Kauer, Robert

Tu smo bili doma - Wir gehörten doch hierher

Predigt am Israelsonntag 2008, dem 27. Juli in Stockerau über Röm 11,25-32

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;
26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.
27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«
28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.
29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.
30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,
31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.
32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

scharfberg-webUnlängst haben meine Frau und ich unseren ältesten Sohn Robert und seine Familie in Kärnten besucht. Sie leben auf dem Hof von Longo Mai, was übersetzt heißt "es möge lange währen". Dort auf dem Hof Stopar in Lobnik, oberhalb von Bad Eisenkappel, werden Schafe gezüchtet und Tagungen abgehalten, bei denen auf vielerlei Weise versucht wird, die Volksgruppen miteinander ins Gespräch zu bringen. In Eisenkappel selbst arbeitet seit 100 Jahren der Kulturverein Zarja für eine bessere Verständigung, mein Sohn ist dort Obmannstellvertreter. Im Vorjahr hat der Verein auf dem Hauptplatz von Bad Eisenkappel das "Forum Zarja" eröffnet und weil Jubiläen immer ein Anlass für Feste, Feiern und Ausstellungen sind, ist dort nun eine Ausstellung über die jüdische Familie Scharfberg "Tu smo bili doma ... Wir gehörten hierher". Die Scharfbergs hatten seit 1930 ein Textilwarengeschäft auf dem Hauptplatz, ein Schreiben der Marktgemeinde aus 1963 vermerkt: Die Familie Josef Scharfberg wurde von Eisenkappel mit 31. August 1938 abgemeldet. Das war alles über die einzige jüdische Familie in Eisenkappel.

Eine Familie in Eisenkappel, viele, allzu viele in Wien, wenige Rettungsinseln, allzu wenige. Eine davon in der Seegasse im 9. Bezirk in der Schwedischen Israelmission, heute die "Messiaskapelle" der evangelischen Pfarrgemeinde Alsergrund. Im Sammelband "protestantismus & literatur" berichtet Roland Werneck über die Arbeit der Schwedischen Israelmission in der Seegasse. Ilse Aichinger, Tochter eines nichtjüdischen Lehrers und einer jüdischen Ärztin, erinnert sich in dem Gedicht "Seegasse" an ihre Zeit dort. Das Gedicht beginnt: "Die Arche Noah ist auf dem Kanal vorbeigefahren ... " In ihrem Roman "Die größere Hoffnung" verarbeitet Ilse Aichinger offenbar ihre Erfahrungen mit den beiden christlichen Konfessionen und sagt: "Das Jauchzen Jerusalems versickerte in der Seegasse".

Wo war unsere Kirche damals, vor 70 Jahren ?


Vor 10 Jahren, erst vor 10 Jahren!, hat die Generalsynode unserer Kirche eine Erklärung beschlossen mit dem Titel: "Zeit zur Umkehr". Dort heißt es:

Mit Scham stellen wir fest, dass sich unsere Kirchen für das Schicksal der Juden und ungezählter anderer Verfolgter unempfindlich zeigten. Dies ist umso unverständlicher, als evangelische Christen in ihrer eigenen Geschichte, zumal in der Gegenreformation, selbst diskriminiert und verfolgt worden waren. Die Kirchen haben gegen sichtbares Unrecht nicht protestiert, sie haben geschwiegen und weggeschaut,  sie  sind „dem Rad nicht in die Speichen gefallen“ (Bonhoeffer).
Deshalb sind nicht nur einzelne Christinnen und Christen, sondern auch unsere Kirchen am Holocaust/ an der Schoa mitschuldig geworden. Wir gedenken in Trauer aller Verfolgten, die ihrer bürgerlichen Rechte und ihrer Menschenwürde beraubt, einer rücksichtslosen Nachstellung preisgegeben und in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Geschehen konnte das alles nur, weil die biblischen Texte, auch die Briefe des Paulus, mit der Brille des antisemitischen Vorurteils gelesen worden sind. Aus unserem Text heute wurde so nur herausgelesen, dass die Juden verstockt sind, dass sie Feinde des Evangeliums und gegen Gott ungehorsam sind, weil sie Jesus nicht als den Messias anerkennen. Bildhafter Ausdruck dieses Verständnisses sind die beiden Frauengestalten an den gotischen Kathedralen, die triumphierende Kirche und die blinde Synagoge, z.B. in Straßburg und in Worms.  
Paulus, der Jude, dem vor Damaskus der Auferstandene begegnet ist, schreibt aber etwas ganz Anderes. Es handelt sich um ein Geheimnis Gottes schreibt er. Und ein Geheimnis ist und bleibt ein Geheimnis, auch wenn man als kluger Mensch versucht es zu verstehen.

