Schluss
Die Diskussion um Dabru Emet zeigt, dass eine theologische Erneuerung des jüdischen Verständnisses des Christentums jüdisches Selbstverständnis verunsichert. Eine neue Orientierung jüdischer Identität, die auf die Herausforderungen des Gesprächs mit Christen eingeht, ist ein Anliegen der VerfasserInnen und Unterzeichner. Juden müssen sich Gedanken über ihre Rolle im christlich-jüdischen Gespräch machen und diese, gegebenenfalls, modifizieren. Der Rückzug auf eine Begrenzung des Gesprächs auf praktische Dinge greift zu kurz, wie David Rosen erkannt hat:
Der Prophet Maleachi (3,16) weist darauf hin, dass selbst wenn Glaubende nur miteinander reden, dies bereits theologische Konsequenzen hat. Es ist künstlich und einfach falsch, anzunehmen, dass eine Auseinandersetzung mit humanitären Themen nichts mit „Doktrinen, Dogmen oder Ritualen unserer Religion zu tun hat.“ (Rosen)
Es geht jedoch auch um die Methode der jüdischen Selbstdefinition in Dabru Emet. Mehrere orthodoxe Kommentatoren der Stellungnahme vermissen eindeutig jüdische Terminologie. Die hebräische Überschrift und Bezeichnung der Bibel als Tanach sind die einzigen Hinweise auf jüdischen Sprachgebrauch. Vermisst wurden vor allem jüdische theologische Konzepte wie Tora, Halacha und Mitzvot, die, so orthodoxe Kommentare, einen wesentlich eindeutigeren jüdischen Kontext für Dabru Emet gesetzt hätten.17) Jüdisches Selbstverständnis ohne jüdische Konzepte zu erklären ist paradox und verstärkt die Befürchtung der „Verwässerung“ des Judentums und jüdischen Anbiederns bei Christen.18)

Das Verhältnis des Judentums zum Christentum muss auch Beziehungen des Judentums zu anderen Religionen mit bedenken. Nach Ansicht Steven Fines bevorzugt Dabru Emet das Christentum theologisch so sehr, dass ein Dialog mit anderen Religionen entweder völlig in den Hintergrund tritt oder im Schatten jüdischer Zustimmung zu christlicher Mission an nichtjüdischen Nichtchristen steht.
Dabru Emet zieht das Christentum anderen nichtjüdischen Religionen vor ... Christliche Proselytenmacherei unter Hindus, Sikhs und anderen Nichtchristen wird damit stillschweigend unterstützt. Damit stimmt die Stellungnahme scheinbar nicht nur christlicher Mission in der Gegenwart offiziell zu, sondern weitet diese Zustimmung auch auf christliche Missionspraktiken in der Vergangenheit aus. Nach Ansicht der Stellungnahme sind Juden die einzigen, die sich außerhalb der Reichweite christlicher Missionare befinden. (Fine in Frymer-Kensky)
Dabru Emet fordert, „dass Juden ihr Verständnis des Christentums mit Bezug auf die christliche Neuinterpretation des Judentums überdenken sollen“ (Berger). David Berger findet „diese Neigung zu solch einer theologischen Gegenseitigkeit gefährlich.“ Die Diskussion um Dabru Emet zeigt, wie sehr diese Gefahr wahrgenommen wird. Dabei verlieren viele Diskussionsteilnehmer die Übersicht über historische jüdische Würdigungen des Christentums, die nicht alle auf vollkommene Abschottung gegen mögliche Gefahren bedacht sind, sondern sehr wohl auch positive theologische Würdigungen einschließen. David Rosen weist darauf hin, dass
[Rabbiner Jacob] Emden [der führende orthodoxe Rabbiner des 18. Jahrhunderts in Europa] innerhalb der rabbinischen Autoritäten in dieser Hinsicht wohl am weitesten ging. Zusätzlich zur Anerkennung der Verpflichtung Jesu zur Tora und seiner Sendung, diese Verpflichtung innerhalb des jüdischen Volkes zu stärken, würdigt er auch die Tatsache, dass durch die Botschaft des Wirkens Jesu das Christentum zur weitgehenden Ausschaltung des Götzendienstes beigetragen hat. Emden geht jedoch noch weiter und beschreibt das Christentum in der Sprache der Mischna in Pirkei Avot als eine „knessiah leshem shamayim“, d.h. als eine Versammlung um des Himmels willen.(Rosen)
Die Diskussion um Dabru Emet hat sich an Definitionen jüdischer Identität und Integrität festgebissen. Weitere Auseinandersetzungen werden die Streitpunkte differenzierter benennen. Auf innerjüdischem Gebiet wäre es ein neuer Schritt, die Frage einer jüdischen Theologie des Christentums zumindest in einer Diskussion wach zu halten, die auch die orthodoxen Teilnehmer an diesen Gesprächen und Begegnungen mit Christen einschließt. Dabru Emet ist hier öffentlich vorgeprescht, ohne auf die Rückmeldung aus allen Kreisen der jüdischen Gemeinde zu warten und dann erneut zu diskutieren. Auf der einen Seite ist eine solche gewagte öffentliche Stellungnahme zu einem solch kontroversen Thema hilfreich, um die innerjüdische Diskussion anzuheizen, dieses Thema gewissermaßen ins Zentrum jüdischen Denkens in der Gegenwart zu rücken. Auf der anderen Seite kann ein solch kontroverses Dokument genau das Gegenteil bewirken und durch Ablehnung die Diskussion totschweigen. Dass einige Vertreter des orthodoxen Judentums die Stellungnahme unterzeichnet haben, hat nicht nur die Debatte angeregt, sondern ist auch eine Garantie für die Zukunft der innerjüdischen Auseinandersetzung mit Dabru Emet und damit mit dem Verhältnis des Christentums zum Judentum. Denn David Rosen stellt richtig fest:
Eine ernsthafte jüdische Theologie des Christentums muss selbstverständlich über den einfachen Respekt der “Treue der Christen gegenüber ihrer Offenbarung“ hinausgehen; eine solche Theologie muss ein Verständnis der Bedeutung dieser Offenbarung für den Plan Gottes für die Menschheit zeigen. (Rosen)

