Aktuelle Forschungsergebnisse zur Trennung von Judentum und Christentum

Lassen Sie mich Ihnen nun in einem kurzen Abriss einige der neuen Entwicklungen im Verständnis des christlich-jüdischen Verhältnisses darlegen, besonders aus der Periode seines Ursprungs. Die meisten dieser neuen Untersuchungen in Verbindung mit der „Trennung der Wege“ von Christentum und Judentum und den neuen Sichtweisen auf Paulus und das Judentum (besonders seine Meinung über die Tora) wurden von Bibelwissenschaftlern, sowohl christlichen als auch jüdischen, angestellt. Leider haben sich die Ergebnisse bis jetzt größtenteils noch nicht wesentlich auf die systematische Theologie oder Liturgiewissenschaft ausgewirkt, obwohl bereits so mancher Durchbruch beginnt hervorzutreten. Die Neubewertung der kontroversiellen Passagen des Hebräerbriefes, die von Wissenschaftlern wie Dulles so interpretiert wurden, dass nach Christus der Bund mit dem jüdischen Volk außer Kraft gesetzt zu sein scheint, ist auch Teil dieses neuen Vorhabens.
Das Wissen aus der Erforschung der Phase der „Trennung der Wege“ trägt viel dazu bei, Jesus und die frühe Kirche wieder unter den weiten Mantel der jüdischen Gesellschaft im ersten und zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung einzugliedern. Die Forschung neigt eindeutig dazu das Datum der deutlichen Trennung von Kirche und Synagoge weit jenseits des Endes des ersten Jahrhunderts zu verlegen und sogar noch weiter, wenn wir uns in den christlichen Osten bewegen. Und sogar nach erfolgter Trennung hat die Forschung Hinweise auf einen fortbestehenden konstruktiven Austausch. Um diesen Punkt zu betonen wurde eine wichtige Sammlung von Abhandlungen zu dieser Frage The Ways That Never Parted (Die Wege, die sich niemals trennten) genannt.22)
Früh schon in der Erforschung der „Trennung der Wege“ gab mein Kollege im Verbund der theologischen Schulen der Universität von Chicago, Robin Scroggs, eine prägnante Zusammenfassung der Richtung, in die uns diese Forschung führen wird.23) Seine Analyse wurde mit Wohlwollen vom verstorbenen Kardinal Josef Bernardin, Erzbischof von Chicago, der führend am christlich-jüdischen Dialog mitwirkte, in seinen eigenen Schriften über das Verhältnis zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk zitiert. In seiner Zusammenfassung der neuen Forschung über das Verhältnis von Jesus zum Judentum und das jüdische Umfeld des frühen Christentums, bekräftigte Scroggs folgendes: Die Bewegung, die von Jesus begonnen worden war und die nach seinem Tod in Palästina weitergeführt wurde, kann am besten als Reformbewegung innerhalb des Judentums beschrieben werden. Während dieser Periode gibt es wenig erhaltene Hinweise darauf, dass Christen eine von den Juden getrennte Identität hatten.
Die Missionsbewegung des Paulus, so wie Paulus sie verstand, war eine jüdische Mission gerichtet auf die Heiden (Nichtjuden) als das eigentliche Ziel von Gottes Ruf an sein Volk.
Vor dem Ende des jüdischen Krieges gegen die Römer, der 70 n.Chr. endete, gab es so etwas wie das Christentum nicht. Die Anhänger Jesu hatten von sich selbst nicht das Verständnis einer Religionsgemeinschaft, die sich gegen das Judentum stellte. Eine profilierte christliche Identität begann sich erst nach dem jüdisch-römischen Krieg herauszubilden.
Die jüngeren Teile des Neuen Testaments zeigen alle Zeichen einer Bewegung in Richtung einer Trennung, aber sie bewahren allgemein auch eine Verbindung zu ihrem jüdischen Ursprung.

