Kathpress

Christen und Juden

Vor hundert Jahren, am 2. Februar 1904, wurde Johannes Österreicher in Stadt Liebau in Mähren geboren (Wir berichteten darüber im Dialog-Du Siach 54). In einem Kathpress-Interview aus dem Jahr 1988 erhalten wir einen Einblick in das Denken dieses überzeugten Zionisten und Kämpfers für die christlich-jüdische Verständigung. Zugleich ist es eine Reflexion über Entstehung und Bedeutung der Konzilserklärung Nostra Aetate, die vor 39 Jahren, am 27. Oktober 1965 verabschiedet wurde. Und es bietet eine zeitgenössische Stimme zur Waldheim-Ära, die eine starke Belastung des christlich-jüdischen Dialogs darstellte. Das Gespräch führte Peter Musyl. Wir danken der Kathpress für die freundliche Nachdruckerlaubnis. Aus: Aus: Schalom für Österreich II, 1988 – Wege in die Zukunft

Kathpress: Herr Prälat Oesterreicher, Sie sind einer der Wegbereiter des internationalen christlich-jüdischen Dialogs und waren an der Erstellung der „Juden-Erklärung“ des Zweiten Vatikanischen Konzils maßgeblich beteiligt. Worin liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung dieses Dialogs bzw. der Konzilsaussagen über das Judentum?

Prälat Oesterreicher: Darf ich Ihnen vorerst für die freundlichen Worte danken, mit denen Sie mein Bestreben beschrieben haben, Christen und Juden zu bewegen, einander nicht als Fremde oder gar als Feinde, sondern als geistlich Verwandte anzusehen. Darf ich aber auch eine Änderung der Charakterisierung meines Dienstes vorschlagen, die nicht so sehr mich betrifft, als die Sache, der ich zu dienen wünsche.

Es ist richtig, dass ich an der Erstellung der so genannten Judenerklärung beteiligt war – ob „maßgeblich“, wage ich nicht zu entscheiden. Papst Johannes XXIII. berief mich vor Beginn der zweiten Konzilsperiode als Beauftragter in das „Einheitssekretariat“. Ein Komitee des Sekretariats beauftragte mich, einen Überblick jener grundlegenden Wahrheiten zu verfassen, die das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk bestimmen oder bestimmen sollten. Die Konzilserklärung beruht auf dieser Studie; das bedeutet aber nicht, dass jeder Satz der endgültigen Fassung von mit stammt.

Sie nennen mich weiter einen der Wegbereiter des christlich-jüdischen Dialogs. Ich muss gestehen, dass ich den Ausdruck Dialog, der ja zu einem Modewort geworden ist, so viel wie möglich meide. Hauptsächlich aus zwei Gründen. Erstens wendet sich die Konzilserklärung „Über die Juden“ – so wurde sie anfangs genannt – an die Glieder der Kirche, und nur an sie, um sie zu einer authentischen Haltung den Juden gegenüber zu bewegen. Das Wort „Dialog“ kommt darin nur einmal vor; nach biblischen und theologischen Studien werden „brüderliche Zwiegespräche“ als Mittel genannt, die gegenseitige Kenntnis und Hochschätzung fördern. Ein echter Dialog ist ein anspruchsvolles und deshalb seltenes Ereignis. In einer Diskussion suche ich den andern oder die anderen Teilnehmer zu überzeugen. In einer Debatte will ich meinen Gegner „schlagen“. Im religiösen Dialog legen die Partner von ihrem Weg zu Gott Zeugnis ab und trachten, voneinander zu lernen. Heute ist ein solcher Dialog zu einem Wunder geworden. Vielleicht war er auch eine Seltenheit in vergangenen Tagen.

Laut Kathpress-Aussendung vom 8. Juli 1987 hat der Grazer Bischof Weber von der Notwendigkeit einer „neuen Kultur des Zusammenlebens“ gesprochen. Der Ausdruck trifft haargenau, worum es geht. Wir müssen lernen, miteinander zu leben, als Menschen, als Bürger eines gemeinsamen Staates und als Weggefährten zur vollen Gottesherrschaft am Ende der Zeiten.

Kathpress: Nach dieser Darstellung Ihrer Aufgabe, wie Sie selbst sie sehen, darf ich meine Frage wiederholen, worin nach Ihrer Auffassung die Bedeutung der Konzilsaussage über das Judentum besteht?

Prälat Oesterreicher: Vor Jahren habe ich versucht, den Inbegriff der “Judenerklärung“ in einem Satz zusammenzufassen: „Die Wiederentdeckung des Judentums und der Juden in ihrem Eigenwert und ihrer Bedeutung für die Kirche.“ Schriftsteller haben die Zeit vor dem Konzil „das Alter der Kirche“ genannt. Beim Konzil aber hat die Kirche mit jugendlichem Mut den Beginn ihrer Berufung aufs Neue im Glauben, Gehorsam und der Wanderschaft des Volkes Israel gesehen. Ebenso hat sie erklärt, dass ihre Existenz in der Herausführung von Jakobs Nachkommen aus der ägyptischen Knechtschaft, deren wundersamen Durchzug durch das Schilfmeer und deren Wanderschaft durch die Wüste wurzelte.

Was besagt das für unser Glaubensleben und unsere Beziehung zu den Juden? Ein wachsames Auge für das jüdische Milieu des Neuen Testamentes, eine echte Einfühlung in die Umwelt Jesu ist zum vollen Verständnis wir zur rechten Verkündigung der christlichen Botschaft notwendig. Man muss sich liebevoll hineindenken in die Anliegen, Sorgen, Hoffnungen und Leiden des Volkes. Der Christ soll mit hebräischen Denkweisen und Sprachformen vertraut sein.

