Wie dem auch sei, ich halte die allgemeine Verwendung des wenig mehr als hundert Jahre alten Wortes „Antisemitismus“ für ein Übel. Seine Geburt und seine Verwendung sind illegitim. Im Jahr 1871 nannte der Historiker August L. Schlözer eine Gruppe von Sprachen, die von oft, doch nicht immer, verwandten Stämmen oder Völkern Kleinasiens oder Nordafrikas gesprochen werden „semitisch“. Arabisch, Aramäisch, Hebräisch, Syrisch, Ugaritisch sind einige dieser lebenden oder toten Sprachen. Da der Ausdruck „semitisch“ bei vielen eine ethnische Bedeutung annahm, war die Gelegenheit für eine Art Falschmünzerei gegeben. 1879 gab Wilhelm Marr, der Verfasser antijüdischer Flugschriften, der von ihm propagierten Judenfeindschaft den scheinbar wissenschaftlichen Namen „Antisemitismus“. Damit wurde Pöbelhaftigkeit salonfähig und die von der Aufklärung verabscheute Haltung der Intoleranz und des Hasses im Handumdrehen eine jeden Gebildeten würdige Einstellung.

Diese Tarnung ist nicht mein einziger Einwand gegen die aus dem 19. Jahrhundert stammende Neuprägung. Ein anderer Einwand ist die Verschwommenheit der Bezeichnung. Lassen Sie mich aufs Geradewohl einige Charaktere aufzeigen, denen Juden zuwider sind. Da ist zuerst einmal derjenige, der gerne beleidigende jüdische Witze erzählt. Ein anderer kennt die Geschichte der Juden so wenig, dass er dem Vorurteil befangen ist, alle Juden seien geborene Bankiers und Bankiers Juden.

Wieder ein anderer, mit dem Hang zu Pauschalurteilen, wiederholt den einmal gehörten Vorwurf, Juden seien von Natur aus feige. Sein “Nachbar“ geht ein ganzes Stück weiter. Er verhöhnt das israelische Team, das 1976 am Flugplatz den Händen von Luftpiraten entriss, indem er erklärt, die gegen die Terroristen eingesetzte israelische Truppe habe mehr Glück als Verstand, oder sie habe gar kein Recht gehabt, auf dem Hoheitsgebiet eines anderen Staates eine Rettungsaktion vorzunehmen.

Oder denken Sie an den Typ, der sich selbst sehr wichtig nimmt, weil er die innersten Geheimnisse der Weltpolitik zu kennen glaubt. Er behauptet, der „internationale Jude“ oder das „Weltjudentum“ – Gespenster, die nur in den Wahnvorstellungen einzelner Eiferer existieren – diktiere Handlungsweisen, sei es Krieg oder Frieden, der Großmächte und vieler anderer Regierungen. Dann gibt es de Scheinpsychologen, der ohne Beweis entscheidet, die Juden seien in der ganzen Welt verhasst, weil sie hassenswert seien, oder den Pseudotheologen, der trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils sicher ist, die Juden seien von Gott verworfen. Schließlich gibt es des vom Rassenwahn besessenen Tyrannen, der in diabolischer Lust, mit allen denkbaren und undenkbaren Mitteln, Millionen Juden umbringen lässt.

Gemeinhin werden all diese Menschen, so verschieden sie in ihrem Denken und Tun sein mögen “Antisemiten“ genannt – ein Terminus für verschiedene Verhaltensweisen, die verschiedenen Motiven entspringen und die zum Teil grundverschiedene Früchte zeitigen. Das sollt unser Denken über die mannigfachen Formen der Abneigung gegen die Juden, ihre Ursachen und Folgen erleichtern, tut es aber nicht. Solange wir versuchen, einen dummen Witzbold und einen verschlagenen Massenmörder, die vielfältigen Neider – vom Geschäftsmann, der seinem jüdischen Rivalen dessen wirtschaftlichen Erfolg missgönnt, bis zum Heiden oder Christen, der eifersüchtig ist auf das jüdische Volk wegen seiner gnadenhaften Auserwählung –, solange wir versuchen, diese und andere “Gegner“ der Juden auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, werden wir weder zu klaren Einsicht gelangen, noch die zur Bekämpfung notwendigen Maßnahmen ergreifen.

Wenn ich noch ein wenig zögere, Ihre Frage zu beantworten, wie man die gegenwärtige Situation am besten meistern könne, so sind die verwirrenden, ja gegensätzlichen Darstellungen daran schuld. Es ist für jemanden, der die letzten Monate nicht in Österreich gelebt hat, schwer, sich ein richtiges Bild über die Existenz und das allfällige Ausmaß einer Judenfeindschaft hier zu machen. Auf meinem Flug nach Österreich las ich im „Spiegel“ einen Bericht, der eine authentische Reportage über den „Antisemitismus in Österreich“ zu sein vorgab, sich aber als eine Sammlung von Falschmeldungen herausstellte. Wenn man dem „Spiegel“ vertraut, sei kein Jude auf Wiens Straßen mehr sicher; er oder sie könne jeden Augenblick belästigt und beleidigt werden. Wenn ein Mieter aus seiner Wohnung ausziehe, die Nachbarwohnung daneben aber einem Juden gehöre, würde niemand in die freie Wohnung einziehen, weil ein „echter Wiener“ nicht Nachbar eines Juden sein wolle etc.

