Hedwig Wahle

Das I.D.C.I.V.

Entstehen und Wirken des Informationszentrums im Dienst der christlich-jüdischen Verständigung

1. Vorgeschichte

1.1. Die Kongregation “Unsere Liebe Frau von Sion“

Das IDCIV ist zwar erst vor 20 Jahren entstanden, seine Wurzeln reichen aber bis vor das Jahre 1938 zurück, in gewissem Sinne noch weiter. Denn einerseits kann man das “Pauluswerk“ von Msgr. Österreicher als den Vorläufer des IDCIV ansehen, anderseits ist aber das Werk, das von der Kongregation “Unserer Lieben Frau von Sion“ ins Leben gerufen wurde, eng mit der Entwicklung dieser Kongregation verbunden.
Die Kongregation “Unsere Liebe Frau von Sion“ wurde 1843 von Theodor Ratisbonne gegründet. Theodor Ratisbonne wurde 1802 als Sohn einer weitgehend assi­milierten deutsch-jüdischen Familie in Strassburg ge­boren. 1827 ließ er sich taufen und 1830 wurde er zum katholischen Priester geweiht und wollte sein Leben dem Heil seiner jüdischen Brüder widmen.

Am 20. Jänner 1842, während er in Rom weilte, empfing sein jüngster Bruder Alfons plötzlich durch Maria die Gnade des christlichen Glaubens. Im Lichte von Gottes Wort erkannte Theodor die Bedeutung dieses Ereignisses und, von seinem Bruder angespornt, sah er den Zeitpunkt gekommen, dem bereits gehörten Ruf Folge zu leisten: innerhalb der Kirche Zeugnis abzule­gen von der Treue Gottes zu seiner Liebe für das jüdi­sche Volk und “die Erfüllung der Verheißungen zu be­schleunigen“, die sich auf das Schicksal des jüdischen Volkes beziehen. In Paris gründete er ein Werk, im Einklang mit dem Denken der Kirche der damaligen Zeit, um junge jüdische Mädchen, die ihm von deren Eltern anvertraut waren, zu erziehen. Daraus entstand unsere Kongregation.

Gemäss dem theologischen Verständnis seiner Zeit hatte “die Mitarbeit an der Erfüllung der Verheißungen in Bezug auf das Schicksal des jüdischen Volkes“ nur eine einzige Bedeutung für Pater Theodor: die Aufnahme der Juden in die Kirche, ihre Taufe. Um dies zu reali­sieren, verlangte er von den Schwestern die “Aufop­ferung ihrer Gebete, Arbeit und Opfer für das Volk Israel“, obwohl sie gleichzeitig jegliche Bekehrungs­versuche zu vermeiden hatten.

Dieses Anliegen des Gründers wurde nicht nur von den Schwestern und später auch den Patres weitergeführt, sondern es wurde überdies 1903 eine “Gebets­bruderschaft“ gegründet, um sowohl Priester als auch Laien für dieses Gebetsanliegen zu gewinnen. Die “Gebetsbruderschaft für Israel“, wie sie genannt wurde, wurde von Pius X. am 24.August 1909 zur Erzbruderschaft erhoben und am 3. Feber 1926 gewährte Pius XI. allen Priester-Mitgliedern einen vollkommenen Ablass, sooft sie das HI. Messopfer für Israel darbringen.

Die Gebetsbruderschaft könnte man als eine der Wurzeln des IDCIV ansehen auf jeden Fall in den Jahren nach dem Krieg. Darüber aber später mehr. In den Jahren vor 1938 war es ein Anliegen der Kongregation, Juden, die sich taufen lassen wollten, im katholischen Glauben zu unterrichten und Tauffeiern in der Kapelle des Hauses zu organisieren. Bis zum Anschluss kamen immer mehr Leute zur Taufe, sodass schließlich jede Woche Taufen im Hause stattfanden, die meistens von P. Bichlmair S.J. gespendet wurden. Im Laufe der Jahre ent­standen in den verschiedenen Ländern Nachrichtenblätter für die Mitglieder des Gebetsapostolats: 1917 in London der “Guild of Israel“ und 1922 in Paris das “Bulletin pour Israel“.

