Nausner, Helmut

Christliche Überlegungen zu "Dabru emet"

Immer wieder werden wir im christlich-jüdischen Dialog gefragt, ob es eine jüdische Antwort auf die Dialogbemühungen und die Schritte der Erneuerung in den Kirchen gibt. Ja, das gibt es. Zum Beispiel das Dokument Dabru Emet „Redet Wahrheit“ aus dem Jahr 2000, eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum.


Die Art der Publikation war ungewöhnlich. Die jüdische Stellungnahme erschien gleichzeitig in der New York Times und in der Baltimore Sun, gewissermaßen in aller Öffentlichkeit. Das erregte Aufsehen und weckte Zustimmung und Widerspruch, bei Christen und Juden. In Europa haben wir es weitgehend verlernt, wichtige theologische und religiöse Fragen in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Religiöse bzw. kirchliche Fragen schienen die Öffentlichkeit nicht zu interessieren. In letzter Zeit haben vor allem Skandale in den Kirchen das Interesse der Öffentlichkeit gefunden. Das Erscheinen von "Dabru emet" in zwei großen amerikanischen Tageszeitungen erinnert und fordert uns heraus, dass eine so wesenhafte Frage wie sie das Verhältnis von Kirchen und Judentum durchaus in die Öffentlichkeit gehört. Der Judenstern, den Juden und Jüdinnen in der Zeit der Naziherrschaft öffentlich zu tragen hatten, war ja auch eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme der Nazis. Der Judenstern war ja nicht die erste öffentlich demütigende Maßnahme Juden gegenüber. In der zweitausendjährigen europäischen Geschichte der Judenfeindschaft gibt es weitere Beispiele dafür.

Ich hoffe, dass Christen und Kirchen die Kraft und den Mut finden, diese Herausforderung anzunehmen und in aller Öffentlichkeit die begonnenen positiven Veränderungen dem Judentum gegenüber auszusprechen und zu begründen.

Alle zustimmenden und alle kritischen Stimmen dem Text "Dabru emet" gegenüber haben ihre Berechtigung und müssen weiter diskutiert und besprochen werden. Das ist ja auch zum Teil schon geschehen. Ein so kurzer und knapper Text kann nicht alle Problembereiche zwischen Christen und Juden benennen und in der nötigen Differenziertheit beschreiben, aber die grundlegende Botschaft von "Dabru emet" ist klar und sollte gehört werden: Das Judentum hat die nach dem Holocaust stattgefundenen Veränderungen bei Christen und Kirchen wahrgenommen und würdigt sie. Prof. Michael A. Signer, einer der Mitverfasser von "Dabru emet", hat dies in seinen Erläuterungen so formuliert:
Es gibt "christliche kirchliche Gemeinschaften, die eine eindeutige metanoia gegenüber dem Judentum unternommen haben. Das haben sie in ihren Unterrichtswerken zur Glaubensvermittlung klargemacht, sie haben ihre Lektionare revidiert und sogar die Liturgie da neu gefasst, wo Missverständnisse möglich waren."
 
Diese öffentliche Würdigung ist ein erstaunlicher Akt, den es so bisher noch nie gegeben hat. Prof. Michael Weinrich hat dies in seiner Beurteilung von "Dabru emet" mit diesen Worten hervorgehoben:
"Den christlichen Gesprächsteilnehmern wird durch die Erklärung einerseits mitgeteilt, dass auch der jüdischen Seite der Dialog bedeutungsvoll ist – das ist keineswegs selbstverständlich –, und zudem wird ihnen eine Vertrauensbekundung eröffnet, die bisher wohl historisch ihresgleichen sucht."
 
Ich hoffe, dass Christen und Kirchen diese Botschaft gehört haben.

