"Gedenken heißt, genau hinzusehen"

Ansprache von Koordinierungsausschuss-Vizepräsident Helmut Nausner bei der Gedenkfeier an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Jänner 1945
Wien, Heldenplatz am 27. Jänner 2013

Sehr geehrte Damen und Herren!

Gedenken heißt nicht, sich nur vage an ein Ereignis zu erinnern, sondern genau hinzusehen. Es gilt die unüberbietbare Verletzung der Menschenrechte und der Menschenwürde immer neu bewusst zu machen und sich ihr zu stellen. Die Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen erfolgte in Auschwitz und den anderen 41 Konzentrationslagern im Herrschaftsbereich des Nazi-Regimes. Die meisten Opfer waren Juden.

Neues kann nur entstehen, wenn nicht vergessen wird, was da geschehen ist. Gedenken bleibt eine lebenslange Aufgabe, die auch den nachfolgenden Generationen übergeben werden muss.

Die Kirchen haben sich – wenn anfangs auch zögerlich – ihrer eigenen Geschichte der Judenfeindschaft gestellt. Im Jahre 1948 wurde der Weltkirchenrat in Amsterdam gegründet und die dort versammelten Kirchen haben gemeinsam bekannt: Antisemitismus ist Sünde. Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat die römisch-katholische Kirche 1965 ihre Beziehung zum Judentum neu bestimmt und sich klar gegen jede Form von Judenfeindschaft ausgesprochen. Seit dem Jahr 2000 feiern die Christen in Österreich am 17. Jänner eines jeden Jahres den Tag des Judentums. Im gemeinsam gesprochenen Bußgebet bekennen sie: »Mit tiefem Schmerz sehen wir die lange Spur an Blut und Tränen, an namenlosen Leid und Tod durch die Jahrhunderte, die Christen verursacht haben.« In den Kirchen wächst die Einsicht, daß die Jahrtausende lang gelebte Judenfeindschaft den Boden bereitet hat für den Judenhass der Nationalsozialisten und ihr mörderisches Treiben. Aber es wird noch dauern, bis alle Christen und Christinnen in unserem Land, in Europa und überall auf der Welt dem klaren Ruf ihrer Kirchenleitungen folgen und ihrer tiefverwurzelten Judenfeindschaft absagen. Darum ist immer neues Gedenken nötig.

Die Nazis haben sehr bewusst Gesetze geschaffen, die ihrem verbrecherischen Handeln einen Anschein von Rechtmässigkeit geben sollten. Artur Brauner, ein Überlebender, hat es so formuliert: »Die Nazis konnten im Namen des Gesetzes ungestört morden, ihre Helfer durften das jüdische Volk schamlos ausplündern.« Offizielle Stellen haben mitgewirkt. Leider haben damals die Kirchen geschwiegen. Auch in unserem Land haben sich viele an der mörderischen Umsetzungen dieser Ideologie aktiv beteiligt. Sehr viele haben von der Vertreibung und Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn profitiert, gerade in unserer Stadt Wien. Hier ist vieles im Dunkeln geblieben.

Vielleicht ist dieses ungeklärte Dunkel der Humus, aus dem sich neuer Antisemitismus nährt. Dem gilt es mit aller Deutlichkeit zu widerstehen. Ich hoffe, daß das Beispiel der Kirchen, die eigene schuldbeladene Vergangenheit aufzuklären, unsere ganze Gesellschaft erfasst und so eine Atmosphäre entsteht, in der alle frei atmen und leben können. Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich hat eine klare Stellungnahme zum 27. Jänner abgegeben. Ich zitiere zwei Impulse:

- Das Erinnern darf nicht aufhören, denn ohne Erinnern gibt es weder Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.

- Es geht immer wieder von neuem darum, den Menschen von heute und den kommenden Generationen die zentrale Bedeutung von Begriffen wie Menschenwürde, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit bewusst zu machen.

Helmut Nausner ist Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich jüdische Zusammenarbeit

 

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