Krätzl, Helmut

„Ich wünsche Frieden über Jerusalem!“

1. Meine Jugenderinnerungen

Ich bin 1931 in Wien geboren und hatte vor dem Krieg einen sehr menschlichen und persönlichen Kontakt zu jüdischen Familien. Da war der Zahnarzt namens Sternschuß, der so lieb war, dass wir Kinder die übliche Furcht verloren haben. In einem Delikatessengeschäft der Familie Grünspan gingen wir gerne einkaufen. Und ein jüdischer Chirurg namens Altmann operierte meinen Bruder, als er an einer schweren Mittelohrentzündung erkrankt war. Sie waren alle sehr gute Menschen. Von ihrer religiösen Einstellung habe ich nie etwas erfahren, vielleicht waren sie auch gar nicht streng religiös. 1938 nach dem “Anschluss“ gingen sie alle noch rechtzeitig ins Ausland. Dann habe ich nie mehr etwas von ihnen gehört.

In der Nähe unserer Wohnung war ein Kloster der Kongregation der Sionsschwestern, die von den aus dem Judentum konvertierten Brüdern Theodor und Marie Alphonse Ratisbonne in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden war. Gemäß dem theologischen Verständnis der damaligen Zeit konnte die Arbeit für die Juden nur eine Bedeutung haben, nämlich ihre Bekehrung. Dafür sollten die Schwestern alle ihre Gebete und Mühen aufopfern. Nach dem Konzil haben sie ihr Ordensziel geändert und nicht um “Missionierung“ gebetet, sondern das christlich-jüdische Gespräch aus dem Glauben und auf hohem theologischen Niveau gefördert, wie Sr. Hedwig Wahle, eine aus ihrer Gemeinschaft zeigte, die eigentlich die Arbeit des heutigen Koordinierungsausschusses begann. Über das Furchtbare des Holocausts habe ich als Kind im Krieg nichts erfahren, erst später, dann aber mit großem Entsetzen.

2. Als mir das Problem theologisch bewusst wurde

Als Mitarbeiter von Kardinal König lernte ich Prälat Johannes Österreicher kennen. Vom Judentum als Medizinstudent in Wien zum Christentum konvertiert, wurde er später Priester und musste 1938 aus Österreich fliehen, zuerst nach Paris, später in die USA. Er selbst bezeichnete sich immer als “Jude und Katholik“. Vor Beginn der zweiten Konzilsperiode berief ihn Papst Johannes XXIII zur Mitarbeit nach Rom. Das machte mich besonders neugierig, was das Konzil nun über die Judenfrage aussagen werde.

3. Das Konzil

Kardinal König hatte mich 1960 zu einem Kirchenrechtsstudium nach Rom geschickt. Die Vorbereitungsarbeiten für das Konzil liefen und man suchte junge Priester für Schreibarbeiten. Auf der 1. Session des Konzils war ich also als Stenograph bei allen öffentlichen Sitzungen in St. Peter dabei.
Johannes XXIII. urgierte neben den sonst eingegangenen Vorschlägen eine Judenerklärung des Konzils und beauftragte am 18. September 1960 Kardinal Bea, den Präsidenten des Sekretariats für christliche Einheit, eine solche über die inneren Beziehungen zwischen der Kirche und dem Volk Israel vorzubereiten.
Diese persönliche Initiative des Papstes wurde vermutlich durch den Besuch des französischen jüdischen Historikers Jules Isaac wenige Monate vorher ausgelöst. Innerkirchlich hatten auch schon andere die Behandlung der Judenfrage angemahnt. In der Zentralkommission des Konzils lagen ein Votum des römischen Bibelinstitutes und Eingaben aus den USA und Holland. Die Eingabe aus Amerika kam vom Institut für christlich-jüdische Studien an der Seton-Hall-University in New Jersey, dessen Vorstand Prälat Österreicher war, der zusammen mit Kardinal König später den Abschnitt über das Verhältnis zum Judentum in “Nostra Aetate“ wesentlich mit redigierte.
Zwei zentrale Anliegen kehrten in den Eingaben immer wieder: ein politisches, nämlich die Verurteilung des Antisemitismus, verbunden mit einem Schuldeingeständnis der Kirche als Mitverursacherin und ein theologisches, nämlich eine positive Lehräußerung, dass die Kirche die Wurzeln ihres Glaubens in Israel nie vergessen dürfe.
Die geplante Erklärung war zunächst nur auf das Judentum gerichtet und sollte als eigenes Kapitel im Ökumenismusdekret Platz finden. Später fand es dann Platz in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen (Nostra Aetate).
Prälat Österreicher sah trotz offen gebliebener Wünsche das Ergebnis positiv. Er schrieb mit Emphase: “Zum ersten Mal in der Geschichte spricht hier ein Konzil mit Anerkennung vom Tasten der Menschen, Stämme und Völker nach dem Absoluten, zum ersten Mal beugt es sich in Ehrfurcht vor dem Wahren und Heiligen anderer Religionen als dem Werk des einen, lebendigen Gottes. Die Deklaration ist dergestalt ein Bekenntnis der Kirche zur Allgegenwart der Gnade und ihrer Wirksamkeit in den vielen Religionen der Menschheit.“

