Himmelbauer, Markus

21 Jahre Or Chadasch

Eine Würdigung der Wiener jüdischen Reformgemeinde
 
Für uns Christinnen und Christinnen gilt das Judentum als positives Beispiel gelebter Vielfalt. Es ist eine Glaubensgemeinschaft, in der Diskussion zum innersten Wesen gehört, in der es ohne formelles religiöses Oberhaupt dennoch eine Einheit in aller Unterschiedlichkeit gibt. Manche meinten sogar, es wäre das Besondere am Judentum, dass man einander das Jude-Sein trotz aller Gegensätze nicht abspreche – im Unterschied zu uns Christinnen und Christen. Nun, wer das Werden der Wiener Reformgemeinde Or Chadasch (Neues Licht) in Wien seit 1990 mitverfolgt hat, wird das wohl nicht mehr so einfach sagen können. Christlich wie jüdisch menschelt es und bisweilen fällt einem die Begegnung mit Gläubigen anderer Bekenntnisse anscheinend leichter als mit einer anderen Richtung innerhalb der eigenen Gemeinschaft, ja schwieriger gar der Dialog religiöser Jüdinnen und Juden untereinander als mit säkularen.

Nach den scharfen Auseinandersetzungen der ersten Jahre kommt man heute miteinander aus, man ist miteinander im Gespräch und kooperiert bei bestimmten Themen. Einzelne Mitglieder von Or Chadasch sind auch Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde, aber nicht Or Chadasch als religiöse Gemeinde, denn die Reformgemeinde ist offener für Übertritte als die orthodoxe IKG. Die Definition, wer Jude und Jüdin ist, ist bei Or Chadasch dieselbe wie bei der IKG: Es zählt die jüdische Mutter oder die Konversion nach mindestens einjährigem Unterricht und aktiver Teilnahme am Gemeindeleben. Allerdings werden nicht-orthodoxe Konversionen von der Kultusgemeinde prinzipiell nicht anerkannt. Zum 20-Jahr Jubiläum stellte Theodor Much, Gründer und Präsident von Or Chadasch, die „Bewegung für progressives Judentum“ in einer Beilage im Organ der IKG „Die Gemeinde“ vor. So etwas ist lange undenkbar gewesen! Much stellt darin fest: „Heute sind die guten Beziehungen zwischen dem nicht-orthodoxen und dem orthodoxen Judentum in Wien fast einzigartig und Beispiel gebend für ganz Europa, wo sich doch in den meisten Ländern die Kluft zwischen den Strömungen immer weiter vertieft.“
 

Die Offenbarung schreitet voran

Vordergründig besteht der Unterschied zwischen orthodoxem und liberalem Judentum darin, ob Frauen und Männer gemeinsam im Gottesdienst sitzen, ob Frauen zum Rabbinat zugelassen sind oder ob man auf Deutsch oder Hebräisch betet. Aber letztlich geht es um die Art und Weise der Offenbarung der Tora. Gibt es eine einmalig am Sinai (zusammen mit dem Talmud) offenbarte und daher unveränderliche Tora – auch wenn sie in vielfältig ausgelegt und gedeutet wurde und wird –, die es zu bewahren gilt, wie die Orthodoxie es versteht; oder schreitet die Offenbarung voran und setzt durch die Zeit immer wieder neue Schwerpunkte? Zum Beispiel: Gelten die Gebote, die den Tempel betreffen noch, muss man sie nur aktuell interpretieren, oder sind sie seit der Zerstörung des Tempels überholt und nicht mehr relevant? Immer schon sei das Judentum pluralistisch gewesen, hätte sich in Form und Inhalt erneuert und Traditionen hinter sich gelassen, so das Selbstverständnis der progressiven Gemeinde. Dabei werden die Weisungen der Tora nicht einfach nach Gutdünken geändert – manche unterstellen, sie nur der Bequemlichkeit halber zu erleichtern –, sondern die progressive Halacha agiert „ganz in der Tradition der Väter und stets im Sinne der Schule Hillels“, wie Much es programmatisch formuliert. Man geht eben mit anderem Vorverständnis heran. Rabbi Hillel der Ältere und seine Schule gelten um die Zeitenwende als Vertreter einer milden Auslegung der Gesetze.

