Sicher ist, daß in Schule und Erwachsenenbildung ein “Unterricht über das Judentum” nötig ist, um es kennen und verstehen zu lernen. Und wir brauchen den Dialog mit dem Judentum, um “unsere älteren Geschwister” kennenzulernen und unsere eigene Herkunft zu verstehen.

Beim Dialog aber wird immer wieder schmerzlich bewußt, daß die ehemals blühenden jüdischen Gemeinden in Österreich aufgrund der Shoah klein in ihrer Zahl geworden sind. Umso mehr ist es zu schätzen, wo das persönliche Gespräch zu Glaube und Religion mit jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern möglich ist. Welche Möglichkeiten können dazu beitragen, dieses neue Verhältnis der Kirche zum Judentum konkret werden zu lassen?

Gottesdienst und Bibel

Im Gottesdienst kann die ersttestamentliche Lesung gewählt und in der Predigt erschlossen werden (wenn dies für die Dauer eines Jahres geschähe . . .). Wir begegnen darin dem Gott der jüdischen Bibel, besonders in den Lebensgeschichten von Abraham und Sara, von Isaak und Rebekka, von Jakob und David, von Jesaja und Jeremia, von Judith und Ruth, aber auch in Psalmen und weisheitlichen Texten. In Bibelrunden und in Vorträgen, im Gottesdienst, in der Schule gilt es, diese Personen der Bibel zu entdecken, ihre Begegnung mit Gott, ihre Nähe und ihr Vertrauen zu Gott ebenso wie ihr Suchen und ihr Klagen.

Im Ersten Testament zeigt sich Gott den Menschen auf vielfältige Weise, nah und helfend, manchmal aber auch fern und fremd. Dies ist bis heute so. Jesu Botschaft, sein Leben und sein Sterben darf nicht vom Judentum getrennt gesehen werden. Besonders die Passion Jesu hat immer wieder zu Vorurteilen gegenüber Juden und Jüdinnen beigetragen. Gerade bei der Leidensgeschichte sowie den liturgischen Texten dazu ist wichtig, Jesus als Jude unter Juden zu verstehen. Denn Verallgemeinerungen gegen “die Juden” entsprechen nicht der Realität, sie verzerren die Sichtweise und führen zu Vorurteilen.

Neue Religionsbücher

In den neueren Religionsbüchern lernen Kinder den christlichen Glauben im Zusammenhang des Judentums kennen. Wenn wir von Jesus erzählen, müssen wir ihn in seiner jüdischen Lebens- und Glaubenswelt darstellen: Er lebte im jüdischen Glauben, er feierte die jüdischen Feste, er legte die Thora aus. Jesus hatte enge Kontakte zu Pharisäern, er war bei ihnen eingeladen, er aß und diskutierte mit ihnen.

Schwieriges Umlernen

Pharisäer waren fromme Juden, die den einfachen Menschen nahe waren, ein Zehntel ihres Besitzes an die Armen abgaben und versuchten, den Glauben im Alltag zu leben. Ein bis heute verzerrtes “christliches” Bild der Pharisäer macht deutlich, wie schwer es ist, aus einer unheilvollen Geschichte von Vorurteilen zu lernen und eingefahrene Bilder über das Judentum zu verändern.

Eine besondere Chance ist, dem gegenwärtigen Judentum zu begegnen. Beeindruckend erzählen Menschen, wie sich ihr Bild und ihr Wissen über Israel und das Judentum auf einer Israelreise verändert haben, wie sie Land und Leute kennenlernten. Auch bei uns ist eine solche Begegnung in Vorträgen möglich, wenn Jüdinnen und Juden von ihrem Alltag, von ihren Festen und ihrem religiösen Leben heute erzählen. Und: Es muß die Shoah erinnert werden, um aus ihr zu lernen, um die Entwicklung von Antijudaismus, von Ausgrenzung und Verfolgung zu erkennen und ihr entgegenzuwirken.

Zugleich aber darf Judentum nicht nur im Blick auf Unterdrückung, Verfolgung und Ausrottung erscheinen. Seine Prägekraft in Kultur, Geistesgeschichte und Religion gehören ebenso dazu. Auch Politik ist gefordert In Schule und Erwachsenenbildung, in der Gemeinde und im Gottesdienst, mit Büchern und Filmen, mit Identifikations- und Begegnungsmöglichkeiten kann es – hoffentlich – schrittweise gelingen, die “Anderen” nicht mehr als anders wahrnehmen zu müssen, sondern Vertrautem und Fremdem neu begegnen zu können.

Zugleich aber macht uns der Dialog mit dem Judentum immer wieder deutlich, daß Pädagogik und Katechese nicht die Politik ersetzen können. Um Schritte auf eine gemeinsame Zukunft ohne Antijudaismus zu tun, sind Kirche und Politik gefordert.

Dr. Helga Kohler-Spiegel, Professorin für Katechetik und Religionspädagogik,
Universitäre Hochschule Luzern.

Zum Weiterlesen:
  • Perikopen, Katholisches Bibelwerk, Postfach 48, 3400 Klosterneuburg, Tel. 0 22 43/32 9 38, Fax DW 39. Die Zeitschrift Perikopen stellt Predigtimpulse, Fürbitten und Gebete zu den Sonntagslesungen regelmäßig und selbstverständlich in Beziehung zu den jüdischen Fundamenten des christlichen Bekenntnisses.
  • Was Christen von Juden lernen. Modelle und Materialien für den Unterricht, Freiburg 1993.
  • KinderWelten. Ein jüdisches Lesebuch, hg. von Alexa Brum u. a., Eichenau 1996.
  • Was Christen vom Judentum wissen sollten. Falter, herausgegeben vom Arbeitskreis für christlich-jüdische Verständigung der Katholischen AktionÖsterreich, 1010 Wien, Spiegelgasse 3.
© Copyright 1999. Mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung der Diözese Linz

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