Pawlikowski, John T.

 

Definiert sich katholisches Selbstverständnis gegen die Juden?

 
Papst Benedikt XVI. und die Frage der Judenmission
 
Seit dem zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bis zum II. Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche ihr grundlegendes Selbstverständnis weitgehend als Gegensatz zu Juden und Judentum definiert. Sie bezeichnete sich selbst als das „neue Israel“. Sie verkündete, dass sie das jüdische Volk im weiter bestehenden Bund mit dem Schöpfergott ersetzt hätte. Sie beschrieb, dass durch Jesus der ursprüngliche Bund mit dem jüdischen Volk erfüllt wurde und ließ so im Grunde das Judentum beraubt seiner Stellung einer gültigen religiösen Tradition zurück.
Manchmal wurde diese Selbstdefinition als Gegensatz zum Judentum extrem hasserfüllt zur Sprache gebracht, besonders unter den Kirchenvätern, in einer Sprache, die sich – wie verschiedene Untersuchungen katholischer Lehrbücher deutlich erwiesen haben – bis gut in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehalten hat.
Zu manchen Zeiten war der Ton etwas gemäßigter. Das Judentum wurde gepriesen wegen seines ursprünglichen Bundes und seiner prophetischen Tradition, aber es wurde betont, dass letztlich mit dem Erscheinen Christi alles Wertvolle des Judentums im Christentum aufgegangen sei.
 

Diskussion um Nostra Aetate

Dieses Erbe christlichen Selbstverständnisses als Gegensatz zu den Juden erreichte sein plötzliches Ende mit Kapitel 4 der Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils – zumindest dachten wir dies für ungefähr vierzig Jahre. Mit gutem Grund bezeichnete der kanadische Theologe Gregory Baum (der zur ersten Formulierung des Textes des Konzilsdokuments beigetragen hat) dieses Kapitel – im Lichte der Geschichte der judenfeindlichen Grundhaltung der katholischen Kirche – als den tiefgreifendsten Wandel im allgemeinen Lehramt der Kirche, der aus dem II. Vatikanischen Konzil hervorgegangen ist.1)
Nostra Aetate hat gewiss nicht jeden theologischen Streitpunkt bezüglich des christlich-jüdischen Verhältnisses beigelegt. Aber es hat die Diskussion auf einen grundlegend neuen Kurs gelenkt. Danach stehen die Juden weiterhin im aufrechten Bund mit Gott. Sie wurden mit dem Auftreten Christi nicht daraus verdrängt. Jesu positive Verbindungen zum Judentum wurden hervorgehoben. Und die historische Anklage des Gottesmords gegenüber der jüdischen Gemeinschaft, Basis für so viel theologischen Anti-Judaismus im Christentum, wurde für null und nichtig erklärt, weil sie von vornherein eine unberechtigte Beschuldigung war. Die Juden wurden vom II. Vatikanum nicht freigesprochen, wie manche Schlagzeilen in den Zeitungen damals verkündeten. Vielmehr bekannte die katholische Kirche, dass sie Opfer einer falschen Anschuldigung waren, die in christlich dominierten Gesellschaften Jahrhunderte lang verheerenden Schaden unter den Juden angerichtet hat.
Nostra Aetate bestimmte die Beziehung zu Juden und Judentum neu: von einer Sichtweise als Gegensatz zum Judentum, hin zu einer Sichtweise, die die jüdische Gemeinschaft in einer engen Partnerschaft mit der Kirche sah, im Prozess, die endzeitliche Gottesherrschaft herbeizuführen. Sie sind, wie der verstorbene Papst Johannes Paul II. es formulierte, wirklich zu einem Punkt in ihrer gegenseitigen Beziehung gelangt, in der sie „einander zum Segen“ wurden.2)