1.2. Msgr. Österreicher und das Pauluswerk

Johannes Österreicher wurde im mährischen Liebau als Sohn eines jüdischen Tierarztes geboren. Er wollte ursprünglich ebenfalls Medizin studieren. Nach inneren Kämpfen fand er zur katholischen Kirche und wurde am 17. Juli 1927 zum Priester geweiht. Seine Primiz feierte er in der Sionskapelle in Wien. Ende 1933 oder Anfang 1934 gründete er, der damals Kaplan in Ottakring war, das “Pauluswerk“, um für die Bekehrung der Juden zu beten und den getauften Juden eine Gemeinschaft anzubieten.

wahle_oesterreicherAm 25. Jänner 1934 wandte er sich gemeinsam mit dem Jesuiten P. Bichlmair an unsere Schwestern mit der Bitte, sich an der Zeitschrift die “Erfüllung“, die Österreicher plante, mitzuwirken. Die Zeitschrift sollte sich vor allem an jüdische Konvertiten wenden aber auch an jene Katholiken, die sich für die jüdi­sche Frage interessierten. Es sollte in etwa den Nachrichtenblättern für die Gebetsbruderschaft entsprechen. Das Angebot kam einerseits für die Schwestern gerade recht, da sie einen Redaktor für ihr Nachrichtenblatt suchten, anderseits hatten sie Angst, dass sie dann nicht mehr ihre eigene Linie verfolgen könnten. Es dürfte schließlich zu keiner Zusammenarbeit auf diesem Gebiet gekommen sein, die Zusammenkünfte des Pauluswerkes fanden jedoch meistens im Sionskloster statt.

“Die Erfüllung“ erschien zum ersten Mal am 17. Juli 1934 mit einem Vorwort von Kardinal Innitzer, der u. a. schreibt:

“'Die Erfüllung' will in dieser wirren und trüben Zeit eine Stimme des Geistes und der Wahrheit sein. Ihr Ziel ist, die „religiöse“ Schau des jüdischen Seins Juden und Christen zu vermitteln. So ist sie berufen, Mauern niederzulegen, die Menschen durch Unwissenheit und Zwietracht, durch Irrtum und Schuld voreinander aufgerichtet haben.“

Im Vorspruch zu diesem Heft schreibt Österreicher:

“Unsere Zeitschrift ... will einer Begegnung der Juden mit dem Geiste Jesu Christi und einer Begegnung der Christen mit der Sendung Israels dienen. Letztlich: der Erfüllung der Bitte Christi, die das Anliegen des wahren Menschen ist: 'Dass alle eins seien!'... 'Die Erfüllung' will das verborgene Sein des Judentums ans Licht bringen. Sie wird von der göttlichen Wahr­heit und menschlichen Erhabenheit der Bibel sprechen; von Weisheit im Talmud und von chassidischer Frömmig­keit. Sie wird den großen Anteil auch des heutigen Judentums am modernen Geistesleben prüfen... Aus dieser Einsicht, 'dass der Mensch, der nicht mehr als nur den Menschen will, nicht einmal das Menschliche erfüllt' (Joseph Bernhart), spricht 'Die Erfüllung' von Christus, den Gottmenschen.“

Im dritten Heft des Jahrgangs 1936 bezeichnet der Bischof von Olmütz in einem Grußwort den Zweck der Zeitschrift als, für die Bekehrung der Juden zu beten. “Es füllt daher die Zeitschrift 'Die Erfüllung' und ebenso auch das Pauluswerk eine recht fühlbare Lücke aus, wenn sie uns auffordert, für das Heil Israels zu beten.“

Im ersten Heft des Jahrgangs 1937 werden die Vorträge einer Vortragsreihe des Pauluswerks über die Juden­frage veröffentlicht. Diese Vorträge wurden im Sionskloster gehalten. Insgesamt erschien die Zeitschrift zweimonatlich von 1934 bis 1938.

Nach dem Anschluss ging Österreicher in die Emi­gration und auch die Sionsschwestern verließen Wien. Damit hörte die Arbeit des Pauluswerkes auf. Kurz darauf kamen zwar einige Schwestern wieder nach Wien zurück, sie lebten aber in einem Privathaus in Grin­zing und hatten keine Möglichkeit, diese Arbeit fort zu ­setzen.