Wenn man die Zeugnisse der österreichischen Bischöfe liest, scheint die Lage im höchsten Grad beunruhigend zu sein, wenn man mit ernstzunehmenden, um ihren Nächsten besorgten Christen spricht, erscheinen die Beziehungen von Christen und Juden von einigen, d.h. wenigen beklagenswerten Ausnahmen abgesehen, als normal. Auf der einen Seite lässt die Zeitschrift „Academia“ einen Nichtjuden zu Worte kommen, der mit seinem tiefschwarzen Bart oft fälschlich für einen Juden gehalten wird, in diesen hasserfüllten Tagen aber einige Male angepöbelt wurde. Die „Wochenpresse“ auf der anderen Seite schickte eine als ultra-orthodoxen Juden verkleidete Versuchsperson auf die Straße, die keiner der so oft verurteilen Anpöbelungen unterworfen war.

Welcher von diesen beiden Berichten ist richtig? Vielleicht sind beide wahr. Die Wirklichkeit ist ja oft widerspruchsvoll. Auf keinen Fall dürfen solche Gegensätze uns dazu verleiten, über die von Juden erhobenen Klagen „zur Tagesordnung überzugehen“. Wie ist diese Redewendung entstanden? „Zur Tagesordnung übergehen“ sollte doch nicht bedeuten, „alle fünf gerade sein lassen“. Erhöhte, doch nicht übertriebene Wachsamkeit müsste die Tagesordnung österreichischer Christen sein.

Lassen Sie mich versuchen, dazulegen, was das im einzelnen bedeutet, etwa am Beispiel des so genannten orthodoxen Juden... Ich sagte „so genannt“, weil es in seinem Leben nicht um Orthodoxie, die rechte Lehre, geht, sondern um Orthopraxie, das rechte Verhalten, die strikte Befolgung rabbinischer Anordnung. Manche dieser Juden lehnen die Bezeichnung „orthodox“ ab und nennen sich „traditionsgetreu“ oder „dem Gesetz verpflichtet“. Im Übrigen tragen nicht alle „orthodoxen“ Juden den langen, schwarzen Rock, sondern nur viele aus Polen stammende Juden. Man sollte den Anpöbelungen nicht sogleich mit dem allen bekannten Imperativ entgegentreten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (In Bubers Übersetzung: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du!“ In der älteren Rießlers: „Liebe deinen Nächsten, er ist deinesgleichen!“)

Wäre es möglich, falls solche „Attacken“ wiederkehren, die gesamte Presse Wiens, vor allem die meist gelesenen Zeitungen zu bewegen, einen vierteiligen Artikel abzudrucken? Falls das nicht geht, könnte man Flugblätter verteilen?

Ich spreche von vier Teilen. Es wäre, erstens, ein guter Anfang, mit der Frage zu beginnen: Woher kommt es, dass der „Andere“, der Andersaussehende, Andersdenkende, Anderslebende uns oft irritiert? Ist es vielleicht, dass sein Anders-Sein von uns eine Umstellung verlangt, die uns aus unserer Bequemlichkeit herausreißt? Sind wir etwa verärgert, weil wir aufgerufen werden, dem Anders-Sein des Nächsten mit Interesse, Demut und Ehrfurcht gegenüberzutreten?

Zweitens, im Fall des anders gekleideten Juden: Könnte es sein, dass Manche von der schwarzen Farbe abgestoßen werden? Moderne Psychologen, sicherlich auch viele Mütter, haben beobachtet, dass Kleinkinder sich vor schwarz gekleideten Menschen fürchten. Wenn ein Erwachsener vor einem Menschen in Schwarz zurückschrickt, bedeutet das nicht, dass er in seiner Entwicklung nicht richtig vorangekommen ist? Wenn dem so ist, dann ist es Zeit für ihn, als Erwachsener zu handeln.

Drittens, die Geschichte des Kaftans ist weithin unbekannt; ihre Kenntnis aber könnte zu einer gewissen Wertschätzung führen. Ursprünglich ein gewand polnischer Adeliger, wurde der lange schwarze Rock im späten Mittelalter ein Teil der Tracht frommer Juden. Nachdem polnische Aristokraten ihn gegen eine neue Kleidungsform ausgetauscht hatten, übernahmen ihn traditionsgetreue Juden. Der Grund war die Forderung rabbinischer Gesetzgebung, dass Juden sich in ihrem Äußeren von ihrer Umgebung unterscheiden, damit sie nicht in Versuchung verfallen, ihr Eigenleben aufzugeben. So wurde der Kaftan als Symbol der Treue zur jüdischen Tradition. Da wir Christen glauben, dass Gott von jedem Menschen nicht mehr und nicht weniger erwartet, als dass er oder sie dem eigenen Licht der Erkenntnis folgen, müsste der Anblick des Kaftans uns, ja jeden aufrechten Menschen, daran erinnern, seiner Berufung treu zu bleiben.