Nur einige Beispiele. Kontrast und Übertreibungen sind Elemente des leidenschaftlichen Stils der ganzen Schrift. Der Prophet Hosea lässt Gott mit Entschiedenheit erklären: „Erbarmen will ich, nicht Opfer; (liebende) Erkenntnis eher denn Brandopfer.“ (6,6) Das ist keine Absage an den Opferkult, keine Verwerfung der in der Tora niedergelegten Gnadenordung, sondern ein Deutlich-Machen, dass Gebet, Frömmigkeit und Opfer nichts sind ohne Liebe und Barmherzigkeit. Mit dem ersten Teil des Spruches leitete Jesus die Offenbarung seiner Sendung ein: „Ich bin gekommen, die Sünder zu berufen, nicht die 'vermeintlich’ Gerechten.“ (Mt 9, 13)

Lassen Sie mich wenigstens ein Beispiel für den Gebrauch der Hyperbel, der Übertreibung geben. Der römische Hauptmann, der an Jesus als den Herrn über jede Notlage, den Meister jeden Augenblicks, glaubt und der Fernwirkung seiner Heilkraft vertraut, veranlasst ihn zu dem überquellenden Ausruf: „Wahrlich, ich sage euch, solch einen Glauben habe ich in ganz Israel nicht gefunden.“ (Mt 8,10) Dieses Lob ist gewiss Ausdruck einer überragenden Bewunderung, gefolgt von dem Bekenntnis des allumfassenden Heilswillens, der alle umarmenden Liebe Gottes. Hand in Hand mit einer dem Lob folgenden Verheißung ergeht eine Warnung an die Bewohner Kafarnaums, umzukehren, um nicht dem geistlichen Untergang zu verfallen (Mt 8,12). Die dichterische Sprache Jesu (seine Rede ist stets poetisch) muss bildhaft, nicht buchstäblich gedeutet werden. Jesu Lob des heidnischen Zenturio darf nicht so verstanden werden, als hätte ER den Glauben seiner Mutter, den Simeons und Hannas, den der Schwestern Maria und Martha wie anderer durch das Neue Testament schreitenden Gerechten für geringer als den des Offiziers der römischen Besatzung gehalten, als zöge ER den Heiden seinem Volke vor.

Kathpress: Was Sie eben gesagt haben, wirft ohne Zweifel Licht auf einige dunkle Schriftstellen. Wie aber sind die harten Worte zu verstehen, die Jesus das Aposteln und dem jüdischen Volk gegenüber gebraucht?

Prälat Oesterreicher: Zuerst eine allgemeine Bemerkung. Das „Scheltwort“ – ein Ausdruck, den deutsche Exegeten geprägt haben – ist ein Teil des prophetischen Amtes und somit der Sendung Jesu, die ja auch eine prophetische war. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Der Tadel, mit dem Jesu die schirmenden Worte des Apostels Petrus zurückwies, der seinen Meister vor Lied und Tod bewahren wollte, scheint der schroffste, der grausamste zu sein, mit dem er einen einzelnen, einen Jünger sogar, rügte. Jesus vertraute seinen Jüngern an, dass in Jerusalem Leiden und Tod auf ihn warten. Petrus wollte ihn vom Gang nach Jerusalem abhalten. Nicht begreifend, dass dieser Gang dem Heil der Welt dienen würde, stellte sich Petrus “schützend“ vor ihn und rief aus: „Gott behüte! Das soll Dir nicht widerfahren!“ (Mt 16,22) Jesus antwortete mit einem aufs erste unverständlichen Verweis: „Hinweg von mir, Satan!“ Die Einheitsübersetzung liest: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“

Beide Übertragungen übersehen völlig das jüdische Milieu, in dem sich die Szene abspielte. Die Schüler eines Rabbi, eines Lehrers, gingen hinter ihm her, sie folgten ihm nach. Der Ausdruck, der öfter mit „Hinweg von mir“ wiedergegeben wird, bedeutet vielmehr: „Geh hinter mir her!“ Der Herr sagte demnach zu Petrus: „Folge mir! Sei nicht wie Satan, der Widersacher!“ „Satan“ ist hier kein Schimpfwort, sondern eine leidenschaftliche Kennzeichnung der Orientierung des Apostels, der nicht merkte, dass es hier um die Sache Gottes, um der Menschen Heil, ging. Sein Denken und Ziel waren allzu menschlich. Es gibt noch andere Schriftstellen, in denen Juden Angehörige Satans genannt werden. Ich sagte „Juden“, nicht „die Juden“, also eine Gruppe von Juden, nicht das ganze Volk. Im 8. Kapitel des Johannesevangeliums wandte sich Jesus an „Juden, die an ihn glauben“ (8,30-31). Falls sie seinen Worten gemäß leben, sind sie seine Jünger und „die Wahrheit“, d.h. sein offenbarendes Wort, seine Botschaft, „wird (sie) freimachen“ (8,31-32), versicherte Jesus. Dieses Versprechen passte ihnen nicht. Sie wären schon frei, weil sie Abraham zum Vater hätten, wandten sie ein. Jesus hingegen warnte sie, dass sie durch Pochen auf ihre Abstammung von Abraham nicht vor Gott bestehen können. Allein durch rechtes Hören und Tun würden sie seinen Gefallen finden. Unbeständig, wie wir Menschen sind, schlug die Liebe dieser Juden in Hass um: Sie wollten ihn sogar aus dem Weg räumen (s. 8,40). Darum klagte sie der Herr an, gemeinsame Sache zu machen mit dem Teufel, dem „Menschenmörder von Anbeginn“ (8,44).

Gewiss, diese Worte sind hart, aber sie sind nicht Hasserfüllt. Sie sind an eine Schar abgefallener Bekenner, nicht an das gesamte Volk gerichtet. Dennoch spricht der berühmte Exeget Rudolf Bultmann von der „Teufelskindschaft der Juden“. Bultmann steht mit seiner Voreingenommenheit, seinem Versuch, die Verwerfung des jüdischen Volkes durch Jesus in den Text hineinzulesen, leider nicht allein. Er und andere Exegeten mit ihm beweisen, dass der so genannte Antisemitismus des Johannes-Evangeliums, ja des ganzen neuen Testamentes, nicht auf das Konto der biblischen Verfasser, sondern auf das früher wie später Erklärer geht.

Ein weitaus stärkeres Argument für meine These, dass es falsch ist, das Neue Testament als Ganzes oder in Teilen als judenfeindlich anzusehen, bietet ein Passus der Geheimen Offenbarung. In Briefen an die Engel, d.h. an die Bischöfe kleinasiatischer Gemeinden, werden diese in ihrem Glauben und ihrer Liebe bestärkt oder wegen ihres Wankelmuts gewarnt. Der Seher von Patmos – der Verfasser der Offenbarung – bezeugt der Gemeinde von Smyrna Tapferkeit und Treue in ihrer Drangsal. Juden der Stadt – ob einige, viele oder alle wird nicht gesagt – schmähen und verfolgen die dortigen Christen. Von den Verfolgern sagt der Seher: „Sie nennen sich zwar Juden, sind es aber nicht; sie sind vielmehr eine Synagoge, eine Versammlung Satans.“ (2,9; vgl. 3,9).

Für den Autor der geheimen Offenbarung ist „Jude“ kein Schimpfwort, sondern ein Ehrenname, den alle, die den Christgläubigen feindlich sind, nicht beanspruchen dürfen. Um ihrer Frage nach den harten Worten über die Juden im Neuen Testament wirklich gerecht zu werden, müsste ich noch andere Worte Jesu wie der Apostel heranziehen und sie mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, vergleichen, mit den Worten der Propheten zum Beispiel, die viel schärfer sind als die, die in den Evangelien überliefert sind. Das würde wohl zu weit führen.