Diese neue Perspektive ist jedoch in den letzten Jahren schweren Anfechtungen ausgesetzt. Manche haben begonnen zu argumentieren, dass Nostra Aetate lediglich ein „pastorales“ Dokument gewesen sei, dazu bestimmt, die Beziehungen zwischen Juden und Christen zu verbessern, jedoch ohne jedwede theologische Bedeutung. Kurz, das II. Vatikanum hätte die klassische theologische Sichtweise der Beziehung der Kirche zum jüdischen Volk nicht offiziell geändert. Der jüdische Bund sei noch immer so zu sehen, dass er durch Christus zu seiner Erfüllung gekommen sei und die Missionierung der Juden verbliebe ein Gebot für Christen – wenn auch mit einer speziellen Herangehensweise, die den Respekt für ihren anfänglichen Beitrag zur Entwicklung der Heilsgeschichte zeigt,
In seiner Antwort auf das Forschungsdokument Reflexionen über Bund und Mission (Reflections on Covenant and Mission), welches (gemeinsam mit einem jüdischen Dokument zu dem gleichem Thema) aus einem kontinuierlichen Dialog zwischen der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten – United States Conference of Catholic Bishops USCCB und dem Nationalen Rat der Synagogen – National Council of Synagogues NCS hervorgegangen ist, behauptete der verstorbene Kardinal Avery Dulles SJ eindringlich, dass das II. Vatikanum die Frage, ob der Bund mit Israel aufrecht sei, nicht geklärt hätte und beharrte darauf, dass aufs Neue die beiden Aussagen im Hebräerbrief ernst zu nehmen seien, die den jüdischen Bund nach dem Christusereignis als überholt erscheinen lassen.3) Er wiederholte dieses Argument 2005 in einer Rede bei einer Konferenz in Washington zur Erinnerung an den 40. Jahrestag der Erklärung Nostra Aetate, später veröffentlicht in der konservativen amerikanischen Zeitschrift First Things.4)
In jüngerer Zeit ist Kardinal Albert Vanhoye, ein Bibelwissenschaftler, der sich seit ungefähr dreißig Jahren auf das Studium des Hebräerbriefes spezialisiert hat, in die Diskussion um die bleibende Gültigkeit des Bundes Gottes mit den Juden eingestiegen. Kardinal Vanhoye steht dem gegenwärtigen Papst nahe, was seine Wahl zum Begleiter der Jahresexerzitien für den päpstlichen Haushalt (Papst Benedikt XVI. selbst eingeschlossen) und zum Eröffnungsredner bei der Welt-Bischofssynode zur Bibel 2008 klar zeigt. Dem gleichen Gedankengang wie Kardinal Dulles folgend hat Kardinal Vanhoye darauf bestanden, dass der Hebräerbrief in seiner Aussage, der Bund mit den Juden sei außer Kraft gesetzt, ernst genommen werden müsse. Mögen sich die Juden auch einer eher allgemeinen Bündnisbeziehung erfreuen, ihr spezieller Bund sei durch den neuen Bund in Christus ersetzt.5)
 

