Hahn, Ferdinand

Der Jude Jesus und die frühe judenchristliche Tradition

Es gibt Sachverhalte, die in der Theologie vorausgesetzt, aber nur selten wirklich thematisiert werden. Dazu gehören zweifellos das Jude-Sein Jesu und der durch und durch jüdische Charakter der ältesten christlichen Gemeinde.


1. Das Jude-Sein Jesu ist ein unbestreitbarer Tatbestand. Versuche, ihn als Galiläer in den Zusammenhang indogermanischer Bevölkerungsgruppen einzuordnen, waren ideologisch bedingt und können als wissenschaftlich haltlos bezeichnet werden. Dennoch ist genauer zu klären, was es heißt und bedeutet, dass Jesus Jude war.

1.1. Die Frage “Wer ist Jude?“ ist uralt und spielt bis heute eine zentrale Rolle, sowohl bei Einwanderungen in Israel als auch in europäischen Gemeinden angesichts der Zuwanderung aus Osteuropa. Die Antwort scheint einfach zu sein: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren ist. Aber dabei stellt sich sofort das Problem, in welchem Status des Jude-Seins sich die Mutter befindet; denn erst in der dritten Generation gilt das Jude-Sein im Vollsinn. Grundlage der Regelung, welche die Geburt von einer jüdische Mutter erfordert, ist die seit alters gültige Bedeutung der leiblichen Zugehörigkeit zum Judentum aufgrund der Abstammung. Diese Abstammung geht letztlich auf Abraham zurückgeht.

1.2. Es wäre aber unzureichend, nur auf die genealogische Zusammengehörigkeit hinzuweisen. So wichtig sie war und ist, sie ist ihrerseits Ausdruck einer geistigen Verbundenheit, die in der gemeinsamen Erfahrung der Geschichte, im kulturellen Bewusstsein und letztlich in der religiösen Bindung besteht. Es ist sehr bezeichnend, dass auch dort, wo bei Juden die religiöse Bindung verlorengegangen ist, wie das für den säkularisierten Teil der Bevölkerung im heutigen Israel gilt, die geschichtlich-kulturelle Zusammengehörigkeit trotz aller unterschiedlichen Prägungen ein entscheidendes Bindeglied ist.

1.3. Jesus war nicht nur aufgrund seiner physischen Abstammung Jude, wie die Stammbäume des Matthäus- und des Lukasevangeliums nachdrücklich hervorheben. Er stand eben auch in der geistig-religiösen Kontinuität seines Volkes. Sein Jude-Sein ist gekennzeichnet durch die Einbindung in das Judentum im ganzheitlichen Sinn. Jude ist man eben nicht mehr oder nur noch in einem vordergründigen Sinn, wenn man sich abgesehen von der religiösen Komponente von dieser geistig-kulturellen Tradition löst, wie das bei der europäischen Emanzipationsbewegung im 19. Jahrhundert der Fall war. Diese führte folgerichtig zu Übertritten in die christlichen Kirchen.


2. Jesu Verkündigung und Wirken ist nur unter der Voraussetzung seines Jude-Seins zu verstehen. Trotz aller innovatorischen Tendenz blieb er eingebunden in die Bundesgeschichte Israels, in das typisch jüdische Gegenwartsverständnis und in die von der jüdischen Bibel und der frühjüdischen Frömmigkeit geprägte Zukunftserwartung.

2.1. Primäres Kennzeichen der Botschaft Jesu und seines Wirkens war die entschiedene Rückbindung an das Bekenntnis Israels, das Bekenntnis zu dem einen Gott, der die Welt geschaffen und der Israel in besonderer Weise durch die Geschichte geführt hat. Der Gott Jesu in seiner Einzigkeit und Ausschließlichkeit ist kein anderer als der von der Tora und den Profeten bezeugte Gott, jener Gott, der im täglichen Bekenntnis des “Schema Jisrael“ anerkannt wird. Die Offenbarung Gottes unter den Erzvätern, unter Mose und unter den Profetischen Zeugen war schlechthin grundlegend. Damit verbunden war die Erkenntnis, dass Gott nicht nur durch sein Wort sich kundgetan, sondern dass er auch konkret in der Welt gewirkt hat. Im alten Israel gab es keine abstrakte Gottesvorstellung, keine weltenferne Jenseitigkeit; bei allem eindeutigen Gegenüber von Gott und Welt, von Gott und Mensch, ging es um die Nähe Gottes und um die Spuren, die er in der Geschichte erkennbar hinterlassen hat. Nur unter Berücksichtigung dieser Sachverhaltes ist Jesu Wirken überhaupt verständlich. Gerade dies ist ein konstitutives Kennzeichen seines Jude-Seins.