Lassen Sie mich aber wenigstens die Wehrufe im 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums erwähnen. Ob man „Weh' euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer!“ für Jesu ureigene Worte hält oder für die Widerspiegelung des Konfliktes der jungen Kirche mit den nach der Zerstörung des Tempels durch das römische Heer vorherrschenden und das Los Israels bestimmenden Pharisäern, auf jeden Fall sind sie ein Stück jüdischer Tradition. Sie müssen wie endgültige Verdammungsurteile klingen, sind aber aus liebender Sorge kommende Warnungen. Sie sind ein Fall jener Polemik, die die gesamte jüdische, biblische und nachbiblische Literatur bewegt und letztlich dem rechten Stehen vor Gott dienen soll. Die Wehrufe und alle ihre verwandten Reden sind demnach nicht anti-jüdisch, sonder, so verblüffend das auch klingen mag, ur-jüdisch.

Kathpress: Nun noch eine Frage bezüglich des Konzils. Was sagt es zur Passion Jesu? Wen hält es für die eigentlich Schuldigen an seinem Tod? Wer hat ihn gekreuzigt, die Juden oder Römer?

Prälat Oesterreicher: Weder noch! Pauschalurteile und Kollektivbegriffe sind dem Geist der Konzilserklärung völlig zuwider. Synekdoche, der Gebrauch des Ganzen statt eines Teiles, z.B. „die Schweden“ statt der „schwedischen Fußballmannschaft“, oder eines Teiles anstatt der Ganzheit, ist zwar eine legitime Form bildlicher Rede; sie verrät jedoch oft eine Abneigung gegen präzises Denken, ja Denkfaulheit, und ist darum nicht ohne Gefahr in ihrer Anwendung. Die wahrhaft christliche Antwort auf ihre Frage, wer Christus gekreuzigt habe, ist: ich und Sie, wir alle, Sünder, die wir sind. Christus ist doch für die Sünden gestorben, in anderen Worten, unsere Sünden haben ihn ans Kreuz gebracht. Das ist nicht etwa meine persönliche Auffassung, sondern die Lehre der Kirche. Ein offizielles, aber nicht allgemein bekanntes Eucharistisches Hochgebet, dessen besonderes Thema „Versöhnung“ ist, lässt den Priester vor der Wandlung sprechen:

Wir waren verloren
Und konnten den Weg zu Dir nicht finden;
Du aber liebtest uns mehr denn je.
Jesus, Dein Sohn, ohn’ Schuld und Sünde,
gab sich in unsere Hände und ward ans Kreuz geschlagen.

Und wie lautet Jesu Urteil? Es lautete auf Freispruch: „Vater, vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun“, bat Jesus am, Kreuz (Lk 23,34). Trotz dieser alles bloß menschliche Maß sprengenden Fürbitte, haben Christen in der Vergangenheit diese Botschaft von Gottes Erbarmen in ein Zerrbild verkehrt. In erschreckender Anmaßung habe sie sich berufen geglaubt, in Seinem Namen die am Tod Christi vermeintlich Schuldigen zu ahnden und zu bestrafen. So haben sie immer wieder versucht, die Juden auf das grausamste zu verfolgen, ohne auch nur zu ahnen, dass ihre Maßnahmen nicht minder verbrecherisch waren als die Untat, die sie meinten zu ahnden. Wenn ein österreichischer Politiker den Bundespräsidenten gegen falsche Anklagen verteidigt, so ist das sein gutes Recht. Wenn er aber dabei die Passion Jesu benützt, um sich Gehör zu verschaffen, seine Argumente zu stützen, und die Kläger zu „schlagen“, setzt er sich damit ins Unrecht. Wenn er sich dabei falscher, die Pharisäer irrtümlicherweise belastender Interpretationen bedient, ist er nicht unbedingt ein Judenhasser. Ohne es zu wissen oder zu wollen, missbraucht er aber das Geheimnis der Leben spendenden Passion, indem er sie in eine Tod bringende oder verwundende Waffe verwandelt.

Kathpress: Sie leben nach Ihrer Emigration aus Österreich seit fast 50 Jahren in den USA. Wissen Sie um die Initiativen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich im christlich-jüdischen Dialog gesetzt wurden, und wie beurteilen Sie sie?

Prälat Oesterreicher: Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung. „Emigration“ ist ein allzu milder Ausdruck für meine eilige Abreise aus Österreich, zu der mich Hitlers Rassenwahn und das Unwesen der Gestapo getrieben haben. In den ersten Jahren nach meinem Fortgang aus Österreich war ich entschlossen, sobald wie möglich zurückzukehren. Die ersten zwei Jahre nach der Vergewaltigung Österreichs verbrachte ich in Paris. Als ich nach dem Fall Frankreichs Europa verlassen musste, ging ich wider alles Erwarten nach den Vereinigten Staaten, die mir bald zu einer neuen Heimat und ungeahnten Wirkungsstätte wurden. Ich zweifle nicht, dass in dem Kreuz und Quer meiner Wanderungen Gottes Fügung wirksam war.

Darf ich Sie nochmals bitten, mir nicht übel zu nehmen, dass ich der Beantwortung Ihrer wichtigen Frage eine persönliche Bemerkung vorangestellt habe. Vielleicht mache ich damit klar, dass meine Antworten, so bestimmt sie auch sein mögen, nur die eines zwar engagierten, aber fehlbaren Menschen sind. Das zu betonen, sollt eigentlich überflüssig sein. Doch in der gegenwärtigen Krise jüdisch-christlicher Beziehungen gibt es zu viele Stimmen, die sich über jeden Zweifel erhaben dünken.

Ihre Frage, wie ich die Bemühungen der Kirche Österreichs – um der Genauigkeit willen, muss ich mich auf die Kirche Wiens, d. h. natürlich der Wiener Erzdiözese, beschränken – zu einem vertieften Verständnis des Judentums und zu einem herzlichen Verhältnis von Christen und Juden beurteile, kann ich mit zwei Worten beantworten: durchaus positiv. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, war die Wiener Universität die erste, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg ein Institut für Judentumskunde oder Judaistik errichtet hat. Die Gründung ist der Einsicht Dr. Kurt Schuberts zu verdanken. Es ist sein bleibendes Verdienst, Christen in Österreich und anderwärts – das Wiener Institut hat eine Reihe von Nachahmern gefunden – gezeigt zu haben, wie sehr eine gute Kenntnis der jüdischen Tradition zum christlichen Selbstverständnis und zu einer gerechten Schau der jüdischen Geschichte beiträgt.