Eine Frage der Autorität

Drittens ist in der in den Vereinigten Staaten laufenden Diskussion über die Stellungnahme des Ausschusses für Lehre der Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit dem Sekretariat für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten der Bischofskonferenz eine sehr verstörende Haltung zum Vorschein gekommen: Es werden gewisse „Mehrdeutigkeiten“ in den Reflexionen über Bund und Mission kritisiert und eine Änderung im Erwachsenenkatechismus vorgestellt: Die Erklärung zum jüdischen Bund wird von der Gegenwartsform (noch immer intakt) in die Vergangenheitsform (in Christus zur Erfüllung gekommen) geändert.6) Diese Sichtweise einiger Personen innerhalb der katholischen Bischofskonferenz der USA besagt, dass keine der vielen Aussagen Papst Johannes Pauls II. während seines langen Pontifikats noch die Erklärungen der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum irgendeine lehramtliche Autorität hinter sich hätten.
Kürzlich erfuhr ich von einem deutschen Kollegen, der in der Päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum sitzt, dass es eine bestimmte Geschichte hinter dieser Haltung gibt, die stark mit der Person Kardinal Vanhoyes verbunden ist. Sofort nach Papst Johannes Pauls II. bahnbrechender Erklärung 1980 in Mainz an den Zentralrat der Juden und die Rabbinerkonferenz in Deutschland, in der er klar die Idee der Enterbung im christlich-jüdischen Verhältnis verwarf, organisierte Vanhoye eine Konferenz in kleinem Rahmen, um erneut die Vorrangstellung der Außerkraftsetzung des jüdischen Bundes im Hebräerbrief zu bekräftigen und die Vision, die Johannes Paul II. vertrat, zu untergraben. Während des Pontifikats von Johannes Paul II. waren diese Bemühungen nicht sehr erfolgreich und von diesem Zusammentreffen wurde nie eine Veröffentlichung heraus gegeben.
Aber die Saat, die bei diesem Treffen gestreut wurde, konnte schließlich doch fruchtbaren Boden finden. Angesichts der engen Beziehung zu Benedikt XVI. werden diese Bemühungen genau zu beobachten sein. Sie wurden bereits ein Hauptargument in der Diskussion, wie die Führung des orthodoxen und des konservativen Judentums sowie der Reform gemeinsam mit der Anti Defamation League ADL und dem American Jewish Committee AJC auf diese Herausforderung antworten soll. In einem Brief die US Bischöfe erhoben sie die ernste Frage, ob die Bischöfe jetzt die Missionierung der Juden vorantreiben wollten und den jüdischen Bund für null und nichtig erklärt hätten? In diesem Fall, so versicherten die jüdischen Vorsitzenden, wäre die Fortsetzung des katholisch-jüdischen Dialogs in ernster Gefahr.
Lassen Sie mich hinzufügen, dass der Internationale Rat der Christen und Juden ICCJ sowie einige Mitglieder des Beratenden Komitees für katholisch-jüdische Beziehungen der US Bischofskonferenz, mich selbst eingeschlossen, in eigenen Briefen ähnliche Fragen wie diese führenden jüdischen Persönlichkeiten an die US Bischofskonferenz gerichtet haben. Ich möchte dazu auch bemerken, dass dies nicht nur als amerikanische Angelegenheit angesehen werden sollte. Wir wissen nämlich, dass der Druck, der zu dieser neuerlichen Erklärung geführt hat von Kardinal William Levada ausging, dem Präfekten der Glaubenskongregation und dass die Änderung im Erwachsenenkatechismus erst kürzlich vom Vatikan durch eine recognitio bewilligt wurde.
Lassen Sie mich zuletzt auch Bezug nehmen auf die Situation in Deutschland, wo eine wichtige Erklärung des Gesprächskreises Juden und Christen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken ZdK, der seriöse, konstruktive Arbeit in der theologischen Umsetzung von Nostra Aetate unternommen hat, von Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz beträchtliche Kritik erhalten hat, da sie unmissverständlich jegliche Missionierung der Juden ablehnt.7)
In einer Rede an der Universität von Cambridge 2002 behauptete ich, dass „Mission“ eine der zentralen ungelösten Fragen im christlich-jüdischen Verhältnis geblieben sei und dass wir sie einfach nur unter den Teppich gekehrt hätten.8) In der anschließenden Diskussion bei dieser Konferenz kritisierten mich einige meiner Kollegen für diese Behauptung und bestanden darauf, dass die katholische Kirche jegliche Mission gegenüber Juden aufgegeben hätte. Bedauerlicherweise habe ich jedoch recht behalten, da das Thema Mission in Schlüsselländern für den christlich-jüdischen Dialog wie Deutschland und die Vereinigten Staaten wieder recht nachhaltig auftaucht.
Die Schilderung dieser Entwicklungen vermag gewiss beträchtliche Entmutigung verursachen. Glücklicherweise ist das aber nicht das ganze Bild gegenwärtiger katholisch-jüdischer Beziehungen. Es gibt Mitglieder der katholischen Amtskirche, die sich der Vision von Nostra Aetate und Johannes Pauls II. noch immer zutiefst verpflichtet fühlen. Ein solcher Bischof ist Richard Sklba, der bis vor kurzem das Sekretariat für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten der US Bischofskonferenz geleitet hat und eigenständiger Bibelwissenschaftler ist. Bischof Sklba hat mit tiefer Einsicht über das christlich-jüdische Verhältnis geschrieben. In den Anfangsstadien der Entstehung des Dokuments des Ausschusses für Lehre der US Bischofskonferenz erhob sich Bischof Sklba und weigerte sich, die erste Version der gegenwärtigen Erklärung zu den Reflexionen über Bund und Mission zu unterzeichnen, die in einer noch schärferen Sprache abgefasst war als der überarbeitete Text. Unglücklicherweise endete Bischof Sklbas Leitungsperiode für das Sekretariat gerade, als er diese Handlung setzte.
Wir haben in den letzten Monaten auch wichtige bischöfliche Unterstützung zu diesen Fragen innerhalb der deutschen Amtskirche gesehen.
Bedauerlicherweise – und ich sage das bei großem Respekt für seine Beiträge zum christlich-jüdischen Dialog über etliche Jahre – hat sich Kardinal Walter Kasper dafür entschieden, während der laufenden Konflikte mit dem Argument im Hintergrund zu bleiben, dass dies Angelegenheiten der Ortskirche seien.
Jedoch wissen wir, dass der Druck zu den Kernfragen Mission und Erfüllung in Christus von der Glaubenskongregation ausgegangen ist. Und sicherlich waren die amerikanischen und deutschen Kirchen an vorderster Front in den Bemühungen, das II. Vatikanum in der Judenfrage umzusetzen. Infolgedessen hat ein Angriff auf ihre Bemühungen klarerweise Auswirkungen jenseits ihrer nationalen Grenzen.

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