Das Judentum wahrnehmen, ohne es zu vereinnahmen

Am 17. Jänner wird der Tag des Judentums in Österreich zum 13. Mal gefeiert. Sehr bald ist dieses Datum als „Tag des Judentums“ in den Gottesdienstkalender der katholischen Kirche und der evangelischen Kirche aufgenommen worden. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass dieser Tag seinen festen Platz im liturgischen Kalender gefunden hat. Allein schon die bereitwillige Annahme des neuen Gedenktages durch die Kirchen ist wertvoll. Nach und nach wird dieser Platz mit besonderen Inhalten gefüllt: Die Medien im kirchlichen Bereich unterstützen diese Bemühungen, greifen das Thema selbstständig auf und vertiefen es. Bildungs- und Gottesdienstangebote vor allem in Wien, aber auch in Landeshauptstädten und einzelnen engagierten Gemeinden gehen Hand in Hand, zusammen lernen und beten. Dafür stellt der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich Angebote für Texte und Lieder zur Verfügung, die auf der Homepage des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit abgerufen werden können.

Der Tag des Judentums hat eine besondere Dimension als Lehr- und Lerntag. Wir wollen das Judentum im Inneren unseres Glaubens wahrnehmen und würdigen. Es ist für uns Christen nicht etwas Äußerliches, wie schon Papst Johannes Paul II. formuliert hat. Der Tag des Judentums trägt zu einer vertieften und erneuerten Identität des christlichen Glaubens bei. Gleichzeitig ist das Judentum aber eine lebendige und vielfältige Glaubensgemeinschaft. Wenn die Kirchen das Judentum in ihrer Identität suchten, können sie von der konkreten jüdischen Gemeinde vor Ort nicht absehen. Hier muss sich der Tag des Judentums, überhaupt unsere Beziehung zueinander, noch entwickeln. Es gilt, das Judentum wahrzunehmen, ohne es zu vereinnahmen. Der Besuch des Ökumenischen Rates der Kirchen bei Oberrabbiner Eisenberg am 17. Jänner geht in diese Richtung: Der jüdische Glaube hat seinen Wert auch ohne einen christlichen Rahmen.

Die Wiener Diözesansynode 1970 hat festgestellt, Existenz und Geschichte des Judentums sei „für Christen ein Heilsmysterium“. Was das Judentum für den christlichen Glauben bedeutet, ist noch lange nicht erschöpfend formuliert und in das Herz der Christinnen und Christen eingegangen. Ich freue mich, was wir bislang erreicht haben und aus der kurzen Perspektive eines Menschenlebens möchte man vielleicht zu weiteren Fortschritten drängen. Doch wenn wir ehrlich auf die Jahrhunderte lange Geschichte des Leids und der Verachtung blicken, die Christien der jüdischen Gemeinde gebracht haben, müssen wir dankbar sein, dass unsere Bemühungen von jüdischer Seite so aufrichtig angenommen werden. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass diese Zuwendung Bestand hat.

Prof. Martin Jäggle, Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

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