4. Die katholische Kirche korrigiert ihr Verhältnis zum Judentum

Im 4. Artikel von “Nostra Aetate“ legt die Kirche ihre theologische Sicht vom Judentum neu dar und bekennt, was sie dem “auserwählten Volk“ verdankt und wie sie an ihm schuldig geworden ist. Diese Aussagen leiteten eine historische Wende im Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden ein. Kurz zusammengefasst wollte das Konzil das neue Verhältnis zum Judentum so beschreiben:
Nach unversöhnlicher Feindschaft betont nun die Deklaration das geistige Band zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk. Die Kirche Christi findet die Anfänge ihres Glaubens schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten. Vom auserwählten Volk empfing sie die Offenbarung des Alten Testamentes und wird genährt von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schösslinge eingepfropft sind.
Aus dem jüdischen Volk stammt Christus dem Fleische nach, und aus dem jüdischen Volk stammen seine Mutter Maria, die Apostel und die meisten ersten Jünger, die das Evangelium Christi in der Welt später verkündeten.
Die Kirche anerkennt die bleibenden Privilegien Israels. Wenn auch ein Teil der Juden das Evangelium nicht angenommen hat, sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen, sind doch Gottes Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.
Die Kirche wartet zusammen mit dem Judentum auf den “Tag des Herrn“.
Christus ist für die Sünden aller Menschen gestorben.
Im Blick auf das reiche geistliche Erbe Israels verpflichtet sich die Kirche, die gegenseitige Kenntnis und Achtung zu fördern. Niemand darf in Katechese oder Predigt etwas lehren, was mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.
Die Kirche beklagt und verwirft alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben.
Papst Johannes Paul II hat in seiner denkwürdigen Ansprache in der Hauptsynagoge von Rom am 13. April 1986 die Hauptaussagen nochmals in drei Punkten zusammengefasst:
“Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas 'Äußerliches', sondern gehört in gewisser Weise zum 'Inneren' unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.“
Den Juden als Volk kann keine dauernde oder kollektive Schuld wegen der “Ereignisse des Leidens“ Jesu angelastet werden. “Haltlos wird also jede angeblich theologische Rechtfertigung für Maßnahmen der Diskriminierung oder schlimmer noch, der Verfolgung.“
Daraus ergibt sich, dass trotz des Bewusstseins, das die Kirche von ihrer eigenen Identität hat, es nicht erlaubt ist, etwa aus der Hl. Schrift zu folgern, dass die Juden “verworfen“ seien. Das Konzil betont sogar mehrfach mit Berufung auf die Schrift, dass die Juden “weiterhin von Gott geliebt werden“, der sie mit einer “unwiderruflichen Berufung“ erwählt hat.
Die Aussagen sind über die Kirche hinaus wichtig, weil gerade in der Geschichte Wurzeln des Antijudaismus vielfach aus dem Christentum stammen, und, was noch schwerer wiegt, man diese noch biblisch und theologisch zu rechtfertigen versuchte.