"Dabru Emet" ist auch in weiterer Hinsicht ein beachtenswertes Dokument. Es stammt nicht von einer der anerkannten jüdischen Institutionen wie etwa dem "American Jewish Committee", sondern wurde von vier jüdischen Persönlichkeiten verfasst, von zwei Rabbinern, einer Theologin und einem Theologen mit Schwerpunkt Bibelwissenschaft. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit und vielen Gesprächen unternahm die Gruppe einen ziemlich gewagten Schritt. Sie sandten ihren Text, also "Dabru Emet", an mehr als hundert Rabbiner, Gelehrte und Theologen mit der Bitte, das Dokument zu lesen und es ohne Veränderungen zu unterschreiben. Prof. Signer, einer der Mitverfasser wörtlich:
"Zu unserer eigenen Überraschung willigten mehr als zweihundert Persönlichkeiten in die Unterzeichnung des Dokumentes ein, darunter einige der prominentesten Vertreter der amerikanischen Juden, gleichermaßen Orthodoxe, Konservative und Liberale. Binnen einer kurzen Zeitspanne trug sich auch eine nennenswerte Zahl von Juden aus Europa und Israel via Internet in die Unterschriftenliste ein. Mittlerweile verzeichnet Dabru emet mehr als dreihundert Unterzeichner. Einige von ihnen haben ernsthafte Bedenken gegenüber einzelnen Punkten geäußert, aber die Erklärung nichtsdestoweniger als Dokument von grundsätzlicher Bedeutung unterzeichnet."
 
Auf diesem Hintergrund ist "Dabru Emet" als eine wichtige jüdische Stimme anzusehen und ernst zu nehmen.
 
Ein weiterer wichtiger Aspekt zum Verständnis der Erklärung ist, dass auch ihre Verfasser sehr wohl die Vielschichtigeit der Beziehung zwischen Christen und Juden sehen und deshalb einladen, jede These nicht nur als Festellung zu lesen und zu hören, sondern auch als Frage. Etwa These eins "Juden und Christen beten den gleichen Gott an" und als Frage: "Verehren Juden und Christen tatsächlich denselben Gott?". Damit wird sichtbar, dass "Dabru Emet" sich nicht als abschließendes Dokument versteht, sondern als Beginn eines Gespräches zwischen Juden und Christen.

Ich gehe kurz auf eine These ein, weil sie einen besonders wunden Punkt berührt. "Der Nazismus war kein christliches Phänomen", sagt die fünfte These. Auch wenn christliche Judenfeindschaft den Weg dafür bereitete, so sei "der Nationalsozialismus selbst kein zwangsläufiges Produkt des Christentums", so "Dabru Emet". Geschichtliche Entwicklungen sind wohl nicht unbedingt ein geradliniger Prozess und müssen auch nicht "zwangsläufig" ablaufen. Wem nützt es, wenn zwischen der konkreten Beschreibung des nationalsozialistischen Vernichtungswerks und seinen geistesgeschichtlichen Ursachen eine Trennmauer eingezogen wird?
Die katholischen Bischöfe Deutschlands und Österreichs schrieben zum 9. November 1988, dem 50. Jahrestag der NS-Novemberpogrome:
„Wir müssen die Last der Geschichte annehmen. Das sind wir den Opfern schuldig, deren Leiden und Tod nicht vergessen werden darf. Das sind wir den Überlebenden und Angehörigen schuldig, weil sonst jedes Gespräch mit ihnen und jedes neue Miteinander unmöglich wäre. Aber wir sind es auch der Kirche und damit uns selbst schuldig. Denn die Geschichte ist nicht etwas Äußerliches, sie ist Teil der eigenen Identität der Kirche und kann uns daran erinnern, dass die Kirche, die wir als heilig bekennen und als Geheimnis verehren, auch eine sündige und der Umkehr bedürftige Kirche ist. Darum müssen wir ein nie nachlassendes Interesse daran haben, uns diese Geschichte möglichst umfassend und zutreffend zu vergegenwärtigen.“
 
Wir müssen uns von der Vergangenheit nicht frei sprechen, wir müssen sie nicht verharmlosen oder verschleiern. Wenn die Kirchen sich ihrer Geschichte ernsthaft stellen, wird ihr Bemühen um eine Erneuerung der christlich-jüdischen Beziehung umso ernsthafter wahrgenommen und glaubwürdiger. Diese Aufgabe ist noch lange nicht erledigt. Der 2007 verstorbene Historiker Prof. Ernst Ludwig Ehrlich hat im Jahre 2003 im Blick auf "Dabru emet" auf diese unerledigte Aufgabe hingewiesen:
"Wenngleich wir die neue christliche Haltung zu Juden und Judentum nur begrüßen können, müssen wir feststellen, daß diese bis heute nur selten an die Basis gelangt ist, wofür es zahlreiche Gründe gibt – vor allem die Jahrhunderte alten Vorurteile, Verzeichnungen und Starrheiten innerhalb der christlichen Gemeinden und deren Pfarrer."
 