Anmerkungen
  1. In Deutschland wurde Dabru Emet am 12.12.2000 in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht.
  2. Die folgenden Zitate folgen der deutschen Übersetzung in der Frankfurter Rundschau 12.12.2000.
  3. Für die weiteren Ausführungen in diesem Abschnitt vgl. Signer1.
  4. „Dabru Emet is a response to Christian ’Teshuva’ or ’metanoia’ about Judaism. Jews can only have dialogue with those Christians who are firmly convinced that God wants the covenant made with the Jewish people to exist until the end of time. Jews can only have dialogue with those Christians who affirm the existence of the Jewish people by refraining from direct proselytizing.“ (Signer1)
  5. Christen haben ebenfalls auf die Stellungnahme reagiert, doch konzentriert sich dieser Vortrag auf die inner-jüdische Kontroverse. „Christian excitement in effect related firstly to the fact that this public statement recognized Christians and Christianity today as not being the same as they were in the past; that Christianity today is no longer principally a threat to Judaism, but in fact is substantially an ally. It also related to the fact that the statement recognizes a Jewish interest ... in a relationship of theological understanding between the two. In effect Dabru Emet represents a Jewish willingness not to forget, but to put behind us the unique tragic past that bedevilled the Jewish-Christian relationship and to look forward to a unique fraternal theological interaction in the future.“ (Rosen)
  6. Kampling/ Weinrich (Hrsg), 2003; Discherl/ Trutwin (Hrsg), 2004.
  7. Die Bezeichnung Gottes als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist keine geistige, sondern eine reale praktische, mit einer ethnischen Bindung. Diese Bindung ist in der jüdischen Bibel grundgelegt und lässt sich aus meiner Sicht weder in eine abstrakte Bindung umdeuten noch lässt sie sich universalisieren. (Brocke)
  8. Eine detaillierte Studie zum Thema ist (Novak, 1984).
  9. Für die folgende Diskussion vgl. (Novak, 1984, Kapitel 13)
  10. Vgl. z.B. Rynhold 2003 und http://www.bc.edu/research/cjl/meta-elements/texts/center/conferences/soloveitchik/ (3.6.2005).
  11. Soloveitchik, Joseph B., “Confrontation”, Tradition 6:2 (1964), 5-29 und Soloveitchik, Joseph B., The Lonely Man of Faith (New Jersey: Jason Aronson Inc., 1965).
  12. Vgl. die Beiträge in http://www.bc.edu/research/cjl/meta-elements/texts/center/conferences/soloveitchik/ (3.6.2005).
  13. Vgl. dazu auch Batnitzky 1999.
  14. Vgl.: „Is it mere coincidence that the recent rapprochement between Jews and Christians has been accompanied by soaring rates of intermarriage, and by a striking acceptance of this demographic calamity on the part of many Jewish organizations? If, as we are now told, the commonalities between the two religions really are so basic, and so encompassing, why indeed should intermarriage, or for that matter conversion to Christianity, be resisted as strenuously as their tradition has long enjoined Jews to do? …for the authors of Dabru Emet to assert that their version of this truth poses no hazards to Jewish practice and identity is not just wishful thinking; it is whistling in the dark.“ (Levenson)
