Das Judentum im Dialog

Im Rahmen der Tagung "Öffentliche Religionen in Österreich: Politikverständnis und zivilgesellschaftliches Engagement" gab Oberrabbiner Eisenberg ein Statement über "Religion und Politik" aus jüdischer Sicht ab.

Skepsis gegenüber einer Überbetonung der "jüdisch-christlichen Tradition" Europas, vor allem wenn sie als Abgrenzung gegenüber islamischen Einflüssen beschworen werde, hat der Wiener Oberrabbiner Chaim Eisenberg bei der Fachtagung über Religion und Politik geäußert. Die christlichen Kirchen hätten in Bezug auf ihr Verhältnis zum Judentum viel dazugelernt; ein Satz wie "ein guter Christ kann kein Antisemit sein" wäre vor nur zwei Generationen noch kaum denkbar gewesen.

Allerdings dürfe die Besinnung auf gemeinsame Wurzeln nicht zur Ausgrenzung der dritten monotheistischen Religion führen, so Eisenberg. "Gegen den Islam zu sein, ist nicht in Ordnung - gegen islamische Fanatiker zu sein schon", sagte der Oberrabbiner. Er hoffe, dass sich die Besonnenen und Toleranten in jeder Religion gegen die jeweiligen Scharfmacher durchsetzen. Mit offenen Christen und Muslimen könne er sich oft besser verständigen als mit verbohrten Vertretern der eigenen Religion, erklärte Eisenberg.

Als Jude und zugleich überzeugter Österreicher wünsche er sich für die Zukunft, dass die Kultusgemeinde als ganz normaler Teil der Gesellschaft betrachtet und behandelt werde. Wohl als "Reaktion auf schlechte Zeiten" des Antisemitismus würden Juden manchmal "fast zu Tode geliebt", wenn z.B. in Gemeinden Feste mit jüdischen Bezügen gefeiert oder allenthalben Klezmermusik zu hören sei.

Im Judentum selbst gibt es laut Eisenberg eine Entwicklung weg von der Betrachtung von Nichtjuden als "Götzendiener" hin zu einer Toleranz und Wertschätzung "der Anderen". Wie der Oberrabbiner erklärte, bedeute auch der laut Bibel zu liebende "Nächste" nichts anderes als "der Andere". Eisenberg erzählte eine Geschichte aus dem Talmud, wonach beim Exodus aus Ägypten nach dem die Israeliten rettenden Untergang der Armee des Pharao auch die Engel ein Freudenlied hätten anstimmen wollen. Gott jedoch habe ihnen dies untersagt, denn mit den ägyptischen Soldaten seien schließlich seine Geschöpfe umgekommen.

Zu dieser Tagung hatte die vom Innsbrucker Sozialethiker Prof. Wolfgang Palaver geleitete Arbeitsgemeinschaft "Religion - Gewalt - Politik" der Österreichischen Forschungsgemeinschaft vom 2. bis 4. Juni 2011 ins Wiener Albert Schweitzer-Haus eingeladen.

Kathpress, 3. Juni 2011

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