5. Was uns heute zu weiterem Einsatz verpflichtet

5.1 Antijudaismus hat nicht nur das Verhältnis Christen-Juden vergiftet, sondern in der Geschichte den Fremdenhass überhaupt geschürt und gleichsam legitimiert. Das Phänomen des heutigen Fremdenhasses und der Ausländerfeindlichkeit hat verschiedene Motive, eine historische und psychologische Wurzel aber auch im Judenhass. Fremdenhass insgesamt kann nur erfolgreich bekämpft werden, wenn auch die Wurzeln des Antijudaismus endlich ausgerottet werden.
5.2 Christen und Juden gemeinsam haben glaubwürdig Zeugnis für den einen, friedliebenden, barmherzigen Gott abzulegen in einer immer säkulareren Gesellschaft. Im Dialog mit den Juden müssen wir Christen uns neu besinnen, wie wir über Gott reden, über den Dreifaltigen Gott, ohne in den Verdacht eines Tritheismus zu kommen. Am Stehen zu den Juden wird sich die Konsequenz des Gebotes der Gottes- und der Nächstenliebe neu erweisen, übrigens ein Gebot, das uns beide verpflichtet.
5.3 Der jüdisch-christliche Dialog ist zutiefst eine Reflexion über die eigene Identität der Kirche. Christliche Identität gibt es nur in der bleibenden Rückbindung an das Judentum.
5.4 Der christlich-jüdische Dialog bringt uns den allumfassenden Heilswillen Gottes näher und macht bewusst, dass Gott die Auserwählung seines Volkes Israel nie zurückgenommen hat.
5.5 Von der Haltung der Christen zu den Juden hängt wohl auch künftiger Friede ab.

Der christlich-jüdische Dialog hat begonnen, er braucht zur Weiterführung aber die Anstrengung beider Seiten. Von Rabbi Leon Klenicki habe ich einmal gelesen: “Jüdischerseits brauchen wir ein Nachdenken über das Christentum, seine Bedeutung und Sendung im Plan Gottes. Dies ist in der Tat ein schweres Unterfangen, weil christlicherseits Jahrhunderte lang eine Verachtung gelehrt wurde, die dem Antisemitismus Nahrung bot und sich in manchen Tendenzen christlicher Theologie oder in theologischen Dokumenten weiterhin findet. Christlicherseits muss man unter diese nahezu klassische Lehrtradition der Verachtung des Judentums einen Schlussstrich ziehen. Beide Religionsgemeinschaften haben noch viel aufzuarbeiten. Solche gemeinsame Anstrengung wird jedoch ihre je eigene Berufung vertiefen.“
Und das gilt nicht nur für das Verhältnis Christen-Juden, sondern wahrscheinlich hängt davon sogar vieles ab, was den Weltfrieden gefährdet, oder gegen alle Erwartung auch zu ihm führen kann. Möge endlich
Jerusalem trägt den Namen des Friedens. Jerusalem war für das Volk Israel jener Ort, zu dem sich einmal die Völkerwallfahrt von allüberall her in Bewegung setzen wird. Jerusalem weist auch auf das himmlische Jerusalem hin, zu dem wir alle unterwegs sind.

Ich wünsche endlich Frieden über Jerusalem. Es ist religiös das Zentrum des Friedens. Nur von dort ist auch Friede zu erwarten, zuerst für den Nahen Osten, dann für die Welt! Darum sollten Juden wie Christen nicht nur beten, sondern all ihre Kräfte dafür einsetzen.

Ich danke ganz herzlich für die Auszeichnung. Sie bedeutet für mich eine große Ehre. Sie ist für mich aber auch Herausforderung, mich noch mehr im erwähnten Sinn für das christlich-jüdische Gespräch und damit auch für den Frieden einzusetzen.

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