Die Rettung der bulgarischen Juden 1943

Am Montag, 13. Mai laden die Bulgarische Botschaft und der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit zu einem Festakt ins Haus Wittgenstein zur Erinnerung 70 Jahre nach der Rettung der bulgarischen Juden. Karl Pfeifer gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die das erlebt haben und noch am Leben sind. Er erzählt in seiner Biografie.

Am nächsten Abend, nach dem Überqueren der Donau, hatten wir in der bulgarischen Grenzstation Rustschuk kein Glück und mussten die ganze Nacht bei mehr als minus 20 Grad im ungeheizten Waggon bleiben. Mit den wenigen Decken, die wir hatten, wurden die kleinen Kinder gewärmt. Wir ,,Großen" froren die ganze Nacht durch. Im Morgengrauen ging es auf Nebengleisen weiter, denn in Sofia waren Juden unerwünscht. Aber bulgarische Eisenbahner kamen in unsere Abteile, umarmten uns und gaben uns etwas zu essen. Sie erbrachten mit dieser Geste einen Beweis für ihre vorurteilsfreie Haltung. Diese war auch dem deutschen Gesandten in Sofia nicht entgangen, er hatte in einem kritischen Bericht vermerkt, dass dem bulgarischen Volk „die ideologische Aufklärung fehlt, die bei uns vorhanden ist. Mit Armeniern, Griechen und Zigeunern groß geworden, findet der Bulgare an dem Juden keine Nachteile, die besondere Maßnahmen gegen ihn rechtfertigen". (Poliakov, Leon/Wulf, Josef: S. 71–72, Dokument CXXVI-63)
Unsere nächste Station war Stara Zagora, wo uns die warmherzigen sefardischen Juden einluden, die Nacht in ihren Wohnungen zu verbringen. Nur ich musste im Waggon bleiben, denn mein Fuß war geschwollen, ich hatte große Schmerzen und konnte nicht gehen. An der bulgarischen Grenzstation Svilengrad stiegen Gestapobeamte zu, die ich an ihrer Aussprache als Österreicher erkannte. Sie durchsuchten unser Gepäck und fragten unseren erwachsenen Betreuer in ruhigem Ton, weshalb wir nach Palästina fahren. Dieser erklärte, wir würden dort in landwirtschaftliche Schulen kommen, worauf die gemütlichen, in Ledermäntel gekleideten Ostmärker antworteten, das könnten wir doch auch in Polen haben. Sie würden uns gerne – kostenlos, versteht sich – dorthin befördern.
Wir wussten jedoch längst, was dort geschah und bestanden darauf, diese Ausbildung doch lieber im Heiligen Land zu machen.
Nach der Kontrolle ließ man uns aber vorerst für ein paar Stunden nicht weiterfahren. Unser Betreuer hatte in Bulgarien die Telefonnummer eines Ministers erhalten, der versprochen hatte, im Fall von Schwierigkeiten für uns zu intervenieren. Er zeigte dessen Visitkarte einem bulgarischen Offizier, der sofort eine Gruppe bulgarischer Soldaten um sich scharte, die den Grenzbalken hoben. Nach diesen sehr bangen Stunden durften wir in Richtung Istanbul weiterfahren. Die ärgste Gefahr war überstanden, wir hatten den deutschen Einflussbereich verlassen und waren sehr erleichtert, so vertrieben wir uns von der türkischen Grenze bis Istanbul die Zeit mit Singen von Liedern, die wir in der Jugendgruppe gelernt hatten.

Menschenbilder mit Kar Pfeifer sind noch bis 12. Mai als Ö1 Podcast (Sonntag, 05.05.2013) nachzuhören.
Links zum Thema Rettung der Bulgarischen Juden finden Sie hier.

pfeifer coverKarl Pfeifer

Einmal Palästina und zurück.

Ein jüdischer Lebensweg

Edition Steinbauer, Wien 2013
176 S, 22,50 €
ISBN-10: 390249462X, ISBN-13: 978-3902494627

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