Wien war auch einer der Poniere, wenn nicht der Pionier, der mit Hilfe wissenschaftlicher Symposien, an denen jüdische und christliche Gelehrte teilnahmen, verschiedene Perspektiven jüdisch-christlicher Gelehrte teilnahmen, verschiedene Perspektiven jüdisch-christlicher Beziehungen behandelte. Die Vorträge wurden von Dr. Clemens Thoma in Buchform veröffentlicht. „Auf den Trümmern des Tempels“, „Judentum und christlicher Glaube“ sind zwei der Titel. Gediegen in seiner Planung und Ausführung ist die Gesamtheit der Vorträge noch heute maßgebend.

Der bedeutendste Beitrag zu Neubegegnung von Christen und Juden ist natürlich die von Kardinal König einberufene Synode von 1968-1969. Unter den vielen, von Diözesansynoden oder nationalen Bischofskonferenzen erarbeiteten Erklärungen, die versuchen, die Verkündigung des Konzils über das Band der Kirche zum jüdischen Volk für Predigt und Katechese bereitzumachen, nimmt der Versuch der Wiener Synode eine besondere Stellung ein. Ebenso eine spezielle Unterweisung der Katecheten. Beide sind mit anderen Erklärungen von Frau Helga Croner, einer ehemaligen Assistentin von mir, ins Englische übersetzt und unter dem Titel „Steppingstones“ („Sprungbretter“) zu einer besseren gegenseitigen Kenntnis und Achtung von Christen und Juden veröffentlicht worden.

Wieweit von den Handreichungen der Synode Gebrauch gemacht wird, wieweit Prediger und Katecheten den Geist des Konzils sich zu Eigen gemacht haben, kann ich natürlich nicht sagen. Auch ich weiß nicht, was sich in anderen Diözesen ereignet hat. Nein, das stimmt nicht. Ich weiß doch um die mutige Tat des Innsbrucker Bischofs Reinhold Stecher. Er ist der Legende entgegengetreten, die der Verehrung des Anderl von Rinn zugrunde liegt und von den Päpsten und Historikern in gleicher Weise als verleumderisch zurückgewiesen wurde. Nach dieser Legende hätten die Juden vor Pesach, ihrem Osterfest, zur Bereitung von Matze, ihrem Osterbrot, das Blut eines von ihnen geschlachteten christlichen Kindes verwendet.

Kathpress: In den Bemühungen um ein brüderliches Verhältnis von Juden und Christen hat es in jüngster Zeit – in Österreich wie auf internationaler Ebene – schmerzliche Rückschläge gegeben. Ist in der christlich-jüdischen Begegnung etwas falsch “gelaufen“? Blieb sie vielleicht nur Sache der „Fachleute“, ohne die Basis zu erreichen? Oder was waren sonst Ihrer Ansicht nach die Gründe, dass eine erste, wirkliche Belastungsprobe für das neue christlich-jüdische Verhältnis bereits zu solchen Rückschlägen geführt hat?

Prälat Oesterreicher: Lassen Sie mich zuerst sagen, dass die Neuordnung christlich-jüdischer Beziehung nicht ohne die „Fachleute“ möglich ist. Die Neuordnung ist Sache der Theologen und Historiker wie der Prediger und Lehrer. Wie tief die Sicht, dass trotz aller Glaubenunterschiede Juden und Christen, Weggefährten auf der Pilgerschaft zu Gott und seinem Reich (der entsprechende hebräische und griechische Ausdruck bedeutet eigentlich Königsherrschaft) in das Bewusstsein der Gläubigen gesunken ist, kann ich natürlich nicht sagen. War die „Fachleute“ erarbeiten, muss, um Wirksam zu sein (d.h. um das Wissen und Empfinden vieler, wenn nicht aller neu zu formen), immer wieder von den Medien, von Zeitschriften, Morgenbetrachtungen, Rundfunkpredigten usw. dargeboten werden, ich nehme an, dass man nicht genug getan hat, um die neuen Erkenntnisse und Haltungen, die das Zusammenleben bestimmen sollen, unter das Volk zu bringen. Das ist doch unser „normales“ Verhalten. Meistens sind wir um unsere Gesundheit erst besorgt, wenn wir erkranken.


Wiewohl wir nie zufrieden sein dürfen mit unseren Bemühungen, unser Verhalten de Juden gegenüber im Geist Christi zu gestalten, glaube ich doch nicht, dass die Versäumnisse der christlichen Unterweisungen schuld sind. Ich habe den Eindruck, dass Katholiken die gegenwärtige Lage als heißes Eisen betrachten, dass sie nicht anpacken wollen. Die derben, flegelhaften Anpöbelungen von orthodoxen Juden sind nicht Zeichen der Verachtung ihrer Religiosität, sondern eine Art Fremdenhass, eine Antwort auf die aufhörende Kampagne gegen Bundespräsident Waldheim als angeblichen Kriegsverbrecher durch amerikanische Funktionäre des Jüdischen Weltkongresses. So sehr ich die von der Presse berichteten Beschimpfungen von Juden missbillige, ja verabscheue, kann ich doch nicht umhin, sie als primitive, unzivilisierte Zurückweisung und Provokationen zu sehen. Es ist zutiefst bedauerlich, dass österreichische Juden, die keine Schuld für die wiederholten Schmähungen Waldheims trifft, die Opfer der Reaktion auf diese Schmähungen sind. Umso mehr muss man die Verursacher der gegenwärtigen Misere dort suchen, wo sie zu suchen sind. Sie fragen, was getan werden soll? Auf die Gefahr hin, etwas vorzuschlagen, was längst geschieht: Schule und Fernsehen sollten sich eingehend mit dem Verhalten Fremden gegenüber beschäftigen. Im Wesentlichen gibt es zwei Traditionen. Die eine sieht im fremden Menschen etwas Heiliges – Judentum und Christentum haben diesem Erbe eine neue Würde gegeben –, die andere „erkennt“ im Fremden den Feind. Immer wieder im Lauf der Geschichte hat der Fremde engherzige Menschen erschreckt oder sie zum Spott veranlasst. Der ORF könnte eine Sendereihe gestalten, in der gezeigt wird, wie alle fremden Menschen, denen wir in Österreich begegnen, in uns Staunen über die Vielfalt und den Reichtum menschlicher Existenz anzuregen vermögen und uns selbst menschlicher machen. Im Schulunterricht könnte ähnliches geschehen.