  15. “because I wanted to reassure ordinary Jews that the old horror stories can be relegated to the history books, and that Christianity does not pose a threat to Judaism.“
  16. Vgl.: „communities that have largely overcome their animosity and moved to mutual respect, as Jews and Christians have done to a significant extent in the United States, must look elsewhere for such reinforcements to group identity as existed under the old and more contentious arrangement. Under any conditions, the risks are higher for the "small"er community
  17. that is, the Jews. They are especially high if Jews and Christians really do stand in the relationship described by Dabru Emet. For the thrust of this statement is to make the two communities look as alike as two peas in a single religious pod. … Although the statement mentions disagreements and asks that they be respected, it is hard to come away from it without feeling that the nearly two thousand years of Jewish-Christian disputation were based on little more than the narcissism of "small" differences.“ (Levenson)
  18. Vgl.: “Even more amazing, in a statement written by Jewish theologians, is the absence of the words law and commandment themselves.“ (Levenson)
  19. Vgl. auch: „Beginnen wir mit den Autoren; sie definieren sich selbst als Theologen. Wer sind sie: Rabbiner, jüdische Gelehrte oder gebildete Mitglieder einer bestimmten Gemeinde? Sind sie Repräsentanten oder selbst ernannte interessierte Partner? Keine der oben erwähnten Kategorien wäre falsch. Jede würde die Realität innerhalb der jüdischen Strukturen besser reflektieren, jede wäre in der Diskussion repräsentativer, aber sie wählen, möglicherweise nicht bewusst, einen autoritativen religiösen christlichen Titel. Sie wählen eine passende Form, um ihre Präsentation zu erleichtern. Der beschreibende Titel eines solchen Theologen, nämlich einer religiös interessierten, theologisch gelehrten Person ist eine debattierte Frage in der jüdischen Welt. Dies ist ganz gewiss nicht die gebräuchlichste Kategorie im Judentum; gleichwohl scheint sie eine Atmosphäre widerzuspiegeln, in welcher das ganze Dokument geschrieben worden ist, nämlich in dem Bemühen, Unterschiede zu überbrücken und eine harmonische Koexistenz zu schaffen. Aber die Harmonie wird durch eine gemeinhin christliche Terminologie gewonnen und sie impliziert eine christliche Struktur, die in sich selbst der jüdischen Denkweise fremd ist.“ (Safrai in Kampling, 67)

Bibliografie
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Batnitzky, Leora, “Dialogue as Judgment, Not Mutual Affirmation: A New Look at Franz Rosenzweig’s Dialogical Philosophy“, Journal of Religion 79 (1999), 523-544
Berger, David, “Statement regarding Dabru Emet Ad“, http://www.ou.org/public/statements/2000/betty25.htm (30.05.02)
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Unterzeichner Dabru Emets am 28.02.2002, http://www.icjs.org/what/njsp/signers.html (08.06.2002)
http://www.icjs.org/what/njsp/reactions.html (08.06.2002) für eine Auswahl christlicher Reaktionen auf Dabru Emet

Hannah Holtschneider ist Lecturer for Modern Judaism an der School of Divinity, Universität Edinburgh. Sie hielt diesen Vortrag bei einem Colloquium zu Dabru Emet am Zentrum für jüdische Kulturgeschichte der Universität Salzburg.

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