Viertens, Jesus, Maria und Josef waren in ihrem Erdenleben Juden, ebenso die Apostel und die Mitglieder der Urgemeinde. Wer die Bezeichnung Jude als Schimpfwort gebraucht, beschimpft, ohne es zu wissen, Jesus und alle frühen Heiligen der Kirche.

Kathpress: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die jüngsten Äußerungen österreichischer Bischöfe, z.B. von Erzbischof Berg, Bischof Weber, Bischof Stecher, Kardinal König?

Prälat Oesterreicher: Gott sei Dank! Das ist eine Frage, die ich verhältnismäßig kurz beantworten kann. Wenn ich sagen würde, ich schätze die bischöflichen Äußerungen, wäre das eine ungenügende, schwache Antwort. Ich sehe das besondere dieser Erklärungen darin, dass sie nicht nur einem tiefen Verantwortungsbewusstsein des Amtes entspringen, sondern auch einem sehr persönlichen Einsatz, einer inneren Bewegung, die der Apostel „Furcht und Zittern“ nennt, die Furcht und das Zittern, mit denen wir uns um unser (und aller) Heil mühen sollen (s. Phil 2,12).

Eine andere Eigenart, die die Stellungnahme der österreichischen Bischöfe auszeichnet, ist Demut. So, wenn Kardinal König den jüdischen Mitbürger bittet, „sich seiner Solidarität und der übergroßen Mehrheit aller Christen in diesem Land sicher zu sein“. Oder wenn Erzbischof Berg Juden zur gemeinsamen Bekämpfung judenfeindlicher Haltungen mit den österreichischen Christen und „mit uns Bischöfen“ einlädt. Dass die Demut der Erklärungen aufrichtig und aufrecht ist, beweist Erzbischof Berg dadurch, dass er seine Leser daran erinnert, die österreichischen Bischöfe seien mit derselben Entschiedenheit, mit der sie Pauschalvorwürfe gegen die Juden verwerfen, ebensolchen Vorwürfen gegen den Bundespräsidenten entgegentreten. Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor der Würde des Nächsten sind unteilbar. Man ist weder gerecht noch ehrfürchtig, wenn man es nur manchmal und nicht immer ist.

Ein letzter Punkt: Ich bin dankbar, dass die Bischöfe die von Christen Juden gegenüber begangenen Ungerechtigkeiten beklagen, dass sie aber auch betonen, dass Verachtung der Juden keine christliche Legitimation hat und haben kann. In anderen Worten, Hitlers Judenhass hat keine christlichen Wurzeln.

Kathpress: Eine letzte Frage. Welche Erwartungen, welche Hoffnungen setzen Sie für die Zukunft in die christlich-jüdischen Beziehungen?

Prälat Oesterreicher: Wäre ich um viele Jahre jünger, würde ich gewiss antworten: Ich bin voll Zuversicht. Nachdem der huldreiche Gott uns durch das Zweite Vatikanische Konzil die Gelegenheit gegeben hat, einen neuen – von allen Missverständnissen, aller Entfremdung freien – Anfang zu setzen, wird Er nicht zulassen, dass wir – Christen und Juden – die uns gegebene Gnade wieder vertun. Nun habe ich aber in einem langen, erfahrungsreichen Leben gelernt, dass viele, wenn nicht die meisten Menschen kurzsichtig und trägen Herzens sind. Hätten wir nach der Entdeckung von Hitlers grauenhaften Versuch der Ausrottung des jüdischen Volkes mehr Weitblick und Erkenntnis des Versagens der abendländischen Menschen bewiesen; hätten unsere Herzen recht geschlagen, dann wäre durch dessen Wärme dem bitteren Hass und Wahn Hitlers ein dauerhaftes Ende bereitet worden. Es wäre jedoch unrecht, würde ich nicht noch einmal die Initiativen von Dr. Paul Schulmeister, dem Präsidenten der Katholischen Aktion Österreichs, erwähnen, die zu freundschaftlichen Begegnungen von Christen und Juden unter der Patenschaft von Erzbischof Dr. Groer und Oberrabbiner Eisenberg geführt haben und noch führen werden. Sie gereichen Österreich zur Ehre und sollten uns allen Mut machen. Trotz dieser hoffnungsfrohen Antriebe möchte ich keine Prophezeiungen machen. Es ist gut, dass wir nicht die Zukunft sehen können. Unsere Unkenntnis der Dinge, die uns erwarten, sollte ein Ansporn zur Besinnung und zum Bekenntnis, zum Lieben und Handeln sein. Alles hängt davon ab, dass wir – Christen und Juden – Gott walten lassen und dass wir, seine Partner, unser Tun mit dem seinen in Einklang bringen.

Soviel für heute. Danke für Ihre Geduld.

Suche

Termine