Jesus der Jude

Ein anderer wegweisender Wissenschaftler in der Anfangsphase der „Trennung der Wege“-Diskussion war der verstorbene Anthony Saldarini. In verschiedenen Abhandlungen unterstrich er die weiter bestehende Gegenwart der „Anhänger des neuen Wegs“ (Apg 9,2) unter dem weiten Mantel des Judentums über die ersten paar Jahrhunderte. Saldarini hob besonders die fortbestehende Verbindung zwischen christlichen Gemeinden und ihren jüdischen Nachbarn im östlichen Christentum hervor, deren theologische Anschauungen in Darstellungen der frühen Kirche innerhalb westlicher christlicher Theologie meist unbeachtet gelassen werden.24)
Die tiefgreifende Neubewertung des Ursprungs der Kirche, die von Wissenschaftlern wie Scroggs und Saldarini begonnen worden war, wurde fortgesetzt und wir sehen eine Weiterentwicklung der ursprünglichen Themen. Der Bibelwissenschaftler John Meier behauptet im dritten Band seiner umfangreichen Studie über das Verständnis der Person Jesu im Neuen Testament, dass bei gewissenhafter Prüfung der Indizien im Neuen Testament Jesus so gesehen werden muss: Er präsentiert sich der jüdischen Gesellschaft seiner Zeit als eschatologischer Prophet und Wundertäter ähnlich wie Elija. Er war nicht daran interessiert, eine eigene Sekte zu begründen oder einen heiligen Rest zu sammeln ähnlich der Gemeinde von Qumran. Aber er hatte die Vision, eine spezielle religiöse Gemeinde innerhalb Israels zu entwickeln.
Die Idee, dass diese Gemeinde „innerhalb Israels langsam einen Prozess der Abspaltung von Israel durchmachen wird, da sie die Missionierung der Heiden in der gegenwärtigen Welt betreibt – mit dem langfristigen Ergebnis, dass diese Gemeinde selbst eine mehrheitlich heidnische wird – findet sich weder in Jesu Botschaft noch seinem Handeln.“25)
In einer jüngeren Studie fügt David Frankfurter weitere Aspekte zur Vorstellung einer engen Verflochtenheit von Christen und Juden bis in eine Zeit weit nach Jesu Lebenszeit hinzu. Er behauptet, es hätte innerhalb der verschiedenen Gruppierungen, die Juden und Christen einschlossen, ein „wechselseitiger Einfluss während der Spätantike fortbestanden. Es gibt Hinweise für einen Grad der Überschneidung, der, wenn man alles bedenkt, jede Konstruktion eines geschichtlich eigenständigen Christentums vor zumindest der Mitte des 2. Jahrhunderts gefährdet.“26)
Die wachsende Zahl von Bibelwissenschaftlern, die sich an der Diskussion über die „Trennung der Wege“ beteiligt hat, betonen alle die große Schwierigkeit, Jesus mit einiger Bestimmtheit innerhalb der ständig wechselnden Umstände im 1. Jahrhundert zu verorten. Manche sprechen von „Judentümern“ und „Christentümern“ in dieser wechselhaften Zeit, die fast alle ein Gemisch von fortgesetzter jüdischer Praxis und neuen Erkenntnissen sind, die von Jesu Wirken und Verkündigung inspiriert wurden.
Für Wissenschaftlerinnen wie Paula Fredriksen ist schon der Ausdruck „Trennung der Wege“ nicht hilfreich, weil er zwei stabile Blöcke von Gläubigen unterstellt. Tatsächlich waren die verschiedenen Gruppierungen wenigstens ein paar Jahrhunderte miteinander verschränkt. Deshalb können wir, wie Daniel Boyarin richtig feststellte, nicht vom Judentum als „der Mutter“ oder „dem älteren Bruder“ des Christentums sprechen. Das ist zu vereinfacht. Das sind im Wesentlichen Bilder, die von einer linearen Entwicklung ausgehen, die aber von dieser neuen Forschung im Bezug auf die konkrete Wirklichkeit als irreführend beurteilt werden. Das, was letztlich in unserer Zeitrechnung als „Judentum“ und „Christentum“ bekannt wurde, war eher ein komplizierter, parallel verlaufender gemeinsamer Entstehungsprozess über einen ausgedehnten Zeitraum, in dem verschiedene Themen mit einem oder zwei größeren Schwerpunkten verknüpft wurden. Viele Faktoren trugen schließlich zu dieser Abgrenzung bei, darunter der römische Vergeltungsschlag gegen „die Juden“ wegen des Aufstands gegen die Besetzung Palästinas im späten ersten Jahrhundert sowie die Entwicklung einer starken judenfeindlichen Lehre während der Zeit der Kirchenväter. Die „Bekehrung“ von Kaiser Konstantin hat sich auch als entscheidend für die letztliche Spaltung in zwei unterschiedliche Glaubensgemeinschaften herausgestellt.