Die Autorinnen und Autoren von "Dabru emet" haben die Überzeugung: "Ein neues Verhältnis zwischen Juden und Christen wird die jüdische Praxis nicht schwächen." Diese Überzeugung kann ich von christlicher Seite bestätigen. Natürlich wird es in unseren Reihen immer wieder Einzelne geben, die einerseits eine Judaisierung des Christentums oder andererseits eine Assimilation des Judentums durch den christlich-jüdischen Dialog beschwören. Ziel unseres Austauschs ist, dass wir bessere Juden und bessere Christen werden, Ziel ist nicht eine Mischreligion, die nicht mehr zu unterscheiden ist und schon gar nicht, dass Juden zum Christentum konvertieren.
Unsere Praxis wird nicht geschwächt. Aber verändert wird sie wohl werden. So, wie sich unsere Glaubenspraxis immer wieder verändert und verändert hat. Nur geschichtslose und kurzsichtige Fundamentalisten sehen das nicht. Denn jede ehrliche und ernsthafte Begegnung löst bei mir und dem Anderen etwas aus. Und es ist gut, sich durch Dialog und Freundschaft zu verändern, als wahllos durch irgendwelche unreflektierte Einflüsse der Zeit geprägt zu werden. Mit Michael A. Signer und dem heiligen Apostel Paulus bin ich überzeugt, dass "der Abstand zwischen Judentum und Christentum erst in der Vollendung aufgehoben wird -  das meint, wie wir wissen, am Ende der Geschichte."

Christen haben ihr Selbstverständnis verändert. Es gründet nun nicht mehr auf einer Verachtung des Judentums. Christen können dafür dankbar sein. Aber weil es um die Wahrheit geht, muss Bereitschaft wachsen, Kritik zu hören und sie ernst zu nehmen. Prof. Jon D. Levenson hat "Dabru emet" besonders kritisiert und in seinen abschließenden Bemerkungen gefragt, wie tief noch die Überzeugung im Christentum wirkt, dass die Kirche das Judentum ersetzt und ablöst. Und dann wörtlich:
"Bis zu welchem Grad kann zum Beispiel die reflexartige anti-israelische Stimmung, die sich zunehmend in liberalen christlichen Kirchen ausbreitet, als Wiederauftauchen der klassischen anti-jüdischen Theologie verstanden werden, die das Exil als verdientes Schicksal für die verräterischen und mörderischen Juden ansieht? Auf einer einer eher abstrakten Ebene: Bis zu welchem Grad kann das Christentum seine wesentlichen Überzeugungen aufrecht erhalten ohne zu beanspruchen, das Judentum in gewisser Weise abgelöst zu haben?"
 
Ein von gegenseitigem Respekt bestimmter Dialog muss auch solche Frage aufnehmen und behandeln.

Die Verfasser von "Dabru emet" glauben, "dass Juden und Christen eine Zukunft im Miteiander vor sich haben und dass dies der Welt zum Segen gereichen kann". Ich schließe meine Überlegungen mit einigen Sätzen von Prof. Weinrich:
"Was ist das für eine Wahrheit, die wir im Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern suchen? Dabru emet hatte sich vorgenommen, den Anschluss für die Gegenseitigkeit der Wahrheit herzustellen. Müssen wir jetzt beschämt feststellen, dass die Verfasser der Erklärung den Christen mehr Vertrauen entgegenbringen, als sie verdienen? Wenn Wahrheit tatsächlich etwas mit Verbindlichkeit und Verlässlichkeit zu tun hat, ist das eine Frage, die wir uns ernsthaft stellen müssen."
 
Dies Facultatis, Katholisch Theologische Fakultät der Universität Wien, 14. Oktober 2010
Pastor Prof. Helmut Nausner ist Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

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