Typologische Schriftinterpretation

Es ist die Zeit des Triumphes der typologischen Interpretation des Alten Testamentes. Die Ereignisse, die im Alten Testament beschrieben werden, werden nicht mehr bloß als Ereignisse der Vergangenheit, sondern auch als Bilder von Ereignissen der Gegenwart und der Zukunft verstanden und sind damit von großer Bedeutung für das Heil. Die Hymnologie der orthodoxen Kirche ist voll mit solchen typologischen Interpretationen. Die Struktur fast aller Hymnen ist gleich: Im ersten Vers wird ein Ereignis des Alten Testaments erwähnt, das im zweiten Vers mit einem Ereignis des Neuen Testaments verglichen wird. Der Hymnus endet mit einer Doxologie oder mit einer Bitte für die  gegenwärtige Situation. Der Hymnus am Fest von Pfingsten z.B. lautet:

Als der Allerhöchste bei seinem Herabsteigen
die Zungen verwirrt hat,
hat er die Nationen zerstreut.
Als er aber die Feuerzungen verteilt hat,
hat er alle in die Einheit eingeladen.
So loben wir alle einstimmig den Heiligen Geist.

Am 14. September feiert die Orthodoxie das Fest der “Kreuzerhöhung“. Man gedenkt der Bedeutung der Offenbarung des Heilswerkes Gottes für Sein Volk durch das “Holz des Kreuzes“ und das “Zeichen des Kreuzes“, in dem das Heilsgeschehen – d.h. durch Seinen Tod und Seine Auferstehung – seinen Mittelpunkt gefunden hat. In der Hymnologie des Tags wird jedes Holz, das im Alten Testament erwähnt ist, mit dem Holz des Kreuzes verglichen, z.B.:

  • Das Holz des Kreuzes mit dem des Baumes im Garten Eden (Gen 2,9-15):
    Am Krenz sprießt das neue Leben des himmlischen Paradieses.
  • Das Holz der Arche Noa (Gen 6,9 –9,17):
    Das Holz des Kreuzes rettet die Sünder, bewahrt sie vom Ertrinken in den Fluten des Todes; birgt sie in die neu gestaltete Welt Gottes.
  • Moses wirft ein Stück Holz in die Quelle von Mara, um ihr die Bitterkeit zu nehmen (Ex 15,25-26):
    Das Holz des Kreuzes nimmt die Bitterkeit des Todes.
  • Moses schlägt mit dem Holz seines Stabes auf den Felsen, aus dem sogleich Wasser hervor strömt (Ex 17,1-7):
    Wunderbares Leben entspringt dem Kreuz des Herrn.
  • Der Stab Aarons erblühte (Num 17,1-10):
    Am Kreuzesholz erblüht uns das Hohepriestertum Christi.

Aber auch alle kreuzförmigen Zeichen und Gesten werden in ähnlicher Weise interpretiert:

  • Jakob kreuzt die Arme, um die Söhne des Josef zu segnen (Gen 48,8-20):
    Aller Segen geht vom Krenz aus.
  • Mose streckt seine Arme aus, um das Meer zu öffnen und zu schließen (Ex 14,21-29):
    Der Gekreuzigte öffnet durch Sein Pascha den Weg in das Reich Gottes und verschließt die Pforten der Unterwelt.
  • Die eherne Schlange wurde in der Wüste auf einem Pfahl erhöht, so dass jeder von einer Schlange Gebissene, der sie anschaute, nicht starb, sondern am Leben blieb (Num 21,4-9):
    Wer auf den gekreuzigten Christus schaut und an Ihn glaubt, wird nicht sterben, sondern das ewige Leben haben (Joh 19:37).
  • Das Volk Israel lagerte am Berge Sinai kreuzförmig um das Bundeszelt (Num 2,3-31):
    Das Kreuz ist die Lebensordnung des neuen Gottesvolkes.

Nach dem 3. Ökumenischen Konzil von Ephesos im Jahr 341 n.Chr., das Maria als Gottesgebärerin gegen die Lehre von Nestorios erklärte, beginnt ein neuer Zyklus der Interpretation des Alten Testaments. Die Profeten haben nicht nur den Messias angekündigt, sondern haben auch genauso klar über seine Mutter gesprochen. Diese Interpretation finden wir in einer Ikone wieder, die den Titel “Die Profeten seit alten Zeiten ...“ trägt. Die Ikone ist von einem Hymnus inspiriert, der mit den gleichen Worten beginnt:

Seit den alten Zeiten haben die Profeten dich angekündigt
als Topf, Stab, Deckplatte,
Arche, Leuchter, nicht gegrabener Berg,
goldenes Räuchergefäß und Hütte, zugeschlossenes Tor,
Palast und Leiter und Thron des Königs.

