind. Umso mehr muss man die Verursacher der gegenwärtigen Misere dort suchen, wo sie zu suchen sind. Sie fragen, was getan werden soll? Auf die Gefahr hin, etwas vorzuschlagen, was längst geschieht: Schule und Fernsehen sollten sich eingehend mit dem Verhalten Fremden gegenüber beschäftigen. Im Wesentlichen gibt es zwei Traditionen. Die eine sieht im fremden Menschen etwas Heiliges – Judentum und Christentum haben diesem Erbe eine neue Würde gegeben –, die andere „erkennt“ im Fremden den Feind. Immer wieder im Lauf der Geschichte hat der Fremde engherzige Menschen erschreckt oder sie zum Spott veranlasst. Der ORF könnte eine Sendereihe gestalten, in der gezeigt wird, wie alle fremden Menschen, denen wir in Österreich begegnen, in uns Staunen über die Vielfalt und den Reichtum menschlicher Existenz anzuregen vermögen und uns selbst menschlicher machen. Im Schulunterricht könnte ähnliches geschehen.

Kathpress: Man hat den Eindruck, dass es bei den jüngsten Diskussionen und Auseinandersetzungen sowohl unter den Juden als auch unter Christen mitunter an Verständnis für die Motive und Handlungsweisen der jeweils anderen Seite mangelte. Motive und Handlungsweisen, denen durchaus positive Absichten zugrunde lagen und die dennoch von der anderen „Seite“ negativ gedeutet wurden. Was könnte und sollte Ihrer Ansicht nach getan werden, um auch das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen?

Prälat Oesterreicher: Ich muss Ihnen leider zustimmen. Vielerorts haben Juden und Christen, Christen und Juden sich nicht genügend bemüht, einander zu verstehen, und das nicht erst im letzten Jahr. Die meisten Christen begreifen nicht, welch seelische Erschütterungen die Gaskammern überlebenden Juden zugefügt haben. Nicht wenige Männer und Frauen, die sich ihres Judentums bewusst sind, erlebten und erleben die Beschimpfungen, Misshandlungen, Qualen, Erstickungserscheinungen, als wären sie für sie bestimmt gewesen. In einem gewissen Sinn waren sie es ja auch.

In seinem Testament hat der auf den Schlachtfeldern geschlagene und zum Selbstmord entschlossene „Führer“ sich noch einmal des von ihm organisierten Mordes gebrüstet. Die Welt werde es ihm ewig danken, dass er sie von der jüdischen Gefahr – von dieser Pestbeule – befreit habe. Das ist kein wörtliches Zitat, da ich den Text natürlich nicht bei mir habe. Seine tatsächlichen Worte sind noch unheimlicher. Doch nicht nur am Ende seines megalomanen Lebens hat er gewünscht, als Massenmörder in die Geschichte einzugehen; zu Beginn seiner Karriere als Judenhasser, im Jahre 1919, hat er für Männer, die die Niederlage Deutschlands nicht verwinden konnten, ein Memorandum verfasst, in dem es heißt, dass ein rationaler Antisemitismus nur ein Ziel haben könne: die vollkommene Ausrottung der Juden.

Kein Wunder, dass diese und ähnliche Worte in den Ohren vieler Juden nachklingen, dass sie die Gefahr sehen, wo keine ist, Feinde, wo keine sind. Viele Nichtjuden klagen deshalb über Juden: sie seien paranoid. Gewiss, viele sind es; sie haben auch allen Grund, es zu sein. Christen müssen versuchen, leidend nachzufühlen, was es bedeutet, seelischen „Erdbeben“ immer wieder ausgesetzt zu sein. Damit will ich aber nicht sagen, dass Christen zu jeder fieberhaften Anklage von Juden, besonders solchen, die zu Organisationsmenschen geworden sind, Ja und Amen sagen zu müssen.