2.2. Die jeweilige Gegenwart stand für Jesus wie für jeden Israeliten unter diesen Voraussetzungen. Alles, was in der Geschichte geschehen war, wies über sich hinaus und bestimmte das Heute. Es war keine vergangene Geschichte, sondern ganz bewusst eine lebendige, die Gegenwart tangierende Geschichte. Die “Erinnerung“ (zikkaron) an Geschehenes war stets Aktualisierung des Vergangenen, wie das am eindrücklichsten die Pesachliturgie bewusst macht. Entsprechend war das in Tora, Profeten und Schriften offenbarte Wort gegenwartsbezogenes Wort. Deshalb galt es, Gottes weitergehendes Wirken im konkreten, ja gerade auch im alltäglichen Leben zu erkennen. Das war im Besonderen der Dienst der Profeten. Nicht ohne Grund heißt es in Dtn 18,15: “Einen Profeten wie mich (Mose) wird dir der Herr (je und dann) erstehen lassen aus der Mitte deiner Brüder“. In diesem Sinn wusste sich auch Jesus beauftragt, Gott in der Gegenwart zu bezeugen. Er hat in seinen Gleichnissen in unerhört packender Weise die Unmittelbarkeit Gottes zur Sprache gebracht und die Nähe Gottes erfahrbar gemacht: In der Natur, im Leben jedes einzelnen Menschen und unbewusst unter den Völkern ist Gott unablässig am Werk. In einer bisher unerhörten Weise hat er seinerseits Gott ganz familiär mit “Abba“ angesprochen und diese vertraute Anrede auch seinen Anhängern gewährt, wie der ursprüngliche Anfang des Vaterunsers zeigt. Er war ein Zeuge der Zuwendung und Nähe Gottes und hat damit nur weitergeführt, aber zweifellos auch zugespitzt, was die Gottesboten vor ihm kundgetan haben.

2.3. Die genuin jesuanische Komponente kommt in seiner Zukunftsvision voll zur Geltung. Schon immer war der Glaube Israels zukunftsorientiert. Die Verheißung spielte schon in der Geschichte der Erzväter und ebenso in der Mosezeit eine entscheidende Rolle. Gott war stets der auf Israel zukommende Gott, der Gott, in dessen Ratschluss und Handeln alle Zukunft beschlossen ist. Daher wurden die Israeliten immer wieder auf Zukünftiges verwiesen. Und es gab auch immer wieder ein Stück Erfüllung des Verheißenen. So wurde das Wirken Elijas in 1. Kön 17-19 unverkennbar als eine Einlösung der erwähnten Verheißung von Dtn 18,15 verstanden und entsprechend dargestellt. Aber längst nicht alles, was angekündigt war, hatte sich bereits realisiert. Die Zusage an David und den Bestand seines Hauses, die der Profet Nathan ihm nach 2 Sam 7,14 gegeben hat, wurde als ein noch uneingelöstes Hoffnungspotential angesehen. Auch die endgültige Verwirklichung des Reiches Gottes war zur Zeit Jesu Bestandteil der Zukunftserwartung. Solange es noch Unfriede, Ungerechtigkeit, Leid und Not gab, konnte ja das Gottesreich nicht angebrochen sein, wie von jüdischer Seite bis heute hervorgehoben wird. Erst müsse alles Böse und Unheilbringende überwunden sein, bevor endlich Heil anbrechen könne. Diese Zukunftshoffnung wurde gerade in den Notzeiten vor und noch bei Jesu Auftreten in bewundernswerter Weise durchgehalten, was ebenso für die späteren Jahrhunderte der jüdischen Geschichte gilt. Von einer lebendigen Zukunftserwartung war auch Jesus erfüllt; aber anders als seine Zeitgenossen schaute er nicht in eine noch weit entfernte Zukunft oder wie Johannes der Täufer in eine unmittelbar bevorstehende Wende zu Gericht und Vollendung. Er proklamierte den sich jetzt schon ereignenden Anbruch des endzeitlichen Heils in der Gegenwart, einen Heilsanbruch mitten in der noch bestehenden Welt, trotz der nicht endgültig überwundenen Not und der immer noch bestehenden Macht der Bosheit. Er ließ das Licht der Zukunft mitten im alltäglichen Leben aufleuchten: “Wenn ich mit dem Finger Gottes Dämonen austreibe, dann ist schon das Reich Gottes zu euch gelangt“, heißt es in Lk 11,20, oder: “Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ in Lk 17,20. Neues bricht an und das hat Konsequenzen für das menschliche Leben, wie Jesus mit seinen Taten sichtbar machte; dabei hat er sich nicht zuletzt den Außenstehenden zugewandt. Vor allem hat er einen Jüngerkreis um sich gesammelt und in seinen Nachfolgeforderungen eine neue Lebensweise verlangt. Er hat seinerseits Gebote bisweilen provokativ übertreten, wie etwa das Sabbatgebot. Er hat Bestimmungen aus der Tora neu verstanden und interpretiert, wie die sogenannten Antithesen der Bergpredigt zeigen. Nicht dass die Tora für ihn aufgehoben wäre, aber sie steht in einem neuen Kontext. Darum kann er in einem kühnen Bildwort sagen, dass ein neuer Flicken nicht auf ein altes Kleid genäht werden soll, oder dass man jungen Wein nicht in alte Schläuche gießen darf. Das gilt für Jesus durchaus auch dann, wenn der Mensch mit Leiden und Sterben konfrontiert ist; denn: “Wer sein Leben retten will, wird es verlieren, wer aber sein Leben um der Gottesherrschaft und des Evangeliums willen verliert, der wird es retten“ (Mk 8,35; vgl. Lk 18,29). Wahres Leben ist stärker als der Tod und im Sterben fallen wir in Gottes Hand. In dieser Zuversicht ist Jesus selbst trotz aller menschlichen Anfechtung in den Tod gegangen.