In der Mitte der Ikone wird die Mutter Gottes mit Christus als Kleinkind im Schoß dargestellt. Drum herum sind verschiedene Profeten zu sehen, die eine Buchrolle bzw. einen symbolischen Gegenstand in der Hand halten. Die Inschriften lauteten:

  • “Ich habe dich als Stab, der aufblühen ließ den Schöpfer, die Blüte,in Liedern vorherverkündet, du Jungfrau.“ (Aaron nach Num 17,23).
  • “Vlies habe ich dich, du Reine genannt, du Jungfrau. Die wunderbare Geburt ausdir zeigte das Vlies.“ (Gideon nach Ri 6,36ff).
  • “Ich stelle dich nach dem Traumbild als Leiter dar, von der Erde bis zumHimmelsgewölbe Christi.“ (Jakob nach Gen 28,12).
  • “Ich habe Dornbusch genannt dich, der Menschen Schutz und Schirm, dein Geheimnisschauend im wunderbaren Dornbusch.“ (Moses nach Ex 3,2).
  • “Ich habe dich Lade des Heiligtums, Jungfrau, genannt einst angesichts desTempels Anmut.“ (David nach Ps 132,8).
  • “Als Weg dich schaute ich, du Tochter Israel, als neuen Weg des Lebens, aus denIrrwegen fahrend, du Jungfrau.“ (Jeremia nach Jer 18,15, 21,8, 31,21f).
  • “Seherische Gabe durch den Geist tragend sah ich dich, du dicht bewaldeter undschattiger Berg.“ (Habakuk nach Hab 3,3).
  • “Tor Gottes habe ich dich genannt, ein zugeschlossenes, durch welches alleinGott der Herr gegangen.“ (Ezechiel nach Ez 44,2).
  • “Ich habe dich vorhergesagt, Jungfrau, dass du einen strahlenden Stern, GottesWort, gebären wirst.“ (Bileam nach Num 24: 17).

Das Verständnis des Alten Testamentes als eines christlichen Buches bereitet natürlich dem interreligiösen Dialog mit den Juden Schwierigkeiten. Doch lässt die typologische Auslegung mit ihrem bewusst subjektiven Charakter und ihrer Flexibilität viel mehr Raum frei für immer neue Interpretationen und Annäherungen an die biblischen Texte, als die “objektivien“ Methoden der historisch-kritischen Forschung. Die positivistischen Interpretationen der Schrift bieten natürlich eine Möglichkeit für Dialog, sogar auch für Übereinstimmung in einigen Punkten, beachten aber die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gemeinden der Gläubigen nicht. Erkennt man an, dass jedes Lesen eines biblischen Textes ein Lesen ist, das von dem kulturellen Kontext des Lesers geprägt ist, kann man erkennen, dass die Unterschiede in der Interpretation dieses Textes im Kontext der Leser ihren Grund haben. Der Dialog in diesem Fall wird nicht ein endloser Versuch sein, die verschiedenen Interpretationen auszugleichen, sondern er wird als Ziel haben, die verschiedenen Kontexte, die diese Interpretationen prägen, zu studieren und zu verstehen. Ein solcher Dialog kann viel produktiver sein, als die begrenzte Übereinstimmung durch die Ereignisse der positivistischen Methoden.

Anmerkungen

*) Vortrag bei der Jahrestagung 2001 des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit: Erstes Testament und Judentum im Gottesdienst der orthodoxen und orientalischen Kirchen, Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels, 14. und 15. September 2001, Miltiadis Konstantinou ist Professor für Altes Testament an der Universität Thessaloniki.

  • Library of Greek Fathers and Ecclesiastical Authors (BEnEI) 17, 167-167.
  • Nicolaos Papadopoulos, The deuterocanonical pieces of the book of Daniel, Athens 1985, 49 (griechisch).
  • Elias Oikokonomos, Die Bedeutung der deuterokanonischen Schriften in der orthodoxen Kirche, in Siegfried Meurer (Hg.), Die Apokryphen im ökumenischen Horizont, Stuttgart, 29.
  • BEnEI 16, 353.
  • Die Synode hat die so genannten Apostolischen Kanons, die Kanons der Synoden von Laodicea und Karthago, sowie die Kanons von Athanasius, Gregorius dem Theologen und Amphilochinos von Ikonium ratifiziert.
  • PG 13, 228C 229C (lateinisch). PG 24, 169A-172B. Der selben Linie folgt auch Theodoretus Cyrensis, PG 81, 312C-316D, und später Prokopius von Gaza, PG 87, 2040A-2048D.
  • PG 30, 117-668.
  • PG 56, 11-94.
  • PG 70, 9-1449.

 

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