Kathpress: Man hat den Eindruck, dass es bei den jüngsten Diskussionen und Auseinandersetzungen sowohl unter den Juden als auch unter Christen mitunter an Verständnis für die Motive und Handlungsweisen der jeweils anderen Seite mangelte. Motive und Handlungsweisen, denen durchaus positive Absichten zugrunde lagen und die dennoch von der anderen „Seite“ negativ gedeutet wurden. Was könnte und sollte Ihrer Ansicht nach getan werden, um auch das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen?

Prälat Oesterreicher: Ich muss Ihnen leider zustimmen. Vielerorts haben Juden und Christen, Christen und Juden sich nicht genügend bemüht, einander zu verstehen, und das nicht erst im letzten Jahr. Die meisten Christen begreifen nicht, welch seelische Erschütterungen die Gaskammern überlebenden Juden zugefügt haben. Nicht wenige Männer und Frauen, die sich ihres Judentums bewusst sind, erlebten und erleben die Beschimpfungen, Misshandlungen, Qualen, Erstickungserscheinungen, als wären sie für sie bestimmt gewesen. In einem gewissen Sinn waren sie es ja auch.

In seinem Testament hat der auf den Schlachtfeldern geschlagene und zum Selbstmord entschlossene „Führer“ sich noch einmal des von ihm organisierten Mordes gebrüstet. Die Welt werde es ihm ewig danken, dass er sie von der jüdischen Gefahr – von dieser Pestbeule – befreit habe. Das ist kein wörtliches Zitat, da ich den Text natürlich nicht bei mir habe. Seine tatsächlichen Worte sind noch unheimlicher. Doch nicht nur am Ende seines megalomanen Lebens hat er gewünscht, als Massenmörder in die Geschichte einzugehen; zu Beginn seiner Karriere als Judenhasser, im Jahre 1919, hat er für Männer, die die Niederlage Deutschlands nicht verwinden konnten, ein Memorandum verfasst, in dem es heißt, dass ein rationaler Antisemitismus nur ein Ziel haben könne: die vollkommene Ausrottung der Juden.

Kein Wunder, dass diese und ähnliche Worte in den Ohren vieler Juden nachklingen, dass sie die Gefahr sehen, wo keine ist, Feinde, wo keine sind. Viele Nichtjuden klagen deshalb über Juden: sie seien paranoid. Gewiss, viele sind es; sie haben auch allen Grund, es zu sein. Christen müssen versuchen, leidend nachzufühlen, was es bedeutet, seelischen „Erdbeben“ immer wieder ausgesetzt zu sein. Damit will ich aber nicht sagen, dass Christen zu jeder fieberhaften Anklage von Juden, besonders solchen, die zu Organisationsmenschen geworden sind, Ja und Amen sagen zu müssen.

Lassen Sie mich ein Beispiel aus jüngster Zeit anführen. In einer katholischen Zeitung der Vereinigten Staaten las ich, dass der bekannte Rabbiner Marc Tanenbaum erklärt hat, Meinungsumfragen in Österreich hätten ergeben, dass „antisemitische Aktivität sich dort nach der Zusammenkunft von Papst und Waldheim verdoppelt“ habe. Rabbiner Tanenbaum fügte hinzu, dass Juden missverstanden wurden, als hätten sie den Papst kritisiert, wo sie doch nur eine Erlaubnis zu der Zusammenkunft kritisiert hätten. Ich fürchte Rabbiner Tanenbaum, hat einige Tatsachen verdrängt. Der gegenwärtige Ministerpräsident Israels, Jitzhak Schamir, hat sich mehrmals zur Audienz Waldheims geäußert. Er hat dem Papst vorgeworfen, durch seinen Empfang von Bundespräsident Waldheim „verteidige“, ja „rechtfertige“ der Papst „die Verbrechen der Nazis“. Gewiss, das ist keine bloße Kritik, das grenzt an Ehrabschneidung.

Während meiner Ferien in Österreich im Sommer 1987 habe ich Zeitungen und Zeitschriften studiert, um die Folgen von Waldheims Empfang durch den Papst Johannes Paul II. abschätzen zu können. Ich bin aber nicht auf eine Meinungsumfrage gestoßen, wie sie Rabbiner Tanenbaum schildert. Lassen Sie mich hypothetisch annehmen, dass sie tatsächlich stattgefunden hat. Hat sich denn Rabbiner Tanenbaum nie gefragt, ob es die Audienz selbst oder die zum Teil maßlose Reaktion jüdischer Funktionäre auf Waldheims Audienz gewesen ist, die die angeblich Verdoppelung “antisemitischer Aktivität“ (was immer dieser vage Ausdruck bedeuten mag) verursacht hat?

Um kein falsches Bild zu geben, muss ich erwähnen, dass Rabbiner Tanenbaum selbst sich gegen die Sprache von Elan Steinberg, dem Exekutiv-Direktor des Jüdischen Weltkongresses, als „strotzend von feindseliger Konfrontation“ ausgesprochen hat. Herr Steinberg sprach von „der Seelenangst, dem Schmerz, Entsetzen und Schrecken“, die der Empfang Waldheims durch den Papst in den Herzen jüdischer Führer erweckt. Er ist nur ein Beispiel eines Sprechers, der das Opfer seiner Redekunst, der Magie seiner Worte, geworden ist. Wie oft hat diese Magie Aussagen verwandelt, wie „Waldheim hat in Hitlers Armee gedient“ in „Waldheim hat Kriegsverbrechen begangen“ oder „Waldheim ist gewisser Schandtaten schuldig“.

Wie sollen wir uns gegenüber diesem Wirrwarr verhalten? Ich würde sagen, indem wir Geduld haben und Mut zeigen. Wir müssen immer wieder versuchen, die innere Unruhe von Juden zu verstehen und unser Verständnis vor der Welt bekennen. Gleichzeitig müssen wir voreingenommene Berichte widerlegen, Fehlurteile richtig stellen und falsche Anklagen abweisen. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen, ist es aber nicht. Wir meinen oft, Liebe und Solidarität mit den Leidenden gebiete uns zu schweigen. Meines Erachtens verlangt die Liebe, dass wir eindeutig zur Wahrheit stehen, zum Beispiel, die Verdächtigung Waldheims ist kein Schuldbeweis.

Kathpress: Sie kennen sehr genau die Situation in den Vereinigten Staaten. Sie wissen auch um die Kritik, der die Art österreichischer „Vergangenheitsbewältigung“ in den USA ausgesetzt ist. Halten Sie diese Kritik an Österreich für gerechtfertigt? Wie sollte Ihrer Meinung nasch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, auch mit vergangener Schuld erfolgen, und ist in Österreich genug in dieser Richtung geschehen?