Paulus, ein jüdischer Prediger

Innerhalb der gesamten „Trennung der Wege“-Forschung war die grundlegende Neubewertung der Stellung Paulus zum Judentum eines der wichtigsten Ergebnisse.
Traditionellerweise wird Paulus in volkstümlichen und wissenschaftlichen Kreisen des Christentums vielfach als dessen Begründer gesehen. Es wird ihm zugeschrieben, den entscheidenden Bruch mit dem Judentum herbeigeführt zu haben, hauptsächlich basierend auf der zunehmend angezweifelten grundlegenden Erzählung der Apostelgeschichte, in der Paulus beim sogenannten Apostelkonzil für konvertierte Heiden jegliche Verpflichtung auf die Tora zurückweist. Man sagt, Paulus habe die Ansicht verfochten, dass das Christentum dem Judentum theologisch überlegen sei. Diese Meinung über Paulus hat auch während des vergangenen Paulus-Jubiläumsjahres in den meisten christlichen Kreisen vorgeherrscht, einschließlich vieler Ansprachen Papst Benedikts XVI., obwohl diese Ansicht von einer wachsenden Anzahl von Wissenschaftlern zunehmend aufgegeben wird.
Zunehmend sieht man Paulus dank der „Trennung der Wege“-Forschung heute eher als ein wichtiges Mitglied der komplexen jüdisch-christlichen Szene an, anstatt als jemanden, der völlig außerhalb dieser Szene stand und ihre grundlegende Ausrichtung ablehnte. Kurz vor seinem Tod sagte der berühmte Neutestamentler Raymond Brown in einer Rede in Chicago, dass er zu der Überzeugung gelangt sei, dass Paulus eine sehr hohe Achtung vor der Tora hatte, einschließlich ihrer rituellen Dimension, und dass er, wenn er einen Sohn gehabt hätte, ihn wahrscheinlich hätte beschneiden lassen.
Sogar in Paulus’ „christologischen“ Überlegungen sieht man jetzt Anknüpfungspunkte zu Teilen der jüdischen mystischen Tradition jener Zeit. Der jüdisch „mystische“ Zugang zu Paulus wurde in den letzten Jahren weiter entfaltet, unter anderem in einem neuen Buch von Benjamin D. Sommer vom Jewish Theological Seminary in New York mit dem Titel The Bodies of God and the World of Ancient Israel. 27)
Die neue Forschung zu Paulus’ Haltung zum Judentum, die sich jetzt in die zweite Phase bewegt, in der Paulus in noch engere Beziehung zum Judentum und noch größeren Respekt gegenüber seinem Gesetz gebracht wird, arbeitet klar heraus, wie paulinische Schriften klassisch in der christlichen systematischen Theologie und Ethik verwendet wurden. Größere Projekte, wie etwa die mehrjährigen Forschungsvorhaben zu Paulus und Judentum an der katholischen Universität von Leuven in Belgien – gehen eindeutig in diese Richtung und wiedervereinigen Paulus in enger Weise mit dem Judentum seiner Zeit. In allen Abhandlungen, die bei einer Konferenz in Leuven im September 2009 unter dem Dach dieses Forschungsprojekts präsentiert wurden, wurde mit großem Nachdruck darauf hingewiesen, dass Paulus die aufrechte Verbindung der Kirche mit dem Judentum hervorhebt, trotz seines Bestrebens, einen Weg zu finden, wie er Heiden in das in Christus erneuerte Bundesverhältnis einschließen kann, ohne ihnen die Beobachtung aller Ritualgebote auferlegen zu müssen.

