Otto Friedrich

Ein heiterer Unterton in schwerster Zeit

Das Foto des jungen Mannes an Bord des Überseedampfers Lexa Mærsk, anno 1939, auf der monatelangen Fahrt von Dänemark via New York, Panamakanal,Japan, Hongkong auf die Philippinen, scheint unbeschwert: Ein 31-jähriger Rechtsanwalt ausWien macht sich auf zu neuen Ufern. Tatsächlich – das Datum verrät es – kann von Unbeschwertheit keine Spur sein. Denn Hans Steiner, so der Name des Passagiers im weißen Outfit, konnte durch glückliche Fügungen den Schergen und Mördern, denen auch viele seiner Verwandten zum Opfer fielen, entkommen.

Mehr als „noch eine Geschichte“

Der sensibilisierte Österreicher glaubt ja schon genug Geschichten von Flucht, Emigration und der Frage nach einer Rückkehr zu kennen. Und doch kann es nicht genug Geschichten dieser Art geben. Ruth Steiner, die Tochter von Hans, hat die Erinnerungen des Vaters als Buch herausgebracht. Die langjährige Generalsekretärin der Katholischen Aktion Österreich ist ihrerseits eine Grenzgängerin zwischen Judentum und Christentum, eine Pionierin des christlich-jüdischen Gesprächs. Das Buch „Nie wieder Wien?“, in dem Hans Steiner seine Jugend in Wien und die Emigration auf die Philippinen erzählt, ist ein großartiges Dokument der Zeitzeugenschaft, das viele Facetten schrecklicher Zeitans Tageslicht fördert, die noch nie zu lesen waren.

Hans Steiner war Jude, aber mindestens mit ebensolcher Intensität Wiener und Österreicher, der nicht wahrhaben wollte, wie gefährdet er Ende der dreißiger Jahre war. Und den es bis nach Manila verschlug, wo er seine Frau – eine jüdische Botanikerin, gleichfalls aus Wien – kennenlernte, mit ihr drei Töchter zeugte, dort dann die japanische Besatzung erduldete inklusive der Zerstörung von Stadt und den aus Wien geretteten Habseligkeiten durch die Bombardements der US-Armee.

Dann aber einen weiteren Neuanfang in Manila nach Tätigkeiten auch als Sprachlehrer an der Universität für Deutsch, Französisch und Italienisch, und schließlich – eben nach Kriegsende – als höherer Angestellter beim Weltkonzern Unilever; daneben noch als Honorar-Generalkonsul für Österreich in Manila umtriebig, der auch die Wiener Philharmoniker unter Herbert von Karajan (hatte der nicht im Dritten Reich Karriere gemacht?) zu Konzerten auf diePhilippinen brachte.1963 schickt der Konzern Hans Steiner wieder nach Wien – nach 23-jähriger Absenz und großer Unsicherheit, ob es für ihn noch möglich sein würde, dort wieder Fuß zu fassen. Hans Steiner fasste – und konnte nach seiner Pensionierung 1970 noch zehn Jahre Ruhestand genießen, bevor er 1980 verstarb.

Kein Schelsteiner_wienmenroman

Die Geschichte des Hans Steiner klingt im Gegensatz zu mancher jüdischen Leidensgeschichte wie eine Erzählung von einem anderen Stern, von jemandem, der trotz allem auf die Sonnenseite fiel. Steiner ist sich dessen wohl bewusst. Aber die Vorstellung, bei aller glänzenden Ausbildung von einem Tag auf den

anderen ein „Nichts“ zu sein, kein Geld zu haben und sich im Nir

gendwo eine Existenz aufbauen zu müssen: All das erscheint mindestens so unglaublich wie andere Überlebensgeschichten jener Zeit.

In der Redaktion von Ruth Steiner ist aus diesen Erinnerungen eine leichtfüßige Erzählung geworden. Doch dieses Leben war – entgegen dem heiteren Unterton – ganz und gar kein Schelmenroman, sondern erwuchs aus bitterem Ernst, ohne dass Verzweiflung es zerstörte.„Nie wieder Wien?“ vermittelt aber auch eine Ahnung davon, wie das Wien 1938 intellektuell, geistig und sozial zur Ader gelassen wurde. Man muss froh sein, dass es einige Hans Steiners gab, die zurückkehren konnten – weil sie überlebt hatten und weil sie Wien wieder aufnahm. Beides war, wie man weiß, nicht selbstverständlich. Man muss Bücher wie dieses – man wagt fast nicht zu betonen: besonders kurzweilige – lesen, um sich dessen erneut bewusst zu werden.

Nie wieder Wien?
Erinnerungen an Jugend und Exil
Von Hans Steiner, hg. von Ruth Steiner
Wiener Dom-Verlag, Wien 2009
232 Seiten, kt., Eur 16,90

aus: Die Furche, 44, 29. Oktober 2009

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