Prälat Oesterreicher: Ein Vorwurf, der immer wieder erhoben wird, ist, dass die Juden, die Deutschland verlassen mussten, von der Bundesrepublik Deutschland für ihre Verluste entschädigt wurden, dass aber Österreich zuerst keine, später nur eine teilweise Wiedergutmachung an Juden geleistet habe. Ich verstehe, dass die österreichische Regierung nicht als die Rechtsnachfolgerin des Hitler-Regimes angesehen werden wollte, die dann auch noch die Schuld jenes Regimes auf sich nehmen hätte müssen. Dennoch wäre es klüger gewesen, einen Weg zur Wiedergutmachung zu finden. Sie wäre ein Zeichen des Mitgefühls und der Sorge gewesen, sie hätte Vertrauen und alte Heimatgefühle erweckt.

Was könnte noch zur so genannten Vergangenheitsbewältigung getan werden? Fürs erste, „Bewältigung“ ist ein unzutreffendes Wort. Was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, neue Taten können aber dem alten Geschehen einen neuen Sinn, eine neue Richtung und Wirkung geben. Schulen, Zeitungen, das Fernsehen müssten neue Wege suchen, die uns helfen, die Vergangenheit klar zu sehen, so dass wir aus ihr lernen könnten. Ich möchte nicht ins Detail gehen. Der Anstoß zu einer frischen Sicht vergangener Ereignisse und zu einer Umkehr, wo notwendig, muss von innen kommen. Österreich braucht keine Lehrer oder Mahner aus den anderen Teilen der Welt. Es muss selbst den Mut zum Wagnis des vollen Menschseins finden.

Sie fragen, ob Österreich nicht doch genug getan habe. Die Antwort darauf kann nur ein klares „Nein“ sein! Es ist die allgemein menschliche Situation, die ein solches Nein verlangt. Wenn ein Franzose, Belgier oder ein Mitglied einer anderen europäischen Nation dieselbe Frage an mich richtete, müsste ich dieselbe Antwort geben: „Weder Ihre Nation noch Sie selbst haben genug getan, um den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Nationalsozialisten Juden und anderen Menschen gegenüber mit einer neuen Gerechtigkeit und Güte zu begegnen.“ Vielleicht kennen Sie den Ausspruch des heiligen Vinzenz. Alt und müde geworden, konnte er den Dienst an Armen und Kranken nicht so versehen wie in jungen Jahren. Seine Freunde drangen auf ihn, er solle sich doch Ruhe gönnen, er habe in seinem Leben für andere genug geleistet. Worauf er mit dem lapidaren Satz antwortete: „Es ist niemals genug!“

Ich würde unrecht tun, wenn ich dabei bewenden ließe, wenn ich nicht nochmals sagen würde, welche Freude es ist zu wissen, dass die in der Katholischen Aktion verkörperte Führungsgruppe sich mit den führenden Männern und Frauen der Jüdischen Gemeinde zu Stunden der Besinnung trifft; dass der Oberrabbiner Wiens, der evangelische Bischof und katholische Erzbischof der Stadt gemeinsam beten und den Bekenntnissen und den Bitten mehrerer Sprecher lauschen. Wenn ich ein hebräisches Wort der Ermutigung abwandeln darf: „Mögen sie schreiten von Kraft zu Kraft!“

Kathpress: Es gibt jedoch im Verhältnis zu den Juden nicht nur vergangene, sondern auch gegenwärtige Schuld. In Österreich – und auch in anderen Ländern – tritt verschiedentlich latenter Antisemitismus zutage. Soll man Ihrer Ansicht nach diese “Welle“ abebben lassen, soll man einfach zur Tagesordnung übergehen oder sollte man antisemitische Manifestationen mit anderen Methoden begegnen?

Prälat Oesterreicher: Bevor ich Ihre Frage beantworte mochte ich versuchen, einige der von Ihnen und vielen anderen gebrauchten Ausdrücke präziser zu fassen. Alle, die zur gegenwärtigen Situation Stellung nehmen, sprechen von einem „latenten Antisemitismus“. Ich glaube, dass ich mit dem Ausdruck nicht viel anfangen kann. Bedeutet er, dass alle, oder die meistern Nichtjuden, von Geburt an, oder seit ihrer Kindheit, judenfeindliche Gefühle hegen, ohne es recht zu wissen, oder dass Judenhass sich wie ein Krankheitserreger verhält, der jahrelang im Körper schlummert, bis ungünstige Umstände ich erwecken?

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Mann, der einen Juden im Kaftan als “Saujuden“ anredet, von einer bisher unbewussten Aversion überwältigt worden ist. Auch glaube ich nicht, dass eine “Dame“ die auf die Kampagne gegen Bundespräsidenten Waldheim mit dem „Bedauern“ antwortet: „Hätte doch Hitler alle Juden umgebracht!“ das Opfer eines ungewollten Anfalls ist, in anderen Worten, dass sie nicht schon vorher mit solch mörderischen Gedanken gespielt hat. Könnte es sein, dass der Erfinder der Phrase „latenter Antisemitismus“ Judenhass als eine der Seele jedes Österreichers innewohnende Kraft darstellen wollte?


Wie dem auch sei, ich halte die allgemeine Verwendung des wenig mehr als hundert Jahre alten Wortes „Antisemitismus“ für ein Übel. Seine Geburt und seine Verwendung sind illegitim. Im Jahr 1871 nannte der Historiker August L. Schlözer eine Gruppe von Sprachen, die von oft, doch nicht immer, verwandten Stämmen oder Völkern Kleinasiens oder Nordafrikas gesprochen werden „semitisch“. Arabisch, Aramäisch, Hebräisch, Syrisch, Ugaritisch sind einige dieser lebenden oder toten Sprachen. Da der Ausdruck „semitisch“ bei vielen eine ethnische Bedeutung annahm, war die Gelegenheit für eine Art Falschmünzerei gegeben. 1879 gab Wilhelm Marr, der Verfasser antijüdischer Flugschriften, der von ihm propagierten Judenfeindschaft den scheinbar wissenschaftlichen Namen „Antisemitismus“. Damit wurde Pöbelhaftigkeit salonfähig und die von der Aufklärung verabscheute Haltung der Intoleranz und des Hasses im Handumdrehen eine jeden Gebildeten würdige Einstellung.

Diese Tarnung ist nicht mein einziger Einwand gegen die aus dem 19. Jahrhundert stammende Neuprägung. Ein anderer Einwand ist die Verschwommenheit der Bezeichnung. Lassen Sie mich aufs Geradewohl einige Charaktere aufzeigen, denen Juden zuwider sind. Da ist zuerst einmal derjenige, der gerne beleidigende jüdische Witze erzählt. Ein anderer kennt die Geschichte der Juden so wenig, dass er dem Vorurteil befangen ist, alle Juden seien geborene Bankiers und Bankiers Juden.

