Bodendorfer, Gerhard

Auschwitz stellt unser Reden über Gott in Frage

„Shoah” bedeutet Vernichtung, Zerstörung – mit diesem hebräischen Begriff wird seit Claude Lanzmanns Dokumentation „Shoah” der Völkermord am Judentum bezeichnet. Das aus dem religiösen Bereich stammende „Holocaust“ wurde durch Elie Wiesel bekannt und weist auf das biblische Ganzopfer hin (eine Opfergabe wurde zur Gänze verbrannt). Angesichts von Auschwitz hielt man es für fatal, von einem „Opfer” zu sprechen. Die Sinnlosigkeit, die Brutalität und das ganz und gar nicht Freiwillige soll verstehbar in Sprache ausgedrückt werden. Kein Wort ist aber imstande, die unfaßbare, grauenhafte und doch so geplant vorgehende Tötungsmaschinerie zu beschreiben. Auch ein Ausdruck wie „Genozid” (Völkermord) trifft nur teilweise zu, wollte doch der Nationalsozialismus mit dem Judentum auch Kultur, Religion und sein Wertesystem vernichten.

Die Rolle der Kirchen

In der Auseinandersetzung um die Frage der Verwicklung der Kirchen am Genozid an den Juden, greift m. E. jener Zugang zu kurz, der nur den kurzen geschichtlichen Ausschnitt im Blick hat und fragt, ob die Kirchen angesichts der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft versagt haben. Mitunter wird gar die Kirche als Opfer mit den Juden gleichgesetzt. Es bedarf aber eines ehrlichen Aufzeigens des christlichen Antijudaismus, der sich von manchen Schriften des Neuen Testaments bis nach Auschwitz zieht: Heiratsverbote, Kennzeichnungspflicht für Juden, Ghettoisierung und Berufsverbote waren Ergebnis christlicher Synoden gegen das Judentum, nicht erst nationalsozialistische Willkür.

Die Kirchen haben nicht nur durch ihre rigorose antijüdische Politik den Boden für den Antisemitismus bereitet. Auch theologische Akzentsetzungen in der Christologie, in der Liturgie und in so manchen Lehrmeinungen haben aus der Abgrenzung zum Judentum eine Ausgrenzung des Judentums gemacht.

Immer wieder hat es Querdenker gegeben, die dem Antijudaismus in den Kirchen widerstanden haben. Dies gilt auch in bezug auf den aufkeimenden Antisemitismus, der aufgrund der dauernden christlichen Hetze gegen das Judentum von sehr vielen ChristInnen, auch von christlichen Parteien, geteilt wurde. Auch hier gab es Widerstand und Vorbilder im Kampf für Menschlichkeit und Dialog. Diese großen Persönlichkeiten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Kirchen durch manches in ihrer Theologie und Politik Schuld auf sich geladen haben – eine Schuld, die die evangelischen Kirchen deutlich, die katholische Kirche zaghaft zu bekennen beginnen.

Schuld bekennen

1975 erklärte die katholische Würzburger Synode, daß die Kirche Schuld an der Shoah trage und eine besondere Verpflichtung für das so belastete Verhältnis zum jüdischen Volk übernehmen müsse. Ihr folgten in den 80er Jahren weitere wichtige Dokumente, auf evangelischer Seite v. a. durch die Rheinische Synode im Jänner 1980. Am 28. April 1980 kam es zu einer „Erklärung über das Verhältnis der Kirche zum Judentum” durch die Deutschen Katholischen Bischöfe, in der dem Schuldbekenntnis erstmals breiter Raum eingeräumt wird. In Erinnerung an 50 Jahre Reichspogromnacht erschienen 1988 weitere wichtige Erklärungen.

1998 schließlich machte die umstrittene Vatikanerklärung „Wir gedenken: Reflexionen über die Shoa” das Thema Schuld der Christen gegenüber dem Judentum aufs Neue besonders bewußt. Doch blieb hier die Trennung zwischen neuheidnischem Antisemitismus und christlicher Judenfeindschaft viel zu scharf gezogen. Auch das Versagen der Gesamtkirche wurde zu wenig aufgenommen. Die französischen und slowakischen Bischöfe wagten sich in ihren Texten viel weiter vor. Vollends überzeugt kann man von einer Erklärung der Generalsynode der evangelischen Kirchen in Österreich vom 4. November 1998 sein.

Wo war Gott?

„Fragt euch, ob die Theologie, die ihr kennenlernt, so ist, daß sie vor oder nach Auschwitz eigentlich die gleiche sein könnte. Wenn ja, dann seid auf der Hut!” Diese Gewissenserforschung legt der Theologe Johann B. Metz gläubigen Christen ans Herz. Theologie „nach” Auschwitz kann nicht mehr einer Theologie „vor” Auschwitz entsprechen.

Das Symbol „Auschwitz” ist eine radikale Infragestellung des Glaubens an die Gegenwart Gottes: in den Gaskammern aber auch im Glaubenszeugnis jener, die zugeschaut und geschwiegen haben. Alle traditionellen religiösen Erinnerungs- und Trauerrituale reichen angesichts dieses Grauens nicht aus, und es braucht neue Formen des Gedenkens.

Inzwischen hat das Christentum erkannt, daß Theologie nach Auschwitz nicht mehr gegen das Judentum, sondern nur mehr mit dem Judentum entwickelt und gelebt werden kann. Dazu muß die Vergangenheit aufgearbeitet werden, die bis in die hohe Theologie hinein immer wieder von Antijudaismus geprägt war, sich vom Judentum absetzen wollte und es zugleich auf unredliche Weise beerbte. Es gilt in der Folge, verstärkt im Theologiestudium, in der Ausbildung von LehrerInnen und ErwachsenenbildnerInnen, von PfarrerInnen und kirchlichen MitarbeiterInnen die Dimension des Judentums als grundlegend und wurzelhaft einzubeziehen.

Dr. Gerhard Bodendorfer,
Koordinierungsausschuß für christlich-jüdische Zusammenarbeit

 

Zum Weiterlesen:
  • Guenter Lewy, Die katholische Kirche und das Dritte Reich, München 1965.
  • Gerhard Czermak, Christen gegen Juden, Geschichte einer Verfolgung, Reinbek (rororo) 1997.

 

 

 

 

© Copyright 1999. Mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung der Diözese Linz

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