Tendenziöse Darstellung

Die Serie "Macht der Kirche" im Kurier hatte am 6. März den Schwerpunkt "Kirche und Antisemitismus". Link zum Kurier. Die Darstellung bedarf einiger sachlicher Ergänzungen.

Der Beitrag "Kirche und Antisemitismus" gibt keinesfalls den Stand der Diskussion zwischen Vertretern der Judentums und der römisch-katholischen Kirche wieder. Mich interessiert, wie der Autor zur Einschätzung gelangt, dass Judenfeindschaft "vor allem auch im katholischen Österreich eine lange Tradition hat". Ja, sie hat eine lange Tradition, aber warum "vor allem" hier, mehr als in anderen Ländern, mehr als unter anderen christlichen Konfessionen?

Es heißt, eines der heikelsten Themen des kommenden Pontifikats sei die Haltung der katholischen Kirche zu Antisemitismus und Judenhass. Dabei ist gerade dieser Bereich klar wie kaum ein anderer. Unzählige kirchliche Stellungnahmen auf allen Ebenen seit dem Konzil verurteilen jede Form des Antisemitismus. Dies wird im Beitrag deutlich erwähnt, der Kontext unterstellt dennoch "die Kirche tut sich nach wie vor schwer" damit, Benedikt XVI. sei "letztlich daran gescheitert". Groß ist die Zwischenüberschrift "Zwiespältiger Kurs". Doch er bezieht sich auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und nicht auf die kirchliche Haltung heute.

Auch Papst Benedikt war eindeutig in diesen Dingen, etwa bei seinem Besuch in Paris (kathpress 12.9.08):

"Der Antisemitismus besitze keinerlei theologische Rechtfertigung, sagte Benedikt XVI. bei einer Begegnung in der Pariser Nuntiatur am Freitag. Im Namen der Kirche bekräftigte er eine Aussage von Pius XI.: 'Geistlich sind wir alle Semiten'. Er bezog sich dabei auf eine Ansprache seines Vorgängers an belgische Katholiken im Jahr 1938. Antisemitisch zu sein heiße zugleich antichristlich zu sein, sagte Benedikt XVI. mit einem Zitat des französischen Theologen Henri de Lubac."

Was sonst als eine "klare Verurteilung des christlichen Antisemitismus" ist das?

Natürlich gibt es die Trübungen der tridentinischen Messe. Aber selbst die wohl prominenteste jüdische Stimme des christlich-jüdischen Dialogs, Rabbiner David Rosen, kommt zum Schluss: "Wir werden auf Benedikts Pontifikat als ein Pontifikat zurückblicken, das eine Bedeutsamkeit in der Stärkung der außergewöhnlichen Errungenschaften im Bereich der Beziehungen zwischen Juden und Katholiken hat." Er hätte es nicht notwendig, sich mit solchen Worten Rom anzubiedern. Er meint es so.

Die neue Karfreitagsfürbitte - die zurecht kritisiert wird - wurde 2008 nicht "in den Kirchen verlesen", sondern einem verschwindend kleinen Teil der katholischen Gemeinschaft zugestanden. An der generellen Linie der Kirche bleibt aber kein Zweifel.

Auf der Schwerpunktseite im Kurier genießt das "Anderl von Rinn" einen breiten Raum (mit einer Bildmontage, die Authentizität suggeriert). Doch die Sache ist seit fast 30 Jahren von offizieller Seite entschieden und geklärt. Aber auch hier wird dem unsäglichen Kult noch Wirkung bis heute unterstellt: "Eine der typischen Ritualmord-Lügen über Juden hat sich in Österreich bis heute gehalten". Sicherlich nicht. Vielleicht mag es ein paar Unbelehrbare geben, so viel wie vielleicht auch manche meinen, die Erde sei eine Scheibe und die Mondlandung sei ein Fake. Aber das würde in den Medien wohl nicht "als eines der heikelsten Themen, das auf den kommenden" Wissenschaftsminister zukommen wird, bezeichnet.

Markus Himmelbauer

Suche

Termine