Streit um den Hebräerbrief

Nun ein letzter Punkt in Bezug auf positive Entwicklungen in der jüngeren Forschung. Er betrifft den Hebräerbrief und seine kontroversiellen Abschnitte über die Aufhebung des jüdischen Bundes, wie sie erneut von Leuten wie die Kardinäle Vanhoye und Dulles unterstützt werden. Während das wissenschaftliche Interesse am Hebräerbrief derzeit begrenzt ist, gibt es doch einige wichtige Stimmen wie Alan Mitchell28) und Luke Timothy Johnson 29). In bedeutenden jüngst erschienenen Büchern zum Hebräerbrief wenden beide ein, dass der Brief ausschließlich an Christen adressiert sei, um ihren Glauben zu stärken und dass er wenig aussagt, um das Thema der bleibenden Gültigkeit des jüdischen Bundes zu klären. Diese neue bibelwissenschaftliche Forschung untergräbt erheblich den Versuch von Dulles und Vanhoye, den Hebräerbrief wieder in die Diskussion über die Theologie der christlich-jüdischen Beziehung einzubringen, im Gegensatz zum II. Vatikanum, das auf Römer 9-11 setzt.
Allgemein gesehen stellen wir in der wissenschaftlichen Community eine wachsende Bewegung weg vom historischen Modell katholischen Selbstverständnisses im Gegensatz zu den Juden hin zu einem Modell einer christlichen-jüdischen Partnerschaft in Kernaussagen. Das wird die in gewissen katholischen Kreisen wachsende Regung, zumindest teilweise wieder zum klassischen „über ihnen und gegen sie“ zurückzukehren, weiter herausfordern. Ich sehe keine baldige wirkliche Lösung dieses Spannungsverhältnisses. Aber ich kann sagen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Wissenschaft den neuen eingeschlagenen Weg verlassen wird, nur weil die Amtskirche versucht, wieder die Überlegenheit des alten Modells geltend zu machen.
Die Verfolgung eines neuen Modells wird gewiss immer wieder Problemstellungen und Herausforderungen gegenüberstehen und das schließt auch Herausforderungen für die jüdische Seite mit ein. Die historische Verpflichtung zu Mission und Evangelisation im Christentum etwa kann nicht einfach gestrichen werden. Die Freiheit religiöser Ausdrucksformen, einschließlich des Rechts, sich in der Mission zu engagieren, muss innerhalb gewisser Grenzen geschützt werden. Wir können aber nicht leichtfertig fortfahren zu behaupten, dass Mission und Dialog leicht zu vereinbaren sind. Das sind sie nicht, ohne dass wir unsere Herangehensweise an Mission feiner bestimmen. Die neue „Trennung der Wege“-Forschung stellt eine große Herausforderung für die traditionellen Vorstellungen von Mission dar, sie bedürfen tiefgreifender Reflexion.
Meine vielleicht größte Quelle des Trostes angesichts der wachsenden Spannungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen ist, dass großer schöpferischer Wandel nie auf leichtem Wege zu erreichen ist. Dieses Bewusstsein stärkt mich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die wir versuchen, ein neues Model der Partnerschaft zu finden – allen Schwierigkeiten zum Trotz.

Der Autor – früherer Präsident des Internationalen Rates der Christen und Juden – ist Professor für Sozialethik und Leiter des katholisch-jüdischen Studienprogramms an der Catholic Theological Union in Chicago. Überarbeiteter Vortrag am 17. November 2009 im Kardinal König Haus Wien.
Übersetzung: Romana Reismann
Lektorat: Markus Himmelbauer



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