Crüsemann, Frank

Die Kinderfrage und die christliche Identität

angesichts des Judentums 5. Mose 6,20-25

„Wenn dein Kind dich morgen fragt“ – die Frage aus Dtn 6,20, die das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2005 bildet, wird in ihrem biblischen Zusammenhang durch Kernstücke jüdischer Identität beantwortet. Dazu gehören die Verweise auf die Herausführung aus Ägypten und auf die Verheißung des Landes. Vor allem aber steht sie in Zusammenhang mit dem Text, der wie kein anderer Ausdruck jüdischen Glaubens ist, dem „Höre Israel“/Schma' Jisra'el (6,4-9), das jeder fromme Jude morgens und abends betet, das im Zentrum jedes Gottesdiensts steht und ein jüdisches Leben von Anfang bis zu Ende begleitet. Was bedeutet diese Antwort für uns Christen? Wie sollen, wie können wir mit ihr umgehen? Wie hängt sie mit den Antworten zusammen, die wir unseren Kindern zu geben haben?

Um nicht weniger als um diese Verbindung der Kinderfrage mit der Frage nach unserem Verhältnis zum Judentum muss es in den Gottesdiensten wie vor allem in der Bibelarbeit letztlich gehen. Die große Kirchentagsgemeinde steht damit vor einer Herausforderung, der sich bis heute eher Spezialisten und kleinere Kreise, allerdings auch Synoden und Kirchenleitungen gestellt haben. Es wird sich zeigen, ob und was wir alle gelernt haben. Denn zweifellos wird das faktische Verhalten und Reden – ob bedacht oder nicht – ein Ausdruck dessen sein, wie die Christen und die Kirche in ihrer Breite heute und in Zukunft das Gegenüber zum Judentum gestalten.

Dass von jüdischer Seite mit einer gewissen Skepsis auf dieses Experiment geschaut wird, versteht man besser, wenn man sich neuere kirchliche und theologische Äußerungen zum Thema, besonders zum Schma' Jisra'el, ansieht. Auch noch in den neuesten Predigthilfen zu Dtn 6,4-9 gibt es neben redlichen Bemühungen1) Versuche, den Bezug zum Judentum entweder grundsätzlich zu streichen,2) oder es wird, wo er anerkannt wird, dazu geraten, ihn in der Predigt zu umgehen.3) Im Ganzen dominiert nach wie vor eine massive christliche Besetzung des jüdischen Kerntextes. Wie bis heute – sicher nicht mehr uneingeschränkt, aber eben doch weithin – das Schma' Jisra'el theologisch bewertet wird, wird sichtbar, wenn auch noch die neueren Kommentare zum Markusevangelium es als Abwertung und als Kritik des jüdischen Glaubens verstehen, wenn Jesus zum Schriftgelehrten, der sich mit ihm gemeinsam auf diesen Text gründet, sagt: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes“ (Mk 12,34).

Elternschulung statt Kinderlehre

Der nähere Zusammenhang der Kinderfrage sind zunächst die Verse Dtn 6,20-25: 20 Wenn dein Kind dich morgen fragt: „Was sind das für Weisungen, Bestimmungen und Rechtssätze, die Adonaj, unsere Gottheit, euch gegeben hat?“ 21 Dann sollst du ihm antworten: „Sklavinnen und Sklaven Pharaos waren wir in Ägypten, doch Adonaj führte uns aus Ägypten mit starker Hand heraus. 22 Adonaj vollbrachte in Ägypten vor unseren Augen an Pharao und seinen Leuten große, schreckliche Zeichen und Wundertaten. 23 Uns aber führte Gott von dort heraus, um uns herzubringen und das Land zu geben, wie es unseren Vätern und Müttern durch einen Schwur zugesagt war. 24 Adonaj gebot uns, all diese Bestimmungen zu befolgen, damit wir so wie heute zeit unseres Lebens Adonaj, unsere Gottheit, achten, uns zum Besten. 25 Gerechtigkeit werden wir tun und erfahren, indem wir vor Adonaj, unserer Gottheit, all das Gebotene befolgen, wie sie es uns geboten hat.“

