Die Tora und blutige Hände

"Darum sollen alle dafür Sorge tragen, dass niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht." So sagt es das II. Vatikanische Konzil 1965 im Dekret "Nostra Aetate". Das christlich-jüdische Verhältnis konkret überprüft an einem Titelbild der Linzer Kirchenzeitung.

kiz_ooe_webAm 23. März 2012 setzte die Kirchenzeitung Linz zur kommenden Karwoche das Bild "Verurteilung" von Sieger Köder auf die Titelseite. Es ist Teil eines 1974 gemalten Passionszyklus in der Kirche St. Maria Suso in Ulm. Was sagt uns das Bild über die Verurteilung Jesu?

Pilatus und Kajaphas sind gleichberechtigt dargestellt. Klar ist jedoch, dass die Kreuzigung eine römische Hinrichtungsart ist. Die volle Verantwortung dafür trägt der Statthalter. Auch wenn den Tempelvorstehern der Tod Jesu durchaus ins politische Konzept passte und sie in diese Richtung interveniert haben, so stehen sie nicht auf gleicher Ebene. Die Last für die Verurteilung kann nicht einfach halbe-halbe geteilt werden.

Die Person der Kajaphas: Mit der Tora in Händen wendet er sich von Jesus ab, mehr noch: Mit der Tora wird Jesus verurteilt, sie führt von Jesus weg. Die Tora als Symbol für die Ermordung Jesu, parallel gesetzt zu den blutigen Händen von Ponitus Pilatus. Heute wissen wir, dass Leiden, Tod und Auferstehung von Jesus selbst und von seinen Jüngerinnen und Jüngern ganz im Licht der Tora erlebt und verstanden wurden.

Der redaktionelle Text zum Bild verstärkt die Botschaft des Bildes: "Sieger Köder führt mit diesem Bildzyklus hinein in die Dramatik der Karwoche, die von jedem und jeder Rechenschaft fordert: Wo stehst du auf dem Kreuzweg Jesu?". Die Antwort unter den drei gegebenen Personen ist klar. Aber sie führt zu einer falschen Alternative: Tora oder Jesus, Verurteilung oder Leiden? Oder in den tradtionellen Worten der christlichen "Lehre der Verachtung": Gesetz oder Liebe. Die Tora jedoch hat den Leidenden im Blick! Marc Chagall hat das 1943 in seiner Gelben Kreuzigung so gesehen: Der Engel mit der Tora bringt Licht, Tröstung, Stärkung, vielleicht auch Erklärung.

Chagall_GelbeKreuzigungVor 40 Jahren, als Sieger Köder das Bild gemalt hat, waren vielleicht weder Bibelwissenschaft noch christlich-jüdischer Dialog sich all dieser Differenzierungen bewusst. Auch hat man wahrscheinlich nicht die Bedeutung von Bildern und ihrer theologischen Botschaft in aller Tragweite erkannt. Die Tora-Rolle als hoch geschätzter Ort der Gegenwart Gottes im Judentum wird hier bei Köder zum Mittel der Anklage mit judenfeindlicher Tendenz. Mir ist es wichtig, solche historischen Zeugnisse Bild-gewordener Theologie zu bewahren und für uns heute zu interpretieren.

Für mich ist dieses Titelbild wieder ein Hinweis darauf, dass im erneuerten christlich-jüdischen Verhältnis gerade in der Karwoche noch so manche Stolpersteine auf dem Weg vor uns liegen. "Es ist ja ein Meditationsbild, kein theologischer Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog", mag man einwenden, "das könnte man ja für einmal beiseite lassen." Wirklich? Die christlich-jüdische Beziehung ist die Grundlage unseres christlichen Glaubens und in allen Vollzügen präsent. Was das Bild von Sieger Köder uns dazu vermitteln will, lässt die Wertschätzung der Tora als "evangelischer Wahrheit" vermissen. Es ist schlichtweg falsch.

Markus Himmelbauer

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