1.3. Gebetsapostolat, Pauluswerk und Legio Mariens

Im Jahre 1946 kamen die Schwestern aus Grinzing wieder in das Haus in der Burggasse zurück. Auch einige Schwestern, die die Kriegsjahre in anderen Ländern verbracht hatten, kamen nach Wien zurück, um die Werke der Sionsschwestern neu aufzubauen. Es wurde zunächst ein Kindergarten eröffnet, später dann eine Volksschule, die mit Hauptschule und Handelsakademie fortgeführt wurde. Es war ein kleiner Anfang der jedes Jahr wuchs.

Schon 1946 wurde das “Gebetsapostolat für Israel“ wieder ins Leben gerufen. Priester und Laien wurden angeschrieben mit der Bitte, sich dem Gebet der Schwestern anzuschließen. Im Haus wurde der 4. Sonntag jedes Monats in besonderer Weise dem “Gebet für Israel“ gewidmet. Nach der Gemeinschaftsmesse der Schwestern wurde das Allerheiligste bis zum Abend ausgesetzt und den ganzen Tag über beteten Schwestern in der Kapelle.

Spätestens seit 1950 wurden die Mitglieder des Gebetsapostolats eingeladen, sich am 4. Sonntag des Monats in Sion zu treffen. Zunächst war es der Jesuitenpater Bichlmair, der die Messe mit Predigt feierte und die Gruppe nachher bei Frühstück und Gespräch betreute. P. Bichlmair hatte sich schon vor dem Krieg der Taufbewerber in der Burggasse angenommen. Nach dem Anschluss übernahm er mit Einverständnis und Unterstützung durch Kardinal Innitzer in besonderer Weise die Sorge für die bedrängten nichtarischen Katholiken Wiens. Im November 1939 wurde P. Bichlmair verhaftet und Anfang 1940 nach Oberschlesien verbannt. Ende 1940 wurde aus dem von P. Bichlmair begonnen Werk “Der Stall“, die von Kardinal Innitzer gegründete “Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“. Mit der Leitung betraute der Kardinal P. Ludger Born aus dem Jesuitenorden. Ab April 1950 übernahm P. Portenschlag die monatliche Messfeier mit Predigt für die Mitglieder des Gebetsapostolats. Nach der Messe traf man sich regelmäßig zu einem Frühstück bei dem es entweder zu einem Austausch kam oder aber es wurden Texte vorgelesen, die die Mitglieder interessieren könnten.

Schon im Oktober 1950 machten sich die Schwestern darüber Gedanken, das “Pauluswerk“ wieder ins Leben zu rufen. Es dauerte jedoch noch über ein Jahr, bis sich dieser Wunsch realisieren ließ. Während dieser Zeit kam Msgr. Mauer mehrmals in die Burggasse um einen Abendvortrag für etwa 60 Personen zu halten. In einem der Vorträge behandelte er den Römerbrief, in einem anderen sprach er über “Natur und Gnade nach dem Römer– und dem Galaterbrief“.

Am Samstag den 12. Jänner 1952 fand ein biblischer Vortrag für die Mitglieder des Pauluswerkes statt und man beschloss, dies zu einer Institution zu machen: sich jeden Samstag für einen solchen Vortrag zu treffen. Dieser Vorsatz dürfte auch während einiger Monate durchgehalten worden sein.

Während dieser Zeitspanne gab es auch Vorträge für die Mitglieder des Gebetsapostolats. So sprach einmal Prof. Schedl über “Advent im Alten Testament“. Ein andermal sprach Dr. Lichtenstein über den Katholizismus in der Schweiz im Kanton Zürich.

Die Mitglieder des Gebetsapostolats trafen sich auch weiter zur Monatsmesse am 4. Sonntag. Überdies beschlossen sie im Oktober 1950, sich jeden 2. Dienstag des Monats für eine Heilige Stunde am Abend in Sion zu treffen. Bis zum Sommer 1951 gab es tatsächlich entweder eine Gebetsstunde oder eine Abendmesse einmal im Monat – ab Jänner jeweils am Mittwoch.