Sieht man genau hin, geht es nicht unmittelbar um Kinderlehre, sondern um Anweisungen bzw. Ratschläge an die Erwachsenen, wie sie mit den Fragen ihrer Kinder umgehen sollen - also um Elternschulung. Ausgangspunkt dafür ist - ähnlich wie in anderen biblischen Texten - das Interesse der Kinder. Bei ihnen liegt die Initiative. Sie fragen nach den Regeln, nach denen die Erwachsenen leben: Woher kommen sie, was bedeuten sie? Auffallend ist dabei die anfängliche Distanz: „Unser Gott hat sie euch gegeben“. Die Frage wird offenkundig von einer bestimmten Lebenspraxis der Erwachsenen angestoßen, fragt nach Herkunft und Prinzipien und zielt auf eine potenzielle Übernahme. Sie ist also ein Teil der Orientierung, die Heranwachsende für die zukünftige eigene Lebensgestaltung suchen.

Die empfohlene Antwort besteht in einer Kurzfassung der Ereignisse, die ausführlich in den Büchern Exodus bis Josua erzählt werden. Man hat diese und ähnliche Kurzfassungen das „kleine geschichtliche Credo“ genannt, also als Analogie zum christlichen Glaubensbekenntnis angesehen. Aber “bekannt“ wird hier gar nichts – so wenig wie in dem ebenfalls nach christlichem Vorbild oft als jüdisches “Glaubensbekenntnis“ bezeichneten Schma' Jisra'el (dazu unten) –, sondern es wird erzählt. Das auffälligste dabei ist das „Wir“, das hier spricht: Wir waren in Ägypten, wir wurden unterdrückt, wir wurden befreit. Selbst im erzählten Zusammenhang der biblischen Geschichte – zu schweigen vom historisch wahrscheinlichen Zeitpunkt der Entstehung des Textes – sprechen hier ja nicht mehr die Menschen, die das alles persönlich erlebt haben, denn die ganze erste Generation ist bereits gestorben (Num 26,64 f.). Vielmehr werden vom sprechenden Mose die nächste und mit ihr alle folgenden Generationen Israels angewiesen, sich selbst als die anzusehen, die all das erlebt haben und deren Leben durch diese Befreiung bestimmt wird. Die Geschichte, die die Vorfahren erlebt haben, wird ihre eigene Geschichte, sie bestimmt ihre Identität. „In jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich selbst so anzusehen, als wenn er/sie aus Ägypten herausgegangen sei“, heißt es entsprechend in der Liturgie des Passahfestes. Bei den großen jüdischen Festen, in jedem Gottesdienst wie in der gesamten religiösen Erziehung, geht es darum, dass immer neue Generationen in dieses “Wir“ eintreten und es sich zu Eigen machen. Von biblischen Zeiten bis heute hängt an dieser Übernahme das Bestehen des jüdischen Volkes und seines Weges mit Gott. Der hier empfohlene Unterricht zeigt den Weg zum Eintritt in dieses „Wir“.

Eine Schlüsselrolle für Frage und Antwort spielen die Gebote Gottes und damit die an ihnen orientierte Ethik und Lebenspraxis. Diese Gebote sind Folge und Ausdruck der Befreiung und sie dienen der Gestaltung des Lebens in dieser Freiheit. Ein durch sie bestimmtes Leben ist der Anlass für die Frage der Kinder und damit in gewisser Weise die Garantie der Kontinuität durch die Generationen. Der abschließende V. 25 stellt diesen Zusammenhang unter den Begriff der „Gerechtigkeit“. Das Wort schließt in biblischer Sprache ein heilvolles Tun von Gott und den Menschen ein. Wie die Kirchentagsübersetzung zeigt, umfasst diese Gerechtigkeit sowohl das, was getan wird, als auch das, was erfahren wird.