Lassen Sie mich ein Beispiel aus jüngster Zeit anführen. In einer katholischen Zeitung der Vereinigten Staaten las ich, dass der bekannte Rabbiner Marc Tanenbaum erklärt hat, Meinungsumfragen in Österreich hätten ergeben, dass „antisemitische Aktivität sich dort nach der Zusammenkunft von Papst und Waldheim verdoppelt“ habe. Rabbiner Tanenbaum fügte hinzu, dass Juden missverstanden wurden, als hätten sie den Papst kritisiert, wo sie doch nur eine Erlaubnis zu der Zusammenkunft kritisiert hätten. Ich fürchte Rabbiner Tanenbaum, hat einige Tatsachen verdrängt. Der gegenwärtige Ministerpräsident Israels, Jitzhak Schamir, hat sich mehrmals zur Audienz Waldheims geäußert. Er hat dem Papst vorgeworfen, durch seinen Empfang von Bundespräsident Waldheim „verteidige“, ja „rechtfertige“ der Papst „die Verbrechen der Nazis“. Gewiss, das ist keine bloße Kritik, das grenzt an Ehrabschneidung.

Während meiner Ferien in Österreich im Sommer 1987 habe ich Zeitungen und Zeitschriften studiert, um die Folgen von Waldheims Empfang durch den Papst Johannes Paul II. abschätzen zu können. Ich bin aber nicht auf eine Meinungsumfrage gestoßen, wie sie Rabbiner Tanenbaum schildert. Lassen Sie mich hypothetisch annehmen, dass sie tatsächlich stattgefunden hat. Hat sich denn Rabbiner Tanenbaum nie gefragt, ob es die Audienz selbst oder die zum Teil maßlose Reaktion jüdischer Funktionäre auf Waldheims Audienz gewesen ist, die die angeblich Verdoppelung “antisemitischer Aktivität“ (was immer dieser vage Ausdruck bedeuten mag) verursacht hat?

Um kein falsches Bild zu geben, muss ich erwähnen, dass Rabbiner Tanenbaum selbst sich gegen die Sprache von Elan Steinberg, dem Exekutiv-Direktor des Jüdischen Weltkongresses, als „strotzend von feindseliger Konfrontation“ ausgesprochen hat. Herr Steinberg sprach von „der Seelenangst, dem Schmerz, Entsetzen und Schrecken“, die der Empfang Waldheims durch den Papst in den Herzen jüdischer Führer erweckt. Er ist nur ein Beispiel eines Sprechers, der das Opfer seiner Redekunst, der Magie seiner Worte, geworden ist. Wie oft hat diese Magie Aussagen verwandelt, wie „Waldheim hat in Hitlers Armee gedient“ in „Waldheim hat Kriegsverbrechen begangen“ oder „Waldheim ist gewisser Schandtaten schuldig“.

Wie sollen wir uns gegenüber diesem Wirrwarr verhalten? Ich würde sagen, indem wir Geduld haben und Mut zeigen. Wir müssen immer wieder versuchen, die innere Unruhe von Juden zu verstehen und unser Verständnis vor der Welt bekennen. Gleichzeitig müssen wir voreingenommene Berichte widerlegen, Fehlurteile richtig stellen und falsche Anklagen abweisen. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen, ist es aber nicht. Wir meinen oft, Liebe und Solidarität mit den Leidenden gebiete uns zu schweigen. Meines Erachtens verlangt die Liebe, dass wir eindeutig zur Wahrheit stehen, zum Beispiel, die Verdächtigung Waldheims ist kein Schuldbeweis.

Kathpress: Sie kennen sehr genau die Situation in den Vereinigten Staaten. Sie wissen auch um die Kritik, der die Art österreichischer „Vergangenheitsbewältigung“ in den USA ausgesetzt ist. Halten Sie diese Kritik an Österreich für gerechtfertigt? Wie sollte Ihrer Meinung nasch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auch mit vergangener Schuld erfolgen, und ist in Österreich genug in dieser Richtung geschehen?

Prälat Oesterreicher: Ein Vorwurf, der immer wieder erhoben wird, ist, dass die Juden, die Deutschland verlassen mussten, von der Bundesrepublik Deutschland für ihre Verluste entschädigt wurden, dass aber Österreich zuerst keine, später nur eine teilweise Wiedergutmachung an Juden geleistet habe. Ich verstehe, dass die österreichische Regierung nicht als die Rechtsnachfolgerin des Hitler-Regimes angesehen werden wollte, die dann auch noch die Schuld jenes Regimes auf sich nehmen hätte müssen. Dennoch wäre es klüger gewesen, einen Weg zur Wiedergutmachung zu finden. Sie wäre ein Zeichen des Mitgefühls und der Sorge gewesen, sie hätte Vertrauen und alte Heimatgefühle erweckt.

