Fürnsinn, Maximilian

Wo bleibt Gott?

 

Jes 40, 21-31: Die aber dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. (31)

Einleitung

Wir kennen die brennende Frage im Leid: Wo bleibt Gott?
Wir kennen den Vorwurf einer Mutter, die ihr totes Kind in ihren Armen hält: Warum, Gott?
Manchmal meine ich, in den gebrochenen Augen leidender, unschuldiger Menschen die Frage ablesen zu können: “Mein Gott, warum hast du uns verlassen?“
Und wir verstehen die Frage bei der Katastrophe der Judenvernichtung in den Konzentrationslagern: “Wo warst du, Gott, als Millionen Frauen, Männer und Kinder in die Gaskammern geschickt wurden?“ – “Kann man deshalb nach Auschwitz noch Lieder singen?“
Auf diese Fragen gibt es keine wirklichen Antworten – höchstens Antwortversuche. Die Frage nach Gott und dem Leid bleibt offen.
Trotzdem sind uns Glaubenszeugnisse geschenkt, die im Leid stützen. Die Lesung aus dem Propheten Jesaja ermutigt uns, Antworten zu geben. Ein paar Versuche dazu:

1. Wer steht vor Gericht – Gott oder der Mensch?

Ich beginne mit der Frage: Wer steht eigentlich im Leid vor Gericht – Gott oder der Mensch? Heute tendieren wir sehr schnell dazu, Gott vor unser menschliches Gericht zu zitieren. Wir erheben sehr schnell den Vorwurf der Gottferne oder der Gottverlassenheit. Wir übersehen dabei aber, dass der größte Teil menschlichen Leids nicht Gott, sondern uns Menschen zuzuschreiben ist. Beispiel: Irakkrieg – das ist ein vom Menschen gemachter Krieg. Wir Menschen beanspruchen zwar ein Höchstmaß an Freiheit und Entscheidung – aber wir schieben die Verantwortung in den Konsequenzen ab.
Das trifft auch für den Anlass dieser Gedenkstunde zu – nämlich auf die Novemberpogrome 1938. Wir Christen haben einzubekennen, das ein latenter christlicher Antijudaismus und Antisemitismus mit seinen eigentümlichen theologischen Spielformen aus einem Rinnsal zu einem reißenden Strom geworden ist, der sich allerdings auch aus vielen anderen dunklen Quellen gespeist hat. An diesem Strom der Gewalt sind wir nicht unschuldig. Wo waren die Christen als das jüdische Volk vernichtet werden sollte?
Ohne ein Einbekenntnis kann Schuld nicht vergeben werden. Wir Menschen haben vor dem Gericht zu erscheinen – nicht Gott!

2. Gott steht immer auf der richtigen Seite

Der Prophet bezeugt weiters, dass Gott eindeutig Position bezieht: ER ist immer auf der Seite der Opfer. Das klingt in einer Frage des Textes auf: “Israel warum sprichst du: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, meinem Gott entgeht mein Recht?“
Gott weiß um den Leidenden und ER ist an seiner Seite.
Elie Wiesel erzählt von der Hinrichtung eines Kindes im KZ – und zwar vor allen Gefangenen des Lagers. Einer aus den letzten Reihe stellt leise die Frage: “Wo ist Gott?“ Einer gibt die Antwort: “Dort hängt ER!“
Wir Christen bekennen von Gott, dass Gott ein mit leidender Gott ist und sich mit allen Leidenden identifiziert, dass Gott in seiner Entäußerung sogar alle Grenzen überschreitet.

3. Gott erinnert sich an uns!

Es ist kein Spiel des Propheten, wenn er in vielen Bildern an die schöpferische Kraft Gottes erinnert. Die Kraft dieses Anfangs geht mit. Gott schafft und Gott hält uns! Gott erinnert sich an uns!
Ein Psalmwort bringt das plastisch zum Ausdruck: Zieht Gott seine Hand von uns zurück, dann fallen wir wie ein leeres Gewand zusammen.
Jesaja zeigt ein großes Bild von Gott: Gott ist Schöpfer und Geist; Helfer aller Menschen; Retter aus Sünde. ER verleiht Flügel und gibt den Müden Kraft. Bei IHM sind alle Haare unseres Hauptes gezählt.
Wir müssen gerade im Leid Gott Gott sein lassen. Aus der Erinnerung an IHN schöpfen wir Kraft. Aber letztlich ist Gott unser eingedenk. ER erinnert sich an uns.

4. Erinnerung verändert den Menschen

Erinnerung verändert den Menschen. Erinnerung vor dem lebendigen Gott ist ein Prozess der Reinigung. Angesichts des heiligen Gottes wird unsere Schuld himmelschreiend. Freilich kann Schuld nicht ausgelöscht werden. Sie ist ein irreversibles Geschehen. Aber im Gedenken kann die ganze Vergangenheit des Menschen anwesend sein – und sie kann durch Reue neu bewertet und gestaltet werden. Reue und Erinnerung sind große Mächte der Selbsterneuerung und revolutionäre Kräfte. Erinnerung ist deshalb nicht nur ein Blick zurück, sondern ein Erinnern für die Zukunft. Dieser Gottesdienst des Bedenkens erinnert an die Novemberpogrome von 1938, die der Anfang zur Schoa – dem größten Verbrechen an den Juden – gewesen sind. Diese Erinnerung ist auch eine Öffnung für die Zukunft: so etwas darf es nicht mehr geben!

Schluss

Schwestern und Brüder! Wir sind an diesem Abend hier versammelt, um zu bekennen: Es gibt eine historische Schuld gegenüber den Juden. Diese Last der Geschichte liegt auf uns.
Wir rufen zu Wachsamkeit auf. Das gehört zu unserer Verantwortung, weil wir glauben, dass Gott Herr der Geschichte ist!

 

Literaturhinweis

Miserere
Gedenkgottesdienst einer christlichen Gemeinde im Angesicht des jüdischen Volkes - insbesondere zum 9. November.
(Deutsches Liturgisches Institut: 2003)
Erarbeitet von Hans Herman Henrix und Erich Zenger.

Die Vorlage bietet ein Modell für einen (ökumenischen) Gottesdienst, in dem der Geschehnisse des 9. November 1938 gedacht wird. Texte und Anregungen eignen sich auch für Gedenkgottesdienste zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.
24 Seiten, € 1,80

Zu bestellen bei: Deutsches Liturgisches Institut, Postfach 2628, 54216 Trier, Deutschland, Telefon: +49-651-94808-0

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