10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag - 27. Juli 2008

Auf dem Weg der Umkehr

Jahr der Standortbestimmung zum evangelisch-jüdischen Verhältnis in Österreich

Warum ist es für Christen und Christinnen wichtig, sich im jüdischen Festkalender, in der jüdischen Tradition auszukennen?
„Wenn wir Christen die Bibel beider Testamente als Einheit lesen, ist die jüdische Auslegung der Hebräischen Bibel, unseres Alten Testaments, mitzuhören, wohl wissend, dass für Juden das Neue Testament keine Heilige Schrift ist. ... Es ist zu bedenken, dass das Neue Testament – das Jesus Christus als den Erlöser der Welt verkündet – vor allem von Juden geschrieben worden ist. Unser Herr Jesus Christus war nach Herkunft,  Bildung und seinem Glauben an Gott Jude und ist als Jude zu verstehen.“

Diese Sätze finden sich in der Erklärung „Zeit zur Umkehr“, die die Generalsynode der Evangelischen Kirche in Österreich im  Herbst 1998 beschlossen hat. Der Anlass dieser Synodalerklärung  war der 60. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938, in dem fast alle Synagogen auch in Österreich zerstört wurden. Ein jahrzehntelanger Prozess des Wandels innerhalb der Evangelischen Kirche in Österreich gegenüber Juden und Judentum ging „Zeit zur Umkehr“ voraus.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beeinflusste der Antisemitismus der „Los-von-Rom-Bewegung“ die Einstellung vieler Evangelischer gegenüber dem Judentum. Eine populäre Parole lautete damals: „Ohne Juda, ohne Rom, bauen wir Germaniens Dom“. Gemeindebriefe und Predigten aus der Zwischenkriegszeit und während des 2. Weltkrieges belegen, wie weit verbreitet die Judenfeindschaft auch in unserer Kirche war. Dass Jesus Jude war, wurde durch pseudowissenschaftliche Theorien zu bestreiten versucht. Nach dem „Anschluss“ sollte das Alte Testament aus dem Religionsunterricht eliminiert werden.  So machte sich auch unsere Kirche schuldig am Leid und Elend des jüdischen Volkes.
Erst nach dem Krieg begann langsam das Umdenken in unserer Kirche in Bezug auf ihre jüdische Wurzel. Es wurden neue Fragen gestellt, z.B.: Wie hängt die in unserem Land und unserer Kirche weit verbreitete judenfeindliche Haltung mit einem theologischen Denken zusammen, das das Judentum immer nur aus einem negativen Blickwinkel betrachten konnte, damit die Überlegenheit des Christentums umso deutlicher wird?

Israelsonntag – an der Seite des jüdischen Volkes
Die Ansätze einer neuen Theologie, die sich zur bleibenden Erwählung des Volkes Israels bekennt, wurden von der Erklärung der Generalsynode 1998 aufgenommen. Zehn Jahre später geht es nun darum, eine erste Bilanz zu ziehen. Wir fragen uns heute, wie wir in  unserer Kirche, in Gottesdiensten und Religionsunterricht sichtbar machen können, dass das Christentum in enger Beziehung zum Judentum steht, ohne es zu vereinnahmen.
Die  verschiedenen Jahrestage (70 Jahre nach dem „Anschluss“ und dem Novemberpogrom, 60 Jahre Staatsgründung Israels) können genutzt werden, um sich in unserer Kirche intensiv mit den verschiedenen Fragestellungen des evangelisch-jüdischen Verhältnisses zu beschäftigen. Der jährliche „Israelsonntag“ am 10. Sonntag nach Trinitatis – heuer der 27. Juli – kann Anlass sein, einen Gottesdienst mit diesem Themenschwerpunkt zu feiern.
In der Bibel steht der Begriff der „Umkehr“  für das Suchen des Menschen, sein Leben gemäß dem Willen Gottes zu gestalten. „Auf dem Weg der Umkehr“ wollen wir in unserer evangelischen Kirche bleiben, besonders in Bezug auf unsere jüdischen Geschwister, die mit uns zu diesem einen Gott beten, der ein Gott des Friedens und der Versöhnung ist.

Roland Werneck
Der Autor ist Studienleiter der Evangelischen Akademie Wien und gesamtkirchlicher beauftrageter für den christlich-jüdischen Dialog

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