Jäggle, Martin

Jesus war Jude.

Gedanken zum Feiertagsevangeliumam 1. Jänner. (Lk 2,15-21)

Wohl wissend um die großen Themen des heutigen Evangelientextes, will ich am Beginn eines neuen bürgerlichen Jahres die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Aspekt richten. Dieser – auf den ersten Blick so klein scheinende – Aspekt ist aber von einschneidender Bedeutung und hat weit reichende Folgen.
Lukas – und nur er – schreibt: „Und als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, ...“ (V. 21a).
Ein klarer Sachverhalt, jeder Frau und jedem Mann eigentlich geläufig: Jesus wurde der Tora gemäß beschnitten. Das Buch Genesis enthält den entsprechenden Auftrag an Abraham: „Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden in jeder eurer Generationen, ... So soll mein Bund, dessen Zeichen ihr an eurem Fleisch tragt, ein ewiger Bund sein.“ (Gen 17,10-12)


Welche Konsequenzen ergeben sich aber aus dieser kleinen, fast beiläufigen Notiz bei Lukas?
Manchmal scheint sie bedeutungslos zu bleiben, wie das folgende Beispiel zeigen kann: Vor einigen Jahren wurden 11-jährige Gymnasiasten befragt, welcher Religionsgemeinschaft Jesus wohl angehörte. Einhellig waren sie der Meinung: „Jesus war Christ.“ Darüber aufgeklärt, dass dies aus vielen Gründen nicht möglich wäre und er ja in einer jüdischen Familie aufgewachsen sei, antworteten sie mit Nachdruck: „Das mag alles richtig sein, aber er hat sich doch taufen lassen.“
Offensichtlich war Jesus, der Jude, zu lange – nobel ausgedrückt – ein unterbelichtetes Thema.

Unser heutiger Text lässt keinen Zweifel: Jesus war Jude – von einer jüdischen Mutter geboren und nach dem Gesetz beschnitten. Jesus selbst trägt also das Zeichen des ewigen Bundes Gottes mit seinem Volk und er wächst als gläubiger Jude auf. Ziemlich sicher ist er vom ersten Augenblick seines Lebens an in den Glauben Israels eingeführt worden. Seine engeren und weiteren Verwandten hielten sich an die Tora, sie orientierten sich an den Weisungen Gottes. Der Zeit entsprechend lernte Jesus von klein auf diese Glaubenstraditionen auswendig, wurde er vertraut mit den Formen und Formeln, in denen die Erfahrung des Volkes mit seinem Gott Gestalt gefunden hat. Er feierte die Feste mit, allen voran den Schabbat, und stellte als Jüngster wahrscheinlich die berühmten Fragen beim Sedermahl. Jesus lebte und starb als gläubiger Jude. Er blieb seiner Beschneidung, dem Zeichen des ewigen Bundes Gottes, treu.

Und wieder zu unserer Ausgangsfrage zurück: Welche Konsequenzen ergeben sich aber aus der kleinen, fast beiläufigen Notiz? Was bedeutet es, dass jenes Kind, das den Namen Jesus – also “Gott wird retten“ – bekommt, beschnitten wird? Was bedeutet es für unser Verhältnis zum Judentum heute, dass Jesus gläubiger Jude war? Was bedeutet es für unser Bekenntnis von Jesus, dem Christus, dass Jesus gläubiger Jude war?
Prof. Kurt Schubert hat einmal formuliert: “Durch Jesus sind wir Heidenchristen in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen.“ Was bedeutet diese “Mittlerschaft“ Jesu für die gläubige Existenz von uns Christen?

Der Tag des Judentums, eine ökumenische Initiative nicht nur in Österreich, wäre eine gute Gelegenheit, diesen Fragen weiter nachzugehen. Er wird jedes Jahr am 17.Jänner begangen.


Martin Jäggle ist Professor für Religionspädagogik an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien und Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit
Beitrag für die Sendung
„Erfüllte Zeit“ ORF Radio Ö1, am 1. Jänner 2004

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