Wieder ein anderer, mit dem Hang zu Pauschalurteilen, wiederholt den einmal gehörten Vorwurf, Juden seien von Natur aus feige. Sein “Nachbar“ geht ein ganzes Stück weiter. Er verhöhnt das israelische Team, das 1976 am Flugplatz den Händen von Luftpiraten entriss, indem er erklärt, die gegen die Terroristen eingesetzte israelische Truppe habe mehr Glück als Verstand, oder sie habe gar kein Recht gehabt, auf dem Hoheitsgebiet eines anderen Staates eine Rettungsaktion vorzunehmen.

Oder denken Sie an den Typ, der sich selbst sehr wichtig nimmt, weil er die innersten Geheimnisse der Weltpolitik zu kennen glaubt. Er behauptet, der „internationale Jude“ oder das „Weltjudentum“ – Gespenster, die nur in den Wahnvorstellungen einzelner Eiferer existieren – diktiere Handlungsweisen, sei es Krieg oder Frieden, der Großmächte und vieler anderer Regierungen. Dann gibt es de Scheinpsychologen, der ohne Beweis entscheidet, die Juden seien in der ganzen Welt verhasst, weil sie hassenswert seien, oder den Pseudotheologen, der trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils sicher ist, die Juden seien von Gott verworfen. Schließlich gibt es des vom Rassenwahn besessenen Tyrannen, der in diabolischer Lust, mit allen denkbaren und undenkbaren Mitteln, Millionen Juden umbringen lässt.

Gemeinhin werden all diese Menschen, so verschieden sie in ihrem Denken und Tun sein mögen “Antisemiten“ genannt – ein Terminus für verschiedene Verhaltensweisen, die verschiedenen Motiven entspringen und die zum Teil grundverschiedene Früchte zeitigen. Das sollt unser Denken über die mannigfachen Formen der Abneigung gegen die Juden, ihre Ursachen und Folgen erleichtern, tut es aber nicht. Solange wir versuchen, einen dummen Witzbold und einen verschlagenen Massenmörder, die vielfältigen Neider – vom Geschäftsmann, der seinem jüdischen Rivalen dessen wirtschaftlichen Erfolg missgönnt, bis zum Heiden oder Christen, der eifersüchtig ist auf das jüdische Volk wegen seiner gnadenhaften Auserwählung –, solange wir versuchen, diese und andere “Gegner“ der Juden auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, werden wir weder zu klaren Einsicht gelangen, noch die zur Bekämpfung notwendigen Maßnahmen ergreifen.

Wenn ich noch ein wenig zögere, Ihre Frage zu beantworten, wie man die gegenwärtige Situation am besten meistern könne, so sind die verwirrenden, ja gegensätzlichen Darstellungen daran schuld. Es ist für jemanden, der die letzten Monate nicht in Österreich gelebt hat, schwer, sich ein richtiges Bild über die Existenz und das allfällige Ausmaß einer Judenfeindschaft hier zu machen. Auf meinem Flug nach Österreich las ich im „Spiegel“ einen Bericht, der eine authentische Reportage über den „Antisemitismus in Österreich“ zu sein vorgab, sich aber als eine Sammlung von Falschmeldungen herausstellte. Wenn man dem „Spiegel“ vertraut, sei kein Jude auf Wiens Straßen mehr sicher; er oder sie könne jeden Augenblick belästigt und beleidigt werden. Wenn ein Mieter aus seiner Wohnung ausziehe, die Nachbarwohnung daneben aber einem Juden gehöre, würde niemand in die freie Wohnung einziehen, weil ein „echter Wiener“ nicht Nachbar eines Juden sein wolle etc.

Wenn man die Zeugnisse der österreichischen Bischöfe liest, scheint die Lage im höchsten Grad beunruhigend zu sein, wenn man mit ernstzunehmenden, um ihren Nächsten besorgten Christen spricht, erscheinen die Beziehungen von Christen und Juden von einigen, d.h. wenigen beklagenswerten Ausnahmen abgesehen, als normal. Auf der einen Seite lässt die Zeitschrift „Academia“ einen Nichtjuden zu Worte kommen, der mit seinem tiefschwarzen Bart oft fälschlich für einen Juden gehalten wird, in diesen hasserfüllten Tagen aber einige Male angepöbelt wurde. Die „Wochenpresse“ auf der anderen Seite schickte eine als ultra-orthodoxen Juden verkleidete Versuchsperson auf die Straße, die keiner der so oft verurteilen Anpöbelungen unterworfen war.

Welcher von diesen beiden Berichten ist richtig? Vielleicht sind beide wahr. Die Wirklichkeit ist ja oft widerspruchsvoll. Auf keinen Fall dürfen solche Gegensätze uns dazu verleiten, über die von Juden erhobenen Klagen „zur Tagesordnung überzugehen“. Wie ist diese Redewendung entstanden? „Zur Tagesordnung übergehen“ sollte doch nicht bedeuten, „alle fünf gerade sein lassen“. Erhöhte, doch nicht übertriebene Wachsamkeit müsste die Tagesordnung österreichischer Christen sein.

Lassen Sie mich versuchen, dazulegen, was das im einzelnen bedeutet, etwa am Beispiel des so genannten orthodoxen Juden... Ich sagte „so genannt“, weil es in seinem Leben nicht um Orthodoxie, die rechte Lehre, geht, sondern um Orthopraxie, das rechte Verhalten, die strikte Befolgung rabbinischer Anordnung. Manche dieser Juden lehnen die Bezeichnung „orthodox“ ab und nennen sich „traditionsgetreu“ oder „dem Gesetz verpflichtet“. Im Übrigen tragen nicht alle „orthodoxen“ Juden den langen, schwarzen Rock, sondern nur viele aus Polen stammende Juden. Man sollte den Anpöbelungen nicht sogleich mit dem allen bekannten Imperativ entgegentreten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (In Bubers Übersetzung: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du!“ In der älteren Rießlers: „Liebe deinen Nächsten, er ist deinesgleichen!“)

Wäre es möglich, falls solche „Attacken“ wiederkehren, die gesamte Presse Wiens, vor allem die meist gelesenen Zeitungen zu bewegen, einen vierteiligen Artikel abzudrucken? Falls das nicht geht, könnte man Flugblätter verteilen?