Das Nebeneinander von Gebetsapostolat und Pauluswerk nahm schließlich ein Ende mit der offiziellen Errichtung des Pauluswerkes als “Unio pia“ am Freitag, den 25. Jänner 1952. Kardinal Innitzer kam ins Sionskloster um eine Abendmesse mit den Mitgliedern des neuen Vereins zu feiern und nachher über eine Tasse Tee im Sprechzimmer noch zwanglos mit ihnen zu reden. Sr. Carolina, die vom Anfang an das Pauluswerk begleitete und auch schon für das Gebetsapostolat zuständig war, stellte die Mitglieder dem Kardinal vor.

Geistlicher Leiter des Pauluswerkes bis Frühjahr 1953 war P. Portenschlag. In den darauffolgenden zwei Jahren gab es keinen fixen Leiter. Erst im Herbst 1955 wurde wieder ein Priester, Msgr. Gianone, offiziell mit der Leitung des Pauluswerkes betraut.

Seit der Gründung des Pauluswerkes wurden die monatlichen Messen für das Gebetsapostolat gemeinsam mit dem Pauluswerk gefeiert. Von diesem Zeitpunkt an verwischen sich die Grenzen zwischen Gebetsapostolat und Pauluswerk. Nach der Messfeier gab es immer ein Frühstück mit geselliger Aussprache, manchmal auch ein Vortrag.

Im Jänner 1955 wurde den Schwestern der Vorschlag unterbreitet, ein Präsidium der Legio Mariens in unserem Haus zu errichten, welches mit dem Pauluswerk zusammenarbeiten könnte. Es dauerte noch über ein halbes Jahr, bis sich das Projekt konkretisieren konnte. Im Oktober wurde dann die erste Versammlung der Legio mit einem Vortrag abgehalten. Eine kleine Gruppe von vier Personen erklärte sich bereit in einem Präsidium “Notre Dame de Sion“ mitzuarbeiten. P. Geis SVD, Kaplan der Pfarre St. Ulrich, erklärte sich bereit, die Leitung zu übernehmen. Als Schwester war zunächst Sr. Carolina mit der Legio betraut, später dann Sr. Lisbetha.

Mit der Gründung der Legio Mariens änderte sich auch die Ausrichtung des Pauluswerkes. Die Legionäre übernahmen praktisch – zusammen mit Sr. Lisbetha – die Leitung. Die Vorträge nach der Sonntagsmesse wurden oft von einer Legionärin gehalten. Oft war es auch P. Geis, der den Vortrag hielt, meistens im Sinne einer Stärkung im Glauben.

Auf einen Artikel von Sr. Lisbetha 1960 im “Grossen Entschluss“ über das Verhältnis zwischen Juden und Christen reagierte Dkfm. Otto Herz und schrieb Sr. Lisbetha einen sehr herzlichen Dankesbrief. Dies führte zu einer engen Zusammenarbeit mit Dkfm. Herz und mehr noch zu einer wahren Freundschaft zwischen ihm und der Schwesterngemeinschaft. Im Mai 1964 sprach dann Otto Herz zu den Mitgliedern des Pauluswerkes zum Thema: “Dialog zwischen Juden und Christen heute“.

Man könnte diesen Vortrag als den Anfang einer Neuorientierung des Pauluswerkes ansehen, obwohl es noch zwei Jahre dauerte bis es möglich war, die Wende wirklich zu vollziehen. Im September 1966 machte Sr. Lisbetha den Vorschlag, dass ich das Pauluswerk übernehmen sollte. Es war dies fast ein Jahr nach der Promulgation der Konzilserklärung “Nostra Aetate“ über das Verhältnis der Kirche zu den Nichtchristlichen Religionen, insbesondere zu den Juden.

Schon 1961 hatte die damalige Generalassistentin Sr. Colette, den Vorschlag gemacht, dass jede Provinz eine Schwester nach Paris schicken sollte, um dort für das Gespräch zwischen Juden und Christen ausgebil­det zu werden. Für Wien fiel die Wahl auf mich. So verbrachte ich die Jahre 1962 bis 1964 in Paris und begann dort Hebräisch zu lernen und Judaica zu lesen. Bei meiner Rückkehr nach Wien inskribierte ich Judais­tik an der Wiener Universität. Dadurch lernte ich eine Reihe von Persönlichkeiten kennen, die sich für das christlich-jüdische Gespräch interessierten und auch bereit waren uns einschlägige Vorträge zu halten.

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