Himmelbauer, Markus

Neue Agenda: Judenmission?

 

schoemanRoy H. Schoeman hat als Jude eine „unerwartete und überraschende Bekehrung zum katholischen Glauben“ erlebt. In seinem nun auf Deutsch im St. Ulrich-Verlag erschienenen Buch „Das Heil kommt von den Juden“ beschreibt es Gottes Plan für sein Volk. Für Schoeman ist klar, dass „Gott sich die Bekehrung der Juden wünscht.“
Wie wir es von Fundamentalisten gewohnt sind – eine andere Textgattung als das Protokoll ist für sie unvorstellbar –, wird uns in positivistischer Weise anhand der Bibel bewiesen, wie alles ablaufen musste, ein wirklicher Heils-„Plan“: Gott musste sich ein Volk erwählen, ihm seine Gesetze geben, er musste sich darum kümmern, dass jemand für das Kommen des Messias betete und nicht zuletzt braucht der Erlöser eine Mutter und ein weltliches Zuhause. „Vor allem mussten sie die reine Identität ihrer Rasse als ‚Samen Abrahams’ aufrecht erhalten, um die Verheißung Gottes, der ‚Samen Abrahams’ werde zum Segen aller Völker der Erde, zu erwirken: durch die Hervorbringung des Messias“, so Schoeman. Verstaubte Rassenlehre, philosemitisch gewendet.

Der Heilsweg Israels – vorbei?
Damit ist der Alte Bund erfüllt, ab nun gilt der Neue. Jetzt ist die Zeit der Heidenvölker, am Ende der Zeiten – vieles spreche nach der Analyse Schoemans dafür, dass dies im 20. Jahrhundert begonnen habe – wird Israel sich bekehren: „Jeder Jude, der Jesus nicht akzeptiert, hat die wahre Rolle des Judentums in der Heilsgeschichte nicht begriffen.“ Auf dem Boden der katholischen Lehre steht Schoeman mit dieser Feststellung allerdings nicht. Am Karfreitag betet die Kirche in ihrer Fürbitte „für die Juden“, Gott möge sie „in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen“ bewahren und die Päpstliche Bibelkommission hielt 2001 fest: „Die jüdische Messiaserwartung ist nicht gegenstandslos. Sie kann für uns Christen ein starker Ansporn sein.“ Bei beiden Aussagen behält jüdischer Glauben seinen eigenen Wert, ja er wird sogar als Vorbild für Christen hingestellt.

Keine christliche Judenfeindschaft als Quelle des Nationalsozialismus?
Eine wichtige Rolle in der Argumentation Schoemans nimmt die Schoa ein. Das Judentum könne darauf theologisch eigentlich keine Antwort geben, „Christen sind im Umgang damit theologisch besser gerüstet, weil Jesus selbst diesem scheinbaren Gegensatz zwischen Gottes Güte und Souveränität und der übermäßigen Leidenslast, die er seinen treuen Dienern auferlegt, gegenüberstand. Das Martyrium ist in der Christenheit immer gegenwärtig.“ Von jüdischer Geschichte, von ihrem Leiden und Märtyrertum im Namen Gottes, hat Schoeman offensichtlich nichts mitbekommen.
Schoeman stellt das Denken Edith Steins als „hellen Kontrast“ gegen Elie Wiesels Ringen um ein Verständnis des Unvorstellbaren. Nicht nur der eigentlich überwunden geglaubte Gegensatz zwischen dunkel und hell, wenn die Kirche über das Judentum sprach, lebt hier wieder auf. Mit einem vermeintlichen Zitat Edith Steins dient der traditionelle Gottesmordvorwurf als Erklärung für den Holocaust: „Das ist der Schatten des Kreuzes, der auf mein Volk fällt! Das ist die Erfüllung der Verwünschung, die mein Volk selbst auf sich herab gerufen hat!“
Manfred Deselaars, Leiter des Begegnungszentrums für Gebet und Dialog in Auschwitz, erhebt an dieser Stelle Einspruch: Schoeman zitiert falsch! Dies sei kein Wort von Edith Stein, sondern ein Satz, den ihre Novizenmeisterin Sr. Theresa Renata Posselt ihr in ihren Erinnerungen in den Mund legt. Es gibt keinen originalen Edith Stein-Text, der in diese Richtung weist.
Es bereitet Roy Schoeman Sorgen, dass der Nationalsozialismus oft als christliches Phänomen dargestellt werde. Das diskreditiere das Christentum und mache es jüdischen Menschen schwer, sich zu ihm zu bekennen. So beschreibt Schoeman ausführlich die heidnischen, ja satanischen Wurzeln des Nationalsozialismus. Auch Antisemitismus nach dem Holocaust ortet er vornehmlich in der islamischen Welt. All dies seien Hinweise eines „diabolischen Versuchs“, die Bekehrung der Juden und die Wiederkunft Christi zu verhindern.

