Werneck, Roland

Kirchen und Antisemitismus

1) Begriff mit tragischer Geschichte
Zunächst zur Definition:
Antisemitismus
ist der Oberbegriff für jede Herabsetzung von Juden und Judentum – jede Denkweise oder jedes Verhalten der Verachtung, Feindseligkeit und Hass gegenüber jüdischen Menschen, weil sie Juden sind.
Antijudaismus
werden judenfeindliche Einstellungen mit religiös motivierter Abwertung genannt.

Eine Unterscheidung Antisemitismus - Antijudaismus kann sinnvoll sein. Aber: Antisemitismus kann vom religiös motivierten Antijudaismus letztlich nicht getrennt werden. Der Ökumenische Rat der Kirchen stellt 1999 fest: Christen können nicht in Dialog mit Juden eintreten, ohne sich bewusst zu machen, dass Hass und Verfolgung gegen Juden eine lange, fortwährende Geschichte haben.Die Geschichte des Antisemitismus in Österreich geht in die 2. Hälfte des 19. Jhdts. zurück: Georg Ritter von Schönerer – Los von Rom-Bewegung, der Wiener Bürgermeister Karl Lueger: Antisemitismus gab es offen bei Katholiken und Protestanten, bei christlichsozialen und deutschnationale Politikern.

2) Antisemitismus ist Sünde

Christinnen und Christen setzen sich aufgrund ihres Glaubens gegen jede Art von Rassismus und Diskriminierung ein. Wegen der besonderen theologischen Verbundenheit und der besonderen Schuldgeschichte gegenüber Juden haben Christen eine besondere Verantwortung in der Bekämpfung von Antijudaismus und Antisemitismus.
 

3) Annäherung der Bekenntnisse
Seit 1945 hat sich in den Beziehungen zwischen Christen und Juden ein unumkehrbarer Wandel vollzogen. Das Entsetzen über die Schoa hat zunächst zu Schuldbekenntnissen geführt:- Stuttgarter Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD 1945 (vor 60 Jahren): „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden ...“ Die Schuld an Juden wird noch nicht benannt!
- Der Ökumenische Rat der Kirchen stellte 1948 fest: Antisemitismus ist Sünde gegen Gott und Menschen

1947 wurden die Seelisberger Thesen verfasst. Es war dies eine internationale Konferenz von Katholiken, Protestanten und Juden, aus der der Internationale Rat der Christen und Juden ICCJ hervorging. Hier werden die wichtigsten inhaltlichen Punkte für die folgenden Jahrzehnte bereits markiert.
- Nostra Aetate 1965
- Evangelische Kirchen: Prozess der Auseinandersetzung seit den 60er Jahren, wichtigste Erklärung ist jene der Synode der Rheinischen Landeskirche 1980
- Evangelische Kirche in Österreich verabschiedete 1998 die Stellungnahme „Zeit zur Umkehr“. Darin ist zentral eine Absage an Judenmission und die Verwerfung der späten Lutherschriften

4) Theologische Erneuerung der Kirchen
Jede christliche Konfession hat ihren spezifischen Beitrag im christlich-jüdischen Gespräch zu leisten.Aus der Charta Oecumenica (2001 von der Konferenz Europäischer Kirchen KEK und dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen CCEE unterschrieben, in Österreich von allen Kirchen unterzeichnet):

„Es ist dringend nötig, in Verkündigung und Unterricht, in Lehre und Leben unserer Kirchen die tiefe Verbindung des christlichen Glaubens zum Judentum bewusst zu machen und die christlich-jüdische Zusammenarbeit zu unterstützen.
Wir verpflichten uns
- allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten;
- auf allen Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu intensivieren.“

Zum Dialog gehört, das Selbstverständnis des Anderen wahrzunehmen!Spezifisch protestantische Themen sind: Gesetz und Evangelium, Verheißung und Erfüllung, JudenmissionDer theologische Schlüssel im Selbstverständnis der Kirchen ist eine Weiterentwicklung der Christologie: Jesus Christus, der auferstandene Jude ist im Gottesdienst gegenwärtig!

5) Staat Israel
Zum jüdischen Selbstverständnis gehört der Staat Israel als jüdische Heimstatt und Zufluchtsort. Es gibt heute kein christlich-jüdisches Gespräch, ohne den zentralen Stellenwert des Staates Israel für das Judentum zu berücksichtigen.Im Bezug auf Nahost-Konflikt sind theologischer und politischer Dialog zu unterscheiden, aber nicht vollständig zu trennen, wenn wir beide Seiten ernst nehmen wollen. Besondere Rolle der palästinensischen Christen und Kirchen!
Wo bleibt der Aufschrei der weltweiten Christenheit, wenn der iranische Staatspräsident zur Auslöschung Israels von der Landkarte aufruft?

6) Neuer Antisemitismus
Seit der 2. Intifada ab dem Jahr 2000 benennen wir das Phänomen eines „neuen Antisemitismus“ in Europa. Jüdische Menschen in Europa werden für Eskalationen im Nahen Osten und selbst für Antisemitismus verantwortlich gemacht. Antijüdische Ausschreitungen richten sich nicht nur gegen israelische Botschaften, sondern haben auch jüdische Schulen, koschere Restaurants und Synagogen zum Ziel.In die politische Auseinandersetzung im Nahen Osten fließt zunehmend ursprünglich christlicher Antisemitismus ein, oft in Vermischung mit Anti-Amerikanismus. Verschwörungstheorien nach 9/11, Verbreitung der Protokolle der Weisen von Zion im arabischen Raum, sogar mittelalterliche Ritualmordlegenden!
Kritik an Israel ist dann antisemitisch, wenn sie verbunden ist mit

  • Bestreitung des Existenzrechtes Israels
  • Vergleich mit NS-Politik
  • Bestreitung des Rechtes auf Selbstverteidigung

Weil es einen islamistischen Antisemitismus mit Motiven gibt, die ursprünglich aus dem christlichen Antijudaismus kommen, ist es für den christlich-jüdischen Dialog wichtig, islamische Gesprächspartner zu gewinnen. Es geht in diesem Fall nicht einfach um einen „Dialog oder Trialog der Religionen“, sondern um die besondere christliche Verantwortung gegenüber den jüdischen Geschwistern!

7) Gemeinsames Tun
Der Alltag ist (nach E.L. Ehrlich) das Entscheidende im Miteinander von Christentum und Judentum. Test ist nicht die gelungenen theologische Formulierung, sondern die konkrete Anwendung der biblischen Botschaft im Umgang zwischen Christen und Juden.

 

 


Statement bei der Nostra-Aetate-Podiumsdiskussion am 29. Oktober 2005 im Kardinal-König Haus Wien. Der Autor ist Studienleiter der Evangelischen Akademie Wien

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