Das 614. Gebot: Als Jude überleben

Einige Gedanken eines Judaisten zur Frage, ob man ein Verbot der Beschneidung mit einer Vernichtung von Juden vergleichen dürfe.

In den letzten Tagen ist auch in Österreich eine Debatte über das Beschneidungsverbot entbrannt, die sich paradoxerweise jedoch nur teilweise um die in Österreich an sich klare Rechtslage dreht, sondern stärker an einem Vergleich Ariel Muzicants aufhängt, der meinte, ein Beschneidungsverbot „wäre dem Versuch einer neuerlichen Schoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes, gleichzusetzen – nur diesmal mit geistigen Mitteln“.

Vergleiche mit der Schoa sind freilich immer sensibel, die Verbindung von Beschneidungsverbot und Vernichtungsgedanke ist jedoch über die Geschichte hinweg für die jüdische Identität nicht neu.

Bereits im 6. Kapitel des 2. Makkabäerbuchs, das – dies sei im österreichischen Kontext erwähnt – Bestandteil jeder katholischen Ausgabe der Bibel, des Alten Testaments, ist, werden Schikanen der griechischen Herrscher gegen die Juden im 2. vorchristlichen Jahrhundert sehr drastisch formuliert. Es beginnt mit einem radikalen Eingriff in die Religionsfreiheit und einem Zwang zur „Assimilation“:

„Nicht lange darauf schickte der (griechische) König einen alten Athener; der sollte die Juden zwingen, die Gesetze ihrer Väter aufzugeben und ihr Leben nicht mehr durch Gottes Gesetze lenken zu lassen. Auch sollte er den Tempel zu Jerusalem schänden und ihn Zeus, dem Herrscher des Olymp, weihen; ähnlich sollte er den Tempel auf dem Berg Garizim nach Zeus, dem Hüter des Gastrechts, benennen, was der (gastfreundlichen) Art der Einwohner jenes Ortes entgegenkam. … Man konnte weder den Sabbat halten noch die alten Feste begehen, ja, man durfte sich überhaupt nicht mehr als Jude bekennen. Zu ihrer Erbitterung mussten die Einwohner sich jeden Monat am Geburtstag des Königs zum Opfermahl führen lassen, und am Fest der Dionysien zwang man sie, zu Ehren des Dionysos mit Efeu bekränzt in der Prozession mitzugehen.“

Damit nicht genug heißt es weiter:

„Auf Vorschlag der Einwohner von Ptolemaïs wurde in den benachbarten griechischen Städten ein Beschluss bekanntgegeben, sie sollten mit den Juden ebenso verfahren und Opfermahlzeiten veranstalten. Wer sich aber nicht entschließen wolle, zur griechischen Lebensweise überzugehen, sei hinzurichten. Da konnte man nun das Elend sehen, das hereinbrach. Man führte nämlich zwei Frauen vor, die ihre Kinder beschnitten hatten. Darauf hängte man ihnen die Säuglinge an die Brüste, führte sie öffentlich in der Stadt umher und stürzte sie dann von der Mauer. Andere waren in der Nähe zusammengekommen, um heimlich in Höhlen den Sabbat zu begehen. Sie wurden an Philippus verraten, und da sie sich wegen der Würde des heiligen Tages scheuten, sich zu wehren, wurden sie alle zusammen verbrannt. An dieser Stelle möchte ich die Leser des Buches ermahnen, sich durch die schlimmen Ereignisse nicht entmutigen zu lassen.“

Hier ist die enge Verbindung von Verboten, die eine religiös-kulturelle Identität einer Gruppe betreffen und der daran anschließenden physischen Vernichtung mehr als deutlich. Die physische Vernichtung ist die Folge der geistigen, ist Ergebnis des wütenden Versuchs, Menschen zu unterwerfen, ihre Eigenständigkeit auszulöschen, ihre dem Mainstream der „richtigen“ Gesellschaft – in dem genannten Fall des hellenistischen „way of life“ – widerstreitende Lebensform auszutilgen.

Viele spätere jüdische Texte, darunter die rabbinischen Schriften, berichten über die Verfolgung von Juden, die öffentlich ihre Identität lebten. So gilt die Zeit unter dem römischen Kaiser Hadrian im 2. nachchristlichen Jahrhundert als Ära, die durch Verbote der Beschneidung, des öffentlichen Studiums der Tora, der Heiligung des Sabbat sowie der Verwendung religiöser Symbole wie der Gebetsriemen, des Aufstellens einer Laubhütte oder der Benützung eines Chanukkaleuchters, geprägt ist und in der Folge das Martyrium der größten Gelehrten nach sich zieht, darunter Chanina ben Teradjons oder Aqivas.

Hier geht es nicht um eine genaue Darstellung der historischen Ereignisse, und es spielt im Prinzip keine Rolle, ob die Verfolgungen tatsächlich auf diese Weise stattgefunden haben. Entscheidend ist, dass sie sich tief in das kulturelle Gedächtnis der jüdischen Identität eingegraben haben.

Schon in der Antike war die Beschneidung mehr als nur ein nebensächlicher Akt der Zugehörigkeit bzw. auch des Übertritts bei Konvertiten, sondern Bundessymbol zwischen dem jüdischen Volk und Gott, Ausdruck der sich im alltäglichen Leben stets neu zu beweisenden religiös-ethischen Verbindung.

Niemand kann vernünftigerweise den Kölner Richtern oder verunsicherten Ärzten unterstellen, dass sie in Zukunft vorhätten, Juden oder Muslime zu töten. Das wäre absurd. Wie schon gesagt, die Rechtslage ist in Österreich geklärt. Um sie geht es nicht. Die Debatte hat sich verselbständigt. Tragisch dabei ist es, dass nicht nur die tief schlummernden Aversionen gegen Juden und Muslime wieder ein Ventil finden, sondern dass selbsternannte Verteidiger eines atheistischen Europa geradezu einen Kreuzzug  gegen die „Gläubigen“ führen und alles und jedes verbieten wollen, was zur religiösen Identität dieses Kontinents gehört.

Der jüdische Philosoph Emil Fackenheim, der die Nazis und Sachsenhausen überlebte, in Kanada zum großen Theologen über die Schoa wurde, schrieb vom 614. Gebot des Judentums, welches sich nach traditionelle Zählung an 613. Geboten und Verboten orientieren solle, als dem Gebot an Juden, /als/ /Juden/ zu überleben. Er meinte damit, dass Juden ihre geistige, religiöse, kulturelle Existenz vor Gott und den Menschen leben müssten, als Programm gegen Auschwitz, um Hitler nach der physischen Vernichtung nicht den geistigen, den spirituellen Sieg zuzugestehen.

Die Beschneidung ist Ausdruck dieser jüdischen Identität auch und gerade nach Auschwitz. Sie ist Symbol des Lebens von Juden als Juden.  Wo, wenn nicht genau bei uns, in Österreich oder Deutschland, müsste dieses jüdische Leben in all seinen Facetten geschützt und gefördert werden.

Gerhard Langer. Der Autor ist Professor am Institut für Judaistik an der Universität Wien und war von 1993 bis 2001 Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

 

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