Was könnte noch zur so genannten Vergangenheitsbewältigung getan werden? Fürs erste, „Bewältigung“ ist ein unzutreffendes Wort. Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, neue Taten können aber dem alten Geschehen einen neuen Sinn, eine neue Richtung und Wirkung geben. Schulen, Zeitungen, das Fernsehen müssten neue Wege suchen, die uns helfen, die Vergangenheit klar zu sehen, so dass wir aus ihr lernen könnten. Ich möchte nicht ins Detail gehen. Der Anstoß zu einer frischen Sicht vergangener Ereignisse und zu einer Umkehr, wo notwendig, muss von innen kommen. Österreich braucht keine Lehrer oder Mahner aus den anderen Teilen der Welt. Es muss selbst den Mut zum Wagnis des vollen Menschseins finden.

Sie fragen, ob Österreich nicht doch genug getan habe. Die Antwort darauf kann nur ein klares „Nein“ sein! Es ist die allgemein menschliche Situation, die ein solches Nein verlangt. Wenn ein Franzose, Belgier oder ein Mitglied einer anderen europäischen Nation dieselbe Frage an mich richtete, müsste ich dieselbe Antwort geben: „Weder Ihre Nation noch Sie selbst haben genug getan, um den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Nationalsozialisten Juden und anderen Menschen gegenüber mit einer neuen Gerechtigkeit und Güte zu begegnen.“ Vielleicht kennen Sie den Ausspruch des heiligen Vinzenz. Alt und müde geworden, konnte er den Dienst an Armen und Kranken nicht so versehen wie in jungen Jahren. Seine Freunde drangen auf ihn, er solle sich doch Ruhe gönnen, er habe in seinem Leben für andere genug geleistet. Worauf er mit dem lapidaren Satz antwortete: „Es ist niemals genug!“

Ich würde unrecht tun, wenn ich dabei bewenden ließe, wenn ich nicht nochmals sagen würde, welche Freude es ist zu wissen, dass die in der Katholischen Aktion verkörperte Führungsgruppe sich mit den führenden Männern und Frauen der Jüdischen Gemeinde zu Stunden der Besinnung trifft; dass der Oberrabbiner Wiens, der evangelische Bischof und katholische Erzbischof der Stadt gemeinsam beten und den Bekenntnissen und den Bitten mehrerer Sprecher lauschen. Wenn ich ein hebräisches Wort der Ermutigung abwandeln darf: „Mögen sie schreiten von Kraft zu Kraft!“

Kathpress: Es gibt jedoch im Verhältnis zu den Juden nicht nur vergangene, sondern auch gegenwärtige Schuld. In Österreich – und auch in anderen Ländern – tritt verschiedentlich latenter Antisemitismus zutage. Soll man Ihrer Ansicht nach diese “Welle“ abebben lassen, soll man einfach zur Tagesordnung übergehen oder sollte man antisemitische Manifestationen mit anderen Methoden begegnen?

Prälat Oesterreicher: Bevor ich Ihre Frage beantworte mochte ich versuchen, einige der von Ihnen und vielen anderen gebrauchten Ausdrücke präziser zu fassen. Alle, die zur gegenwärtigen Situation Stellung nehmen, sprechen von einem „latenten Antisemitismus“. Ich glaube, dass ich mit dem Ausdruck nicht viel anfangen kann. Bedeutet er, dass alle, oder die meistern Nichtjuden, von Geburt an, oder seit ihrer Kindheit, judenfeindliche Gefühle hegen, ohne es recht zu wissen, oder dass Judenhass sich wie ein Krankheitserreger verhält, der jahrelang im Körper schlummert, bis ungünstige Umstände ich erwecken?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Mann, der einen Juden im Kaftan als “Saujuden“ anredet, von einer bisher unbewussten Aversion überwältigt worden ist. Auch glaube ich nicht, dass eine “Dame“ die auf die Kampagne gegen Bundespräsidenten Waldheim mit dem „Bedauern“ antwortet: „Hätte doch Hitler alle Juden umgebracht!“ das Opfer eines ungewollten Anfalls ist, in anderen Worten, dass sie nicht schon vorher mit solch mörderischen Gedanken gespielt hat. Könnte es sein, dass der Erfinder der Phrase „latenter Antisemitismus“ Judenhass als eine der Seele jedes Österreichers innewohnende Kraft darstellen wollte?

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