Auch Or Chadasch betet weitgehend auf Hebräisch, doch gesungen wird mit Klavierbegleitung – und mit welcher Begeisterung! Komplizierter wird die Zuordnung zu den einzelnen Strömungen, wenn sich eine Rabbinerin der Reformgemeinde, Evelyne Goodman-Thau, als orthodox versteht (das ist etwa, wie wenn eine römisch-katholische Priesterin Pfarrerin in einer evangelischen Gemeinde wird). Auch in der Kultusgemeinde selbst ist man sich bewusst, dass sich Or Chadasch etwa in Fragen interreligiöser Begegnung leichter tut und man empfiehlt die progressive Gemeinde für diesen Bereich. Dass das nicht-orthodoxe Judentum (im Unterschied zu Österreich) heute weltweit die Mehrheit innerhalb der Strömungen des Judentums hat, sei hier nur der Vollständigkeit angeführt. Fragen existenzieller Wahrheit richten sich nicht nach Mehrheitsentscheidungen.

Während in Deutschland vor der Schoa viele Reformgemeinden bestanden hatten, auch in Ungarn gab es neologe Synagogen, war dies in Österreich nicht so. In Wien wurde der erste offizielle jüdische Reformgottesdienst am 4. Mai 1990 gefeiert – bei Or Chadasch. In Österreich gebe es keine liberalen Traditionen, weder politisch noch religiös, nennt Much als Ursache dafür. Und der derzeitige Rabbiner von Or Chadasch, Walter Rothschild, erklärt in der „Jüdischen Allgemeinen“, es gebe einen alten Spruch: „Wie es christelt sich, so jüdelt es sich.“ Soll heißen: „Liberales Judentum wächst in protestantischen Ländern besser.“
 

Wirkung nach außen

Immer wieder gewinnt die kleine Reformgemeinde in der interessierten Öffentlichkeit ein spezielles Profil: Theodor Much war es nicht nur ein persönliches Anliegen, das progressive Judentum in Wien anzusiedeln, immer wieder ist er bereit, das Judentum vorzustellen: „Liberale Juden achten und respektieren alle jüdischen Gruppierungen im Sinnen von Klal Israel (Ganz Israel), ohne dabei einen Alleinvertretungsrecht für sich zu fordern.“ Einen „Arzt und ‚unheilbaren’ Aufklärer“ nannte deshalb Bischof Michael Bünker den pensionierten Dermatologen, der in seinen Büchern, in Vorträgen und bei Führungen in der Synagoge in der Wiener Robertgasse das Judentum sympathisch zu vermitteln versteht. Auch Evelyne Goodman-Thau und Walter Rothschild tragen mit eigenen Veröffentlichungen zum Kennenlernen des Judentums bei; Rabbinerin Irit Shillor und Rabbiner James Raphael Baaden sind auch nach Beendigung ihres Dienstes bei Or Chadasch in Österreich immer noch in der interreligiösen Bildungsarbeit in unserem Land tätig.

In ihrer starken Verbundenheit mit dem Staat Israel finden viele Mitglieder unterschiedlicher jüdischer Richtungen eine Gemeinsamkeit. Aber in einem stimmen wirklich alle im Judentum, von liberal über orthodox bis sehr orthodox, überein: Nämlich in der Überzeugung, dass jene, die sich zu Jesus als Messias bekennen sicherlich keine Juden sind, sondern Christen. Also gibt es aus jüdischer Sicht keine „messianischen Juden“, auch wenn diese Elemente aus der jüdischen Tradition im neuen Glauben beibehalten (doch welcher Christ, welche Christin täte dies nicht in der einen oder anderen Form!), sondern es sind Christinnen und Christen mit jüdischem Hintergrund.
 

Vielfalt der Wege zu Gott

Glaube kann auf verschiedene Arten gelebt werden: Mitten in der Welt und „zeitgemäß“ – mit all den Gefahren, die dies mit sich bringt – und abgesondert und „traditionsbewusst“ – mit all den Gefahren, die dies ebenfalls mit sich bringt. Das ist im Christentum so und auch im Judentum. Or Chadasch geht den ersten Weg und öffnet sich daher eher für uns Außenstehende. Andere jüdische Strömungen gehen nach ihrem Selbstverständnis einen anderen Weg und sind uns daher weniger zugänglich. Diese Beschreibung besagt keine Abstufung unterschiedlicher Grade von Frömmigkeit, jede muss sich spezifischen Herausforderungen stellen. Die Betonung liegt auf anders und wir sollten uns bewusst sein, dass dies keinerlei Wertung beinhaltet. Uns Christinnen und Christen ist aufgegeben, keine dieser Seiten zu idealisieren – als die „modernen und aufgeklärten“ einerseits, als die „frommen und echten“ andererseits – oder sie im Gegenzug als „lasch“ oder „skurril“ abzuwerten. Es gilt, sie zu nehmen, als das, was sie sind: als einer unserer vielfältigen menschlichen Versuche, das Geheimnis des Ewigen in unserem Leben aufleuchten zu lassen, als Facetten in einem vielgestaltigen Judentum.

Der Autor ist katholischer Religionspädagoge und Geschäftsführer des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

 

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