Jedenfalls, so Paulus, jedenfalls gilt der Bund Gottes mit ihnen, den Juden, weiter und sie sind Geliebte um der Väter willen, denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Der Bund mit den Vätern, mit Moses, mit Abraham, mit Isaak, mit Jakob, der gilt. Juden und Christen stehen nicht gegeneinander, sie stehen nebeneinander unter Gottes Wort als Geschwister, ältere und jüngere. Die Wege, die Gott Juden und Christen führt, bleiben das Geheimnis Gottes, denn seine Wege sind unerforschlich!

Was bedeutet das aber für uns?


Für uns heißt das erstens zu erkennen und zu akzeptieren, dass die Juden unsere Geschwister sind, auch wenn sie nicht alles, was wir meinen erkannt zu haben, nicht erkennen. Wir sagen: noch nicht.

Zweitens heißt das aber zu sehen, was wir unseren älteren Geschwistern alles verdanken, was sie uns alles gelehrt, weitergegeben haben, von den Zehn Geboten bis zu den Psalmen bis hin zum Hohen Lied der Liebe.

Drittens bedeutet das: So wie Gott Israel immer treu war, auch in Zeiten des Ungehorsams und des Unglaubens, so dürfen wir darauf hoffen, dass Gott auch uns, uns Christen unserer Kirche, treu bleiben möge. An seiner Treue und an seinem Bund hängt alles - nicht an dem, was wir meinen vorweisen zu können. In seinem Sohn Jesus Christus hat er uns einen Juden gesandt, der uns befreien möchte von allem überheblichen Sich-Rühmen. Denn trennen wir uns vom Volk Israel, dann trennen wir uns von Gott - die grauenhaften Folgen, die mörderischen und unmenschlichen Konsequenzen einer solchen Trennung, das hat uns die Schoa, der Holocaust, der industrialisierte Massenmord an vier oder fünf  oder sechs Millionen unschuldiger Menschen gezeigt.

Was können wir heute, Jahrzehnte danach in einem Land, einem Ort ohne Juden da noch tun?


Die Generalsynode unserer Kirchen hat vor 10 Jahren dazu gesagt:

Wir bitten die Israelitischen Kultusgemeinden und die Juden in Österreich, folgende Versicherung entgegenzunehmen:
- Die Evangelischen Kirchen wissen sich verpflichtet, die Erinnerung an die Erinnerung an die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes und an die Schoah stets wachzuhalten.
- Die Evangelischen Kirchen wissen sich verpflichtet, Lehre, Predigt, Unterricht, Liturgie und Praxis der Kirche auf Antisemitismen zu überprüfen und  auch über ihre Medien Vorurteilen entgegenzutreten.
- Die Evangelischen Kirchen wissen sich verpflichtet, jeglichem gesellschaftlichen und persönlichen Antisemitismus zu wehren.
- Die Evangelischen Kirchen wollen in der Beziehung zu Juden und Kultusgemeinden einen gemeinsamen Weg in eine neue Zukunft gehen. Wir bemühen uns daher, das Verhältnis von evangelischen Christen und Juden entsprechend zu überdenken und zu gestalten.
Wie kann das heute praktisch geschehen?

In unserer Kirchenzeitung "die saat" in Nummer 9 vom 15. Juni wird ein Wettbewerb im Religionsunterricht ausgeschrieben zum Thema "Evangelische Kirche und Judentum - Geschichte und Gegenwart". Eingereicht werden können Projekte, die sich allgemein mit jüdischen Themen oder dem christlich-jüdischen Verhältnis auseinandersetzen, insbesondere Geschichte und Theologie der evangelischen Kirche und ihr Verhältnis zu Judentum. Einsendeschluss: 15. Juni 2009. Angeregt wird eine Spurensuche: Jüdisches Leben in meinem Heimatort. Gerade das wäre doch hier sehr passend, wo eine jüngere Tochter das Gewand einer älteren Schwester übernommen hat.

Damit sind wir wieder am Anfang: "Tu smo bili doma ... wir gehörten doch hierher."

Jesus Christus ist die Brücke zwischen Christen und Juden, damit am Ende der Tage gesagt werden kann: beide, ganz Israel und die ganze Kirche aus den Völkern, sollen gerettet werden. Ihm sei Ehre in Ewigkeit.

Robert Kauer, Mag. iur. et theol., Oberkirchenrat a.D., Pfarrer i.R.


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