Lebenspraxis

Schon hier, bevor der größere Kontext von Frage und Antwort ins Auge gefasst wird, gilt es Nähe und Distanz unserer christlichen Reaktionen zu bedenken. Das beginnt beim Verständnis von Inhalt und Anlass der Kinderfrage. Im biblischen Text fragen die Kinder nach den Geboten Gottes und ihrer Geltung, und dabei ist offenkundig vorausgesetzt, dass die Eltern durch ihr Leben dazu Anlass geben. Woran liegt es, dass Kinder bei uns in der Regel nicht so fragen? Liegt es an den äußerlich auffälligen Bräuchen, die das traditionelle Judentum kennzeichnen? Die festen Gebetszeiten und festen Speisesitten, die Tefillin und Mesusot (dazu unten) und manches andere? In christlichen Interpretationen stehen diese äußerlichen Merkmale oft im Vordergrund. Nun geben in der Tat wir Christen meist nicht zu entsprechenden Fragen Anlass: Warum geht ihr in die Kirche, warum das Tischgebet, oder woran immer man denken mag. Die drei Begriffe aus Vers 20 (die Weisungen, Bestimmungen und Rechtssätze), deren Praktizierung die Frage veranlassen, umfassen zweifellos solche religiösen Riten. Sie gehen aber nicht darin auf, sondern beinhalten ebenso Recht und Gerechtigkeit, den Hauptinhalt der Tora. Nur dann macht auch die Zusammenfassung in V. 25 Sinn.

Was die Frage der Jugendlichen auslöst, umfasst also unter anderem auch: Fremde aufnehmen und schützen (statt ausweisen und in Sammellager stecken), um Gerechtigkeit für die Ärmsten besorgt sein, Leben schützen, wo immer es geht, Verhinderung aller Ansätze, die eigene Sicherheit notfalls auf Folter und Lager zu stützen, Einsatz für die Menschenrechte, für alle Menschenrechte, auch gegen die eigenen Interessen. Warum macht ihr das alles? Wenn eine solche Lebenspraxis sich auch noch mit eigenen religiösen Identitätszeichen verbindet, dann und erst dann gäbe es eine christliche Analogie zu dem, was im Text das Interesse der Kinder an diesem Leben der Eltern weckt und so den Anstoß zur Frage gibt.

In diesem wie anderen Punkten bleiben christliche Auslegungen des Textes merkwürdig formal. Woran liegt es, dass bei uns tendenziell nicht nach positiven, sondern eher nach negativen Aspekten des Lebens der Älteren gefragt wird? Und das gilt nicht nur für Fragen, wie sie die 68er Generation an ihre Eltern gestellt hat: Wo wart ihr zwischen 1933 und 1945, was habt ihr damals gemacht? Ähnliche Fragen scheint es in fast jeder Generation zu geben: Warum habt ihr mich so und so erzogen? Warum lebt ihr so und nicht ganz anders? Warum habt ihr uns die Welt so hinterlassen, wie sie nun einmal ist, voller Gewalt, Ungerechtigkeit und Zerstörung? Hat die Andersartigkeit der Fragen auch etwas mit dem zu tun, was und wie Christentum heute gelebt wird?

Die übliche christliche Rezeption der biblischen Kinderfrage und der empfohlenen Antwort legt alles Gewicht auf bloß formale Analogien4) – die inhaltlichen Bezüge dagegen werden in der Regel ausgeklammert. Dass wir Christen, wenn unsere Kinder schon nach unserem Glauben fragen, etwas anderes als Antwort geben müssen, als das, wozu die Eltern im alten Israel angewiesen werden oder was jüdische Eltern bis heute antworten, scheint ohne jeden Zweifel festzustehen. An den Exodus und an die faktisch bestehende Freiheit sowie die damit verbundene Gerechtigkeit auch im eigenen Handeln zu erinnern, und natürlich an das Wirken Gottes in all dem, scheint danach für Christen und Christinnen per definitionem unmöglich. Aber geht uns dieser Exodus nichts an? Ist er nicht auch die Grundlage unseres Glaubens und unserer Religion – weil ohne ihn nicht angemessen, nicht biblisch von Gott geredet werden kann, und auch nicht von Christus? Geht es nicht um die gleichen Gebote – und damit den gleichen Zusammenhang von Recht und Freiheit? Und hängt die Tatsache, dass das gelebte Christentum heute eher zu kritischen Rückfragen Anlass gibt – wenn überhaupt zu welchen –, nicht vielleicht gerade mit dieser Differenz zusammen?

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