„2000 Jahre Christentum“ – das besagt ja, dass mit der Geburt Jesu das Christentum in die Welt kam. Das besagt aber dann auch, dass Jesus von Geburt an Christ war, dass die Jünger Jesu Christen waren, dass sich Paulus vom Judentum zum Christentum bekehrt hat, kurz: dass mit Jesus und seinen Jüngern das Christentum als eine neue Religion neben und gegenüber dem Judentum in die Welt trat. Jesus aber war und blieb Jude, die Jünger waren und blieben Juden. Paulus war und blieb zeit seines Lebens Jude, die Schriften des Neuen Testaments sind jüdische Zeugnisse. Dafür, dass Menschen, die Jesus als den Christus, das heißt als den Messias ansahen, ihre Religion selbst als „Christentum“ bezeichneten und damit ausdrücken wollten, dass sie sich nicht mehr im Rahmen des jüdischen Glaubens verstanden, gibt es im gesamten ersten Jahrhundert nach Christi Geburt kein Zeugnis. Dann aber gab es „das Christentum“ und seit es existiert, ist ein Gegensatz zum Judentum, ja die Enterbung Israels sein Merkmal. Die Kirche setzte sich an die Stelle Israels und nahm für sich in Anspruch das „wahre Israel“ zu sein. Damit beginnt eine Geschichte, die auf jüdischer Seite Unendliches an Leiden, Verfolgung und Ermordung bedeutete, die schwärzeste Seite des Buches des christlichen Lebens.

Wer mit dem flotten Slogan „2000 Jahre Christentum“ die wichtigen ersten Jahrzehnte der christlichen Gemeinden, in denen es ihnen um die bleibende Gemeinschaft in und mit Israel ging, stillschweigend einkassiert, indem er in einem Jahre „Null“ das Christentum beginnen lässt, unterschlägt etwas, das für den christlichen Glauben viel entscheidender ist als irgendwelche runden Zahlen.

In vielen Gemeinden und in den Synoden inzwischen zahlreicher evangelischer Landeskirchen hat eine Neubesinnung zum Verhältnis zwischen Christen und Juden eingesetzt. Viele Christinnen und Christen haben begonnen zu verlernen, dass Jesus der erste Christ war und die Kirche das wahre Israel sei und sie haben begonnen zu lernen ihren christlichen Glauben nicht gegen das Judentum, sondern angesichts des Judentums und im Lernen von und mit Jüdinnen und Juden neu zu buchstabieren. Ich vermute, dass die Parole „2000 Jahre Christentum“ als kirchlicher Beitrag zur Jahrtausendwende gut gemeint ist. Aber sie ist, wenn man sie wirklich ernst nimmt, ein Rückfall hinter manche neuen Einsichten, die – ich wiederhole das – für den christlichen Glauben wichtiger sind als plakative Zahlen nach dem Muster des Guiness Buch der Rekorde

Dr. Jürgen Ebach ist Professor für Altes Testament und Biblische Hermeneutik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum. Wir danken dem Verfasser für die zur Verfügung Stellung seines Beitrags.

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