2.4. So viele Anhänger Jesus gefunden hat, so vielen Menschen er Heilung und Gottesnähe vermittelt hat, er hatte auch Gegner. Diese anerkannten seine Botschaft nicht, sondern verstanden sie als einen Eingriff in die Hoheit Gottes und daher als Gotteslästerung. Daher ist ihm schließlich der Prozess gemacht worden, der zu seiner Hinrichtung am Kreuz durch den römischen Präfekten führte.

2.4.1. Den Prozess Jesu kann man nur verstehen, wenn man beide Seiten wirklich ernst nimmt und das Gerichtsverfahren als eine innerjüdische Auseinandersetzung versteht. Es ging weder um Eifersucht wegen des öffentlichen Erfolges Jesu und einen darin begründeten Justizmord noch um ein Eingreifen mit Rücksicht auf die Römer wegen drohenden Aufruhrs. Es ging um die Frage, ob Jesu Anspruch, im Namen Gottes zu reden und zu handeln, legitim war oder nicht. So lag es in der Konsequenz seines Auftretens, dass hier seitens der offiziellen jüdischen Instanz eine Entscheidung gesucht und herbeigeführt wurde. Wer Jesu Vollmacht nicht anerkannte, konnte ihn letztlich nur im Sinn von Dtn 13,1-11 als falschen Profeten und Volksverführer ansehen; darauf stand aber nach dem Wortlaut dieses Textes die Todesstrafe. Wenn der Prozess in der Sicht der Jünger auf falschen Zeugenaussagen beruhte, dann ging es bei dem zweifellos echten Wort Jesu über den Tempel um dessen umstrittene Deutung. Festgehalten ist jedenfalls, dass ihm aufgrund seines Anspruchs insgesamt der Tatbestand der Gotteslästerung vorgeworfen wurde. Wenn schließlich eine Übergabe an den römischen Präfekten erfolgte, dann hing das mit der damaligen Rechtslage zusammen, da nach Joh 18,31 das Kapitalprozessrecht entzogen war. In letzter Zuspitzung ging es bei diesem Prozess um die Frage, wer Jesus ist und wieweit ihm Anerkennung gebührt. Seitdem gingen trotz gleicher Glaubensgrundlage die Wege der toratreuen Juden und der Jesusanhänger auseinander.

2.4.2. Wenn Jesus im Sinn der geltenden Ordnung der Tora verurteilt worden ist, dann stellt sich die nicht zu umgehende Frage: Hat er mit seinem Anspruch und seiner Heilsverkündigung letztlich doch den Boden des Judentums verlassen? Das ist gelegentlich behauptet worden; man hat ihn, und zwar unabhängig von aller rassischen Ideologie, als den “ersten Christen“ angesehen, der sich vom Judentum getrennt hatte und eben darum verurteilt wurde. Aber davon kann keine Rede sein. Jesu Zukunftshoffnung in ihrer Gegenwartsdimension ist aus der Profetischen Tradition erwachsen und steht vor allem im Zusammenhang mit der apokalyptischen Profetie der spätalttestamentlichen und frühjüdischen Zeit (vgl. Daniel). Er ist auch dort, wo er Neues proklamierte und verwirklichte, genuin jüdisch geblieben und hat sein Wirken im Zusammenhang mit der Tradition der hebräischen Bibel verstanden. Im Übrigen gab es im Judentum selbst gegensätzliche Meinungen, wie der Streit zwischen Pharisäern und Sadduzäern über die Auferweckung der Toten erkennen lässt. Aber Jesu Auftreten zeigte eben doch, dass er einen Anspruch erhob, der über die traditionelle Auffassung hinausging. Darum spielte schon zu seinen Lebzeiten die Anerkennung seiner Autorität und seiner Person eine ausschlaggebende Rolle, ohne dass ihm deshalb jedoch sein Jude-Sein bestritten worden wäre. Sein Auftrag und seine Botschaft waren der entscheidende Ansatz für die urchristliche Verkündigung, zumal Jesu Auferweckung als Bestätigung durch Gott verstanden wurde.

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