Nur eine einzige Lesart der Bibel?
Schoeman hat den Wortlaut der Bibel auf seiner Seite. Natürlich wusste sich Jesus allein zum Volk Israel gesendet und die ersten Gruppen seiner Anhängerschaft waren rein jüdisch. Aber seither ist viel passiert. Das Judentum hat nach der Tempelzerstörung zu einer neuen Identität gefunden und die Apostel warben für das Evangelium unter nichtjüdischen Sympathisantinnen und Sympathisanten des Judentums. Heute ist die Kirche eine vom Judentum unterschiedene Gemeinschaft. Beide Bekenntnisse haben von ihren in den heiligen Schriften überlieferten Wurzeln einen geschichtlichen und theologischen Veränderungsprozess durchgemacht. Wir können die Bibel nicht lesen, ohne diesen zu beachten.
Schoeman praktiziert und akzeptiert natürlich nur seine christliche Lesart der Bibel, für ihn die einzig Mögliche. Das Wort „Interpretation“ wäre falsch gewählt, denn für ihn hat die Heilige Schrift ja einen eindeutigen Sinn.
Man sollte den Autor an Kardinal Ratzinger erinnern. In seinem Vorwort zur bereits erwähnten Studie der Päpstlichen Bibelkommission fordert er einen „neuen Respekt für die jüdische Auslegung des Alten Testaments“. Das römische Dokument sagt dazu zweierlei: Zunächst stellt es fest, dass die jüdische Lektüre der Bibel „eine mögliche Lektüre ist, die in Kontinuität mit den heiligen Schriften der Juden aus der Zeit des zweiten Tempels steht und analog ist der christlichen Lektüre, die sich parallel dazu entwickelt hat.“ Sie fügt ausdrücklich hinzu, dass die Christen viel lernen könnten von der 2000 Jahre hindurch praktizierten jüdischen Exegese. So verbunden mit der katholischen Kirche Schoeman in seinen Ausführungen vorgibt zu sein, die Positionen des Lehramts zum christlich-jüdischen Gespräch negiert er gänzlich.

Demontage des Konzils?
Ein Tabubruch: In der englischsprachigen Welt wetteifern schon lange unterschiedlichste missionarische Bewegungen, Jüdinnen und Juden von ihrem Glauben abzubringen. Doch soweit mir bekannt, erscheint erstmals seit dem Konzil in unserem Raum in einem renommierten katholischen Verlag ein Buch, das offen für Judenmission eintritt. Nicht allgemein für Judenmission: Sondern für die Aufnahme von getauften Juden als gesonderte Gruppe in die katholische Kirche: „Sie könnten ihrem weiterhin bestehenden Herzenswunsch nachkommen, die jüdischen Hauptfeiertage zu begehen, und sie könnten die Heiligste Dreifaltigkeit in der Art und Weise anbeten, die ihrer ‚jüdischen Seele’ am meisten entspricht.“ Feste als Folklore, die man nostalgisch im eigenen Gärtlein weiter pflegen darf, wie der Verein der Vorarlberger in Wien sich noch in der Fremde ein sehnsüchtiges Stücklein Heimat bewahrt, obwohl man längst schon Wiener ist. Eigentlich aber sind religiöse Feste mehr als Folklore, nämlich Ausdruck des Glaubens, konkret hier des jüdischen und der ist vom christlichen unterschieden.
Warum der eigene Bereich in der Kirche für sie? Wenn es Juden gibt, die „an Christus und die Kirche glauben“ und nicht aufgehört hätten, ihre jüdische Identität zu bewahren, könne dies „ein kraftvolles Evangelisierungswerkzeug sein, um weitere Juden zum Glauben (sic!) zu bringen“, sieht Schoeman hier weiteres Missionierungspotenzial.
Anders als in den protestantischen Kirchen taucht das Thema Judenmission bislang in offiziellen Äußerungen der katholischen Kirche nicht auf: In der Institution Kirche ist dies kein Thema. Doch nicht nur Worte zählen: Wenn Papst Johannes Paul II. in seinem langen Pontifikat und zuletzt auch Benedikt XVI. in Köln in Synagogen oder vor jüdischen Delegationen sich als respektvolle, ja liebevolle Dialogpartner in Begegnung zeigten, nie aber als christliche Verkündiger und Missionare, die bei diesen Gelegenheiten um die Annahme des christlichen Evangeliums geworben hätten, so ist diese Haltung bedeutsam und gibt eine Norm vor. Wohl kann beiden sicherlich nicht unterstellt werden, sie hätte eine unterschwellige Missionierungsabsicht aus bloß taktischen oder Gründen der politischen Korrektheit verborgen.
Wer hat ein Interesse daran, die Errungenschaften des Konzils und das Beispiel der Päpste, die sich mit den Worten einer EKD-Studie mit „Zeugnis, Begegnung, Dialog“ umschreiben lassen, rückgängig zu machen? Für Schoeman sind jüdische Existenz und katholischer Glaube vereinbar. Es sei dies die Erfüllung des Neuen Bundes durch die „Rückkehr der Juden bei der Wiederkunft durch den Alten Bund.“
Anders sehen das jüdische Stimmen, etwa der Berliner liberale Rabbiner Chaim Z. Rozwaski: „’Messianische Juden’ sind eine Bewegung, die entweder auf Ignoranz, auf Böswilligkeit oder der Absicht, das jüdische Volk zu zerstören, basiert, möglicherweise kommen auch alle drei Komponenten zusammen.“ Schoeman gelingt das ganz ohne ein böses Wort, das man Antisemiten sonst gern zuschreibt. Er liebt und umarmt das Judentum, bis ihm die Luft wegbleibt.


Roy H. Schoeman
Das Heil kommt von den Juden
Gottes Plan für sein Volk
Übersetzt von Stefan Nowicki
St. Ulrich Verlag Augsburg 2007
326 Seiten
ISBN 978-3-936484-16-8

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