Ich spreche von vier Teilen. Es wäre, erstens, ein guter Anfang, mit der Frage zu beginnen: Woher kommt es, dass der „Andere“, der Andersaussehende, Andersdenkende, Anderslebende uns oft irritiert? Ist es vielleicht, dass sein Anders-Sein von uns eine Umstellung verlangt, die uns aus unserer Bequemlichkeit herausreißt? Sind wir etwa verärgert, weil wir aufgerufen werden, dem Anders-Sein des Nächsten mit Interesse, Demut und Ehrfurcht gegenüberzutreten?

Zweitens, im Fall des anders gekleideten Juden: Könnte es sein, dass Manche von der schwarzen Farbe abgestoßen werden? Moderne Psychologen, sicherlich auch viele Mütter, haben beobachtet, dass Kleinkinder sich vor schwarz gekleideten Menschen fürchten. Wenn ein Erwachsener vor einem Menschen in Schwarz zurückschrickt, bedeutet das nicht, dass er in seiner Entwicklung nicht richtig vorangekommen ist? Wenn dem so ist, dann ist es Zeit für ihn, als Erwachsener zu handeln.

Drittens, die Geschichte des Kaftans ist weithin unbekannt; ihre Kenntnis aber könnte zu einer gewissen Wertschätzung führen. Ursprünglich ein gewand polnischer Adeliger, wurde der lange schwarze Rock im späten Mittelalter ein Teil der Tracht frommer Juden. Nachdem polnische Aristokraten ihn gegen eine neue Kleidungsform ausgetauscht hatten, übernahmen ihn traditionsgetreue Juden. Der Grund war die Forderung rabbinischer Gesetzgebung, dass Juden sich in ihrem Äußeren von ihrer Umgebung unterscheiden, damit sie nicht in Versuchung verfallen, ihr Eigenleben aufzugeben. So wurde der Kaftan als Symbol der Treue zur jüdischen Tradition. Da wir Christen glauben, dass Gott von jedem Menschen nicht mehr und nicht weniger erwartet, als dass er oder sie dem eigenen Licht der Erkenntnis folgen, müsste der Anblick des Kaftans uns, ja jeden aufrechten Menschen, daran erinnern, seiner Berufung treu zu bleiben.

Viertens, Jesus, Maria und Josef waren in ihrem Erdenleben Juden, ebenso die Apostel und die Mitglieder der Urgemeinde. Wer die Bezeichnung Jude als Schimpfwort gebraucht, beschimpft, ohne es zu wissen, Jesus und alle frühen Heiligen der Kirche.

Kathpress: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die jüngsten Äußerungen österreichischer Bischöfe, z.B. von Erzbischof Berg, Bischof Weber, Bischof Stecher, Kardinal König?

Prälat Oesterreicher: Gott sei Dank! Das ist eine Frage, die ich verhältnismäßig kurz beantworten kann. Wenn ich sagen würde, ich schätze die bischöflichen Äußerungen, wäre das eine ungenügende, schwache Antwort. Ich sehe das besondere dieser Erklärungen darin, dass sie nicht nur einem tiefen Verantwortungsbewusstsein des Amtes entspringen, sondern auch einem sehr persönlichen Einsatz, einer inneren Bewegung, die der Apostel „Furcht und Zittern“ nennt, die Furcht und das Zittern, mit denen wir uns um unser (und aller) Heil mühen sollen (s. Phil 2,12).

Eine andere Eigenart, die die Stellungnahme der österreichischen Bischöfe auszeichnet, ist Demut. So, wenn Kardinal König den jüdischen Mitbürger bittet, „sich seiner Solidarität und der übergroßen Mehrheit aller Christen in diesem Land sicher zu sein“. Oder wenn Erzbischof Berg Juden zur gemeinsamen Bekämpfung judenfeindlicher Haltungen mit den österreichischen Christen und „mit uns Bischöfen“ einlädt. Dass die Demut der Erklärungen aufrichtig und aufrecht ist, beweist Erzbischof Berg dadurch, dass er seine Leser daran erinnert, die österreichischen Bischöfe seien mit derselben Entschiedenheit, mit der sie Pauschalvorwürfe gegen die Juden verwerfen, ebensolchen Vorwürfen gegen den Bundespräsidenten entgegentreten. Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor der Würde des Nächsten sind unteilbar. Man ist weder gerecht noch ehrfürchtig, wenn man es nur manchmal und nicht immer ist.

Ein letzter Punkt: Ich bin dankbar, dass die Bischöfe die von Christen Juden gegenüber begangenen Ungerechtigkeiten beklagen, dass sie aber auch betonen, dass Verachtung der Juden keine christliche Legitimation hat und haben kann. In anderen Worten, Hitlers Judenhass hat keine christlichen Wurzeln.

Kathpress: Eine letzte Frage. Welche Erwartungen, welche Hoffnungen setzen Sie für die Zukunft in die christlich-jüdischen Beziehungen?

Prälat Oesterreicher: Wäre ich um viele Jahre jünger, würde ich gewiss antworten: Ich bin voll Zuversicht. Nachdem der huldreiche Gott uns durch das Zweite Vatikanische Konzil die Gelegenheit gegeben hat, einen neuen – von allen Missverständnissen, aller Entfremdung freien – Anfang zu setzen, wird Er nicht zulassen, dass wir – Christen und Juden – die uns gegebene Gnade wieder vertun. Nun habe ich aber in einem langen, erfahrungsreichen Leben gelernt, dass viele, wenn nicht die meisten Menschen kurzsichtig und trägen Herzens sind. Hätten wir nach der Entdeckung von Hitlers grauenhaften Versuch der Ausrottung des jüdischen Volkes mehr Weitblick und Erkenntnis des Versagens der abendländischen Menschen bewiesen; hätten unsere Herzen recht geschlagen, dann wäre durch dessen Wärme dem bitteren Hass und Wahn Hitlers ein dauerhaftes Ende bereitet worden. Es wäre jedoch unrecht, würde ich nicht noch einmal die Initiativen von Dr. Paul Schulmeister, dem Präsidenten der Katholischen Aktion Österreichs, erwähnen, die zu freundschaftlichen Begegnungen von Christen und Juden unter der Patenschaft von Erzbischof Dr. Groer und Oberrabbiner Eisenberg geführt haben und noch führen werden. Sie gereichen Österreich zur Ehre und sollten uns allen Mut machen. Trotz dieser hoffnungsfrohen Antriebe möchte ich keine Prophezeiungen machen. Es ist gut, dass wir nicht die Zukunft sehen können. Unsere Unkenntnis der Dinge, die uns erwarten, sollte ein Ansporn zur Besinnung und zum Bekenntnis, zum Lieben und Handeln sein. Alles hängt davon ab, dass wir – Christen und Juden – Gott walten lassen und dass wir, seine Partner, unser Tun mit dem seinen in Einklang bringen.

Soviel für heute. Danke für Ihre Geduld.

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